«Harmloser» Sexismus schadet ebenfalls

Barbara Marti ©

Barbara Marti /  Ein sexistisches Klima am Arbeitsplatz kann Frauen auf die Dauer so stark belasten wie ein offener Übergriff.

Dies geht aus einer Meta-Studie der Universität Melbourne hervor, welche die Fachzeitschrift «Psychology of Women Quarterly» veröffentlicht hat. Das Forschungsteam um den Psychologen Victor Sojo hat dafür 88 Studien ausgewertet, die zwischen 1985 und 2012 veröffentlicht wurden. Sie erfassten 74’000 Frauen.
Kultur am Arbeitsplatz entscheidend
Das Ergebnis: Eine Kultur am Arbeitsplatz, die «harmloses» sexistisches Verhalten toleriert, wirkt sich mit der Zeit gleich negativ auf das Wohlbefinden von Frauen in ihrem Job aus wie die selteneren Fälle von offener sexueller Belästigung oder Nötigung. Als «harmloseres» Verhalten gelten beispielsweise sexistische Witze und Kommentare, Frauen an Sitzungen zu übergehen, ihre Kompetenzen anzuzweifeln und sie schlechter zu bezahlen und zu fördern.
Sexistisches Klima
Am Arbeitsplatz käme ein sexistisches Klima viel häufiger vor als ein offener Übergriff, sagt das Forschungsteam. Meist beachteten die Arbeitgebenden aber nur die Übergriffe. Das Forschungsteam fordert sie auf, nicht zwischen «schlimmeren» und «harmloseren» Verhaltensweisen zu unterscheiden. Beide hätten negative Auswirkungen auf Frauen. Die «harmloseren» mit der Zeit vielleicht sogar gravierendere.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Die Autorin ist Herausgeberin der Informations-Plattform FrauenSicht, auf der dieser Artikel zuerst erschien.

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3 Meinungen

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    am 10.11.2015 um 12:22 Uhr
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    Liebe Frau Marti

    Ich empfinde die ganze Diskussion um Sexismus, in de es immer nur um Frauen als Opfer geht als äusserst sexistisch. Und zwar gegen uns Männer, gegen mich als Mann.
    Niemals und nirgends gibt es bei genauerer Betrachtung Opfer und Täter. Es gibt Opfertäter und Täteropfer. Beide Teile sind immer in beiden betroffenen vorhanden.

    Wen(n) das Thema also wirklich bewegt und berührt, dann geht es darum, dass Frauen, die sich als Opfer fühlen ihren inneren Täter entdecken. Und Männer, die als Täter gesehen werden, ihren Opferaspekt auch dazubringen können- und damit beide ganz in ihre Verantwortung kommen können.
    Dann kann eine integrierende Begegnung auf Augenhöhe stattfinden, die beiden gerecht wird, beide erweitert. Dann lernt die Frau mehr Klarheit an den Tag zu legen, und der Mann sich mehr zu zeigen in seiner Verletzlichkeit.

    Ich kann nicht mehr hören und sehen, wie kollektiv auf uns Männer und damit auch auf den männlichen Teil in Frauen eingedroschen wird. Das verletzt mich und macht mich wütend.
    Ich bin für Sexismus. Wir sind beide verschieden. Ich will das ehren. Ich will auch, dass das in mir geehrt wird. Gleichmachen und darüber hinwegschauen und damit auch über meine Männlichkeit hinweggehen, empfinde ich als respektlos.

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    am 11.11.2015 um 21:34 Uhr
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    Lieber Herr Schläpfer

    Es gibt klare Unterschiede zwischen Sexismus bzw. sexueller Belästigung und Flirt:
    > Sexuelle Belästigung ist eine einseitige Annäherung, erniedrigend, beleidigend, von einer Person nicht erwünscht, untergräbt das Selbstwertgefühl, löst Ärger aus, vergiftet die Arbeitsatmosphäre und verletzt persönliche Grenzen.
    > Ein Flirt ist eine gegenseitige Entwicklung, aufbauend, bestärkend, von beiden Seiten erwünscht, stärkt das Selbstgefühl, löst Freude aus, macht den Arbeitsalltag schöner und respektiert die persönlichen Grenzen.

    Sie sehen, Sie müssen sich überhaupt nicht eingeschränkt fühlen in Ihrer Männlichkeit, wenn Sie sich als Mann an diese einfachen Regeln halten im Umgang mit Frauen. Das macht das Leben gemeinsam weiterhin lustvoll! – Übrigens zählen dieselben Regeln auch für Frauen im Umgang mit Männern!

    Alles nachzulesen im Ratgeber für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer zur sexuellen Belästigung am Arbeitsplatz, herausgegeben vom Bund (Bestellnummer 301.922.d oder auf dem Internet als pdf zum Runterladen).

    Viel Spass im Umgang mit dem andern oder dem gleichen Geschlecht.

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    am 12.11.2015 um 00:05 Uhr
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    Lieber Herr Haldimann
    Vielen Dank für ihre Klarheit, den Verweis auf den Ratgeber und die brüderlichen Worte!

    In Wertschätzung des aktuellen Standes der öffentlichen Definition als Fortschritt zu dem was vorher war und im Wunsch diesen Prozess zu verfeinern, folgendes:
    Die Definition vermischt Verantwortlichkeiten:
    Am klassichen Beispiel Mann handelt sexistisch gegen eine Frau:
    1) Einseitige Annäherung: Die Bewegung des Tanzes zwischen Mann und Frau wurde von den Römern schon genau beobachtet: Blick >> Bewegung >> Gespräch >> Berührung >> Kuss >> Beischlaf. Die Blicke lässt die Frau zu, die Bewegung führt meist der Mann aus. Der Mann wird also die Annäherungsbewegung mit grosser Wahrscheinlichkeit ausführen. Darum bitten oder fragen ist nicht das etablierte Vorgehen, das ihm anzukreiden öffnet eine Zone der Rechtsunsicherheit.
    Zeitnah «Stop» oder «Langsam» zu sagen ist die Verantwortung der Frau.
    2) ..erniedrigend, beleidigend..: Klar die Verantwortung des Mannes.
    3) ..von einer Person nicht erwünscht..: Kann er nicht wissen: Verantwortung der Frau zeitnah «Stop» oder «Langsam» zu sagen
    4) ..Selbstwertgefühl..: Wer sich das von aussen gestalten lässt, hat verloren: Verantwortung der Frau.
    5) ..löst Ärger aus.., vergiftet..: Der wird immer ausgelöst, wenn jemand seine Grenzen nicht schützt: Verantwortung der Frau.
    Die ganze Verantwortung einseitig dem Mann aufzubürden und sie nicht in Verantwortung zu rufen mutet ihr wieder nicht Augenhöhe zu und ist deshalb sexistisch.

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