Sprachlust: Englisch schwärmen und stürmen

Daniel Goldstein © Grietje Mesman

Daniel Goldstein /  «Anglizismen des Jahres» wie «Crowdfunding» sind Zankäpfel: Dafür und dagegen legen sich Sprachlobbyisten ins (digitale) Zeug.

Kaum ist ein «Anglizismus des Jahres» als deutsches Machwerk hingestellt worden, passiert das Gleiche dem deutschen Ersatzwort für den neuen «Anglizismus des Jahres». Das tönt kompliziert und ist es auch. Wie an dieser Stelle am 23. März geschildert, hat das englische Wort «shitstorm» im Deutschen ein Eigenleben angetreten, vermutlich als selbsterfüllende Prophezeiung eines Bloggers, wonach man im Internet einen Sturm der Entrüstung so nenne. Dieser inzwischen auch Duden-taugliche «Anglizismus des Jahres 2011» hat nun als Nachfolger «Crowdfinancing» erhalten, was laut der Jury die «Kapitalbeschaffung für ein neues Produkt oder Projekt im Internet» mittels Kleinbeträgen bedeutet.
«Die Initiative ‹Anglizismus des Jahres› will regelmässig den positiven Beitrag des Englischen zur Entwicklung der deutschen Sprache würdigen und ein besseres Verständnis von Entlehnungsprozessen im Sprachwandel erreichen.» So steht es auf ihrer Website, und naturgemäss hat sie keine Freude an Vorschlägen, solche Entlehnungen durch «deutschere» Wörter zu ersetzen. Bei der Präsentation des Entscheids für «Crowdfunding» äusserte der Initiant Anatol Stefanowitsch die Vermutung, «dass die vereinzelt zu findende Eindeutschung ‹Schwarmfinanzierung› eine Wortschöpfung von Anglizismuskritikern sei, die diese über den Wikipedia-Eintrag zum Crowdfunding zunächst in den journalistischen Sprachgebrauch eingeschleust hätten».
Gerangel in der Wikipedia
In seinem «Sprachlog.de» begründet der Berliner Anglistik-Professor Stefanowitsch seinen Verdacht gegen mehrere Wikipedia-Einträge mit deren Entstehungschronik. Diese «Versionsgeschichte» kann bei jedem Artikel eingesehen werden; von regelmässigen Wikipedia-Mitarbeitern gewählte Aufseher haben die Aufgabe, nur vertretbare Einträge freizuschalten. Inzwischen ist im Artikel «Crowdfunding» des Mitmach-Lexikons ein Hinweis auf den verdächtigen Ursprung der Alternative «Schwarmfinanzierung» aufgetaucht. Diese Quellenkritik hat ihrerseits mehrere Änderungen erlebt. Laut Stefanowitsch widerspricht es den Wikipedia-Leitlinien, «Begriffsbildung zu betreiben», wie es mit «Schwarmfinanzierung» versucht worden sei, nämlich ohne Beleg für vorherige Verwendung dieses Worts in der Welt ausserhalb des Lexikons.
Da hat es die Anglizismen-Jury vergleichsweise leicht: Sie braucht nichts zu erfinden, sondern kann sich (unter Beteiligung des Publikums) in einer reichen Auswahl englischer Wörter bedienen, die im Deutschen auftauchen. Sie erhebt ja auch keinen enzyklopädischen Anspruch, sondern profitiert davon, dass Ranglisten und Auszeichnungen aller Art eine gewisse Aufmerksamkeit geniessen und den «Gewinnern» zusätzlichen Schub verleihen.
Wider die « Eindeutschungsguerilla»
Hingegen sei es «schwierig für den durchschnittlichen Sprachnörgler», so frotzelt der Anglizismen-Professor, für Alternativvorschläge eine Bühne zu erhalten: «Indem die Wörter aber einfach von einer Art Eindeutschungsguerilla in die Wikipedia eingeschleust werden, gelangen sie auf direktem Wege in den Sprachgebrauch von Menschen, die eine solche Bühne bereits haben – Journalist/innen, Autor/innen usw.» Ähnlich werde versucht, «Schwarmauslagerung» zu lancieren für «Crowdsourcing» (Online-Duden: «das Auslagern von bisher in einem Unternehmen selbst erbrachten Leistungen auf eine grosse Anzahl von Menschen über das Internet»).
Ob dieser Eindeutschung gerät man kaum ins Schwärmen. «Schwarmfinanzierung» hingegen hat gegenüber «Crowdfinancing» den Vorteil, dass sich das Wort nicht auf eine tumbe Menschenmenge (crowd) bezieht. Vielmehr soll ja der Schwarm, schon im Tierreich ein erstaunlich organisiertes Gebilde, unter Menschen sogar zur Schwarmintelligenz (swarm intelligence) fähig sein, mit der Wikipedia als bestem Beweis.
— Zum Infosperber-Dossier «Sprachlust»


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Der Autor ist Redaktor der Zeitschrift «Sprachspiegel» und schreibt für die Zeitung «Der Bund» die Kolumne «Sprachlupe», die auch auf Infosperber zu lesen ist. Er betreibt die Website Sprachlust.ch

Zum Infosperber-Dossier:

Portrait_Daniel_Goldstein_2016

Sprachlupe: Alle Beiträge

Daniel Goldstein zeigt, wie Worte provozieren, irreführen, verharmlosen – oder unbedacht verwendet werden.

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