Zigarettenkippen

Eine Zigarettenkippe kann – konservativ gerechnet – 100 Liter Wasser verschmutzen. Etwa 4,5 Billionen solcher Stummel fallen jedes Jahr an, schätzt die WHO. © Wolfgang Floedl / pixelio.de

WHO: Rauchen schadet gewaltig auch dem Klima und der Umwelt

Jörg Schaaber /  Für ein Kilo Tabak wird gleich viel Wasser verbraucht wie für den Trinkwasserbedarf eines Menschen pro Jahr.

Red. Jörg Schaaber ist Soziologe und Gesundheitswissenschaftler und arbeitet seit vielen Jahren für die BUKO Pharma-Kampagne.

Dass Tabak die Gesundheit schädigt, ist lange bekannt. Aber dass der Einfluss auf die Umwelt ebenso bedenklich ist, wird oft übersehen. Mit dem neuen Bericht «Tobacco: Poisoning our planet» macht die Weltgesundheitsorganisation (WHO) die zahlreichen Auswirkungen auf Mensch und Umwelt deutlich. Tabak produziert vom Anbau der Pflanze bis zur gerauchten Zigarette einen jährlichen CO2-Fussabdruck von 84 Millionen Tonnen. Das entspricht dem CO2-Ausstoss eines Fünftels aller Flüge weltweit.

Für den Tabakanbau werden jährlich 200’000 Hektar Wald gerodet. Es wird achtmal soviel Wasser verbraucht wie für Tomaten oder Kartoffeln. Bis zu 25 Prozent der FarmerInnen sind von der grünen Tabakkrankheit betroffen. Beim Pflücken und Verarbeiten der Blätter wird Nikotin von der Haut aufgenommen, die Menge kann der von 50 Zigaretten am Tag entsprechen. Dazu kommen häufige Pestizidvergiftungen. Denn die Pflanzen brauchen viele Agrargifte und Dünger. Tabakanbau verringert nicht nur die Bodenfruchtbarkeit, die Anbaufläche geht auch für Nahrungsmittel verloren. Da der meiste Tabak in Ländern mit niedrigen und mittleren Einkommen mit oft prekärer Ernährungslage angebaut wird, ist das problematisch.

Zigarettenrauch enthält über 7’000 toxische Substanzen, von denen 70 nachgewiesenermassen krebserregend sind. Die Tabakindustrie kostet jährlich acht Millionen Menschen das Leben. 2012 wurden für die Behandlung von raucherbedingten Krankheiten 422 Milliarden US-Dollar ausgegeben.

Cover von WHO-Bericht Tobacco: Poisoning our planet
Der Bericht der WHO enthält viele erschreckende Zahlen. Allein letztes Jahr seien bei Tabakprodukten zwei Millionen Tonnen Verpackungsmüll angefallen.

Abfallbeseitigung kostet Hunderte von Millionen

Ungefähr 4,5 Billionen Zigarettenkippen fallen jedes Jahr an, viele davon landen auf dem Boden oder in Flüssen. Mit den Kippen gelangt jede Menge Gift und Mikroplastik in die Umwelt. Und das, obwohl es keine Beweise gibt, dass die Filter Zigaretten weniger schädlich machen. Die WHO schlägt deshalb vor, Filter als Einweg-Plastikprodukt zu klassifizieren und möglichst zu verbieten. Dazu kommen zwei Millionen Tonnen Verpackungsabfall. Bei E-Zigaretten fällt Plastikmüll und Elektronikschrott an. Die Kosten für die Beseitigung des durch Rauchen verursachten Abfalls wird für China auf 2,6 Milliarden US-Dollar geschätzt, für Indien auf 766 Millionen US-Dollar, in Brasilien und Deutschland sind es jeweils über 200 Millionen US-Dollar. Länder wie Frankreich und Spanien haben begonnen, nach dem Verursacherprinzip die Hersteller für die Kosten der Müllbeseitigung verantwortlich zu machen. Diese Massnahme empfiehlt die WHO auch anderen Ländern.

FarmerInnen sind oft durch Verträge an Tabakkonzerne gebunden und geraten durch den Einkauf von Saatgut, Dünger und Pestiziden leicht in einen Verschuldungskreislauf. Deshalb sollten ihnen Ausstiegsprogramme angeboten werden. Die Nahrungsmittelproduktion ist dabei mittelfristig oft lukrativer als der Tabak­anbau.

Daneben bleiben natürlich die etablierten Massnahmen zur Eindämmung des Tabakkonsums wichtig wie Werbeverbote, die Einschränkung des Rauchens im öffentlichen Raum und die Verteuerung der Produkte. 

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Dieser Beitrag erschien zuerst im Pharma-Brief 4/2022 der «BUKO Pharma-Kampagne«. Sie zeigt seit über 40 Jahren globale Ungerechtigkeiten und Schattenseiten der Arzneimittelversorgung auf und setzt sich für Gesundheit, gesunde Lebensbedingungen und eine gute Gesundheitsversorgung ein.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.

Weiterführende Informationen

Zum Infosperber-Dossier:

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E-Zigaretten: Vor- und Nachteile

Sie sind nützlich als Ausstiegshilfe für Raucher, aber schädlich als Einstiegsdroge für junge Nichtraucher.

Bildschirmfoto20130713um10_03_04

Für die Gesundheit vorsorgen

Meistens wird die Prävention nur finanziell gefördert, wenn jemand daran verdienen kann.

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Politik in der Hand von Konzernen

Weltkonzerne sind mächtiger als manche Regierungen. Parlamente haben sie mit Lobbyisten und Geld im Griff.

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9 Meinungen

  • am 11.07.2022 um 12:08 Uhr
    Permalink

    Wenn Rauchen für unsere Regierungen die gleiche Priorität wie Corona hätte, aber davon kann man nur träumen, leider!

    2
  • am 11.07.2022 um 13:03 Uhr
    Permalink

    Wieder ein Artikel der sich lesen lassen kann als wenn wir Raucher alle Verbrecher an der Menschheit wären. Kann man uns nicht in Ruhe lassen?
    Es wird viel mehr Schadenan der Umwelt angerichtet indem über die Verhältnisse der Weltgewirtschaftet wird, aber den einzelnen Raucherkann man ja an Karren….
    Ich bezahl meine Abfallentsorgung selbst und meine Kippen landen auch nicht irgendwo, sondern dawo sie hingehören und für die sach-und fachgerechte Entsorgungmach ich meinen Geldbeutel auf. Vielleicht sollte man mal den Extremsport verbieten, der macht mehr wirtschaftlichen Schaden und schadet auch der Umwelt mehr. Und dann geht mal eure Arbeitgeber an die keine neue Filteranlagen kaufen müssen weil die Rendite für die Aktionäre sonst zu tief ausfällt und die Boni am Jahresende nicht so hoch ausfallen würden. – Lasst doch mal die armen Raucher zufrieden, denen wurde schon genug genommen…….

    4
    • am 12.07.2022 um 11:58 Uhr
      Permalink

      Man sieht auf öffentlichen Plätzen und bei Bahnhöfen haufenweise weggeworfener Zigarettenstummel die auch für so manchen Waldbrand verantwortlich sind. Aber für die Brände sind dann Klimawandel und Hitzewellen schuld.

      0
  • am 11.07.2022 um 13:18 Uhr
    Permalink

    Abgesehen vom penetranten Gendern ein sehr informativer Artikel. Dazu kommt noch, dass ALLE gängigen Zigarettentabake mit unnötigen und schädlichen Zusatzstoffen angereichert werden.
    Früher wurden noch lokale Tabaksorten teilweise auch für den Eigenbedarf selber gezogen.

    1
  • am 11.07.2022 um 16:59 Uhr
    Permalink

    Klar. Nur – was machen die Raucher-innen?
    Bei mir in Genf beobachte ich, dass sie die Kippen auf die Strasse werfen, obwohl ein kleiner offener Abfallkübel vom Restaurant näher ist.
    Auf die Umwelt angesprochen, fühlen sie sich angegriffen in ihrer vermeintlichen Freiheit. Da helfen wohl nur Verbote und strenge Sanktionen wenn jemand zufällig(?) erwischt wird.

    0
  • am 11.07.2022 um 17:49 Uhr
    Permalink

    Hallo. Leider gibt es noch keine Zigaretten mit Co2 und Feinstaub, dann würden wir Raucher auch nur so qualmen wie ein Auto. Und – wie die Hundesteuer- zahlt ein Raucher sogar sehr viel Steuern dafür (über 50 Prozent) ohne dass die Steuer für Umwelt oder Prävention ausgegeben wird, oder gar dem Tabakbauer zugute kommt. Ist auch nicht fair. Ich hätte aber nichts dagegen, wenn das wegwerfen von Kippen auf der Strasse strafbar wäre . Wobei, dass sogar in Filmen der «Gute» macht. Nobody ist perfekt. 🐁

    1
  • am 12.07.2022 um 11:55 Uhr
    Permalink

    Während an vielen Orten Rauchverbot herrscht erlaubt das geltende Mietrecht immer noch das Rauchen auf Balkonen. Wo man dann im persönlichsten Lebensbereich, nämlich der Wohnung, den Gestank der auf den Balkonen rauchenden Nachbarn einatmen darf wenn man nicht mit ständig geschlossenen Fenstern leben will.

    1
    • am 13.07.2022 um 00:34 Uhr
      Permalink

      Daumen runter kann nur heissen, dass es ein rücksichtsloser Raucher ist oder er noch nie in einer Wohnung über einem Raucher gelebt hat.

      1
  • am 14.07.2022 um 05:05 Uhr
    Permalink

    Zitate: aerzteinitiative.at: Beim Rauchen befinden sich etwa 10% des Poloniums im Hauptstrom, 30% im Nebenstrom, 20% in der Asche und 40 % im Stummel. lungenaerzte-im-netz.de: Tabak stärker verstrahlt als Blätter aus Tschernobyl.
    Giftiger Feinstaub: Seit Jahren kritisiere ich, dass via Abfallbehältern (wie «Abfallhai») und Aschenbechern an Gebäuden Tabak-Asche (meist in Nasenhöhe) Nichtrauchern entgegenwindet; meine Forderung: Nasse Behälter-Medien, die den Tabakabfall binden/absorbieren (auch Aschenbecherbrände verhindern).
    https://www.bluewin.ch/de/news/wissen-technik/forschende-ermittelten-bedeutendste-quellen-von-feinstaub-in-europa-1267330.html
    Widerspruch: Es gilt Rauchverbot in Öffentlichen Gebäuden; IN und UM Kindergärten und Schulen («Suchtmittelfreie Zone» Schilder). Aber: in meinem Schlafzimmer erleide ich chronisch Atemwegekranker fast 24/7 Passivrauchen durch Nachbarwohnungen.

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