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Hans Würgler, langjähriger Leiter der Konjunkturforschungsstelle der ETH © eth

«Mit kürzeren Arbeitszeiten gegen Arbeitslosigkeit»

infosperber /  Wirtschaftsprofessor Hans Würgler wollte Arbeitslosigkeit mit Förderung von Teilzeitarbeit bekämpfen. Er ist 94-jährig gestorben.

Das FDP-Mitglied Hans Würgler brandmarkte wirtschaftsnahe Interessenpolitik, unverdiente Gewinne dank steigender Bodenpreise und den Umgang mit Arbeitslosen und Unterbeschäftigten. Von 1964 bis 1992 leitete der die Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich.

«Wer seine Erwerbsarbeitszeit verkürzt, soll belohnt werden»

Würgler kam schon früh zur Überzeugung, dass das Ankurbeln des Wirtschaftswachstums kein taugliches Mittel sei, um die Erwerbslosigkeit zu bekämpfen. Die richtige Antwort auf die Arbeitslosigkeit sei so einfach wie einleuchtend: Man müsse die verbleibende Arbeit besser verteilen. Mindestens ein Teil der Einsparungen aus der verbesserten Arbeitsproduktivität solle dazu dienen, die Arbeitszeit zu verkürzen, wie dies früher regelmässig geschah. «Kürzere Arbeitszeiten und mehr Teilzeitstellen sind das beste Mittel gegen die Arbeitslosigkeit», stellte Hans Würgler schon vor Jahren fest und fuhr fort: «Deshalb ist es wichtig, die verschiedensten Arten von Arbeitszeitverkürzungen finanziell zu fördern. Alle, die ihre Erwerbsarbeit freiwillig reduzieren, sollen belohnt werden, weil sie Platz machen für Erwerbswillige, die arbeitslos sind.» 

«Die Illusion vom unbegrenzten Wachstum»

Für Würgler war es zynisch, die vielen unfreiwilligen Erwerbslosen mit all ihren seelischen Nöten damit zu trösten, das Wirtschaftswachstum werde ihre Probleme eines Tages schon lösen. Der Wunsch von Millionen von Arbeitslosen in Europa, wieder in Lohn und Brot zu stehen, werde dazu missbraucht, um die Illusion vom unbegrenzten Wachstum am Leben zu erhalten. 

«Arbeitslosigkeit müssen wir mit kürzeren Arbeitszeiten bei entsprechend tieferen Löhnen, Teilzeitstellen oder Jobsharing bekämpfen», sagte Professor Hans Würgler. Das sei sozialer und koste weniger. Den Arbeitsmarkt müsse man dazu «nicht deregulieren, sondern anders regulieren».

Ein Rückblick auf die Jahre 1970 bis 2000 in den Industriestaaten gibt Würgler recht: Selbst ein teilweise überdurchschnittlich hohes Wachstum von mehr als drei Prozent pro Jahr vermochte die Erwerbslosigkeit nicht zu beseitigen, ja nicht einmal zu reduzieren.

Der deutsche Wirtschaftswissenschafter Horst Afheldt spottete: «Warten auf das Wachstum für Arbeitsplätze ist Warten auf Godot». Keine Volkswirtschaft könne jahrzehntelang jedes Jahr um drei Prozent wachsen, weil ein gleich bleibendes prozentuales Wachstum exponentiell verlaufe und die geldwerte Produktion schon in weniger als hundert Jahren auf das 16fache erhöhen würde. 

Wer sein Erwerbspensum verringert, wird weiter bestraft

Würglers und Afheldts Rufe verhallten weitgehend in der Wüste. Noch heute wird immer bestraft statt belohnt, wer sein Arbeitspensum reduziert: Bei der AHV, welche die Existenz sichern sollte, drohen kleinere Renten. Die obligatorischen Pensionskassen versichern die ersten 25’095 Franken Jahreslohn überhaupt nicht. Wer sein Arbeitspensum vermindert, erhält deshalb auch heute noch eine überproportional tiefere Rente. Konkret: Von einem Jahreslohn von 90 000 Franken zählen 64’905 für die Rente, von einem Jahreslohn von 40 000 Franken nur 14’905 Franken. Und wer weniger als 25’095 Franken verdient, erhält vom obligatorischen Teil der Zweiten Säule gar keine Rente.
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Die Zitate sind dem Buch «Das Geschwätz vom Wachstum» von Hanspeter Guggenbühl und Urs P. Gasche entnommen.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.

Zum Infosperber-Dossier:

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Führt Wachstum zu Glück oder Crash?

Geht uns die Arbeit aus, wenn wir nicht ständig mehr konsumieren? Oder sind die Renten in Gefahr?

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11 Meinungen

  • am 29.07.2021 um 11:25 Uhr
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    Wenn die demografische und Entwicklung der Morbiditätsstruktur so weiter geht, gibt es nicht einmal dann genügend Pflegekräfte, wenn alle Arbeitsfähigen pflegerisch zu 100% tätig sein. Es wird in Zukunft keine Arbeitslosen geben, aber auch keine Arbeit, die wirtschaftlich verwertbar ist. Im Gegenteil, die Arbeit der Zukunft verschlingt alles Vermögen.

    2
  • am 29.07.2021 um 11:31 Uhr
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    Auch das Buch «Entmachtet die Oekonomen» https://www.exlibris.ch/de/buecher-buch/deutschsprachige-buecher/frank-niessen/entmachtet-die-oekonomen/id/9783828836235 erklärt dies anschaulich. Allerdings wird auch dies nicht genügen, um dem inhärenten Wachtumszwang des Kapitalismus zu entrinnen. Eine Lösung hat noch niemand, selbst Marx reicht nicht. Das Buch https://www.ernstschmitter.ch/sackgasse-wirtschaft-einfuehrung-in-die-wertkritik/ erklärt weshalb. Vielleicht sind wir verdammt zu Zyklen von Wachstum und Zusammenbruch, was bei der Endlichkeit von Ressourcen und Platz garantiert ist.

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    • am 31.07.2021 um 10:29 Uhr
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      Ich weiss, dass diese Theorie des unvermeidlichen Wachstums weit verbreitet ist. Trotzdem mag ich mich nicht damit abfinden.
      Nach vielem Nachdenken bin ich zum Schluss gekommen, dass ein geeignet gestaltetes Grundeinkommen ein guter Ansatz wäre, um diesem Wachstumszwang zu entkommen. Denn damit würde der Zwang oder die systembedingte Erpressung zur Erwerbsarbeit entlarvt und es würde offensichtlich, dass nicht Vollzeiterwerb unser Ziel sein muss, sondern eine zuverlässig Grundversorgung aller Menschen. Und das Zweite ist im Hinblick auf die hohe Produktivität mit viel Automaten etwas ganz anderes und auch viel einfacher zu bewerkstelligen. Es wäre nicht mehr die Erwerbsarbeit für die Verteilung zuständig, sondern das Grundeinkommen. Wohlverstanden, nur für die Grundversorgung.
      Vollbeschäftigt wären wir dann immer noch, mit Dingen, hinter denen wir einen Sinn sehen und uns daher Befriedung verschaffen, aber halt nicht immer voll bezahlt.
      https://www.contexo.net/2020/05/der-betrogene-arbeiter/

      0
  • am 29.07.2021 um 11:45 Uhr
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    Seit 2015 führt Island Studien zur vier-Tage-Woche bei gleichem Lohn durch, der Erfolg ist durchschlagend. Island geht hier mit bestem Beispiel voran: Die Arbeitenden sind motivierter, gesünder, verbringen mehr Zeit mit ihrer Familie, sind glücklicher, leiden weniger unter Stress und Burnout. Produktivität und erbrachte Leistung blieb gleich oder verbesserte sich sogar bei den meisten Versuchsarbeitsplätzen. Nach Adam Smith dürfte es bei Arbeitsteilung, dem entscheidenden Faktor der Produktivitätssteigerung seit der Jungsteinzeit, im funktionierenden Markt, keinen „working poor“ geben. Dass arbeitsfähige Menschen nichts arbeiten, ist für den Moralphilosophen Adam Smith unsinnig und ein zu vermeidender Organisationsfehler, der dem „Wohlstand der Nationen“ im Weg ist. Logisch und ethisch denkende Menschen sehen es spätestens seit Adam Smith wie Hans Würgler: „Die richtige Antwort auf die Arbeitslosigkeit sei so einfach wie einleuchtend: Man müsse die verbleibende Arbeit besser verteilen.“

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  • am 29.07.2021 um 12:43 Uhr
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    Vor rund 200 Jahren nutzten wir fast nur mit Wind-mühlen, Wasser-mühlen, Haus-Tieren und Segelschiffen die Kräfte der Natur . Etwa 90% war Menschen-Energie.
    Heute lassen wir gar «elektronisch Denken».
    Der Menschen-Kraft-Anteil an allen produktiven Prozessen dürfte gegen 1% tendieren.
    Also logo, dass Voll-Zeit-Beschäftigug von Menschen Illusion.
    Es sei denn, man erfindet Beschäftigungs-Modelle als Arbeits-Ersatz.

    Brot und Spiele war schon das Motto im «alten Rom» -um zu verhüten, dass Menschen aus Langeweile «Blödsinn machten».
    Was nahelegt, dass es immer sinnvoller wird,
    Beschäftigungen in der Unterhaltungs-Branche zu fördern,
    anstatt Vollbeschäftigung mit «produktiver Tätigkeit» anzustreben.

    0
  • am 30.07.2021 um 10:23 Uhr
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    Es ist mit dem besseren Verteilen der verbleibenden Arbeit dasselbe, wie mit dem Mindestlohn: Die Motivation dahinter respektiere ich sehr. Nur machen die Denker aus sozialistischen Kreisen immer wieder den gleichen Denkfehler: Wer soll denn die Arbeit verteilen? Der Staat? Gott bhüet mi vor em Hüenervogel!
    Dieses Land braucht an erster Stelle eine Boden- umd KVG-Reform. Dass die Bürger in unserem Land dem Arbeitsmarkt komplett ausgeliefert sind, ist in erster Linie eine Folge der immens teuren Lebensgrundkosten. Nur sind halt viele sozialistisch denkende Mitbürger selber grosse Landbesitzer und/oder im öffentlichen Gesundheitssystem am Abkassieren.
    Sobald in einem System die Türe zur Subsidiärwirtschaft geschlossen wird, wie hier in der Schweiz, ist es aus, mit sozialer Gerechtigkeit und Freiheit.
    Wenn aber die Gutmenschen ihr eigenes Haus und/oder ihre bestbezahlte Arbeitsstelle zur Disposition stellen müssten, ist es gleich vorbei mit dem guten Willen, etwas für die soziale Gerechtigkeit zu machen.
    So werden halt immer Lösungen in den Ring geworfen, welche die Verantwortung und Kosten dem Staat, bzw. den Unternehmen übertragen wollen. Denn so können die akademischen, bestverdienenden Gutmenschen weiter in Saus und Braus leben und sich dabei weiter vorgaukeln, trotzdem soziale, mitfühlende, inkludierende Menschen zu sein. Dabei sind sie in Wirklichkeit die treibenste Kraft, welche die wirtschaftlich Schwachen immer mehr zu Sklaven des Systems machen.

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  • am 30.07.2021 um 11:04 Uhr
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    Um Arbeitslosigkeit und Umweltzerstörung zu überwinden, muss dringend auf das Wirtschaftswachstumsmodell verzichtet werden. Ein herzlicheres und genügsameres Leben wäre möglich. Siehe «Befreiung vom Überfluss» von Niko Paech. Statt alle Tätigkeiten zu monetarisieren und den Kindern beide Eltern wegzunehmen, weil diese 100 % schaffen sollen, genügten je 50% für Frau und Mann. Und auf Kinderkrippen könnte verzichtet werden.

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    • am 31.07.2021 um 10:16 Uhr
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      Unbedingt! Wie sollten nicht alle Aspekte des Lebens kommerzialisieren.
      Helfen könnte eine Art Existenzversicherung in Form eines Grundauskommens.

      0
  • am 31.07.2021 um 00:47 Uhr
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    Den krassen Wandel der Arbeitswelt zeigt das sich immens ändernde Verhältnis zwischen dem Anteil der Arbeiter zu dem Anteil der Angestellten. In DE waren von den «abhängig beschäftigten Mitarbeitern»:
    1965 35% Angestellte bei 65% Arbeitern
    1995 57% zu 43%
    2018 79% zu 21%

    In Hongkong sind etwa 90% Angestellte.

    Grund:
    Produktions-Tätigkeite übernehmen immer mehr «technische Geräte» -statt Hände –
    Es ist immer mehr organisatorische und verwaltende – und vor Allem Dienst-Leistungs-Arbeit gefragt

    Problem:
    ?Fast? alle Regierungen haben diese Entwicklung verschlafen – und wem die Natur mehr Muskeln als Denk «schenkte», bleibt oft als Arbeits-Loser, Harz-Vierer, Obdach-Loser oder In-Haftierter auf der Strecke.. Schuld-los! Denn «schuldig» sind nur die, die uns «im Halbschlaf regieren» – und sich mit «Sprüche klopfen» über die Runden retten !.

    Dabei gäbe es genügend einfache «Menschen-nahe» Hilfs-Tätigkeiten» in Betreuung und Pflege,
    wodurch das «gebildete» Personal entlastet werden könnte
    und viele «nur kräftige» Menschen neue Arbeit hätten.

    Beispiel: Etwa 25% des Pflegepersonals scheidet aus körperlicher Überlastung frühzeitig aus. Nach teurem Arbeitsausfall + Hilfs-Reparaturen per Rehabilitation folgt vorzeitige Rente. DA gäbe es eine Menge einfache Tätigkeiten, die auf robuste, kräftige Menschen umverteilt werden könnten. – Und kaum eine Krankenschwester wäre «vorzeitig verschlissen !

    wolfge

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  • am 31.07.2021 um 10:14 Uhr
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    Zunächst eine Einordnung. Wer arbeitslos schreibt, meint wohl erwerbslos. Wer Beschäftigte meint, meint wohl Erwerbsarbeit. Gemäss Bundesamt für Statistik werden nämlich 54% der Arbeitsstunden unbezahlt geleistet, der grösste Teil davon in der Familienarbeit.
    Wie haben also kein Beschäftigungsproblem, sondern eine Verteilproblem der (häufig von Maschinen) erzeugten Gütern und Dienstleistungen.
    Wollen wir volle Erwerbsbeschäftigung durch Wachstum erreichen, werden wir dabei den Planeten vollends ruinieren, gerade bei uns in den Überflussgesellschaften. Wie sind nämlich nicht arm, sondern haben den Reichtum schlecht verteilt.
    Um das alles einfacher und nachhaltiger zu organisieren könnte ein Grundeinkommen helfen, welches so gestaltet ist, dass sich eigene Erwerbsarbeit immer noch lohnt. So könnte jeder souverän selber bestimmen, wie er seine Kraft zu Gunsten des Gemeinwohls einsetzt. Vielleicht sieht er in einem Verein oder bei einem innovativen Startup mehr Sinn, als bei einem gut bezahlten Bullshit-Job. Im Ergebnis eine effizientere Gesellschaft, mit mehr Lebensglück und vor allem ein robustes System in Bezug auf den Klimawandel oder Lockdowns.

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  • am 31.07.2021 um 22:20 Uhr
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    So ähnlich, Herr Brusa könnte ES gelingen –

    und das Grund-Einkommen liesse sich -zum Start- über weiter-Bezahlung des Kinder-Gelds unter anderem Namen (Bürgergeld) in jedem europäischen Land so sanft (in Bezug auf den Staatshaushalt) einführen,

    dass die Sozialgesetzgebung genügend Zeit hätte, ES im Lauf der Jahre sinnvoll zu gestalten, so dass es einerseits der Staat verkraften kann –
    und andererseits der Bürger «beglückt» wird.

    Wenn man dann noch Hinzu-Verdienste nicht anrechnet, könnte irgendwann in DE auch Hartz 4 beerdigt werden. -Mit all seinen un-sozialen Gängeleien.

    ES ist genug Geld da –
    aber wir können «dank» Digitalisierung + Industrialisierung
    NICHT mehr alle in seitheriger Vollzeit beschäftige.
    Denn es ist für manche Menschen einfach keine Arbeit mehr da !

    UND es wäre endlich an der Zeit, dass wir den -ohne «eigene Schuld» aussortierten Menschen wieder brüderlicher/menschlicher begegnen !

    wolfge

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