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Das Bild einer Strasse in der Mixteca Alta vom Tag zur Bekämpfung von Wüstenbildung und Dürre am 17. Juni 2021 © Bezirk Coixtlahuaca

Wie 25 mexikanische Dörfer 20ʼ000 Hektaren Wüste begrünten

Daniela Gschweng /  Den Wald zurückzubringen, kostete zwei Dutzend indigene Gemeinschaften in Oaxaca bisher 20 Jahre und viel harte Arbeit.

Neben der Strasse, die die mexikanischen Städte Oaxaca und Puebla verbindet, steht fünf Meter hoch der Wald. Das klingt erst einmal nicht besonders. Aber bis dorthin war es ein langer, steiniger Weg – ganz wörtlich.

Vor zwanzig Jahren stand an derselben Stelle nichts, oder fast nichts. Der Boden konnte kaum Vegetation hervorbringen. Was an Erde da gewesen war, hatten Wind und Regen weggeweht und weggewaschen.

Bis sich in der Region Mixteca Alta im mexikanischen Bundesstaat Oaxaca mehrere Gemeinden daranmachten, den fruchtbaren Boden zurückzubringen, den es dort einst gegeben hatte.

Sie kamen langsam voran und es brauchte mehr als einen Versuch. Nichts daran war einfach, schnell oder offensichtlich. Ausser dem Wissen um die Vergangenheit: Vor der Eroberung Mexikos durch die Spanier war die Gegend grün gewesen und hatte eine Stadt mit 100ʼ000 Einwohnern versorgt.

Vom landwirtschaftlichen Versorgungsgebiet zur Wüste

1462 endete die Herrschaft der Stadt Coixtlahuaca. Mit der Conquista kam umfangreiche Viehwirtschaft, die den fruchtbaren Böden in Oaxaca und anderen Teilen Mexikos schnell zusetzte. Die Gegend blieb noch lange ein Verkehrsknotenpunkt und wirtschaftlich bedeutend. Heute leben dort noch 2800 Menschen, die kaum genügend Wasser haben.

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Lage der Region Mixteca Alta (orange) und des dazugehörigen Distrikts Coixtlahuaca (gelb) im mexikanischen Bundesstaat Oaxaca, Markierung von Infosperber

Am Ende gruben Ziegen die Wurzeln der letzten Pflanzen aus, die das Erdreich vor der Erosion bewahrten. In den höher gelegenen Teilen der Mixteca Alta gibt es kaum noch Vegetation, die das Wasser zurückhält, nur noch Kakteen. Aber die Lage bessert sich, der Kampf gegen die Wüste ist an vielen Stellen im Gange.

Ein Kampf gegen die Wüste, der bei null begann

Angefangen haben die grösstenteils indigenen Gemeinden bei null. Oder besser: bei «weniger als null». So drückt es Horacio Miguel aus. Miguel ist Bürgermeister der Region Mixteca Alta im Bundesstaat Oaxaca und Bewässerungsingenieur.

«Weniger als null» heisst: mit dem blanken, trockenen Fels. «Wir mussten zunächst Gräben ausheben, um das Wasser zu halten», erzählt Miguel von einem jüngeren Projekt in einem Ort namens Tepejillo. «Dazu mussten wir den Fels mit schwerem Gerät aufbrechen, es war reines Gestein», beschreibt er gegenüber dem Medium «Mongabay». Manchmal hätten es nicht einmal die Maschinen geschafft.

Die Maschinen sind aber nicht die Hauptsache. Ohne sehr viele helfende Hände und harte Arbeit wären die langwierigen Restaurierungsprojekte nicht möglich gewesen. Das Wiederherstellen der Vegetation ist ein vom Staat unterstütztes Gemeinschaftsprojekt der Einwohner, die der Kampf gegen Armut, Arbeitslosigkeit, Abwanderung und die schwindenden Wasserressourcen vereint hat.

An einigen Orten wurde gerade begonnen, an anderen spriesst schon der Wald

2021 pflanzten sie in Tepejillo die ersten Bäume, die nun zaghaft in der Wüste spriessen. Dass aus den fragilen, kaum sichtbaren Setzlingen in der weissen Wüste ein Wald werden könnte, bedarf einiger Vorstellungskraft.

Dass es möglich ist, zeigen die Ortschaften Narreje und Loma Larga, die dort liegen, wo der Highway zwischen Oaxaca und Puebla nun im Wald verläuft. Dort wurde mit den Restaurierungsaktivitäten schon vor 20 Jahren begonnen.

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Veranstaltung zum Tag zur Bekämpfung von Wüstenbildung und Dürre am 17. Juni 2021 nach mehr als 20 Jahren Waldrestaurierung in Coixtlahuaca durch die Chocho-Mixtec-Gemeinden

Seit der Jahrtausendwende wurden in der Agrargemeinschaft San Juan Bautista Coixtlahuaca mindestens 2000 Hektaren degradiertes Land wieder aufgeforstet. Coixtlahuaca ist Teil der Chocho-Mixtecas Community Alliance, der noch 24 andere Gemeinden angehören. Die Allianz hat bereits 20ʼ000 Hektaren Boden restauriert – eine Fläche dreimal so gross wie Manhattan.

Die ersten Wiederaufforstungsziele umfassten 10 oder 20 Hektaren Land im Jahr, jetzt liegen sie bei 200 bis 300 Hektaren jährlich. Zwischen Juli und Oktober, wenn die Regenzeit anfängt, beginnen die gemeinschaftlichen Arbeiten. Die Erwachsenen graben, während die Kinder leichtere Arbeiten machen, wie Setzlinge zu tragen. Wer mithilft, bekommt zwei Mahlzeiten täglich.

Der kritische Punkt: das Wasser zurückhalten

Schon in der Trockenzeit bauen die Helfenden niedrige Mauern und heben Gräben aus, um das Regenwasser vor Ort zu halten und die jungen Pflanzen damit zu bewässern. Dem gehen sorgfältige hydrologische Berechnungen voraus.

Langsam gibt es so wieder mehr Wasser im Einzugsgebiet, mehr Landwirtschaft und mehr Möglichkeiten für die Einwohner, sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen. «Die Region [Mixteca Alta] war die grösste Ressource für Arbeitskräfte im Land», sagt Óscar Mejía von der Nationalen Forstbehörde in Oaxaca. Dank der Restaurierung gebe es nun erstmals Möglichkeiten, die Abwanderung zu stoppen.

Nach Ansicht von Salvador Anta, einem Forstexperten des mexikanischen Zivilrats für nachhaltige Forstwirtschaft, könnten in den wiederhergestellten Gebieten von Mixteca nicht nur einheimische Pflanzen gedeihen, sondern auch Obstarten gefördert werden. Das würde den Bewohnern ein Einkommen ermöglichen.

Der erste Versuch schlug krachend fehl

Versuche, das verwüstende Land zu retten, gab es bereits in den 1970er-Jahren. Die mexikanische Regierung finanzierte damals erste Aufforstungskampagnen. Trotz grosser Investitionen schlugen sie fehl. Schnellwachsende Pflanzen wie Eukalyptus aus Australien konnten sich nicht anpassen und gingen ein.

Inzwischen hat man aus den Fehlern gelernt: Schnellwachsende Pflanzen solchen vorzuziehen, die sich anpassen und in der unwirtlichen Gegend überleben können, ist der falsche Weg. In den 1990er-Jahren nahmen Staat und Einwohner einen neuen Anlauf mit frischem Geld.

In der Regel gelte die Aufmerksamkeit den Pflanzen, die schon da seien, sagt die Forsttechnikerin Idalia Lázaro, die seit mehr als zehn Jahren in der Gegend arbeitet. Inzwischen habe aber auch die mexikanische Regierung verstanden, dass es zuerst um die Wiederherstellung des Bodens gehe.

Doch Vegetation, die sich hochpäppeln liess, gab es in Coixtlahuaca nicht. Die Gemeindemitglieder begannen mit grundlegenden Dingen. Sie zerkleinerten beispielsweise Steine, die Feuchtigkeit halten und die Grundlage für eine Krume werden sollten. Die Idee dahinter: einen Prozess, für den die Natur Millionen Jahre braucht, auf wenige Jahre zu beschleunigen.

«Wasser aus Steinen zu gewinnen,ist in Coixtlahuaca Realität geworden», schrieb die Organisation CCMSS (Consejo Civil Mexicano para la Sivicultura Sustentable) 2017.

Eine Kiefernart machte den Anfang

Zum Aufforsten wählte man diesmal die Kiefernart Pinus greggii. Diese ist zwar im Nordwesten Mexikos, nicht aber in der Mixteca Alta heimisch. Umweltverbände kritisierten die Auswahl. Insgesamt kämen in Mexiko doch mehr als 50 Kiefernarten vor, da sollte doch eine lokale Sorte zu finden sein.

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Das Erste, was wuchs, waren Kiefern.

Die Beteiligten liessen sich nicht abbringen und hatten erste Erfolge. Pinus greggii wuchs, und die Kiefern schafften die Grundlage für andere Pflanzen. Allerdings hat sich die Kiefernart nicht so gut angepasst, dass sich die Bäume fortpflanzen können.

«Wir wissen, dass die Bäume irgendwann sterben werden», sagt Lázaro über die Kiefern. Als Pionier- oder Ammenart hätten die Kiefern aber ihren Dienst getan. Um die jungen Kiefern haben sich Weisseichen, Wacholderbüsche und andere einheimische Arten angesiedelt.

Die ersten Tiere kehren zurück

Die Erfolge sind fragil, nicht nur des Wassers wegen. Immer wieder kommt es zu Konflikten mit Ziegenhaltern, die ihre Tiere nun nicht mehr auf den Restaurationsflächen weiden lassen dürfen. Einer dieser Streitfälle gelangte 2018 sogar vor das Oberste Gericht Mexikos, das sich zu Gunsten der Gemeinden aussprach. Ein wichtiger Präzedenzfall, der ihnen den Rücken stärkte.

Statt Ziegen gibt es nun andere Tiere in den Restaurierungsgebieten. Lázaro freut sich besonders über die Wiederansiedlung von Coyoten, die neben Eichhörnchen, Wieseln, Spechten, Schlangen und Fledermäusen in die Gegend zurückgekehrt sind. Coyoten fressen Wacholdersamen, die sich mit ihrem Kot im gesamten Gebiet verteilen.

Die Natur braucht einen Schubs

Von allein, sagt Lázaro, würde die Restaurierung trotzdem wohl nur sehr, sehr langsam geschehen. Mit den Eingriffen der Gemeinden sei sie aber noch lange nicht abgeschlossen. «Die Natur wird folgen», sagt die Forstexpertin. «Wir müssen ihr nur einen kleinen Schubs geben.»

Ähnliche Projekte zur Wiederherstellung der Biodiversität und zur Eingrenzung von Wüsten gibt es auch in anderen Regionen, beispielsweise im Wassereinzugsgebiet von Copalita-Zimatán-Huatulco im Süden Oaxacas, das eine Fläche von 268’023 Hektaren umfasst. Dort arbeitet der WWF seit 2004 an der Restaurierung und hat bisher 2600 Hektaren wiederaufforsten können. Davon profitierten bisher mehr als 6000 Menschen direkt und 22ʼ000 Menschen indirekt.

Ein «Lessons Learned»-Report des WWF bezeichnet den Einbezug der lokalen Bevölkerung, besonders von Frauen und Jugendlichen, als wesentlichen Erfolgsfaktor.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.

Zum Infosperber-Dossier:

Kuh

Landwirtschaft

Massentierhaltung? Bio? Gentechnisch? Zu teuer? Verarbeitende Industrie? Verbände? Lobbys?

Wald

Schutz der Natur und der Landschaft

Nur so weit es die Nutzung von Ressourcen, wirtschaftliche Interessen oder Freizeitsport zulassen?

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2 Meinungen

  • am 29.04.2022 um 11:01 Uhr
    Permalink

    Sehr schön, v.a. auch der Hinweis auf die Unverträglichkeit mit schnellwachsenden Bäumen.

    Ich habe verschiedentlich gesagt, dass es z.B. In Äthiopien keine grösser als 5 Meter hohe Bäume gäbe, welche nicht durch irgendein Forstprogramm importiert wurden. Dies ist vielleicht etwas überzeichnet, dürfte aber auch in anderen Regionen Ostafrikas zutreffen.

    CH-Forstprojekte z.B. in Rwanda hatten zwar umweltverträglichere Ansätze, aber leider auch nicht den gewünschten Erfolg. Einer meiner Freunde in Burundi verteidigte seine Eukalyptusplantage mit dem Argument, dass er davon leben müsse. Die Kinder sollten dann später für sich selbst schauen…

    Langfristige Perspektiven sind schwer ohne Finanzunterstützung als wünschenswerte Ziele verständlich zu machen.

    0
  • am 30.04.2022 um 13:11 Uhr
    Permalink

    Respekt, Respekt vor dem langjährigen Engagement der Bevölkerung.

    Humus-Ersatz in Form der schweizer Pflanzenkohle á la Ithaca-Institut wäre womöglich der Turbo. Ich habe für meinen Teil bei der «Rückgewinnung» abgestorberner deutscher Böden eine sehr gute Erfahrung. Wenn diesen Kommentar jemand aus Mexiko liest: Hier wäre der Einstieg beschrieben: http://www.ithaka-institut.org/en/kon-tiki

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