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Ein rechtes Magazin empfiehlt, die Linke regieren zu lassen, und gleich daneben steht der Spendenaufruf für «Journalismus, der die Kraft hat, Deutschland zu verändern». Startseite von «Glut». © Screenshot Glut

Der Vibe Shift hat jetzt ein Magazin

Daniel Ryser /  Mit «Glut» macht Jan A. Karon klassischen Magazinjournalismus. Nur eben von rechts. Das sollte auch links der Mitte interessieren.

Jan A. Karon ist aktuell einer der interessantesten Journalisten in Deutschland. Er kommt von weit rechts und kommt nicht zur Ruhe. Sein Profil auf X ist vollgeschrieben mit Abhandlungen über ein Deutschland, das in seinen Augen fünf Minuten vor Intensivstation steht, und gleichzeitig schreibt er nun sein eigenes Magazin «Glut» voll, das er gemeinsam mit seinem Kollegen Björn Harms gegründet hat und das Ende September an den Start ging, «ein Online-Magazin für investigativen Journalismus», so Karon auf X.

Ich hatte bis heute das Gefühl, zumindest in der Schweiz, dass sich die rechte Leserschaft – anders als ihre Financiers wie Tito Tettamanti – nicht wirklich für klassischen Magazin-Journalismus interessiere (siehe zum Beispiel die Verwandlung der «Weltwoche» in ein erfolgreiches Videoformat), und das gerade macht Karon interessant, denn genau das ist sein Anspruch: Magazinjournalismus von rechts mit einem jungen Personal, ohne Mäzen, finanziert über Spenden und Abos. Entweder geht das Teil innerhalb von zehn Monaten unter, weil die Leser nicht kommen oder das Personal fehlt, oder wir befinden uns tatsächlich in einem Vibe Shift, einem Wandel des Zeitgeists, mit einer neuen Generation rechter Magazinjournalisten, über den wir links der Mitte noch staunen werden.

Undercover bei der Antifa

Mittelfristig, sagt Karon im Gespräch, wolle man die grösste junge Investigativredaktion werden. In den ersten Tagen sieht man schon das ganze Repertoire des klassischen Magazinjournalismus: den Undercover-Einsatz, den Politiker, dem man strafbares Verhalten nachweisen will, ein NGO-Netzwerk, dem man ein Demokratieproblem attestiert. Nur eben mit umgekehrten Vorzeichen: Unterwandert wird die Antifa bei einem Treffen im mit Steuergeldern finanzierten sozial-ökologischen Zentrum, angegriffen wird der Linken-Politiker Ferat Koçak sowie ein linkes Netzwerk. Man will, so steht es auf der Homepage und so sagt es Karon, «ein echtes Korrektiv schaffen», das andere Correctiv wiederum, das Recherchekollektiv ebenfalls mit Sitz in Berlin, nennt «Glut» ein «Rechtsaussenmedium» und vergleicht es mit «Nius», dem rechten Empörungsportal des früheren «Bild»-Chefs Julian Reichelt, finanziert vom CDU-nahen Unternehmer Frank Gotthardt, wo Harms und Karon bis vor kurzem gearbeitet haben.

Im Tony-Montana-Endstadium

Aber der Vergleich ist irgendwie völlig falsch, denn «Nius» lebt ja davon, dass Julian Reichelt das Publikum als eine Art deutscher Tony Montana vor einer bei Aldi bestellten Fox-News-Kulisse permanent anbrüllt, einer Kulisse aus Blitzen und Goldbuchstaben, deren Dauerbotschaft lautet, dass wir übermorgen untergehen. Karon brüllt ja gar nicht. Er recherchiert und schreibt, und beides eben gut, beides auf Magazin-Niveau, und deswegen ist er in meinen Augen aktuell einer der interessantesten Journalisten Deutschlands, und zwar gerade weil ich politisch aus einem anderen Spektrum komme.

Denn da mag der andere Tony Montana des deutschen Journalismus, Ulf Poschardt, der, wirkliches Tony-Montana-Endstadium, in praktisch jedem Talkshow-Auftritt seine eigenen Bücher als Pflichtlektüre empfiehlt, tatsächlich recht haben: Wir haben diesen tatortkommissarinnenhaften linksliberalen Magazinsound in den letzten zwanzig Jahren rauf- und runtergespielt. Ich selbst habe ihn rauf- und runtergespielt. Wir wurden in der Schweiz im Wochen- und Magazinjournalismus ein identisches, austauschbares Personal, von der «Woz» über das «Tagi-Magi», von SRF bis zur «Republik», da wechseln die Leute hin und her: dasselbe politische Milieu, derselbe Sound, derselbe Blick auf die Dinge. Und da kommt jetzt ein junger Berliner Journalist mit einem ganz anderen Anspruch. Das ist auch mit Blick auf die politische Lage in Deutschland zuerst einmal interessant, mit der AfD im Osten und der Linken in Berlin, wo Brandmauern gerade dabei sind, einzustürzen.

Mann der «Bastard Moderne»

«Die verstehen ihr Handwerk», sagt Karon wiederum in Richtung Correctiv. Aber es gebe in den deutschen Medien einen «Bias» nach links, viel Kampf gegen rechts. «Aber nicht die Recherchen, die viele unserer Leser und uns selbst emotionalisieren: migrantische Gewalt, Islamismus, Migrationsindustrie, Wokeness, ein grüner Zeitgeist.»

«Was man schon sagen kann, ist, dass wir versuchen, in diesem Milieu von Leuten, die mit dem Zeitgeist fremdeln, eine andere Optik und eine Professionalisierung voranzutreiben», sagt Karon, der während des Studiums in einer Hippie-Kommune gelebt, gerappt und für «Vice» geschrieben hat. Dann hat er sich vom linken Milieu gelöst, ist vor rund vier Jahren zu «Nius» gegangen und hat ein Buch namens «Bastard Moderne» geschrieben, über das ich nichts sagen kann, weil ich es nicht gelesen habe. «Irgendwann reicht es nicht, nur Empörung zu bewirtschaften», sagt er. «Man will, und das ist ja eigentlich etwas sehr Konservatives, mit besserem Anspruch vorangehen. Man will, dass die Linken die Texte lesen und sagen: Das sehe ich anders, aber die haben sich Mühe gegeben, die haben das angefragt, die Optik ist zeitgemäss, die spricht mich an.»

«Satanic Panic» in Berlin

Die Empörung nach dem Wahlsieg der Linken in Berlin nennt Karon eine «Satanic Panic». Berlin sei ohnehin seit Jahrzehnten links geprägt, und auch unter CDU und SPD sei es nicht sicherer geworden. Dazu hat er einen Essay geschrieben, «Doch, natürlich sollte die Linke in Berlin regieren!», so der Titel, in dem man sehr gut nachvollziehen kann, wie diese neue journalistische Avantgarde von rechts auf die Welt blickt, wie sie argumentiert, und wie sie die Brandmauern einreissen will: «Gerade Konservative sollten einer Linksregierung etwas abgewinnen», schreibt Karon, «und zwar nicht aus Sympathie, sehr wohl aber aus demokratietheoretischen Gründen». Denn: «Seit Jahren verschwimmen in Deutschland die Grenzen zwischen den Parteien. In der Mitte hat sich ein Block gebildet, CDU, SPD, Grüne, gelegentlich die FDP, deren Mitglieder beliebig miteinander koalieren und sich im Regierungsalltag so ähnlich werden, dass man sie kaum noch auseinanderhält. Links und rechts davon stehen die Ausgeschlossenen, die Linke, das BSW, die AfD. Der Wähler darf wählen, eine Richtung bestimmen kann er kaum noch.» Und am Schluss: «Ob die Linke die Stadt schlechter verwaltet, weiss niemand. Herausfinden lässt es sich nur auf eine Weise: indem man sie regieren lässt. Ist die Stadt nach vier Jahren noch teurer und dreckiger, dann haben die Berliner das so gewählt und entscheiden beim nächsten Mal anders. Demokratie ist kein Erziehungsprogramm.»

Karon denkt und argumentiert und schreibt konsistent, ob man nun seine Meinung teilen mag oder nicht, und natürlich läuft sein Essay auf die konsequente, aber bittere Pointe zu: Wer gegen die Brandmauer zur AfD argumentiert habe, könne jetzt nicht allen Ernstes eine Brandmauer gegen links fordern. Das heisst im Umkehrschluss, dass den Rechten eine Berliner Regierung mit der Linken das beste Argument gegen jede Brandmauer sein wird.

Die Mutter aller Probleme

Jan A. Karon pflegt auf X eine irritierende Nähe zum rechten Rand: Als der Wiener Identitäre Martin Sellner auf der Plattform empfahl, «Glut» zu lesen, antwortete Karon: «Danke dir.» Antifaschismus findet er «wahnsinnig uncool». Wenn man 2026 im Primetime-Programm des ZDF sein Lied gegen rechts klimpern könne, sagt er über Danger Dan, «dann zeigt das doch eher, dass du Teil dieses Systems geworden bist. Du bist die BRD, du bist der Staat. Jeder Jugendliche, der ein Herz in der Brust hat, würde sagen: Es ist doch fünfmal cooler, bei den Identitären zu sein.»

Was mich drum von einem jungen rechten Journalisten wie ihm unter anderem wirklich interessiert: Ich denke mit Blick auf die AfD ja oft, man muss die Sorgen der Menschen ernst nehmen, den Strom und das Benzin und die Mieten, all die Dinge, die sie sich vielleicht nicht mehr leisten können. Aber dann denke ich manchmal, vielleicht ist das ja auch einfach Quatsch, und den Leuten ist das alles schnurzegal, am Ende wollen die meisten AfD-Wählenden schlicht eine repressive Migrationspolitik. Und Jan A. Karon sagt: «Genauso ist es.»

«Diese ganzen zweitrangigen Themen, wirtschaftliche Zukunft, Wokeness, Gender, mögen in diesem Kulturkampf alle eine Rolle spielen», sagt der Mann vom «Glut»-Magazin. «In allererster Linie wählen die Leute aber AfD, weil zu viele Ausländer ins Land gelassen worden sind. Und weil ihre Heimat sich verändert hat, wie sie es sich nie ausgesucht haben. Weil auf einmal Weihnachtsmärkte geschützt werden müssen. Horst Seehofer hat gesagt: ‹Die Mutter aller Probleme ist die Migration.› Wenn man verstehen will, warum Leute AfD wählen, dann muss man da beginnen.»

Ich bezweifle, dass die Migration die Mutter aller Probleme ist. Jan A. Karon aber sagt, und der muss es ja wissen, sie sei zumindest die Mutter aller AfD-Stimmen.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Daniel Ryser schrieb zwei Jahre lang Reportagen für die «Weltwoche» und veröffentlichte 2018 im Echtzeit-Verlag «In Badehosen nach Stalingrad», eine nicht autorisierte Biografie über Roger Köppel und das rechte Medienmilieu in der Schweiz.
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