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Spaniens landesweiter Blackout 2025 hatte mit den erneuerbaren Energiequellen nichts zu tun. © CCNull, mit Hilfe von KI

Blackout in Spanien 2025: Die Erneuerbaren waren’s nicht

Daniela Gschweng /  Nach dem Blackout im vergangenen Jahr kamen die Schuldzuweisungen prompt. Der Abschlussbericht korrigiert.

Am 28. April 2025 gegen Mittag gingen in Madrid und Lissabon die Lichter aus. Die Iberische Halbinsel erlebte einen der grössten europäischen Blackouts der vergangenen Jahrzehnte. Züge blieben stehen, Spitäler mussten auf Notstrom umstellen, Mobilfunknetze fielen aus. Der grossflächige Stromausfall verursachte landesweites Chaos und grosse Folgeschäden, vor allem in der Lebensmittelindustrie. Es dauerte rund 12 Stunden, bis die Stromversorgung komplett wiederhergestellt war.

In den Stunden und Tagen danach überboten sich Medien, tatsächliche oder selbsternannte Experten und Social Media mit Mutmassungen darüber, wo die Ursache gelegen hatte. Für einige war klar: Die Erneuerbaren müssen schuld sein. Andere vermuteten einen Cyberangriff oder eine Wetteranomalie.

Um den am 20. März veröffentlichten Abschlussbericht der europäischen Übertragungsnetzbetreiber Entso-E blieb es dagegen auffällig still. 49 Expertinnen und Experten hatten dafür ein Jahr lang die Ursachen für den grossflächigen Stromausfall untersucht.

Was genau ist am 28. April 2025 geschehen?

Der 28. April 2025 war ein sonniger, etwas windiger Frühlingstag ohne Extreme. Bereits am Vormittag zeigte sich die Spannung im spanischen Stromnetz instabil. Es gab Schwingungen (im Fachbegriff: Oszillationen) im spanischen Netz, wenig später auch zwischen der Iberischen Halbinsel und dem Rest Europas.

Versuche, die Lage zu stabilisieren, schlugen fehl. Ab 12:32 stieg die Spannung in Spanien stark an. Es kam zu Notabschaltungen, was die Lage weiter verschlimmerte. Um 12:33 wurden Spanien und Portugal vom europäischen Netz getrennt. Das Stromnetz brach zusammen.

Die Abschaltung war also eine Art Schutz, um noch Schlimmeres zu verhindern. Das gesamte europäische Stromnetz drohte aus dem Takt zu geraten. Wie konnte das passieren?

Dazu muss man sich anschauen, was mit «Takt» gemeint ist. Anschauen ist dabei wörtlich zu verstehen: Wer jemals ein Wasserkraftwerk oder überhaupt ein grösseres Kraftwerk besichtigt hat, erinnert sich sicher an die eindrucksvolle Grösse der Turbinen, die den Strom erzeugen. Diese Turbinen drehen sich in ganz Europa genau gleich schnell, und zwar 50 Mal pro Sekunde. Sie produzieren damit Wechselstrom, der 50 Mal pro Sekunde die Richtung wechselt. Diese Netzfrequenz von 50 Hertz ist einheitlich.

Im Detail: Turbine, Masse und Netzfrequenz

Sehr kleine Abweichungen davon sind möglich und müssen kompensiert werden, damit alle Kraftwerke wieder perfekt synchron laufen. Dafür läuft ein Generator ein winziges bisschen schneller, ein anderer bremst dafür etwas ab.

Zustande kommen Schwankungen – vereinfacht gesagt – durch Angebot und Nachfrage. Idealerweise ist immer so viel Strom im Netz, wie gerade verbraucht wird. Die riesigen Turbinen reagieren dabei wie Ozeandampfer – sie sind träge und stabilisieren dadurch das Netz. Sehr gut erklärt hat das vor fünf Jahren die «Republik» im sehr lesenswerten Artikel «Gerät das Stromnetz aus dem Takt?».

Wird die Schwankung oder Schwingung zu gross, kann sie nicht mehr ausgeglichen werden. Es braucht weitere Massnahmen, um alle Teilnehmer wieder zu synchronisieren, oder der Strom fällt schlussendlich aus. Deshalb geben sich Netzbetreiber so grosse Mühe, Angebot und Nachfrage im Gleichgewicht zu halten. Sie treffen beispielsweise Vorkehrungen für den Fall, dass ein Kraftwerk ausfällt.

In der Realität geht es dabei nicht um zwei Generatoren, sondern um sehr viele – über Ländergrenzen hinweg. Am 28. April habe es auch im Baltikum Oszillationen gegeben, berichtet der Deutsche Naturschutzring in einer Analyse. Diese hatten aber keine weiteren Folgen.

Eine einfache Erklärung gibt es nicht

Bei einem Ausgleich gehen grosse Mengen Energie zwischen Netzen hin und her, um sie zu stabilisieren. Das ist besonders dann problematisch, wenn die Leitung schwach ist. Zwischen Spanien und dem Rest Europas ist das so: Es gibt nur vier Hochspannungsleitungen nach Frankreich, der Netzausbau stockt seit Jahren.

Dazu kamen weitere Eigenheiten im spanischen Netz. Der Betriebsbereich spanischer Generatoren liege beispielsweise zu nah an der maximal zulässigen Spannung, listet «Clean Thinking» in einer Zusammenfassung des Entso-E-Berichts auf. Einige Kraftwerke schalteten sich deshalb während der Schwankungen ab, was die Lage verschlimmerte.

Das ist aber nur eine der Diagnosen. Eine einfache Erklärung gibt es nicht. Insgesamt hat Entso-E einen sogenannten Root-Cause-Tree erstellt, der verschiedene Ursachen grafisch aufführt. Unter anderem wurden Gegenmassnahmen manuell statt automatisch ausgelöst, was wertvolle Zeit kostete.

Ausfall der Solaranlagen war Folge, nicht Ursache

Zahlreiche Photovoltaik-Anlagen schalteten sich infolge der Instabilität im Netz ab; sie seien aber nicht die Ursache der Netzprobleme gewesen, stellt der Bericht fest. Ein Schluss, den zunächst einige Beobachter gezogen hatten. Windräder und Solaranlagen haben keine sich drehenden Massen. Sie nutzen einen Wechselrichter, der aus dem Gleichstrom der Anlage Wechselstrom macht. Sie tun also so, als ob sie eine traditonelle Kraftwerksturbine hätten. Das heisst: Erzeuger von erneuerbarem Strom sind flexibler, aber auch empfindlicher als die grossen Kraftwerksturbinen.

Sie könnten damit aber helfen, das Netz stabil zu halten, empfiehlt Entso-E. Beispielsweise indem sie mehr Blindleistung ins Netz einspeisen oder aufnehmen und dadurch helfen, die Spannung zu regulieren. Blindstrom ist der Anteil des Stroms, der «nicht wirkt», also nicht in Leistung umgesetzt werden kann. Alle Kraftwerke produzieren einen Teil davon. Die spanischen Kraftwerke liegen laut dem Bericht damit unter den Vorgaben von Red Eléctrica – eine der Ursachen für den Ausfall am 28. April 2025.

Woran der Blackout am 28. April 2025 nicht lag

Kritisieren lassen müssen sich im Nachhinein einige Nachrichtenagenturen und viele grosse, bekannte Medien. Erste Analysen gab es gleich nach dem Vorfall und in den Tagen und Monaten danach. Für die Lobbyorganisationen der Fossilen war die Sache klar: Die Erneuerbaren sind schuld. Es braucht mehr Atomkraftwerke, sonst versinkt ganz Europa im Chaos. Es gab wilde Theorien, zahlreiche Interessengruppen kämpften um die Deutungshoheit, einige Mutmassungen wurden unüberlegt verbreitet. Zunächst also eine leider notwendige Liste dessen, woran das spanische Stromnetz nicht zusammenbrach:

  • Nicht am Versagen der erneuerbaren Energieerzeuger. Eine Aussage, die zunächst dem spanischen Netzbetreiber Red Eléctrica zugeschrieben wurde. Spaniens Strommix besteht zu 50 bis 60 Prozent aus erneuerbaren Energien, vor allem aus Solarfarmen.
  • Nicht an einem Cyberangriff. Angeblich eine Aussage der EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen, die die Kommission umgehend dementierte. Eine Theorie, die durch Fake News befeuert wurde.
  • Nicht an einem seltenen Wetterphänomen. Mehreren Medien zufolge eine Angabe des portugiesischen Netzbetreibers Rede Eléctrica Nacional (REN), der diese Aussage bestritt.
  • Nicht an einem Fehler in einem Unterwerk in Granada. Das berichtete beispielsweise die deutsche «Tagesschau» unter Bezug auf die spanische Energieministerin Sara Aagesen. Ursache sei ein Übersetzungsfehler gewesen, erklärte der Wissenschaftler Leonhard Ghandi gegenüber «Clean Thinking».

Vorschläge von Entso-E

Die Gruppe von Expertinnen und Experten von Entso-E macht 21 Vorschläge, wie sich die Netzstabilität in Spanien und Europa verbessern lässt. Die wichtigsten: Bessere Regelungen für Generatoren zur Spannungskontrolle und ein einheitliches Vorgehen im Grenzbereich der 400-Kilovolt-Netze in ganz Europa. Der Betriebsbereich soll damit weiter von der Maximalspannung entfernt sein und eine Notabschaltung weniger wahrscheinlich machen. Dazu empfiehlt das Gremium ein einheitlich europäisches Vorgehen zur Dämpfung von Inter-Area-Oszillationen (Schwankungen zwischen mehreren Verbundteilnehmern).

Im Gesamten: mehr Koordination, intelligentere, fortgeschrittene Technik, mehr Kooperation im gesamten europäischen Stromnetz. Dazu wünscht sich Entso-E bessere Kommunikation und klarere Verantwortlichkeiten – was sich nach fast jeder Krise sagen lässt. Kein einziger Vorschlag richtet sich gegen den Betrieb von Solar- und Windkraftanlagen.

Am Ende hängen alle im gleichen Netz

Die Gegebenheiten in Spanien am 28. April vergangenen Jahres lassen sich zwar nicht exakt auf andere Länder übertragen. Deutschland und die Schweiz sind beispielsweise weniger empfindlich, weil dort andere Voraussetzungen herrschen. Am Ende hängen aber alle im gleichen Netz.

Solarfarmen tragen derzeit zur Resilienz des Systems bei. Die Energie- und Preiskrise wegen des Krieges im Nahen Osten hat Spanien bisher verschont – und zwar wegen seines hohen Anteils an Erneuerbaren im Strommix. Ganz anders als so manches andere europäische Land, das von fossilen Energien wie Öl und Gas deutlich abhängiger ist.

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