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Speisesoja stammt so gut wie nie aus Braslien oder Argentinien. © public-domain bigfatcat/pixabay

Tofu und Co. vernichten keinen Regenwald

Daniela Gschweng /  Was oft behauptet wird, wird nicht wahrer: Sojakonsum zur Ernährung in Europa hat mit Brandrodung nichts zu tun.

Viele Vegetarier, Veganer und auch einige informierte Zeitgenossen verdrehen die Augen, wenn es heisst: «Aber für deine Sojamilch wird doch Regenwald verbrannt!». Der Mythos hält sich hartnäckig. Wer Tofu isst und Sojamilch trinkt, ist demnach am Abholzen des Regenwaldes mitschuldig. Das ist falsch.

Die Behauptung, die immer wieder irgendwo auftaucht, ist ein Fehlschluss aus zwei bekannten Tatsachen. Die eine: In tropischen Ländern wird viel Regenwald abgeholzt, um auf dem gerodeten Land Sojabohnen anbauen zu können. Die andere: Tofu und Sojamilch werden aus Sojabohnen hergestellt. Beides ist richtig, aber die Schlussfolgerung nicht. Das liegt an zwei Dingen: den Mengenverhältnissen und der Qualität.

Menge: Soja aus Brasilien geht hauptsächlich in die Tiermast

Vor allem in Südamerika werden riesige Urwaldgebiete gerodet, um darauf Sojaplantagen anzulegen. Das stimmt. Sojamehl oder -schrot werden dann hauptsächlich nach Europa und in die USA exportiert. Der allergrösste Teil davon wird als Proteinfutter für Tiere gebraucht. Ein kleiner Teil der Ernte wird zu Sojaöl verarbeitet, das in Nahrungsmitteln und Kosmetika wieder auftauchen kann. Die Mengen- und Marktverhältnisse hat Infosperber im Artikel «So viel verbrannter Regenwald steckt im Steak» dargelegt.

Nur ein bis zwei Prozent der weltweiten Sojaproduktion wird von Menschen direkt verzehrt, kaum etwas davon stammt aus Südamerika. Das liegt neben dem viel grösseren Bedarf der Nutztierhaltung auch an der Pflanze selbst. Soja ist empfindlich, vor allem gegen Schädlingsbefall. Ein Problem, das sich in grossen Monokulturen noch verstärkt. Sojapflanzungen werden deshalb oft mit Pestiziden behandelt und es macht die Pflanze interessant für gentechnische Manipulationen.

Qualität: in Europa vorzugsweise «bio»

Konsumenten und Konsumentinnen in Europa möchten nur ungern Gentechnik auf dem Teller haben. Soja-Lebensmittel haben deshalb in der Regel ein Bio-Siegel. Aus Argentinien, Brasilien und Paraguay, die grosse Mengen produzieren, kommt aber kaum Soja in Bio-Qualität. Deshalb verwenden europäische Hersteller vor allem einheimische Ware.

Das deutsche Nachhaltigkeitsportal «Utopia» hat im Januar Hersteller und Händler von Tofu und Sojamilchgetränken von «Aldi» bis «Tukan» nach der Herkunft ihrer Sojabohnen gefragt. Keine einzige der Handelsketten «Aldi», «Lidl», «Edeka», «dm», «Kaufland», «Rewe» und «Rossmann» verwendet demnach Sojabohnen, die ausserhalb Europas gewachsen sind. Von den gängigen Marken gibt nur «Alpro» an, auch Sojabohnen aus Kanada zu verwenden. «Provamel» wollte zur Kennzeichnung «EU/Nicht-EU-Landwirtschaft» auf dem «Sojadrink ohne Zucker» keine Angaben machen.

Herkunft: Aus der Schweiz und Europa

«Swissveg», das 2015 Schweizer Händler und Produzenten befragt hat, kommt zum gleichen Schluss. Die Grossverteiler Coop und Migros verwenden hauptsächlich Speisesoja aus der noch kleinen Schweizer Sojaproduktion oder sonst aus Europa. In einigen Produkten der Migros steckte auch Bio-Soja aus China, was sich mittlerweile geändert hat. «Soyana» und «Engel» bezogen die Bohnen hauptsächlich aus Italien.  

Der Regenwald leidet trotzdem

Was aber stimmt: Konsumentinnen und Konsumenten in europäischen Ländern vernichten durch ihren Konsum ständig Wälder in anderen Ländern, vor allem durch den Verbrauch von Holz, Kaffee und Palmöl. Nach einer Studie, die im März in «Nature Ecology & Evolution» erschienen ist, vernichtete so jeder Einwohner eines G7-Landes zwischen 2001 und 2015 in jedem Jahr vier Bäume.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine.

Zum Infosperber-Dossier:

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«Fair Trade» und «Bio»

Viele zahlen für fairen Handel und für echte Bio-Produkte gerne mehr. Das öffnet Türen für Missbrauch.

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3 Meinungen

  • am 19.04.2021 um 12:41 Uhr
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    Da steht:»Viele Vegetarier, Veganer und auch einige informierte Zeitgenossen verdrehen die Augen, wenn es heisst: «Aber für deine Sojamilch wird doch Regenwald verbrannt!»

    Regenwald – auch andere Umweltsünden werden immer den einzelnen Verbrachern angelastet. Sins sie die Umweltsünder? Ist es der Mensch im Allgemeinen, der mit seiner Umwelt sträflich umgeht?
    Wie steht es da um die Umweltsünden der Staaten, derRegierenden?
    Wodurch wird die Umwelt massivst vernichtet? Ist es tatsächlich der Individual-Verkehr?

    Da werden weltweit Kriege durchgeführt und wenn gerade kein Krieg zur Hand ist, werden tausende Soldatem mit samt der umfassenden Technik quer durch Europa gekarrt, denn Manöver können nun mal nur in der unmittelbaren Nähe der «aggressiven» Russen, oder aber im Südchinesschen Meer, geführt werden.Sie sollen Angst bekommen, oder aber wenigstens etwas provoziert werden. Könnte ja sein, es springt ein neuer Krieg dabei heraus.
    Es werden viele sagen, das geht doch nicht – dann geht die Ganze Welt zugrunde. Hat es bei denen, die KRIEG wollen, schon mal Entscheidungen gegeben, die vorher unter moralischen Gesictspunkten durchdacht wurden?

    Ich bin für Umweltschutz – dazu muß als erstes der Krieg aus der Politik gebannt werden, da er der größte Umweltschädling ist, vollkommen nutzloserscheint und nur für eine kleine Gruppe von Verbrechern Gewinne bringen kann – den Rüstungs- und Finanzbossen. Da muß angesetzt werden, dann können alle Probleme gelöst werden

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  • am 19.04.2021 um 16:24 Uhr
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    Danke für den Bericht. Es geht mir immer wieder unsäglich auf die Nerven, wenn mit falschen Informationen «Meinungen» gemacht werden. Der Krieg zwischen Veganer und Kreophagen (Alles-Esser) bringt die schaurigsten Geschichten hervor. Die Kreophagen seien Schuld, wer Fleisch essen würde, sei mitschuldig an Krieg, Umweltverschmutzung und am Elend der Tiere, sagte mir einst eine junge Dame, wobei sie einen Mantel trug, für den mindestens 10 Hasen ihr Leben lassen mussten. Sie war absolut fanatisch überzeugt davon. Die Fleischesser und ihre Industrie wehrt sich dagegen, die fleischessenden Konsumenten fühlen sich moralisch an die Wand gedrückt, da das Tierelend eine Realität ist, und wehren sich mit Argumenten, welche oft nicht der Realität entsprechen. Wieder einmal spielen Internet-Marketingbüros bei diesen Geschichten eine grosse Rolle. Die Bio-Veganer Industrie kontra Fleischindustrie und umgekehrt. Schnell wird eine Story geschrieben, und wer mit den richtigen Tags (Wiederauffindbare Such und Stichwörter für die Suchmaschinen) Webseiten programmieren kann, kann schnell eine Un oder Halbwahrheit verbreiten, welche in der Computersprache als «Viral» bezeichnet wird, weil diese sich sehr schnell verbreitet im Internet. Der Lebensmittelchemiker Udo Pollmer auf Youtube unter «Brotzeit» zu finden, Mitarbeiter des Projektes «Das Eule» lässt ebenfalls solche Ernährungs-Mythen platzen, dass es wie das Lesen des Infosperbers, so richtig wohl tut.

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  • am 19.04.2021 um 17:15 Uhr
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    Exzellente, mit Zahlen untermauerte Klarstellung – vielen Dank! Dass es nur noch 2% des Soja ist, das von Menschen verzehrt wird, hat jetzt sogar noch mit überrascht (in asiatischen Ländern sind ja Soja-Produkte sehr verbreitet). Das zeigt aber nur welch gigantisches Ausmass unsere Tiermast angenommen hat.

    Beim letzten Abschnitt hätte ich gerne eine differenzierte Aufschlüsselung gesehen. So im Stile von: Regenwaldverlust pro Kilo Fleisch respektive pro Kilo Kaffee respektive pro Kilo Palmöl. (Oder irgendeine andere anschauliche Vergleichseinheit.)

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