Kommentar

Sie sind von vorgestern, Frau Birrer

Marco Diener © zvg

Marco Diener /  Chefredaktorin Raphaela Birrer wirbt im «Tagi» für ein Ja zur Individualbesteuerung. Ihr Familienbild ist erschreckend altmodisch.

Ich bin für die Individualbesteuerung. Das habe ich – so glaube ich – in diesem Kommentar klar zum Ausdruck gebracht. Trotzdem bin ich immer wieder irritiert darüber, mit welchen Argumenten für die Individualbesteuerung geworben wird. Zuletzt bei der Lektüre des «Tages-Anzeigers».

Chefredaktorin Raphaela Birrer schreibt: «Ist die Frau verheiratet, wird sie heute steuerlich als Anhängsel ihres Mannes betrachtet. Ihre Einkünfte – meist das Zweiteinkommen im Haushalt – werden zum Lohn des Mannes addiert, sodass das Paar in eine umso höhere Progressionsstufe gerät, je mehr die Frau arbeitet.»

Das ist doppelt falsch:

  • Die Frau wird nicht «als Anhängsel ihres Mannes betrachtet». Die beiden gelten als «wirtschaftliche Gemeinschaft». Und werden auch so besteuert.
  • Das Paar gerät nicht einfach «in eine umso höhere Progressionsstufe, je mehr die Frau arbeitet». Es gerät in eine höhere Progressionsstufe, wenn die beiden zusammen mehr verdienen – auch dann, wenn der Mann die Teuerung ausgeglichen bekommt, von einer Lohnerhöhung profitiert oder das Pensum erhöht.

Birrer klagt auch über das – tatsächlich ungerechte – heutige Steuersystem: Es setze «negative Erwerbsanreize für verheiratete Frauen. Die Progression frisst einen Teil ihres Einkommens weg». Auch das ist falsch: Das System setzt nicht «negative Erwerbsanreize für verheiratete Frauen», sondern für verheiratete Paare.

Die «Tagi»-Chefredaktorin zeichnet ein Familienbild von vorgestern: der Mann als Ernährer, die Frau als Anhängsel. Dabei haben wir seinerzeit über «Gleiche Rechte für Mann und Frau abgestimmt». Das war 1981. Seither hat sich in der Schweiz viel geändert. Bei Raphaela Birrer scheint das noch nicht angekommen zu sein. Sie zementiert weiter ein Frauenbild aus dem letzten Jahrhundert: die Frau als «Anhängsel», als «Huscheli», wie wir im Bernbiet sagen. Damit erweist sie den Frauen einen Bärendienst.

Und dann steht in Birrers Leitartikel ja auch noch der bereits erwähnte Satz: «Die Progression frisst einen Teil ihres Einkommens weg.»

Ja, Herrschaft, was meint denn die gute Frau? Nicht nur die Progression «frisst einen Teil des Einkommens weg». Die Steuern an sich fressen einen Teil des Einkommens weg. Das ist die Basis unseres Staats. So finanzieren wir ihn.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine. Der Autor teilt sich Erwerbs- und Hausarbeit seit über 30 Jahren mit seiner Frau. Ob sich das steuerlich rechnet? Keine Ahnung.
_____________________
➔ Solche Artikel sind nur dank Ihren SPENDEN möglich. Spenden an unsere Stiftung können Sie bei den Steuern abziehen.

Mit Twint oder Bank-App auch gleich hier:



_____________________
Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.

Zum Infosperber-Dossier:

we_can

Gleiche Rechte für Frauen und Männer

Gleichstellung und Gleichberechtigung: Angleichung der Geschlechter – nicht nur in Politik und Wirtschaft.

Zeitungen_1

Kritik von Zeitungsartikeln

Printmedien üben sich kaum mehr in gegenseitiger Blattkritik. Infosperber holt dies ab und zu nach.

War dieser Artikel nützlich?
Ja:
Nein:


Infosperber gibt es nur dank unbezahlter Arbeit und Spenden.
Spenden kann man bei den Steuern in Abzug bringen.

Direkt mit Twint oder Bank-App



Spenden

Ihre Meinung

Lade Eingabefeld...