Statt im Hamsterrad drehen, lieber auf der Hängematte liegen

Werner Vontobel /  Wir wären besser dran, wenn die Ökonomen und Wirtschaftspolitiker den Markt nicht für die ganze Wirtschaft halten würden.

upg. Wachstum und Wohlstand werden am monetären Konsum gemessen. Um diesen zu steigern, sollen wir uns Geld verdienen. Doch die Lehre der Ökonomie müsse endlich zur Kenntnis nehmen, dass viele Bedürfnisse effizienter ohne Geld befriedigt werden können. Das erläutern Werner Vontobel und Fred Frohofer in ihrem Buch «Eine Ökonomie der kurzen Wege». Wir geben hier einem der Autoren das Wort.

Die Wirtschaft ist zum Hamsterrad verkommen

Es ist immer dieselbe Leier: Konsum und Investitionen fördern, damit nicht noch mehr Menschen den Job verlieren. Oder anders formuliert: Nachfrage nach Gütern schaffen, damit Nachfrage nach Arbeit entsteht. Die Wirtschaft ist zum Hamsterrad geworden. Wer nicht schnell genug läuft, fällt raus. Dass wir uns in diesem Rad gefangen fühlen, kommt daher, dass die Ökonomie zu einer Wissenschaft von der Maximierung des BIP durch die Schaffung von Nachfrage verkommen ist. Letztlich geht es aber nicht um die Nachfrage, sondern darum, unsere Bedürfnisse zu befriedigen.

Zu diesem Zweck muss der Mensch seine produktiven und reproduktiven Tätigkeiten koordinieren. Je nach Definition dieser Tätigkeiten werden nur 20 bis 40 Prozent unserer Arbeit über den Markt koordiniert. Der grosse Rest, die unbezahlte Arbeit, gehorcht ganz anderen Regeln. Beide Koordinationsmechanismen haben ihre Vor- und Nachteile. Es stellt sich deshalb die Frage nach dem richtigen Mix. Welche unserer produktiven Tätigkeiten sollen wir über den Markt koordinieren und welche sollten wir lieber der geldlosen Bedarfswirtschaft überlassen?

Gemessen am Kriterium der Bedürfnisbefriedigung und des Ressourcenverzehrs ist der Markt ein extrem teurer Koordinationsmechanismus. Bevor man anpacken kann, muss man erst fünf Ausbildungen machen, hundert Bewerbungen schreiben, Assessments durchlaufen, lange Arbeitswege auf sich nehmen. Es braucht Werbung, Unmengen an Transport, eine ausufernde und übermächtige Finanzindustrie etc. Aus der Sicht der Marktwirtschaft sind diese Kosten aber lauter willkommene Beiträge zum BIP. Je höher das BIP, desto besser.

Der Markt reagiert nicht auf Bedürfnisse

Doch dahinter steckt ein noch grösseres Problem: Der Markt reagiert grundsätzlich nicht auf Bedürfnisse, sondern bloss auf monetäre Nachfrage – die er selber schafft. Und zwar auf eine Weise, die punkto Befriedigung der Bedürfnisse nicht sehr zielführend ist. Heute entfallen typischerweise gut 80 Prozent der Markteinkommen auf die reichere Hälfte der Haushalte. Das heisst, dass die Marktwirtschaft ohne staatliche Umverteilung nicht überlebensfähig ist. Nur dank dem Staat und seinen Renten kann auch der ärmere Teil der Bevölkerung überleben. Das ist letztlich eine sehr aufwändige und mit viel sozialem Stress verbundene Methode der Beuteteilung. Die Bedarfswirtschaft mit ihrem Primat des Teilens kann das besser

Anders als es der übliche Sprachgebrauch von der «Marktwirtschaft» wahrhaben will, ist der «Marktanteil» der reinen Konkurrenzwirtschaft relativ klein. Diese eignet sich nur für private  Güter, die man aus dem laufenden Einkommen bezahlen kann. Schon für die Finanzierung und Bereitstellung von privaten aber sporadischen Dienstleistungen wie die Ausgaben für die Erziehung der eigenen Kinder oder für die Gesundheitsausgaben braucht es den Staat. Das gilt erst recht für echte öffentliche Güter wie Sicherheit, Umweltschutz und Infrastrukturen. Und dann ist das noch der grosse Bereich der geldlosen Bedarfswirtschaft innerhalb von Familien und Nachbarschaften.

Der grosse Vorteil der Marktwirtschaft liegt darin, dass sie den engen Kreis von Familie, Sippe und Nachbarschaft sprengt und einen Austausch unter Fremden – und damit auch eine weitgehende Spezialisierung erlaubt. Der Preis des Austauschs unter Fremden sind die hohen Aufwendungen für die Herstellung des Vertrauens: Es braucht ein staatlich kontrolliertes Finanzsystem, eine Justiz, eine Arbeitsmarktbürokratie etc. Für den Austausch unter Bekannten hingegen sind wir seit Jahrmillionen genetisch programmiert. Die Organisation der Arbeit und die der Gesellschaft gehen Hand in Hand.

Verfügbare Zeit für den Markt oder für die Bedarfswirtschaft

Die beiden Koordinationssysteme des Marktes und der Bedarfswirtschaft ergänzen sich nicht nur, sondern sie konkurrenzieren sich auch. Beide greifen auf dieselben zeitlichen und materiellen Ressourcen zurück. Die Zeit, die wir auf dem Arbeitsweg oder im Büro verbringen, fehlt zuhause. Mit ihren Anforderungen an die räumliche Mobilität und zeitliche Flexibilität schwächt die Marktwirtschaft die Familien und Nachbarschaften und damit die «Produktionsstätten» der Bedarfswirtschaft. Diese ist auf räumliche soziale Nähe angewiesen. Nur so kann das Vertrauenskapital gebildet werden, auf das auch die Marktwirtschaft angewiesen ist.

Zu viel Markt ist ungesund. Doch ohne geht es auch nicht. Es stellt sich somit die Frage nach der optimalen Dosierung. Doch da kommen wir um eine ernüchternde Feststellung nicht herum: Unsere auf den Markt und auf die Maximierung des BIP verengte Volkswirtschaftslehre ist nicht in der Lage, diese Frage zu beantworten, ja sie kann sie nicht einmal stellen. Dazu fehlt ihr schlicht das intellektuelle Rüstzeug.

Grundbausteine für eine umfassende Wirtschaftslehre

In unserem Buch «Eine Ökonomie der kurzen Wege» haben Fred Frohofer und ich versucht, die Grundbausteine einer umfassenden Wirtschaftslehre zu erarbeiten. Wir stützen uns dabei auf die Vorarbeit von Ethnologen, Anthropologen, Hirnforschern, experimentellen Ökonomen usw. Von ihnen haben wir – vereinfacht gesagt – gelernt, welche Koordinationsmechanismen die Evolution in die Gehirne der Menschen hinein programmiert hat. Nur wer diese zur Kenntnis nimmt, kann das Gesamtkunstwerk der Wirtschaft wenigstens ansatzweise begreifen.

In einem praktischen Teil zeigen wir, welche erfreulichen Perspektiven sich ergeben, wenn wir endlich eine an den Bedürfnissen statt an der Nachfrage orientierte Wirtschaftspolitik betreiben würden. Diese hat viel mit Raumordnung und Städtebau zu tun. Es geht darum, die soziale und räumliche Nähe zu schaffen, auf welcher die Effizienz der Bedarfswirtschaft beruht. Unsere Berechnungen deuten an, dass wir mit einer Ökonomie der kurzen Wege mit einem Drittel weniger bezahlte Arbeit (sprich weniger Leerlauf) ein höheres Mass an Bedürfnisbefriedigung erreichen können.

Neben dem Hamsterrad lockt die Hängematte.

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Cover Ökonomie kurze Wege
Buchcover

Fred Frohofer und Werner Vontobel: «Eine Ökonomie der kurzen Wege», 2021, Rotpunktverlag 17.00 CHF (+ 3 CHF Versandkosten); Ex Libris 14.40 CHF (keine Versandkosten), Amazon 15 Euro (kostenlose Lieferung in Deutschland).
Aus der Verlagsmitteilung: Nur wenige Bedürfnisse befriedigt der Markt, vieles die geldlose Bedarfswirtschaft, die wie seit eh und je auf Gegenseitigkeit beruht. Doch sie gilt als ineffizient, weshalb sie in den letzten hundert Jahren vom Markt zurückgedrängt wurde. Die Ökonomielehre sieht sich heute praktisch ausschliesslich als Wissenschaft der Märkte und des ewigen Wachstums. 


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Werner Vontobel ist Co-Autor des Buches.
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.

Zum Infosperber-Dossier:

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Führt Wachstum zu Glück oder Crash?

Geht uns die Arbeit aus, wenn wir nicht ständig mehr konsumieren? Oder sind die Renten in Gefahr?

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7 Meinungen

  • am 27.06.2021 um 11:43 Uhr
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    Dieses Wirtschaftssystem wird doch nur noch durch Bull Shit Jobs (Jobs ohne Nutzen) und ständige Neuerungen, auch Innovation genannt, am Leben gehalten. Nicht selten ist auch die grüne Welle an diesem Unfug beteiligt. Noch umweltfreundlicher, noch energiesparender, noch klimafreundlicher sollen das neue Produkte sein. Über die bereits bei der Herstellung entstehenden Abfälle und den dabei entstehenden Energieverbrauch hört man nichts.
    Denn in den Industrienationen wären sonst die Bedürfnisse längst abgedeckt, wenn nicht immer mehr Dinge zu kurzlebigen Modeartikeln mit geplanter Obsoleszenz würden.
    https://utopia.de/galerien/geplante-obsoleszenz-beispiele-murks-produkte/#1
    Hauptsache es können Umsätze, Arbeitsplätze und Gewinne realisiert werden. Und natürlich muss alles immer schneller gehen. Geduld? Genügsamkeit? Das war früher. Einzig Corona hat etwas auf die Bremse gedrückt und man musste halt manchmal auf irgendwelche Artikel warten, da nicht lieferbar.
    Triebfedern für diesen ganzen Wahnsinn: Geld, bestehend aus bedrucktem Papier und nackte Zahlen in irgendeinem Computer. Und der heute unbewusste Glaube aus der Martin Luther Bibelreform, wonach nur wer ein Workaholic ist ein gottgefälliges Leben führt. Trägheit und Müssiggang ist auch heute noch verpönt.
    https://www.zeit.de/karriere/2016-11/martin-luther-reformation-arbeit-kapitalismus
    Wäre es nicht besser für den Planeten, wenn alle ein bisschen mehr chillen würden? So fragt Hazel Brugger in einem Blog.

    1
  • am 27.06.2021 um 11:47 Uhr
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    Neben dem Hamsterrad lockt die Hängematte.

    Interessanter Artikel, jedoch eine Ilusion solange wir in einer Demokratie der Reichen verweilen. Erst die Überwindung der Plutokratie würde die Möglichkeit für die Mehrheit der Menschen schaffen, aus dem Hamsterrad zu entkommen.

    0
  • am 27.06.2021 um 12:13 Uhr
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    Das, was sich Markt-Wirtschaft nennt, und sich stetig neu bebauchpinselt, halte ich für den -mit Abstand grössten- Kokolores und die mit Abstand übelste Manipulation aller Zeiten:

    Vor gut 100 Jahren war unsere und die Muskel-Kraft unserer Tiere
    und ein winzig bisschen Wasser- und Wind-Kraft DIE Lebens-Grundlage.

    Mittlerweile sind all die Kräfte, die wir zusätzlich zur Nutzung erschliessen konnten
    (Erdöl, Gas, Sonne, Wind, Staudämme … … )
    zig Mal grösser, als DAS, was vor gut 100 Jahren an Energieen verfügbar.

    Also -LOGO- müssten wir zu etwa 50% – 95% auf rein menschliche Arbeit verzichten können- und es würde uns trotzdem 2 – 20 -fach «besser» gehen (können) als noch vor gut 100 Jahren.

    Die «Problematik unsres Daseins» liegt darin,
    1. dass es -nach wie vor- zu viele Menschen gibt, die es sich nur deswegen «ganz besonders gut gehen lassen können» weil sie aus der Tätigkeit vieler anderer Menschen Nutzen ziehen.
    2. dass auch alle anderen Menschen, deren Grundbedürfnisse (Essen, Wohnung, Kleidung) bestens gestillt sind, sich immer wieder von Neuem zu «Zusatz-Nutzen»
    verführen und manipulieren lassen
    3. Das Schlimmste sind Produkte, deren Lebensdauer absichtlich -im Einverständnis mit Regierungen- kurz gehalten wird (typisch: Glüh-Lampe), damit auch die sinn-loseste Art Beschäftigung + Müll nicht ausgeht.

    Selbst mit weniger als halber «Beschäftigung» ginge es uns gut !

    Mangels «Platz» beschränke ich mich auf diese Denk-Anstösse.

    Wolf Gerlach, Ingenieur

    0
  • am 27.06.2021 um 16:36 Uhr
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    Zuerst will ich natürlich das Buch lesen um im die Autoren im Detail zu verstehen.
    Für mich ist der Ansatz allerdings nicht neu und von grosser Bedeutung für unsere Gesellschaft.
    Ein Thema wärren die Gesundheitsausgaben, wo ich die Verantwortung deutlich vom Staat fernhalten würde. Gesundheit ist Privatsache und da soll der Staat keine Eltern- oder andere autoritäre Funktionen innehaben.
    Echte räumliche und soziale Nähe können unsere Gesellschaft sicher sehr positiv stimulieren.

    4
  • am 29.06.2021 um 11:50 Uhr
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    Ein Heissluftballon ist vom Kurs abgekommen und treibt orientierungslos über Berge und Täler . Die beiden Piloten entdecken tief unten einen Wanderer. «Wo sind wir?», rufen sie ihm zu. «Ihr seid in einem Ballon!» lautet die Antwort. «Die Antwort ist präzise, formal korrekt und absolut nutzlos, der Mann muss ein Ökonom sein», sagen die frustrierten Ballonfahrer. (Quelle: Editorial «Zeit-Punkte», Nr. 3, 1993.)

    So ist es, Wirtschaftswissenschaften sind eben keine Wissenschaften, sie sind die schlimmeren Dogmen als die Religionen, nicht nur nutzlos, sie sind perfide Werkzeuge in den Händen des «Raubaffen Mensch» (Dürrenmatt), der seine Gier mit Marktwirtschaftstheorien tarnt.

    Viel Glück für «Ökonomie der kurzen Wege». Ich stifte gerne ein Exemplar für die HSG!

    1
  • am 30.06.2021 um 05:30 Uhr
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    Sehr geehrter Herr Schenk,
    mein heutiges Tag beginnt bestens da ich das seltene Glück hatte,
    mit Ihnen einem Menschen zu begnen,
    der sich von dem Firlefanz einiger Menschen,
    die sich brüsten, vom Stamm der Aka de Miker zu sein,
    NICHT beeindrucken lässt !

    MEIN Jahr 2021 fängt wohl doch noch gut an !
    Ich grüsse Sie herzlich –
    mit herzlichstem Dank auch an Vater und Mutter Ihrerseits !

    Wolf Gerlach, Ingenieur

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