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Der Finanzkapitalismus ist schlechter Kapitalismus

Matthias Weik und Marc Friedrich / 02. Aug 2016 - Der deregulierte Finanzsektor dient kaum mehr der Realwirtschaft, sondern ist zum gefährlichen Wettcasino verkommen. (Teil 2)

Red. Aus dem neusten Buch der beiden Ökonomen, Querdenker und Publizisten Matthias Weik und Marc Friedrich «Kapitalfehler – Wie unser Wohlstand vernichtet wird und warum wir ein neues Wirtschaftsdenken brauchen» dürfen wir vier Kapitel in gekürzter Form übernehmen.

Haltlose und zum Teil auch kriminelle Spekulation hat nicht erst seit 2008, sondern über mehrere Dekaden ein nachhaltiges Wirtschaften im Interesse der Menschen verdrängt. Es war eine schleichende, politisch grundsätzlich gewollte Entwicklung. Die Politik hat sich viel zu lange den Begehrlichkeiten der «Märkte» gebeugt. So konnten sich Banken, Fondsgesellschaften und Börsen von Dienern zu Herren der Ökonomie aufschwingen. Anders gesagt: Das Finanzkapital bestimmt seit Langem das Produktivkapital – und damit die gesamte reale Wirtschaft der Güter und Dienstleistungen.

Das neuste Buch von Matthias Weik und Marc Friedrich (siehe Link unten)

Unternehmen und Arbeitnehmer, ja ganze Staaten werden von «Analysten» am Nasenring willkürlich gewählter Kennziffern für Profitabilität oder «finanzielle Solidität» durch die Arena der Weltwirtschaft gezogen. Das rein politisch motivierte Experiment einer einheitlichen Währung für (derzeit 19) vollkommen verschieden strukturierte Volkswirtschaften hat die globale Krise dieses Finanzkapitalismus in Europa zusätzlich verschärft.

Deregulierungs-Start durch Reagan und Thatcher

Am Anfang der Entwicklung, für die in der Politik konservative Ikonen wie Ronald Reagan und Margaret Thatcher standen, regierte noch das Pathos der Freiheit. Staat, Regierungen und mächtige Interessengruppen sollten Wirtschaftsbürgern und Unternehmen nicht länger vorschreiben, was sie zu tun und zu lassen haben.

Freiheit bedeutete vor allem Freihandel. Steuern galten wieder als Raub am hart arbeitenden Individuum. Der Staat als Wirtschaftssubjekt: teuer, langsam, ineffizient und bürokratisch – ein ewiger Bremser auf der Strasse des Fortschritts. «There is no such thing as society», liebte die Eiserne Lady zu verkünden.

Wenn man ihn nur liesse, dann würde der «Markt» schon alles richten. Nicht nur die Verteilung von Brötchen oder Autos, auch das Eisenbahn- und das Gesundheitswesen oder die Altersvorsorge. Und der riesige Reichtum der Wenigen? Nun, der würde früher oder später auch zu den Massen «durchsickern». Ja, es gab wirklich mal eine nennenswerte Zahl von Menschen, die das geglaubt haben. Und auch dass Gier gut sei, meinte nicht nur Gordon Gekko völlig ernst.

Die Privatisierung der britischen Bahn entpuppte sich freilich noch in Thatchers Amtszeit als einer der katastrophalsten Flops der neueren Wirtschaftsgeschichte. Und selbst die in Sachen Sozialstaat notorisch abstinenten USA haben heute eine allgemeine Krankenversicherung. In der historischen Rückschau auf die Epoche des «Neoliberalismus» kann man jedoch erkennen, dass es deren Verfechter gar nicht so sehr auf die Deregulierung der Waren- und Dienstleistungsmärkte abgesehen hatten; auch nicht auf die Privatisierung möglichst aller wirtschaftlichen Aktivitäten des Staates.

«Linke» als Forcierer der Finanz-Deregulierung

Dereguliert wurden vor allem die Kapitalmärkte. Ironischerweise wurde dieses fatale Projekt eines nahezu unverblümten «Enrichissez-vous» nicht etwa von «rechts», von bekennenden Marktradikalen wie Reagan und Thatcher oder einem konservativen Ordoliberalen wie Kohl, auf die Spitze getrieben, sondern von «links» – vom Demokraten Bill Clinton und von Sozialdemokraten wie Tony Blair und Gerhard Schröder. Die frühen Heroen des «freien Marktes» waren längst in Rente, als New Yorks Wall Street, Londons Canary Wharf oder die Neue Börse im Frankfurter Industriehof, die Herzmuskeln des globalen Finanzkapitalismus, hypertroph zu wachsen begannen – und folglich permanent zur Insuffizienz neigten. Als selbst Pennäler zum Frühstück börse online lasen. Und Derivate mehr Sexappeal hatten als raffinierte Dessous.

Ineffiziente Kapitalzuteilung wegen Vermögenskonzentration

Eineinhalb Dekaden später lässt sich klar erkennen, warum die nahezu komplette Deregulierung der Finanz- und Kapitalmärkte ein Irrweg historischen Ausmasses war. Nicht, weil es ein 82-Millionen-Volk wie die Deutschen nicht ertragen könnte, dass sich die runde Million deutscher Dollarmillionäre keine echten Sorgen machen muss.

Das eigentliche Problem ist nicht einmal, dass in den Zockerbuden in Börsen und Bankentürmen neben ausgebufften Finanzprofis zunehmend Blender, Betrüger und kriminelle Spekulanten sitzen. Denn es ist eher eine Deutungsfrage, ob Geld wirklich den Charakter verdirbt. Oder ob es dem Lichte gleicht, das eben auch die Motten anzieht.

Näher kommt man dem eigentlichen Problem schon mit dem Faktum, dass 0,1 Prozent der Weltbevölkerung über 80 Prozent des weltweiten Finanzvermögens besitzen. Diese schräge Vermögensverteilung bedeutet eine ausserordentlich ineffiziente Zuteilung von Kapital.

Gewiss, «die Reichen» verteilen das Kapital nicht allein im stillen Kämmerlein, sondern mit Hilfe von Heerscharen von Beratern. Doch wenn weltweit nur rund neun Millionen Menschen entscheiden, wofür das global verfügbare Kapital investiert wird und wofür nicht, dann hat das nichts mit freien Märkten und mit Wettbewerb zu tun. Im Gegenteil: Finanzkapitalismus ist schlicht und einfach ganz schlechter Kapitalismus! – Warum?

Wenn die Österreicher vier Fünftel allen Kapitals verteilen könnten

Gerade bei der Zuweisung wirtschaftlicher Mittel wäre es sinnvoll, das Risiko des Irrtums möglichst breit zu streuen. Würden aber etwa die 8,5 Millionen Österreicher im Alleingang entscheiden, in welche Unternehmen sie vier Fünftel des weltweit verfügbaren Vermögens stecken, welchen Staaten sie zu welchen Konditionen Geld leihen wollen und wie sich dadurch die verfügbaren Einkommen auf dem Globus verteilen, dann wäre unsere grösste Sorge wohl nicht, dass sich DJ Ötzi & Co. dabei auch privat die Taschen vollstopfen. Unsere grösste Sorge müsste sein, dass unsere geschätzten Nachbarn allzu oft aufs falsche Pferd setzen. Seriöser formuliert: Unser heutiger Finanzkapitalismus verteilt das globale Investitionskapital, die Mittel zur Finanzierung aller öffentlichen Güter, sowie die verfügbaren Einkommen auf die denkbar schlechteste Weise.

Denn über neun Zehntel des Geldes auf der Welt kursieren ausschliesslich innerhalb des Finanzsektors. Es ist in einem Masse, das selbst Marx sich in seinen kühnsten Albträumen nicht hätte ausmalen können, «Geld heckendes Geld». Ohne längere Umwege in die Realwirtschaft von Gütern und Dienstleistungen produziert es in der Sphäre reiner Spekulation regelmässig Klumpenrisiken und Kreditblasen gigantischen Ausmasses. Gewiss, das macht wenige Reiche auf dem Papier zunächst reicher. Einige geradezu pervers reich. Doch vor allem pervertiert es den gesellschaftlichen Sinn von Reichtum selbst. Alles, wozu Kapitalisten das moderne Kapital einst erfunden hatten.

Von Industrie- und Handelskrediten zur Staatsfinanzierung

Kredite? Ohne die hätte kein einziges Pfefferkorn die lange und riskante Reise bis Europa geschafft. Niemand hätte sich eine Stahlfabrik aus dem heimischen Sparstrumpf finanzieren können. Aktiengesellschaften? Sie waren notwendig, um das Kapital für zuvor weder nötige noch mögliche Investitionen in Eisenbahnen oder Stromnetze zusammenzubekommen.

Staatsanleihen? Anfangs eine Notlösung von Königen und Kaisern zur Finanzierung ihrer leider wichtigsten gesamtstaatlichen Aufgabe: des Krieges. Erst die moderne Finanzindustrie machte Kredite – nach den Steuern – zur zweitwichtigsten Geldquelle des Staates. Die Staatsanleihe ist nichts anderes als der Schwitzkasten des Kapitals, dem die Politik seit rund vierzig Jahren kaum noch entkommen kann. Warum? Weil auf jeden konservativen Ökonomen, der um zwölf Uhr auf die hohe Staatsverschuldung schimpft und um fünf nach zwölf Steuersenkungen fordert, mindestens tausend Banker kommen, die noch dem letzten verzweifelten Finanzminister oder Kämmerer ein Schuldpapier andrehen.

Schulden zur Ankurbelung des Konsums

Erst die Finanzindustrie kam auch auf die im Grunde abenteuerliche Idee, dass gefälligst jedermann Schulden zum Zwecke des Konsums zu machen habe. Optionsscheine? Derivate aller Art? Man mag es heute kaum noch glauben, aber auch dies waren einst sinnvolle Finanzinstrumente zur Absicherung echter Geschäfte gegen Preis- und Währungsschwankungen. Erst in den späten 80er-Jahren des vorigen Jahrhunderts wurden sie zu den Lieblingsspielzeugen von Finanzmathematikern und Zockern.

Ruf nach Regulierung kam stets zu spät

Der Kapitalfehler des Kapitalismus besteht unserer Meinung nach darin, dass kaum jemand die langen Wellen und Zyklen dieses Wirtschaftssystems auf dem Sender hat. Dass niemand versteht, wann und warum das System in bestimmten Abständen von echten Investitionen und Innovationen auf zerstörerische Spekulationen umschwenkt. Und niemand will verstehen, dass man die Finanzmärkte gerade dann an die Kandare nehmen muss, wenn die Realwirtschaft nach allgemeiner Einschätzung blüht und gedeiht.

Denn das haben die Weltwirtschaftskrise der 1930er-Jahre und die Finanzkrisen seit der Jahrtausendwende gemeinsam: Als alle nach Regulierung riefen, war das Kind namens Kapitalismus schon völlig verzogen. Vernünftige Eltern wissen: In der Pubertät bringen Belehrungen und strenge Regelwerke meist nur noch wenig. Nicht anders ist es mit den Grundregeln des ehrbaren Kaufmanns. Man muss sie bereits dann in Gesetze giessen, wenn ausser ehrbaren und erfolgreichen Kaufleuten kaum einer auf dem Markt unterwegs ist. Nur so verhindert man, dass irgendwann auch eine Karriere als Trickbetrüger oder Taschendieb aussichtsreich erscheinen kann.

  • Es folgt 3. Teil: Island liess fahrlässige Gläubiger im Regen stehen. Warum Island alles richtig gemacht hat und Griechenland alles falsch. Eine Anleitung für die Zukunft.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Im Jahr 2012 hatten die Autoren Matthias Weik und Marc Friedrich das Buch «Der grösste Raubzug der Geschichte – warum die Fleissigen immer ärmer und die Reichen immer reicher werden» veröffentlicht. Es folgte das Buch «Der Crash ist die Lösung – Warum der finale Kollaps kommt und wie Sie Ihr Vermögen retten». Es war das meistverkaufte Wirtschaftsbuch des Jahres 2014. Die Autoren sind Initiatoren der Petition «EZB Stoppen – wir zahlen nicht für Eure Krise».

Marc Friedrich (links) und Matthias Weik

Weiterführende Informationen

Zum Buch: «Kapitalfehler - Wie unser Wohlstand vernichtet wird und warum wir ein neues Wirtschaftsdenken brauchen»

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