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Überschüssiger Atomstrom erforderte Dumpingtarife für Elektroheizungen
Die Winterkälte heizt den Stromverbrauch von Elektroheizungen an. Die Strombranche feuert zusätzlich mit Dumpingpreisen ein.
Swissgrid-Chef Pierre-Alain Graf hat in der NZZ am Sonntag einen Werbespot für neue Stromleitungen lanciert. Der Zeitpunkt war optimal gewählt: Die Winterkälte lässt den Stromverbrauch in den Elektroheizungen steigen und belastet die Stromnetze. Dazu erklärt die Swissgrid: «Je kälter es wird, desto mehr wird geheizt. In Ländern wie Frankreich, Italien, Spanien oder den Skandinavischen Ländern sind Elektroheizungen weit verbreitet – dies im Gegensatz zur Schweiz. Das bedeutet, dass in diesen Ländern viel mehr Strom verbraucht wird, wenn es kalt wird. Dementsprechend steigt die Belastung der Stromnetze in ganz Europa.»
Auch Schweizer Elektroheizungen belasten das Stromnetz
Die Swissgrid irrt sich. Auch die Elektroheizungen in der Schweiz belasten das Stromnetz. In der Schweiz werden 230 000 Haushaltungen mit Elektroheizungen geheizt, welche rund 3000 GWh Strom verbrauchen. Zusammen mit den Elektroheizungen in den Sektoren Dienstleistung, Landwirtschaft, Industrie und Verkehr beträgt der Verbrauch sogar 5500 GWh. Das entspricht ungefähr einem Fünftel des Winterstromverbrauches der Schweiz. Wenn die Elektroheizungen in den kalten Februarnächten auf Hochtouren laufen, verbrauchen sie fast soviel Strom, wie die fünf Schweizer Atomkraftwerken produzieren.
Im Kanton Basel-Landschaft zahlen Verschwenderhaushalte nur die Hälfte
Doch damit nicht genug. Die Stromwirtschaft heizt den Stromverbrauch in Elektroheizungen zusätzlich mit Dumpingpreisen an. Dies zeigt die Strompreisübersicht 2012 der Eidgenössischen Elektrizitätskommission (ElCom). Frappant sind die Preisdifferenzen eines Sparhaushaltes (4-Zimmerwohnung mit Elektroherd; jährlicher Stromverbrauch von 2500 kWh) im Vergleich zu einem Verschwenderhaushalt (5-Zimmer-Einfamilienhaus mit Elektroheizung; Stromverbrauch von 25 000 kWh).
Spitzenreiter ist der Kanton Basel-Landschaft (siehe Grafik unten). Dort beträgt der Tarif inklusive Grundgebühr für Verschwenderhaushalte bloss 11.62 Rp./kWh und jener für Sparhaushalte 22.94 Rp./kWh. Die Preisdifferenz beträgt also 11.32 Rappen oder rund 97 Prozent. Gefolgt wird der Kanton Basel-Landschaft vom Kanton Schaffhausen mit einer Preisreduktion von 95 Prozent und dem Kanton Luzern mit 94 Prozent.
Niedrigste Differenz in den atomkritischen Kantonen Genf und Basel-Stadt
Die Preisdifferenzen in den anderen Kantonen liegen zwischen 80 (Zug) und 47 Prozent (Wallis). Einzig in den beiden Kantonen Genf und Basel-Stadt liegt die Differenz tiefer bei 32 beziehungsweise bei 29 Prozent. Das ist kein Zufall, denn in der Kantonsverfassung von Basel-Stadt steht: «Der Staat wendet sich gegen die Nutzung von Kernenergie und hält keine Beteiligungen an Kernkraftwerken.»
Und die Kantonsverfassung von Genf schreibt vor: «Die kantonalen Behörden wenden sich mit allen ihnen zur Verfügung stehenden rechtlichen und politischen Mitteln gegen die Errichtung von Kernkraftwerken, von Lagerstätten für Abfälle von hoher und mittlerer Radioaktivität sowie gegen Wiederaufbereitungsanlagen auf dem Gebiet des Kantons und in seiner Nachbarschaft.»
Dumpingpreise entstanden im Dienst der Atomkraftwerke
Tatsächlich besteht ein direkter Zusammenhang zwischen dem Bau von Atomkraftwerken in der Schweiz und dem massiven Ausbau der Elektroheizungen. Als die Atomkraftwerke gebaut wurden, herrschte ein Stromüberschuss, vor allem in der Nacht. Deshalb hatte die Stromwirtschaft den Einbau von Elektroheizungen in den Achtziger- und Neunzigerjahren mit Subventionen und Dumpingpreisen gefördert. Die Gesamtleistung der Elektroheizungen in der Schweiz stieg im Gleichtakt mit der Leistung der Atomkraftwerke an.
Heute ist die Situation anders: Durch die extreme Förderung der Elektroheizungen übersteigt die gesamte Inlandnachfrage in Winternächten die Bandstromproduktion aus Atomkraftwerken und Flusskraftwerken, so dass sogar teurer Spitzenstrom aus Speicherkraftwerken angezapft werden muss. Folglich lässt sich die massive Preisdifferenz zwischen Tag- und Nachtstrom nicht mehr rechtfertigen.
Jährliche Quersubventionen für Verschwenderhaushalte in Millionenhöhe
Die Dumpingpreise für Haushalte mit Elektroheizungen sind nur möglich, weil sie von den anderen Haushaltungen quersubventioniert werden. Geht man von einem Gesamtverbrauch der Elektroheizungen von 3000 GWh aus, resultiert für jeden Rappen Preisdifferenz eine Quersubventionierung für die Verschwenderhaushalte in der Höhe von 30 Millionen Franken. Fünf Rappen Preisdifferenz ergeben bereits eine Subvention von 150 Millionen Franken pro Jahr.
Energiegesetz fordert den Ersatz von Elektroheizungen
Elektroheizungen sind ineffizient und verheizen hochwertigen Strom. Deshalb fordert das Eidgenössische Energiegesetz die Kantone auf, Vorschriften über die Neuinstallation und den Ersatz von fest installierten Elektroheizungen zu erlassen. Die meisten Kantone bieten Ersatzprogramme an. Die Kantone Genf, Tessin und Zug kennen ein Verbot für neue Elektroheizungen. Die Abschaffung der Dumpingtarife wäre ein weiterer Schritt zum Ausstieg aus den Elektroheizungen und folglich aus der Atomenergie.
Mitglied des Beirates der Schweizerischen Energie-Stiftung (SES) bis am 4. Januar 2012
Eidgenössische Elektrizitätskommission ElCom
Artikel «Atomausstieg und Mengenrabatt beissen sich»
Verschwenderhaushalte zahlen massiv weniger als Sparhaushalte
Strompreis-Dumping für VerschwenderInnen in Prozent
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