Die Warnungen vor Glyphosat lässt Bundesamt kalt

Dominik Crimi /  Urinproben von Schweizern enthalten das «wahrscheinlich krebserregende» Herbizid. Beamte in Bern loben wie Monsanto die Vorteile.

Red. Dominik Crimi, CAD-Zeichner und Publizist, hat sich mit Glyphosat intensiv befasst.

Nachdem die internationale Agentur für Krebsforschung von der Weltgesundheitsorganisation WHO das radikale und weit verbreitete Herbizid Glyphosat als «wahrscheinlich krebserregend» einstufte, verteidigte das Schweizer Bundesamt für Landwirtschaft den weiteren Einsatz dieses umstrittenen Unkraut-Killers und lobte das «bodenschonende pfluglose Anbauverfahren», das indirekt auch die Bodenfruchtbarkeit fördere. Der Verzicht auf das Pflügen «schützt» insbesondere die Regenwürmer, präzisierte das Bundesamt gegenüber Infosperber.
Rückstände im Urin, die der «Gesundheitstipp» nachgewiesen hatte, seien «nicht überraschend», weil der Körper es nicht anreichere. Kein Wort davon, dass es bei krebserregenden Stoffen keine Grenzwerte gibt und die Regel von Paracelsus «die Dosis macht das Gift» nicht gilt.
Bundesamt als Monsanto-Sprecherin
Das mit der Landwirtschafts-Lobby eng verbandelte Bundesamt für Landwirtschaft (siehe «Landwirtschaftsamt im Netz der Pestizidindustrie») übernimmt mit seinen Stellungnahmen den Wortlaut der Glyphosat-Herstellerin Monsanto.
Infosperber hat das Bundesamt mit einer Studie von Forschern der Universität für Bodenkultur in Wien konfrontiert, wonach glyphosat-haltige Herbizide die Aktivität und Vermehrung der Bodenwürmer reduziert («Glyphosate-based herbicides reduce the activity and reproduction of earthworms and lead to increased soil nutrient concentrations»). Konkret: Die Aktivität der Regenwürmer war um 40 Prozent reduziert und sie produzierten nur noch halb so viele Nachkommen. Infosperber hatte darüber berichtet.
Das Bundesamt schwieg zu dieser Studie. Der Leiter Fachbereich Nachhaltiger Pflanzenschutz, Olivier Félix, wiederholte auf Anfrage lediglich, dass «die Verwendung von Glyphosat schonender ist für den Erhalt der Bodenlebewesen als der Einsatz des Pflugs». Das Bundesamt werde erst aktiv, wenn die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit anders entscheide.
Erosion der Böden
Die intensive Landwirtschaft mit Glyphosat und genverändertem «Roundup-Ready»-Saatgut fördert zudem die Erosion der Böden. Nach einer Studie, welche die Grünen im EU-Parlament vorstellten, gehen in den EU-Ländern jedes Jahr rund 970 Millionen Tonnen fruchtbarer Boden verloren. Lange Zeit beeinflusst dies die Ernten wenig, aber plötzlich kann der Absturz kommen. Martin Häusling, agrarpolitischer Sprecher der Grünen im EU-Parlament, hält es deshalb für «naiv bis scheinheilig» zu behaupten, man könne eine wachsende Weltbevölkerung nur mit einer noch intensiveren Landwirtschaft ernähren.

Roundup mit Glyphosat für Privatgärten ist noch immer in Gartencenters erhältlich, zum Beispiel bei der Landi oder bei Jumbo. Nur Coop, Migros und Hornbach haben alle glyphosathaltigen Produkte aus ihrem Sortiment gekippt (Foto D.C.).

Siehe:
«Wiener Studie: Glyphosat-Alarm für Regenwürmer»
«Landwirtschaftsamt im Netz der Pestizidindustrie», 13.8.2015
«WHO: Monsanto-Gift wahrscheinlich krebserregend», 10.4.2015

Weiterführende Informationen


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine

Zum Infosperber-Dossier:

Glyphosat

Der Unkraut-Killer Glyphosat

Das in Landwirtschaft (mit «Roundup-Ready»-Saatgut) und Hobbygärten versprühte Herbizid ist in der Kritik.

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5 Meinungen

  • am 11.11.2015 um 11:48 Uhr
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    Ja, ja, unserer Bundesämter
    Ich habe mal angefragt wegen weniger Inhaltsstoffe in Gemüse. Das ist Thema weltweit.
    z.B. bereits in den 90er Jahren in einem langen Artikel über Vitalstoff-Mangel vom wissenschaflichen Dienst der damaligen Ciba-Geigy.
    Die Antwort, das gehe nur auf eine Mitteilung der NZZ (ca. 2012?) und stimme nicht.
    Aber 3 Zeilen weiter wird berichtet, dass doch gewisse Vital-Stoffe bis 30 % weniger vorhanden sind.

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  • am 11.11.2015 um 12:05 Uhr
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    Die USA, über die wir ständig einherziehen und ihre Politik kritisieren, machts wieder mal vor; Kalifornien, immerhin 10 mal so gross wie die Schweiz anerkenn und warnt vor der nachgewiesenen krebserregenden Wirkung von Glyphosat ! Auf Antrag des Schweizer Bauernverbandes (SBV) hat das Eidgenössische Departement für Wirtschaft, Bildung und Forschung WBF die Grenzabgaben für Mais zu Futterzwecken, vorübergehend auf Fr. 2.-/100 kg (brutto) reduziert und fördert die preisgünstige Mehrbelastung der Konsumenten mit Glyphosat. Glyphosat wird neben der Direktanwendung im Ackerbau massgeblich auch durch die enormen Mengen von importierten Futtermitteln zur Produktion von „Schweizer Fleisch“ aus Glyphosat-behandeltem Herbizid-resistenten Mais, Raps,Soja und Getreide via Fleisch, Milch Eier und Zuchtfischen in die Nahrungskette eingeschleust. Die Risiken werden aber von den „Experten“ in den Schweizer Bundesämtern auf „Empfehlung“ der mächtigen Agrarchemie-Lobby gegen Omertà-Cash verharmlost und deren Anwendung ist zur Absatzförderung der billig zu produzierenden Herbizide bis wenige Meter an die Trinkwasserfassungen erlaubt!

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  • am 12.11.2015 um 09:02 Uhr
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    Herr Gisiger, anstatt den Autor zu verunglimpfen würden Sie lieber Beispiele nennen, was im Artikel nicht sachgerecht ist. Nur dann wäre ein Meinungsaustausch mit Ihnen auf dieser Plattform überhaupt möglich.

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  • am 17.11.2015 um 15:02 Uhr
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    Das ist es, über Fachliches kann man immer auf «stur» stellen. Manchmals erreicht man über die Finanzen mehr. In Amerika beginnt sich ein Umdenken bei den «ganz Grossen» anzubahnen. Zitat: The war on big food by Beth Korwitt, «Major packaged-food companies lost $ 4 Billion (= Milliarden unser System) in marketing share alone last Year as shoppers swerved to fresh and organic alternatives» Ende
    Und diese «Grossen» stellen ganz radikal um «vom Acker auf den Tisch». Das heisst, dass Lieferanten mit belasteten Böden wenig Chancen haben werden mit ihren Produkten . Also wäre es auch für die Landwirtschaft hier vorteilhafter, sich darauf einzustellen. Für lokale Produkte wird es auch kleinere Produktionseinheiten geben.
    Auch Mc Donalds (USA) hat den Umsatz von Rückgang auf Aufwärts gebracht, und zwar innerhalb von wenigen Monaten nachdem z.B. Margarine durch Butter ersetzt wurde, unbelastetes Fleisch usw.

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