Patientin im Spital

Gängige Medikamente gegen Epilepsie halfen der Patientin nicht (Symbolbild). © Wavebreakmedia / Depositphotos

Dr. Kurios: Anfälle ohne Ende

Martina Frei /  Mehrere Senioren bekommen plötzlich schwere epileptische Anfälle. Der Grund ist ein Medikament, das zu einem Vitaminmangel führt.

Plötzlich fror ihr Blick ein, sie reagierte nicht mehr, bewegte den Mund wie automatisch und nestelte mit ihren Fingern herum. Manchmal ging diesen Episoden ein kurzes Schreien oder Stöhnen voraus. Sie traten mindestens einmal pro Tag auf und gingen manchmal über in einen Krampfanfall, bei dem der ganze Körper zuckte. Die Ärzte verabreichten der 74-jährigen Patientin drei Medikamente gegen Epilepsie – trotzdem litt sie weiter täglich an solchen den epileptischen Anfällen.

Einem 78-Jährigen erging es ähnlich. Auch er kam deshalb zur Abklärung ins Spital. Die Ärzte vermuteten einen Tumor oder eine Autoimmunerkrankung als Ursache. Doch mehrere Computertomogramme von Kopf, Brustkorb, Bauch und Becken, zwei MRI-Untersuchungen des Gehirns, eine Röntgenaufnahme der Lungen und umfangreiche Laboranalysen inklusive HIV-Test führten nicht zur Diagnose. Jedenfalls zunächst nicht. 

Kolumne «Dr. Kurios»

Choleraausbruch mitten in Paris, Explosion des Patienten bei der Darmspiegelung, Halluzinationen durch Hirsebällchen – in der Medizin passieren unglaubliche Dinge. Glücklicherweise aber nur sehr selten. Seit über 20 Jahren sammelt die Autorin – sie ist Ärztin und Journalistin – solche höchst ungewöhnlichen Krankengeschichten. Ihre Kolumnen sind bisher in zwei Büchern erschienen: «Das Mädchen mit den zwei Blutgruppen» und «Der Junge, der immer in Ohnmacht fiel».

Andauernde epileptische Anfälle

Auch eine 83-jährige Patientin litt zunehmend häufiger an epileptischen Anfällen, die sich niemand erklären konnte. Obwohl sie vier Medikamente dagegen bekam, geriet sie in einen «Status epilepticus» mit anhaltenden Krampfanfällen. Er liess sich nur mit sehr hohen Medikamentendosen durchbrechen, was wiederum eine künstliche Beatmung erforderte. 

Gemeinsam war allen drei Patienten, dass sie schon jahrelang an der Parkinson-Krankheit litten und dass diese Erkrankung sich bei ihnen verschlimmert hatte. Alle drei hatten deshalb weniger gegessen und Gewicht verloren. Und alle drei bekamen wegen ihrer schweren Erkrankung sehr hohe Dosen eines Kombi-Medikaments, das vielen Parkinson-Patienten hilft. Es enthält zwei Wirkstoffe: Levodopa und Carbidopa. 

Levodopa ist eine Aminosäure, die im Dünndarm aufgenommen wird. Im Körper verwandelt ein bestimmtes Enzym Levodopa in den Nervenbotenstoff Dopamin. Dieser Nervenbotenstoff fehlt den Parkinson-Patienten im Gehirn. Sie benötigen das Levodopa also vor allem dort. 

Damit möglichst viel Levodopa das Gehirn erreicht, wird es mit Carbidopa kombiniert. Diese Substanz blockiert im Körper genau das Enzym, das Levodopa zu Dopamin macht. Weil Carbidopa nicht ins Gehirn gelangt, Levodopa aber schon, ist diese Kombination clever. So steht mehr Levodopa fürs Gehirn zur Verfügung. 

Die Ursache: ein Vitamin B6-Mangel

Das Enzym, das Levodopa in den Nervenbotenstoff Dopamin verwandelt, benötigt dafür Vitamin B6. Bei sehr hohen Dosen von Levodopa ist deshalb auch mehr Vitamin B6 gefragt. Leider bindet Carbidopa dieses Vitamin, so dass es nicht mehr zur Verfügung steht. Die Kranken können in einen Teufelskreis geraten, wenn sie weniger essen und damit auch weniger Vitamin B6 aus der Nahrung aufnehmen, gleichzeitig aber hohe Dosen an Levodopa und Carbidopa erhalten. Am Ende resultiert ein Vitamin B6-Mangel. 

Bei allen drei Patienten waren die Vitamin B6-Werte extrem niedrig oder gar nicht mehr messbar. Das stellte sich aber erst nach intensiven diagnostischen Abklärungen heraus. Ein Vitamin B6-Mangel kann epileptische Anfälle verursachen, weil dann ein Nervenbotenstoff fehlt, der Krampfanfälle verhindert. Weitere Symptome des Vitamin B6-Mangels können zum Beispiel Appetitmangel, Blutarmut, Hautekzeme oder Depression sein.

Tipp: Vitamin B6-Wert bestimmen

Der US-Arzneimittelbehörde FDA sind bisher 14 Fälle bekannt, bei denen es bei Patienten unter Behandlung mit Levodopa/Carbidopa zum Vitamin B6-Mangel und zu epileptischen Anfällen kam. Bei zwei Betroffenen mit tödlichem Ausgang. Die FDA vermutet, dass «es wahrscheinlich weitere Fälle gibt, von denen wir nichts wissen». Sie hat nun angeordnet, dass bei Levodopa-Carbidopa-Medikamenten ein Warnhinweis im Beipackzettel stehen muss. Ihr Tipp: Vor Beginn einer solchen Therapie sollten Ärzte den Vitamin B6-Wert im Blut bestimmen. Und während der Behandlung periodisch wieder. 

Alle Betroffenen, von denen die FDA weiss, nahmen tägliche Dosen von über 1000 Milligramm Levodopa. Die epileptischen Anfälle begannen bei ihnen nach rund zwei bis elf Jahren Behandlung. Vielfach hätten die Anfälle nicht auf gängige Medikamente gegen Epilepsie angesprochen – aber auf Vitamin B6-Gaben.

In bester Absicht selbst zum Vitaminmangel beigetragen

So war es auch bei den drei erwähnten Senioren: Vitamin B6 besserte bei allen die epileptischen Anfälle im Nu. Allerdings kam es bei der 83-jährigen Patientin infolge der künstlichen Beatmung zu Komplikationen. Sie verstarb im Spital. 

Als Einzige der drei hatte sie zu Lebzeiten aktiv – und in bester Absicht – zum Vitamin B6-Mangel beigetragen. Angesichts der Verschlechterung ihrer Parkinson-Erkrankung hatte die Patientin nämlich beschlossen, Vitamin B6 möglichst zu meiden, und ihre Ernährung entsprechend umgestellt. Denn sie hatte in einer Selbsthilfe-Gruppe für Parkinson-Betroffene vernommen, dass Vitamin B6 angeblich die Wirksamkeit von Levodopa vermindere – eine Hypothese, die laut ihren Ärzten als längst widerlegt gilt.

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Quellen: «Case Reports in Neurology», «Journal of Neural Transmission», «Neurology»

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