Ensi-Rat Werner Bühlmann: Analyse im Sinne der Atomlobby © ensi

Ensi-Rat Werner Bühlmann: Analyse im Sinne der Atomlobby

Bundesstudie träumt: Atomkraftwerke ohne Abfälle

Kurt Marti / 04. Apr 2013 - Eine Studie des Bundesamtes für Energie entwirft den «Wunschtraum» von AKWs ohne radioaktive Abfälle und geologische Tiefenlager.

Die Katze kann das Mausen nicht lassen: Eine 80 000 Franken teure Studie des Bundesamtes für Energie (BFE) träumt im Zeithorizont von 100 Jahren von Atomkraftwerken ohne geologische Tiefenlager für radioaktive Abfälle, weil diese «soweit zerlegt werden können, dass die Strahlung nicht mehr oder nur über einen kurzen Zeitraum auftritt, oder vollständig wiederverwertet werden können (im Sinne einer neuartigen, noch unbekannten Transmutationsmethode oder anderer, heute noch nicht vorstellbarer Prozesse)». Die radioaktiven Abfälle würden «an der Oberfläche entsorgt oder wiederverwendet».

In einem solchen «Zukunftsbild» kann laut BFE-Studie «davon ausgegangen werden», dass «die Herstellung von Elektrizität wieder oder weiterhin mit Kernenergie durchgeführt wird». Weil dieses Zukunftsbild offensichtlich mit dem Atomausstiegsbeschluss des Bundesrates kollidiert, soll es «nicht als Option bzw. mögliche Entwicklung für die Politik» gesehen werden, sondern als «Wunschtraum».

Bundes-Subventionen für zukünftige Reaktoren

Unerwähnt bleibt in der Studie, dass die «Transmutationsmethode» bereits heute intensiv erforscht wird. Seit 10 Jahren fliessen nämlich Millionen-Subventionen des Bundes in die Erforschung der sogenannten Atomreaktoren der 4. Generation im Rahmen des internationalen Projektes «Generation IV International Forum» (GIF), an dem neben der Schweiz 12 weitere Länder beteiligt sind (siehe Link unten). Erst die Reaktoren der 4. Generation ermöglichen die «Transmutation» der radioaktiven Stoffe. In einer Studie des Paul Scherrer Instituts (PSI) ist sogar von einem «geschlossenen Kreislauf» die Rede. Im Unterschied zum famosen «Wunschtraum» der BFE-Studie sind dabei aber immer noch geologische Tiefenlager notwendig, weil die Menge der radioaktiven Abfälle bloss reduziert wird.

«Wunschtraum» mit grossen Chancen

Die BFE-Studie vergleicht insgesamt vier Zukunftsbilder zur Behandlung der radioaktiven Abfälle in 100 Jahren: Geologisches Tiefenlager verschlossen (1. Bild) oder offen (2. Bild) sowie kein geologisches Tiefenlager, weil es entweder politisch verhindert (3. Bild) oder durch technologischen Fortschritt überflüssig wurde (4. Bild/Wunschtraum). Dabei werden die Chancen und Risiken, welche sich durch verschiedenen gesellschaftlichen Entwicklungen ergeben, abgeschätzt. Die grössten Chancen bietet erwartungsgemäss der «Wunschtraum» ohne Tiefenlager, weil er die grössten Freiräume für zukünftige Entscheidungen lässt. Andererseits sind die Risiken des «Wunschtraumes» am grössten, weil die radioaktiven Abfälle an der Oberfläche gelagert werden müssen und dadurch den Gefahren von Bürgerkriegen oder terroristischen Anschlägen stärker ausgesetzt sind.

AKW-Direktor in der Begleitgruppe

Was die geologischen Tiefenlager betrifft, reproduziert die BFE-Studie nur bereits Bekanntes. Zudem wird grosszügig aus einer Studie der Credit Suisse (CS) zitiert, um die geopolitischen «Megatrends» zu beschreiben. Dabei glänzt die CS-Studie mit Gemeinplätzen wie beispielsweise: «Lebenslanges Lernen wird zur Selbstverständlichkeit, der Wissensaustausch immer wichtiger» oder «Demnach wird über die längere Frist der Anteil der Erwerbsbevölkerung an der gesamten Bevölkerung sinken». Freuen über diesen schönen BFE-Auftrag durften sich übrigens die Beratungs-Büros «B,S,S.», «Basler & Hofmann» und «Dr. Andreas M. Walker Strategieberatung».

Das wirklich Neue an der BFE-Studie ist das Zukunftsbild «Wunschtraum» und das ist kein Zufall. Denn als Auftraggeber figuriert die BFE-Sektion «Entsorgung radioaktive Abfälle» und in der Begleitgruppe sassen u.a. Urs Weidmann, der Direktor des AKWs Beznau und Anne Eckhardt, die Präsidentin des Rats der Atomaufsicht Ensi. Selbstverständlich darf in einer solchen Begleitgruppe auch ein WWF-Vertreter nicht fehlen.

Ehemaliger BFE-Jurist spurt vor

Doch damit nicht genug: Die rechtliche Schlussanalyse der BFE-Studie wurde Werner Bühlmann anvertraut, der für seine Nähe zur Atombranche bekannt ist. Der ehemalige Chef der BFE-Rechtsabteilung sitzt heute im Ensi-Rat. Bezüglich des «Wunschtraumes» in 100 Jahren spurt Bühlmann bereits im Sinne der Atomlobby vor: «In einer Revision des Kernenergiegesetzes müsste ein neues Entsorgungskonzept gesetzlich verankert worden sein.» Damit ist das Hauptziel der gesamten Übung bereits erfüllt und der «Wunschtraum» der Atomlobby offengelegt: Vermeidung von kostspieligen Tiefenlagern bei gleichzeitigem Fort- oder Neubetrieb von Atomkraftwerken.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Kurt Marti war früher Beirat (bis Januar 2012), Geschäftsleiter (bis 1996) und Redaktor (bis 2003) der Schweizerischen Energie-Stiftung (SES)

Weiterführende Informationen

Generation IV International Forum (GIF)
Noch mehr Steuermillionen für EU-Atomforschung
Beratungs-Büro B,S,S.: Forschungsbericht

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3 Meinungen

Das hat ja gerade noch gefehlt! Statt die realen, schier unlösbaren Probleme rund um die AKWs und deren Müll endlich offen auszusprechen und anzupacken träumt man Wünsche für 80'000.-.
Ich hätte da auch noch ein paar Wunschträume: Wo kann ich mich anmelden für die Studienfinanzierung?
Felix Rothenbühler, am 04. April 2013 um 11:26 Uhr
aktuell ist dieses!

#Fukushima
Japan wird unbewohnbar
Ein ganzes Volk, eine ganze Nation wird eine neue Heimat brauchen.
Eine bewohnbare!

http://fukushima-diary.com/2013/04/the-worst-senario-extremely-highly-contaminated-water-leaking-to-underground-emergency-press-conference-soon/
Willy Lusti, am 05. April 2013 um 19:33 Uhr
Hier ist noch der Wikipedia-Beitrag dazu:
http://de.wikipedia.org/wiki/Transmutation#Beseitigung_nuklearen_Abfalls
Demnach könnten zwar Abfälle mit langen Halbwertszeiten zu solchen mit kürzeren Halbwertszeiten relativ sicher transmutiert werden, aber es sind immer noch über tausend Jahre und die Menge der Abfälle wird insgesamt grösser. Heute wird in den Reaktoren, die das könnten, eher das Gegenteil gemacht: die Herstellung von extrem langlebigem Plutonium. Das ganze ist natürlich sehr teuer.
Theo Schmidt, am 09. April 2013 um 11:08 Uhr

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