Kaffeebauern in Mexiko protestieren gegen Nestlé: «Wenn Armut eine Tatsache ist, dann ist Demonstration ein Recht.» © PublicEye 

Nestlés Dumpingpreise im Kaffee-Paradies Mexiko

Susanne Aigner /  Kaffeebauern klagen über Dumpingpreise. Laut Nestlé zahlt der Konzern «marktübliche» Preise. Public Eye recherchierte vor Ort.

Im mexikanischen Chiapas protestierten im Februar dieses Jahres rund 200 verzweifelte Bauern gegen die niedrigen Verkaufspreise für ihren Kaffee. In Tapachula, dem Hauptort der Kaffeeregion Soconusco, verbrannten sie auf den Strassen gefüllte Kaffeesäcke.

Vielen Kleinbauernfamilien ging bereits ein halbes Jahr nach der Kaffeeernte das Geld für Essen aus. Infolgedessen leiden die Menschen unter flächendeckender, zum Teil extremer Armut. Viele gerieten in eine Schuldenspirale mit verheerenden Folgen wie unzureichender Gesundheitsversorgung, fehlender Bildungschancen bis hin zu saisonaler Mangelernährung. Auch Kinderarbeit ist auf den zumeist kleinen Farmen ein grosses Problem. 

Einer Recherche der NGO «Public Eye» zufolge zahlt der Nahrungsmittelkonzern in der diesjährigen Erntesaison Preise, die real noch niedriger sind als im vergangenen Jahr. Die Preise liegen unter den Produktionskosten.


«Faktisch sind wir Sklaven von Nestlé»

Sklaven von Nestlé

Konkret sagen die Kaffeebauern und -bäuerinnen in Chiapas, sie erhielten von Nestlé weniger als ein Prozent des Verkaufspreises der Nescafé-Produkte. Und das, obwohl die Bauern mit höheren Produktionskosten zu kämpfen haben. Im gleichen Zeitraum stieg der Robusta-Börsenpreis um 50 Prozent. Nestlé in Mexiko verwies die Bäuerinnen und Bauern an die lokalen Zwischenhändler, die aber ebenso in die Ausbeutungsspirale eingebunden sind und über keine Macht verfügen, Preise festzulegen. 

Er sei mit Versprechen höherer Produktivität und höherer Erträge zum Umstellen von Arabica auf die widerstandsfähigere Robusta überredet worden, beschwert sich ein Bauer. Diese Kaffeeart sei jedoch qualitativ minderwertig und erziele entsprechend geringere Preise. Weil sonst kaum jemand Robusta kaufe, seien die Bauern seither von Nestlé abhängig. Zudem gebe es mit den Setzlingen praktisch nur höhere Erträge, wenn man Dünger einsetze, sagte die Bäuerin Marbella Salas. Doch diesen könnten sich viele nicht leisten. «Faktisch sind wir Sklaven von Nestlé», erklärt er. Wegen Trockenheit drohe zudem die Ernte noch schlechter auszufallen. 


Nescafé-Plan lockt mit falschen Versprechen

2010 hatte Nestlé eine spezielle Initiative ins Leben gerufen, den sogenannten Nescafé-Plan. Mit dem Motto «‹Grown Respectfully› – nachhaltiger Kaffeeanbau mit Respekt» verspricht Nestlé eng mit den Bauern zusammenzuarbeiten und sie zu unterstützen, um für sie einen höheren Lebensstandard zu erreichen. Der Rohstoff Kaffee, den Nestlé hier einkauft, wird sogar mit dem Etikett «Verantwortungsvoll produziert» vermarktet. Dem Konzern-Versprechen zufolge profitieren die Bäuerinnen und Bauern im Rahmen des Nescafé-Plans angeblich von Schulungen und besonders ergiebigen Robusta-Setzlingen.

Nestlé habe denjenigen Bäuerinnen und Bauern, die am Programm teilnehmen, umgerechnet sechs Rappen mehr pro Kilo Kaffeebohnen versprochen. Doch dies sei nur Theorie, weil die Einkäufer den Preis über Qualitätsbeanstandungen wieder drücken würden, so die Kritik.


Bauern fordern faire Preise 

Die Preisdrückerei steht in fundamentalem Widerspruch zum Bekenntnis des Konzerns, in seinem «Living Income Action Plan» die Interessen der Bauern mit dem Nescafé-Plan zu fördern. Nestlés Marketing-Initiative Nescafé-Plan ist angesichts der realen Umstände eher Schönfärberei und Zynismus. «Wir leben vom Kaffee, wir haben Familien zu ernähren. Aber mit dem Preis, den uns Nestlé zahlt, geht die Rechnung nicht auf», klagen die Bauern. 

Sie befürchten, dass der Konzern die aggressive Billig-Einkaufspolitik noch verschärfen werde. Auch weltweit leben die Kaffeebäuerinnen und -bauern zum Teil in extremer Armut mit weniger als 1,90 Dollar pro Tag. In einer Petition fordern sie, dass Nestlé ihnen endlich faire, kostendeckende Mindestpreise bezahlt. 


Nestlé geht auf Preisforderungen nicht ein

Auf Anfrage der Online-Zeitung «20 Minuten» erklärte die Nestlé-Zentrale, der Kaffeepreis werde vom Handelsmarkt bestimmt und man zahle wettbewerbsfähige Preise. Zudem habe Nestlé Mexiko mit verschiedenen Parteien an Arbeitstreffen teilgenommen und an Lösungen gearbeitet, die allen Akteuren der Kaffeewertschöpfungskette zugutekämen. 

In Chiapas nähmen mehr als 7000 Kaffeeproduzenten am oben genannten Vorzeigeprojekt Nescafé-Plan teil. Dieser etwa helfe den Kaffeebauern, ihre «Produktivität zu steigern», ihre «Produktionskosten zu optimieren» und ihre «Einkommensquellen zu diversifizieren». Zudem gebe es eine Prämie für verantwortungsvoll angebauten Kaffee und für die Qualität.

Der Konzern garantiere keine Mindestpreise, biete aber «die wettbewerbsfähigsten Preise auf einem offenen Markt» sowie «je nach Herkunft und geforderter Qualität» einen «Aufschlag für Kaffee aus verantwortungsvollen Quellen», schreibt Nestlé in einer Vorab-Stellungnahme zur Public-Eye-Recherche.

In Mexiko setze sich Nestlé «stark für eine verantwortungsvolle und nachhaltige Beschaffung von Kaffee» ein. Mit keinem Wort ging der Konzern auf die Fragen zur spezifischen Situation in der Kaffeeregion Soconusco (siehe oben) und auf die Proteste der Kaffeebauernfamilien ein.


«Konzerne müssen Produzenten faire Mindesteinkommen garantieren»

Die kürzlich verabschiedete EU-Richtlinie zur Konzernverantwortung sieht vor, dass Unternehmen im Rahmen ihrer Sorgfaltspflichten das Recht auf existenzsichernde Einkommen respektieren müssen.

Public Eye fordert, dass die Schweiz bei Annahme des EU-Konzernverantwortungsgesetzes Gesetzeslücken schliesst. Sie muss darauf achten, dass Regeln zur Achtung der Menschen- und Umweltrechte durch Konzerne durchgesetzt werden. Unternehmen wie Nestlé müssten im Rahmen ihrer Sorgfaltspflichten das Recht auf existenzsichernde Einkommen respektieren.

Nestlé mit über 11 Milliarden Franken Gewinn

Der Nahrungsmittelriese Nestlé wies im Jahr 2023 einen Gewinn von 11,2 Milliarden Franken aus.  Die grösste Produktekategorie ist Kaffee mit Marken wie Nescafé und Starbucks. Nestlé ist die Nummer eins im globalen Kaffeegeschäft und verkündet hohe ethische Ansprüche: Ab 2025 soll Nestlés Kaffee nach eigenen Angaben zu 100 Prozent aus verantwortungsvoller Produktion stammen. Seit über zehn Jahren verspricht Nestlé mit seiner Marketing-Initiative Nescafé-Plan den Kaffee-Produzenten faires Einkommen. 

Die Versprechen hält Nestlé nicht ein.

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NACHTRAG
Am 11. Juni wurden an diesem Beitrag einige Präzisierungen angebracht.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.

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2 Meinungen

  • am 11.06.2024 um 20:19 Uhr
    Permalink

    Man kann bedauern haben mit den Kaffee-Bauern. Man kann sie aber auch unterstützen. Es gibt Alternativen zum Kaffee von Nestlé.

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