Sprachlust: Politisch klug oder politisch korrekt?

Daniel Goldstein © Valérie Chételat
Daniel Goldstein / 04. Jul 2015 - Das Wort «Nigger» sei, sagt Obama, nicht das Hauptproblem beim Rassismus. Doch es - oder nur «Negerbuebli» - ist meist daneben.

Präsident Obama hat «Nigger» gesagt. Darf er das, und wenn er es darf, dürfen es dann auch andere? Die leider mit Komplikationen verbundene Antwort auf beide Fragen lautet: Es kommt drauf an. Zunächst: Der Gebrauch dieses «N-Worts» oder auch des – als weniger abschätzig empfundenen – «negro» oder «Neger» ist kein Privileg des Amts oder der Hautfarbe. Und das Dürfen ist nur den schwammigen Regeln der politischen Korrektheit unterworfen sowie staatlichen Gesetzen gegen Rassismus oder für Persönlichkeitsschutz.

Obama brauchte das Wort nicht gerade bei der Abdankung für die Opfer des rassistischen Mörders in der AME-Kirche von Charleston, aber in einem Interview im gleichen Zusammenhang. Er sagte, die USA seien vom Rassismus «nicht geheilt», und es gehe «nicht nur darum, dass es unhöflich ist, in der Öffentlichkeit ‹Nigger› zu sagen» – das sei nicht der Massstab fürs Fortbestehen des Rassismus. Damit sagte er etwas Wesentliches über die – mit «politischer Korrektheit» gemeinten – Bemühungen, via Sprache eine erwünschte Gesinnung herbeizuführen: Wenn eine Sprachregelung eingehalten wird, beweist das nicht, dass sie in den Köpfen etwas bewirkt hat.

Umstrittene Umerziehung

Negative Einstellungen, die manche Leute mit einem Wort verbinden, können sich auch aufs Ersatzwort übertragen: Ist es verpönt, «Neger» zu sagen, so stossen «Schwarze» auf die gleichen Vorurteile, und wenn man dieses Wort durch «Farbige» ersetzt, so hat man sich beim Vokabular der einstigen, mehrstufigen Rassentrennung in Südafrika bedient und den betroffenen Menschen kaum einen Dienst geleistet. Das Grundproblem bleibt, dass viele Leute die Menschheit in Rassen einteilen und viele mit dieser Einteilung unterschiedliche Bewertungen oder gar Rechte verbinden.

Amerikanische Studenten setzten sich in den 1980-er Jahren vermehrt für Gleichberechtigung ohne Ansehen der Hautfarbe oder des Geschlechts ein. Sie forderten, der Lehrstoff und der Sprachgebrauch müssten «politically correct» sein. Der Begriff fand aber, wie in der Wikipedia nachzulesen ist, erst dann grössere Verbreitung, als manche Hochschulen entsprechende Vorschriften erliessen und Gegner dies als «Gesinnungsterror» anprangerten. Auch auf Deutsch reden vorab Kritiker von «politischer Korrektheit». Daher ist es heute kaum noch politisch korrekt, «politisch korrekt» zu sagen, denn man setzt sich damit dem Verdacht aus, irgendeine Diskriminierung zu verteidigen.

Auf den Sinn kommt es an

Wer wie Obama über Zusammenhänge zwischen «Nigger» und Rassismus reden will, braucht keinen Bogen um das Wort zu machen. Wird es aber als Bezeichnung für eine Person verwendet, so ist es beleidigend – ausser wenn sich Vertreter oder Nachahmer der amerikanischen Ghetto-Jugendkultur freundschaftlich mit «Nigga» begrüssen. «Neger» wiederum wird laut Duden in jüngerer Zeit «häufig als diskriminierend» empfunden. Ob es auch so gemeint ist, lässt sich meistens leicht aus dem Zusammenhang erkennen. Alte Kinderbücher muss man nicht umschreiben, sondern erklären: Schlimm ist nicht, dass Globi zu den «Negern» reiste, sondern dass er wie ein Kolonialherr auftrat. Wer Afrikanern auf Augenhöhe begegnet, nennt sie besser so – «Afrikaner» eben, alle Hautschattierungen eingeschlossen.

Als der Berner Regierungsrat Käser letztes Jahr von «Negerbuebli» redete, für welche «die Schweiz das Schlaraffenland» sei, hätte er besser «Buebli in Afrika» gesagt: Es ging ja darum, woher die Flüchtlinge kommen, nicht um ihre Hautfarbe; so jedenfalls war seine nachträgliche Entschuldigung zu verstehen. Was Käser nicht darf, durfte dagegen Senegals Gründerpräsident Senghor: Er gehörte einer Bewegung von Intellektuellen mit Wurzeln südlich der Sahara an, die eine kulturelle und politische Renaissance im Namen der «négritude» vorantrieben – aus heutiger Sicht eine Art positiver Rassismus.

--- Zum Infosperber-Dossier «Sprachlust»

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Der Autor ist Redaktor der Zeitschrift «Sprachspiegel» und schreibt für die Zeitung «Der Bund» die Kolumne «Sprachlupe», die auch auf Infosperber zu lesen ist. Er betreibt die Website Sprachlust.ch.

Weiterführende Informationen

Zum Obama-Interview

Meinungen / Ihre Meinung eingeben

Ähnliche Artikel dank Ihrer Spende

Möchten Sie weitere solche Beiträge lesen? Ihre Spende macht es möglich:

Mit Kreditkarte oder Paypal - oder direkt aufs Spendenkonto für Stiftung SSUI, Jurablickstr. 69, 3095 Spiegel BE
IBAN CH0309000000604575581 (SSUI)
BIC/SWIFT POFICHBEXXX, Clearing: 09000

Ihre Spenden können Sie bei den Steuern abziehen.

Einzahlungsschein anfordern: kontakt@infosperber.ch (Postadresse angeben!)

Eine Meinung

"Alte Kinderbücher muss man nicht umschreiben, sondern erklären."
Die Angst, nicht politically correct zu sein, führt aber sehr wohl dazu, dass sogar gar nicht so alte Kinderbücher umgeschrieben werden. So hat Franz Hohler in Neuauflagen eines seiner Bücher das «Negerli» eliminiert.... ganz im Einklang mit George Orwells bereits 1948 aufgestellter These, dass sich die Sprache der jeweiligen politischen Herrschaft anpasst.
Arnold Fröhlich, am 06. Juli 2015 um 21:54 Uhr

Ihre Meinung

Loggen Sie sich ein, um Ihre Meinung unter Ihrem richtigen Namen zu äussern. Wir gestatten keine Meinungseinträge anonymer User, um Missbräuche zu vermeiden. Hier können Sie sich registrieren.
Sollten Sie ihr Passwort vergessen haben, können Sie es neu anfordern. Achtung: Die Länge der Einträge ist beschränkt und wir erlauben nicht, zwei Meinungseinträge unmittelbar hintereinander zu platzieren. Unnötig herabsetzende Formulierungen ändern oder löschen wir ohne Korrespondenz.