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Regierungsrätin Isabelle Moret soll aufhören, die arbeitenden Männer zu «nerven» und wieder «abstauben» gehen, schrieb FDP-Parteikollege und Nationalrat Christian Lüscher. © parlament.ch

«Noch zu viele lachen über frauenfeindliche Witze»

Barbara Marti /  Wer über Witze lacht, die Frauen abwerten, stützt die patriarchale Kultur, sagt eine Professorin für Gender-Studies.

Nationalrat Christian Lüscher (FDP) hat kürzlich in einer parteiinternen Chatgruppe frauenfeindliche Witze gemacht, wie die Boulevard-Zeitung «Blick» berichtete. 

Die Frau soll wieder abstauben gehen
Isabelle Moret, Mitglied der Regierung des Kantons Waadt, forderte er auf aufzuhören, die arbeitenden Männer zu «nerven» und wieder «abstauben» zu gehen. Dem Vizepräsidenten der FDP und jungen Vater Philippe Nantermod riet Lüscher, «Kinder von den Weibchen hüten zu lassen, wie bei allen Säugetieren». Den Parlamentarierinnen Johanna Gapany (Ständerat) und Simone de Montmollin (Nationalrat) sagte Lüscher, es sei Tradition, «dass die neu gewählten FDP-Frauen am Tag der Vereidigung nackt in die Aare springen und bis zum Bärengraben schwimmen». Lüscher rechtfertigte sich im «Blick», dass die Whatsapp-Gruppe keinen beruflichen oder politischen Charakter habe: «Es handelt sich um eine Gruppe von Freunden, die wir nutzen, um zu lachen oder ein Feierabendbier zu trinken.» FDP-Parteichef Thierry Burkhart kritisierte nicht Lüscher, sondern diejenige Person, welche den Chat dem «Blick» zuspielte. Weder ihm noch Lüscher scheint bewusst zu sein, dass solche Witze Frauen abwerten, mit gravierenden Folgen.

Minderwertige Frauen sind weniger glaubwürdig
Das Lachen auf Kosten von Frauen gehört nach wie vor zum Alltag, kritisierte Maneesha Kelkar kürzlich in der «New York Times». Sie ist Professorin für Gender-Studies an der Montclair State University (USA). Mit frauenfeindlichen Witzen werte man im Alltag Frauen ab, sagt die Expertin für geschlechtsspezifische Gewalt. Das führt dazu, dass bei sexueller Gewalt zuerst das Verhalten der Frau hinterfragt wird, weil sie als weniger glaubwürdig gilt. Wie war die Frau gekleidet, hat sie getrunken, den Täter gar animiert? Sagt sie überhaupt die Wahrheit oder hat sie nicht gelogen? Ihr Verhalten wird laut Kelkar viel detaillierter hinterfragt als das des mutmasslichen Täters. 

Minderwertige Frauen sind leichtere Opfer
Wenn Frauen und Männer Frauen abwerten, gehe es beiden darum, die Anerkennung von Männern zu erhalten. «Wenn wir stillschweigend zulassen, dass Frauen erniedrigt werden, tragen wir zu einem Umfeld bei, das Gewalt gegen sie erleichtert. Wenn Frauen herabgesetzt und zu blossen Objekten reduziert werden, die es wert sind, verspottet zu werden, wird es einfacher, Verbrechen gegen sie zu begehen.» Sexuelle Gewalt sei das Symptom für das Abwerten von Frauen im Alltag und das Misstrauen ihnen gegenüber. 

Nicht mehr mitlachen
Über frauenfeindliche Witze lachen immer noch zu viele, meint Kelkar. Sie fordert ein Umdenken: «Was, wenn wir alle, Männer und Frauen, uns weigern zu lachen, sagen, dass es nicht lustig ist, oder einfach den Raum verlassen?» Es gehe darum, das Abwerten von Frauen im Alltag zu beenden. «Wenn wir uns alle gegenseitig zur Rechenschaft ziehen, werden wir ein Umfeld schaffen, das sich gegenseitig respektiert und Gewalt gegen Frauen nicht toleriert. Von niemandem.»


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine. Die Autorin ist Redaktorin und Herausgeberin der Online-Zeitschrift «FrauenSicht».
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