Werner_Buehlmann_EnsiRat

Ensi-Rat Werner Bühlmann: Analyse im Sinne der Atomlobby © ensi

Bundesstudie träumt: Atomkraftwerke ohne Abfälle

Kurt Marti /  Eine Studie des Bundesamtes für Energie entwirft den «Wunschtraum» von AKWs ohne radioaktive Abfälle und geologische Tiefenlager.

Die Katze kann das Mausen nicht lassen: Eine 80 000 Franken teure Studie des Bundesamtes für Energie (BFE) träumt im Zeithorizont von 100 Jahren von Atomkraftwerken ohne geologische Tiefenlager für radioaktive Abfälle, weil diese «soweit zerlegt werden können, dass die Strahlung nicht mehr oder nur über einen kurzen Zeitraum auftritt, oder vollständig wiederverwertet werden können (im Sinne einer neuartigen, noch unbekannten Transmutationsmethode oder anderer, heute noch nicht vorstellbarer Prozesse)». Die radioaktiven Abfälle würden «an der Oberfläche entsorgt oder wiederverwendet».

In einem solchen «Zukunftsbild» kann laut BFE-Studie «davon ausgegangen werden», dass «die Herstellung von Elektrizität wieder oder weiterhin mit Kernenergie durchgeführt wird». Weil dieses Zukunftsbild offensichtlich mit dem Atomausstiegsbeschluss des Bundesrates kollidiert, soll es «nicht als Option bzw. mögliche Entwicklung für die Politik» gesehen werden, sondern als «Wunschtraum».

Bundes-Subventionen für zukünftige Reaktoren

Unerwähnt bleibt in der Studie, dass die «Transmutationsmethode» bereits heute intensiv erforscht wird. Seit 10 Jahren fliessen nämlich Millionen-Subventionen des Bundes in die Erforschung der sogenannten Atomreaktoren der 4. Generation im Rahmen des internationalen Projektes «Generation IV International Forum» (GIF), an dem neben der Schweiz 12 weitere Länder beteiligt sind (siehe Link unten). Erst die Reaktoren der 4. Generation ermöglichen die «Transmutation» der radioaktiven Stoffe. In einer Studie des Paul Scherrer Instituts (PSI) ist sogar von einem «geschlossenen Kreislauf» die Rede. Im Unterschied zum famosen «Wunschtraum» der BFE-Studie sind dabei aber immer noch geologische Tiefenlager notwendig, weil die Menge der radioaktiven Abfälle bloss reduziert wird.

«Wunschtraum» mit grossen Chancen

Die BFE-Studie vergleicht insgesamt vier Zukunftsbilder zur Behandlung der radioaktiven Abfälle in 100 Jahren: Geologisches Tiefenlager verschlossen (1. Bild) oder offen (2. Bild) sowie kein geologisches Tiefenlager, weil es entweder politisch verhindert (3. Bild) oder durch technologischen Fortschritt überflüssig wurde (4. Bild/Wunschtraum). Dabei werden die Chancen und Risiken, welche sich durch verschiedenen gesellschaftlichen Entwicklungen ergeben, abgeschätzt. Die grössten Chancen bietet erwartungsgemäss der «Wunschtraum» ohne Tiefenlager, weil er die grössten Freiräume für zukünftige Entscheidungen lässt. Andererseits sind die Risiken des «Wunschtraumes» am grössten, weil die radioaktiven Abfälle an der Oberfläche gelagert werden müssen und dadurch den Gefahren von Bürgerkriegen oder terroristischen Anschlägen stärker ausgesetzt sind.

AKW-Direktor in der Begleitgruppe

Was die geologischen Tiefenlager betrifft, reproduziert die BFE-Studie nur bereits Bekanntes. Zudem wird grosszügig aus einer Studie der Credit Suisse (CS) zitiert, um die geopolitischen «Megatrends» zu beschreiben. Dabei glänzt die CS-Studie mit Gemeinplätzen wie beispielsweise: «Lebenslanges Lernen wird zur Selbstverständlichkeit, der Wissensaustausch immer wichtiger» oder «Demnach wird über die längere Frist der Anteil der Erwerbsbevölkerung an der gesamten Bevölkerung sinken». Freuen über diesen schönen BFE-Auftrag durften sich übrigens die Beratungs-Büros «B,S,S.», «Basler & Hofmann» und «Dr. Andreas M. Walker Strategieberatung».

Das wirklich Neue an der BFE-Studie ist das Zukunftsbild «Wunschtraum» und das ist kein Zufall. Denn als Auftraggeber figuriert die BFE-Sektion «Entsorgung radioaktive Abfälle» und in der Begleitgruppe sassen u.a. Urs Weidmann, der Direktor des AKWs Beznau und Anne Eckhardt, die Präsidentin des Rats der Atomaufsicht Ensi. Selbstverständlich darf in einer solchen Begleitgruppe auch ein WWF-Vertreter nicht fehlen.

Ehemaliger BFE-Jurist spurt vor

Doch damit nicht genug: Die rechtliche Schlussanalyse der BFE-Studie wurde Werner Bühlmann anvertraut, der für seine Nähe zur Atombranche bekannt ist. Der ehemalige Chef der BFE-Rechtsabteilung sitzt heute im Ensi-Rat. Bezüglich des «Wunschtraumes» in 100 Jahren spurt Bühlmann bereits im Sinne der Atomlobby vor: «In einer Revision des Kernenergiegesetzes müsste ein neues Entsorgungskonzept gesetzlich verankert worden sein.» Damit ist das Hauptziel der gesamten Übung bereits erfüllt und der «Wunschtraum» der Atomlobby offengelegt: Vermeidung von kostspieligen Tiefenlagern bei gleichzeitigem Fort- oder Neubetrieb von Atomkraftwerken.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Kurt Marti war früher Beirat (bis Januar 2012), Geschäftsleiter (bis 1996) und Redaktor (bis 2003) der Schweizerischen Energie-Stiftung (SES)

Zum Infosperber-Dossier:

1920px-AKW_Leibstadt_CH

Die Sicherheit Schweizer AKWs

Nach einer Katastrophe drohen Krankheiten oder Tod. Und Gebäude- und Hausratversicherungen zahlen keinen Rappen.

War dieser Artikel nützlich?
Ja:
Nein:


Infosperber gibt es nur dank unbezahlter Arbeit und Spenden.
Spenden kann man bei den Steuern in Abzug bringen.

IBAN: CH 0309000000604575581

3 Meinungen

Ihre Meinung

Lade Eingabefeld...