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Der Gentech-Konzern Monsanto verspricht in seiner Werbung das Blaue vom Himmel © -

Gentechnik-Industrie: Werbung und Wirklichkeit

Kurt Marti /  Die Gentech-Lobby verspricht höhere Erträge und weniger Gifte. Die Realität sieht anders aus. Knallhartes Lobbying ist die Folge.

Die Gentech-Industrie malt in ihrer Werbung die Welt in den schönsten Farben. Zum Beispiel Monsanto Deutschland behauptet, dass die Gentechnologie einen höheren landwirtschaftlichen Ertrag liefert, die natürlichen Ressourcen schont, den Landwirten einen höheren Lebensstandard bietet und den Hunger bekämpft. Die Realität in den Gentech-Ländern USA, Argentinien und Brasilien sieht ganz anders aus, wie der aufwendig recherchierte ARD-Report «Die Propagandaschlacht um die Gentechnik» eindrücklich vor Augen führt (siehe Link unten). Dabei gehen die ARD-Reporter auch der brisanten Frage nach, wieso die Gentechnik im gentech-kritischen Europa auf dem Vormarsch ist – trotz der offensichtlichen Misserfolge und hohen Risiken.

Glyphosat-Resistenzen auf 60 Prozent der Felder

Schauplatz USA/Iowa: Der Bauer Doug Doolittle baut dort schon seit 20 Jahren Gen-Soja und Gen-Mais an, und zwar immer im Kombipaket mit dem Herbizid Roundup und dessen Inhaltsstoff Glyphosat. Dieses lässt nur die Gen-Pflanze am Leben und tötet alle anderen Pflanzen ab. Am Anfang war das laut Doolittle «eine wirklich gute Sache», doch «seit einigen Jahren wirkt das Unkrautmittel nicht mehr.» Das Unkraut ist immun gegen Glyphosat geworden und spriesst nun stärker als je zuvor. Deshalb setzt Doolittle immer mehr andere, teurere Herbizide ein.

Laut Professor Mike Owen, Unkrautexperte an der Universität Iowa, haben «rund 60 Prozent der Soja- und Maisfelder in Iowa genau dieses Problem mit den Glyphosat-Resistenzen.» Owen wirft der Gentech-Industrie vor, sie habe den Landwirten immer suggeriert, «ihr müsst euch keine Sorgen wegen Resistenzen machen. Ihr braucht niemals ein anderes Herbizid. Weil Unkraut niemals resistent gegen Glyphosat werden wird, aufgrund des speziellen Wirkungsmechanismus.» Fazit: Die Erträge der Gen-Pflanzen sinken, der Herbizid-Einsatz steigt und die Bauern sind unzufrieden.

Politischer Druck der US-Regierung

Die Liste der Negativ-Meldungen über die Gentech-Industrie ist lang. Trotzdem ist die Gentechnik im gentech-kritischen Europa auf dem Vormarsch. Das ist das Resultat einer starken Gentech-Lobby, der es hinter den Kulissen immer wieder gelingt, Landesregierungen und die EU-Kommission in Brüssel einzuseifen. Wolfgang Koehler war bis zu seiner Pensionierung Leiter des Referats für Gentechnik im deutschen Bundeslandwirtschaftsministerium. Heute kann er offen über den politischen Druck sprechen: «Ich habe verschiedentlich erleben müssen, wie die Regierung der USA Druck auf kleinere Staaten ausgeübt hat.»

Als Koehler Präsident des UN-Gremiums für Grüne Gentechnik (Cartagena-Protokoll) war, hatten ihm Kollegen berichtet, «dass sie bestimmte Einigungen am Vorabend nicht mehr aufrecht erhalten konnten, weil offensichtlich der amerikanische Botschafter bei ihren Heimatregierungen interveniert hatte». Beispielsweise sei die serbische Regierung «vom amerikanischen Botschafter unter Druck gesetzt» worden, doch «möglichst schnell die dortige gentech-kritische Regierungspolitik zu ändern, weil es ansonsten auf anderen Gebieten Konsequenzen hätte.»

Nach Nord- und Südamerika ist nun auch Europa verstärkt im Visier der Gentech-Industrie. Ein Strategie-Papier der Gentech-Lobby, das den ARD-Reportern zugespielt wurde, zeigt im Detail, wie die Gentechnik endlich den Durchbruch auch in Europa schaffen und wie die Unterstützung der einzelnen Landesregierungen erreicht werden soll. Das Strategie-Papier kam unter Beteiligung von EuropaBio zustande, dem internationalen Lobbyverband der Gentech-Industrie, bei dem auch die Swiss Biotech Association Mitglied ist. Laut ARD-Report tauchen die wesentlichen Punkte des Gentech-Strategiepapiers in einem Vorschlag der EU-Kommission zur Zulassung der Grünen Gentechnik in Europa wieder auf.

«In Argentinien hat sich die Art zu sterben verändert»

Schauplatz Argentinien: Europa ist über die Importe von Gen-Soja, Gen-Mais und Gen-Baumwolle in den Markt mit Gentech-Produkten eingebunden. Die Importe stammen hauptsächlich aus Argentinien und Brasilien. Dort werden die Felder aus Flugzeugen mit Glyphosat besprüht und das Pflanzengift wird mit dem Wind in die Dörfer geweht. Beispielsweise im argentinischen San Salvador. Laut Andrea Kloster von der Bürgerinitiative «Todos por todos» sind dort die Auswirkungen auf die Gesundheit offensichtlich: «Fast jede zweite Familie hat jemanden an Krebs verloren.»

Professor Damián Verzeñassi von der Medizinischen Universität Rosario hat 95‘000 Menschen in den Region mit intensiver Gentech-Landwirtschaft untersucht und stellt fest: «In den letzten 20 Jahren hat sich in Argentinien die Art krank zu werden und zu sterben verändert. Aber nicht überall, sondern nur in den Gensoja-Regionen. Es gibt dort einen Anstieg von Schilddrüsen-Unterfunktionen, von Allergien, von Atemwegs-Erkrankungen, von Spontan-Fehlgeburten und von Krebserkrankungen.» Trotzdem behauptet Monsanto wie immer, dass der kausale Zusammenhang von Glyphosat-Einsatz und Erkrankungen nicht erwiesen sei.

Mehr Pestizide, höhere Produktionskosten, vermehrt Krebs

Schauplatz Brasilien: Wie in den USA berichten auch in Brasilien die Gentech-Bauern von Ertragsausfällen und Schädlings-Resistenzen. Zum Beispiel der Baumwoll-Produzent Octhavio Palmeira: «Die Raupen werden immer resistenter. Wir mussten viel mehr Pestizide anwenden. Verglichen mit letztem Jahr haben sich meine Produktionskosten um 40 Prozent erhöht.» Der eingebaute Insektenschutz der Gen-Pflanzen funktioniert offensichtlich nicht mehr. Deshalb empfehlen die Gentech-Konzerne den Bauern, mehr Gift zu spritzen.

Professor Antonio Andrioli von der Universität Fronteira Sul hat die Felder untersucht und kommt zum Schluss: «Wir haben zunehmend Resistenzen, also Insekten, die resistent sind gegen Gen-Mais und Gen-Baumwolle. Zudem haben die Insekten-Arten zugenommen.» Auch der Medizin-Professor Wanderlei Pignati von der Universität Mato Grosso stellt fest: «Die Gesundheitsprobleme haben sich in Landwirtschaftsregionen erhöht: Krebs und Wachstumsprobleme.» Und er verweist auf den stets steigenden Pestizideinsatz, «der von 8 Liter pro Hektare im Jahr 2002 auf 14 Liter pro Hektare im Jahr 2011 angestiegen ist».

«Herrscher über alles, was mit dem Saatgut passiert»

Gentech-Pflanzen sind als Tierfutter in Deutschland erlaubt, und zwar ohne Kennzeichnung. Ebenfalls ohne Deklarationspflicht importiert die Schweiz Fleisch aus Deutschland. Die Schweiz ist also keine Gentech-Insel. Über diese Machenschaften kann der ehemalige Spitzenbeamte Wolfgang Koehler nur den Kopf schütteln. Der Konsument profitiere «offensichtlich nicht» von der Gentechnik. Das Essen sei «nicht billiger und nicht besser». Der ökonomische Vorteil dieses Modells liege in der Patentierbarkeit. Die Inhaber dieser Patente seien die «Herrscher über alles, was mit dem Saatgut passiert».

Fazit: Die Werbe-Botschaften der Gentech-Lobby widersprechen in krasser Weise der Wirklichkeit. Die Gentech-Landwirtschaft führt nicht zu mehr Ertrag und zu weniger Gift-Einsatz. Die Lebensqualität der Bauern wird nicht verbessert und schon gar nicht liefert die Gentechnik eine Antwort auf das Hungerproblem. Gerade wegen den Misserfolgen der Gentechnik und deren schlechten Image, wird die Gentech-Industrie das Polit-Lobbying noch massiv verstärken.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

keine

Zum Infosperber-Dossier:

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Das in Landwirtschaft (mit «Roundup-Ready»-Saatgut) und Hobbygärten versprühte Herbizid ist in der Kritik.

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Macht und Einfluss von Lobbys

Für Anliegen zu lobbyieren ist legitim. Doch allzu mächtige Lobbys korrumpieren Politik und Gesellschaft.

GVOLogo

Pro und Contra Gentechnik

Genveränderte Nahrungs- und Futtermittel: Was ist erlaubt, was verboten. Wer haftet für Langzeitschäden?

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4 Meinungen

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    am 15.09.2014 um 13:19 Uhr
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    Die dokumentierten Aspekte über das Versagen von Gentechnik sind ja eindrücklich. Aber der Artikel gibt nur Lobbying und Marketing an, weshalb sich Gentechnik so stark durchsetzten konnte, betrachtet also nur die Saatgutfirmen selbst. Das greift viel zu kurz, schliesslich sind die Grossbetriebe in den USA, Argentinien usw. hochprofessionel geführt und würden bei höheren Saatgutpreisen ohne klaren ökonomischen Vorteil nach wenigen Jahren solch leeren Versprechungen nicht mehr trauen. Leider haben alle Dokus und Medienberichte welche ich bisher sah es noch nicht geschafft, die wirklichen Motive und Kräfte hinter dem globalen Gentechnik-Trend zu erkennen und auf den Punkt zu bringen.

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    am 15.09.2014 um 13:34 Uhr
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    Es geht um Monopolosierung von Saatgut durch Patentierung.

    https://www.youtube.com/watch?v=5GegWtpqghI

    Gerade auch in den Gebieten mit militärischer Beteilung der amerik. Armee wird im Zuge des Wiederaufbaus die Landwirtschaft auf Monsanto getrimmt. In der Folge verschwinden dann das regianale Klima und Bodenbedingungen angepasste Sorten und vor Allem werden die Bauern abhängig vom Monsanto-Saatgut, da eine eigene Weiterzucht des oft hybriden Saatguts unmöglich ist. Falls das nicht greift, werden durch die amerikanischen Berater vor entsprechende Gesetze in die Wege geleitet umd Weiterzucht zu verbieten:
    http://www.heise.de/tp/artikel/18/18835/1.html

    Dasselbe Schicksal droht auch ukrainischen Landwirtschaft.

    Monsanto muss inzwischen auf berüchtigte Söldnerfirmen zurückgreifen, um seine Interessen gegen aufmüpfige Bauern durchzusetzen:

    http://de.wikipedia.org/wiki/Academi

    Ob hinter der weltweiten Durchsetzung von Monsanto-Saatgut noch andere Motive stecken, die erst zum Tragen kommen, wenn ein Grossteil der Agrarlandschaft sich auf die wenigen Sorten von Monsanto, Syngenta CO ist natürlich Spekulation.

    http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/umstrittener-gen-konzern-weltweite-proteste-gegen-monsanto-a-901914.html

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    am 15.09.2014 um 13:40 Uhr
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    …aus moralischer Sicht ein interessanter Aspekt:

    Ich weiss nicht wie die Situation in der Schweiz ausschaut, aber in Deutschland sind Pensionskassen an Monsanto beteiligt. Meist nicht direkt, aber über Fonds.

    Will heissen, dass uns unter Umständen auch ein Teil von Monsanto gehört.

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