neuer Doppelstockzug von Siemens Mobility AG

So existiert der Siemens-Zug erst auf dem Papier: durchgehend doppelstöckig. Trotzdem wollen ihn die SBB kaufen. © SBB CFF FFS

Wenn das nur gut kommt mit den Siemens-Zügen …

Marco Diener /  Nach dem Debakel mit den Bombardier-Zügen kaufen die SBB wieder Züge, die es erst auf dem Papier gibt. Man darf gespannt sein.

Die Probleme mit den Bombardier-Doppelstockzügen haben noch immer kein Ende. Kürzlich mussten die SBB bekannt geben, dass sie an sämtlichen 62 Zügen die Drehgestelle ersetzen müssen (Infosperber berichtete darüber). Ein grosser Teil der Probleme bei den Bombardier-Zügen war darauf zurückzuführen, dass die SBB keinen Standard-Zug bestellt hatten, sondern eine Neuentwicklung.

SBB-Chef Vincent Ducrot hatte vor gut drei Jahren gegenüber dem «Tages-Anzeiger» festgehalten: «Mit unseren Anforderungen haben wir den Hersteller an die Grenzen des Machbaren geführt. Mit den Folgen hatten wir in den letzten Jahren zu kämpfen. Deshalb ändern wir nun die Strategie bei Neukäufen: Wir setzen in Zukunft auf erprobte Standardzüge. Diese haben erfahrungsgemäss weniger Kinderkrankheiten.»

Erstaunlich ist, dass das Bahnunternehmen jetzt schon wieder einen Zug kaufen will, der in dieser Form noch gar nicht existiert. Die SBB sagen es zwar nicht so. Aber es ist so.

«Viele bewährte Komponenten»

Die SBB formulieren etwas verklausuliert: «Die SBB beschafft ihre neuen Züge gemäss folgender Strategie: Bei den neuen Fahrzeugen soll eine grosse Anzahl erprobter und standardisierter Komponenten zum Einsatz kommen. Anders gesagt: Der neue Zug wird ein weiterentwickeltes Standardprodukt mit vielen bewährten Komponenten sein.»

Standardprodukt? Schauen wir uns den neuen Zug an, von dem die SBB 116 Exemplare für insgesamt zwei Milliarden Franken kaufen wollen. Es handelt sich um einen Siemens Desiro HC. HC steht für High Capacity.

Vorne und hinten einstöckig

Der Zug besteht aus angetriebenen Endwagen sowie aus einer frei wählbaren Anzahl nicht angetriebener Mittelwagen. Die Mittelwagen sind zweistöckig und niederflurig, die beiden Endwagen einstöckig. Denn auf dem Dach und im Unterboden der Endwagen befindet sich die ganze Traktionsausrüstung. Das heisst: elektrische Ausrüstung und Antriebsstrang.

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So sieht der Desiro HC von Siemens im Moment aus: zuvorderst und zuhinterst einstöckig.

Siemens schreibt dazu: «Mit der Kombination aus Singledeckmotor- und Doppelstocktrailerwagen werden höhere Passagierkapazitäten erreicht, und die Anordnung der Grosskomponenten auf dem Dach der Endwagen erleichtert die Instandhaltung und verhilft zudem zu mehr nutzbarer Fläche im Innenraum.»

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Bei den bisherigen Desiro HC von Siemens befinden sich die elektrische Ausrüstung und der Antriebsstrang auf dem Dach und im Unterboden (blau).

Die SBB wollen reine Doppelstöcker

Ausgerechnet diese Konstruktion, welche laut Siemens «die Instandhaltung erleichtert», wollen die SBB nicht. Sie haben sich für einen durchgehend doppelstöckigen und durchgehend niederflurigen Desiro HC entschieden. Das heisst: Die Traktionsausrüstung kann nicht auf dem Dach und im Unterboden der Endwagen untergebracht werden.

Infosperber wollte daher von den SBB wissen:

  • Existiert bereits ein durchgängig zweistöckiger Desiro HC?
  • Falls ja: In welchem Land und bei welcher Bahngesellschaft?
  • Welche Komponenten gehören genau zur Traktionsausrüstung?
  • Wo sollen sie in den SBB-Zügen eingebaut werden?

Keine Auskünfte: weder von den SBB noch von Siemens

Für die beiden ersten Antworten verwiesen die SBB an Siemens. Zu den beiden letzten Fragen schreiben die SBB: «Dazu können wir während des laufenden Verfahrens keine Angaben machen.»

Was natürlich eine Ausrede ist. Die SBB reden sich mit dem Rekurs heraus, den Stadler-Rail inzwischen beim Bundesverwaltungsgericht eingereicht hat. Aber die Fragen von Infosperber betreffen ja nicht beschaffungsrechtliche Belange.

Trotzdem fragte Infosperber auch Siemens. Siemens beantwortete die Fragen auch nicht, sondern kopierte stattdessen einfach einen nichtssagenden Auszug aus der Pressemitteilung zum Stadler-Rekurs. Auch Siemens behauptete, sich «während des aktuellen Beschwerdeverfahrens nicht äussern» zu können. Auch das eine Ausrede, da es ja – wie gesagt – nicht um beschaffungsrechtliche Fragen geht.

Stadler-Rail hatte das Modell «Kiss» offeriert, das bei den SBB seit Jahren in Betrieb ist. Beim Kiss müsste gegenüber dem heutigen Modell vor allem die elektronische Zugsicherung modernisiert werden. Der dritte Bewerber war Hitachi. Dem Vernehmen nach diente die Bewerbung der Japaner vor allem dazu, dass sie das Beschaffungswesen in der Schweiz kennenlernen. Ernsthaft bewerben wird sich Hitachi wohl, wenn die SBB ihre Hochgeschwindigkeitszüge beschaffen. Dort hätte Hitachi dann gute Karten. Denn die Firma hat viel Erfahrung mit solchen Zügen. So hat sie etwa für Trenitalia den «Frecciarossa» geliefert.


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4 Meinungen

  • am 19.12.2025 um 11:41 Uhr
    Permalink

    Mir drängen sich Parallelen zur Flugzeugbeschaffung auf.
    Wir da etwas ‚durchgestiert‘, fehlt Kompetenz oder sind versteckte Interessen im Spiel?

  • am 19.12.2025 um 12:13 Uhr
    Permalink

    Als Kundin kann ich nur den Kopf schütteln über die Bestellung der «Siemens-Züge».
    Das Debakel mit den Bombardier-Zügen war für die Reisenden sehr gut spürbar und es geht derzeit immer noch weiter mit den Nachbesserungen.

    Da haben wir eine innovative Schweizer-Firma wie Stadler-Rail die gewohnt gute Qualität abliefert, welche den Auftrag nicht bekommt. Es ist bekannt, was Peter Spuhler aus der kleinen Bussnanger Firma für eine im Eisenbahnbau wichtige Firma aufgebaut hat.

    Es passt alles irgendwie ins Bild: Der lukrative Bahn-Auftrag geht an die Deutschen, welche sich dank ihrer Rhetorik schon immer zu gut verkauft haben und von Trump lässt die Schweiz sich erpressen und wirft den USA noch 600 Milliarden in den Rachen. Dabei ist dieser Staat eigentlich bankrott und Deutschland auch bald.

  • am 19.12.2025 um 19:30 Uhr
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    Entschuldigung ! was läuft eigentlich da in Bern ab ? Es ist pur meine Meinung – Ducret und Konsorte sollten sofort den Hut nehmen !
    Wenn wir vor 40 Jahren so hinterlistig gearbeitet hätten, wären wir wir verdammt schnell entlassen worden und zudem noch eine saftige Strafe kassiert obwohl das Lohngefüge sagen wir mal human gegen hundertmal weniger war.

  • am 20.12.2025 um 11:23 Uhr
    Permalink

    BaZ 20.01.2019, 07:33: «SBB streitet mit Stadler Rail um rostige Züge Hersteller Stadler Rail soll sich an den Reparaturkosten für Schäden an Flirt-Zügen beteiligen – dies verlangt die SBB.»

    Handelsblatt 29.04.2024 – 12:17″Gelder von Siemens-Korruptionsskandal auf Schweizer Konten Die Schweizer Justiz darf der Staatsanwaltschaft München Informationen zu Bankkonten übermitteln, die im Zusammenhang mit einem alten Korruptionsskandal um den deutschen Siemens-Konzern stehen.»

    Interessante Aussage im Artikel: «Nach dem Debakel mit den Bombardier-Zügen kaufen die SBB wieder Züge, die es erst auf dem Papier gibt. Man darf gespannt sein.» Wie man hört, könnten immer noch die SBB-Entscheidungsmacher sehr verärgert sein, wegen den rostigen Stadler-Zügen und den Streit wer die Zeche bezahlt. Es soll auch bekannt sein, dass Siemens in Korruptionsskandale verwickelt gewesen sein soll. Könnte wohl auch sein, dass der deutsche Bundeskanzler für Siemens geworben hat
    Gunther Kropp, Basel

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