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Nutzerbewertungen sind online allgegenwärtig – aber sind sie auch echt? © Tumisu/pixabay

Wie Amazon in China Produktbewertungen zensierte

Daniela Gschweng /  Für ein Buch Xi Jinpings gab es bei Amazon China nur beste Bewertungen, Kritik löschte der US-Onlinehändler.

Wenn der Präsident Chinas ein Buch über seinen Regierungsstil schreibt, ist das durchaus interessant. Auf Amazon China bekam «The Governance of China», das Reden und Texte des chinesischen Präsidenten Xi Jinping enthält, vor drei Jahren denn auch nur beste Bewertungen.

Durch die Bank begeistert waren die Leser aber womöglich gar nicht. Amazon hatte schlicht der Forderung Pekings nachgegeben, alle Nutzerbewertungen, die weniger als die Höchstzahl von fünf Sternen enthielten, von Amazon.cn zu entfernen. Das berichtete «Reuters» im Dezember 2021 unter Berufung auf zwei nicht weiter identifizierte Quellen.

Rundum beste Bewertungen für Xinpings Gedanken

Die britische «Times» machte im Dezember 2021 einen Ist-Vergleich und fand 82 Suchresultate auf amazon.cn, die entweder Bücher über oder Bücher von Xi Jinping waren. Kommentar- und Bewertungsfunktion waren abgeschaltet. Parteipropaganda über Xi Jinpings Gedanken oder seine wichtigsten Reden werden durchgehend mit der Maximalnote von fünf Sternen bewertet.

Eine der seltenen Ausnahmen, eine Rede Xi Jinpings, hatte 20 Kommentare, 19 Fünf-Sterne-Ratings und eine Vier-Sterne-Bewertung. Bewertungen in anderen Ländern sind möglich, allerdings gibt es zum Beispiel auf amzon.de nur wenige Einträge zu «The Governance of China».

Seit 2018 zunehmend mehr Löschanfragen Chinas

Xi Jinpings Buch ist nur ein Beispiel dafür, wie sich westliche Konzerne mit Chinas Zensur arrangieren. Aus einem internen Papier des US-Konzerns gehe hervor, dass Amazon 2018 zunehmend mehr Löschanfragen der chinesischen Regierung erhielt. Die meisten betrafen politisch sensible Inhalte, schreibt «Reuters» in dem ausführlichen Hintergrundartikel.

Unter anderem forderte die Cyberspace Administration of China (CAC) Amazon auf, einen Link zu Chinas Blockbuster-Film «Amazing China» wegen «besonders harscher Nutzerbewertungen» zu entfernen.

«Ich denke, das Problem war alles unter fünf Sternen», sagt eine der Quellen. Ein Sprecher von Amazon formulierte es so: «Wir halten uns an alle geltenden Gesetze und Vorschriften, wo immer wir tätig sind, und China ist da keine Ausnahme.»

Ein wichtiger Markt für Kindle und Cloud

Für den US-Konzern ist der chinesische Markt einfach zu wichtig, um dort nicht präsent zu sein. Vor allem hoffte Amazon auf eine weitere Verbreitung von Kindle-E-Books sowie seiner Cloud-Services, geht aus den von «Reuters» als «internes Briefing-Dokument» beschriebenen Unterlagen hervor. Amazon USA biete viele chinesischsprachige Bücher an. Neben Koch- und Kinderbüchern finde sich zum Beispiel auch ein Buch, das das Leben in Xinjiang lobe und einen Schauspieler mit den Worten: «Ethnien sind hier kein Problem» zitiere, berichtet die Nachrichtenagentur – die Unterdrückung der uigurischen Bevölkerung in der nordwestlichen Provinz ist weltweit bekannt. Andere Bücher beschreiben den Kampf Chinas gegen Covid-19 in heroischen Worten.

Auch andere Unternehmen geben der Zensur nach

Amazon ist nicht das einzige Unternehmen, das sich mit China arrangiert hat. Im Dezember brachte Microsoft eine App des Jobportals LinkedIn auf den chinesischen Markt, in der der sonst übliche Social Media Feed fehlt. In Europa sieht dieser etwa aus wie eine Facebook-Timeline, in der Nutzerinnen und Nutzer Posts absetzen. LinkedIn wurde vor einigen Monaten dafür kritisiert, Profile von US-Journalisten in China zu zensieren.

Zugeständnisse gibt es nicht nur für Seiten aus China. Zoom schaltete 2020 unter Berufung auf «lokale Gesetze» einen US-Account ab, der ein Forum über das Tiananmen-Massaker bereitstellte. Dort äusserten sich unter anderem Exil-Chinesen. Zoom sagte, dass es das US-Konto, das von chinesischen Dissidenten eingerichtet worden sei, geschlossen habe. Später reaktivierte das Unternehmen das Konto ohne Angabe von Gründen.

Google stellte 2019 die Entwicklung der Suchmaschine «Dragonfly» ein, die der Öffentlichkeit 2018 durch einen Artikel des «Intercept» bekannt wurde. Dieser enthüllte, dass Google mit «Dragonfly» eine mit den chinesischen Zensurregeln kompatible Suchmaschine baute.

Andere grosse Social-Media-Seiten wie Facebook, Twitter und Instagram wie auch viele im Westen genutzte Messenger-Apps sind in China blockiert.

Trau keiner Online-Bewertung

Online-Reviews und Kommentare sollten nebenbei auch im Westen höchstens als Anhaltspunkt für einen Kaufentscheid oder ein Urteil über Inhalte dienen. Selbst ohne Verschleierungsabsicht der Anbieter ist der Kommentarbereich auch hier umstritten.

Günstige Online-Bewertungen können zu Hunderten gekauft werden. Plattformen wie Amazon geben sich zwar Mühe, falsche Bewertungen zu filtern, sind aber weitgehend machtlos, wenn die Kommentierenden den bewerteten Artikel tatsächlich gekauft haben (Infosperber berichtete: «Zahl gefälschter Online-Bewertungen nimmt zu»). Tipps, wie Konsumenten «echte» Bewertungen von falschen unterscheiden können, sind da oft nutzlos.

Negative Kommentarschwemmen können jeden treffen

Besonders schwierig wird es bei Büchern und Filmen mit kritischen und kontroversen Inhalten. In einschlägigen Social-Media-Gruppen wird bei missliebigen Produkten oder Autoren teilweise sehr erfolgreich dazu aufgerufen, massenweise schlechte Bewertungen bei YouTube, Amazon und Co. zu hinterlassen.

Womöglich haben sich die Kommentierenden also gar nicht mit dem Produkt auseinandergesetzt, sondern wollen sich nur dort abreagieren, wo es vor ihnen schon andere getan haben. Frustbewältigung by Userkommentar, sozusagen. Vor diesem Hintergrund ist auch die Abschaffung des «Dislike-Counters» bei YouTube zu verstehen. Der «Daumen runter» für einen negativen Kommentar ist seit kurzem nicht mehr öffentlich sichtbar. Mit Xi Jinpings Buch sind solche Diffamierungs- und Frustreaktionen allerdings nur bedingt vergleichbar.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.

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Eine Meinung zu

  • am 2.03.2022 um 12:47 Uhr
    Permalink

    Danke, ein Thema das mir wichtig ist. Nun, Marshall Rosenbergs (Psychologe, Sprach, Gewalt und Konfliktforscher) Arbeit hatte mich sehr beeindruckt, als er in Basel seine Vorträge hielt zum Thema Kritik. Aus seiner Sicht ist Kritik eine Form verbaler Gewalt, wenn sie die Person oder seine Handlungsweisen herab setzt und/oder diskreditiert. Wenn einer Person etwas nicht gefällt, und die Person dies in Bezug auf die eigenen Bedürfnisse offenbart, inklusive was die Person gerne anderst (Besser, verändert) haben möchte, dann ist es keine verbale Gewalt, sondern eine Selbstoffenbarung. Beispiel: «Ich fühle mich nicht wohl bei der ständigen Sozialkontrolle, weil ich nebst der Sicherheit auch das Bedärfnis nach Freiraum habe, und mich auch geschätzt wissen möchte, wenn mir ein Fehler passiert. Ich empfinde die Belohnung und Bestrafung mit Sozialpunkten als eine Form von Gewalt, wenn auch gut gemeint, wäre es mir wichtig, den Menschen korrektnes ohne Bestrafungscharakter nahe zu bringen. Dann wäre dieses Konzept womöglich noch Erfolgreicher» Das nennt man «Gewaltfreies Kommunizieren» nach M. Rosenberg. Es würde mich interessieren, ob eine solche Mitteilung in China ebenfalls weg zensuriert würde. Nicht nur nach meiner Erfahrung als ehem. Begleiter von Menschen mit Gewalt und Suchtproblemen, hat diese Art der Kommunikation die signifikant besseren Erfolge gebracht, als reine Verhaltenskritik. Unsere Sprache ist grundsätzlich voller Gewalt. (Lit: M. Rosenberg + Schulz von Thun)

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