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Der Schiffsverkehr, der in dieser Visualisierung rot erscheint, ist normalerweise unsichtbar. © Global Fishing Watch via heise.de

Illegale Fischerei viel schlimmer als gedacht

Daniela Gschweng /  Vor allem in Asien fischen viele Schiffe im Verborgenen. Satellitendaten und KI offenbaren, wie viele Schiffe «schwarz» fischen.

Eine Anfang Januar im Wissenschaftsmagazin «Nature» veröffentliche Studie stellte erstmals das volle Ausmass der potenziell illegalen Fischerei dar. 75 Prozent der globalen Fischereiaktivitäten sind demnach nicht öffentlich nachvollziehbar.

Forschende der Organisation Global Fishing Watch, mehrerer US-Universitäten und von SkyTruth analysierten für die Studie Millionen Gigabyte an Satellitenbildern aus den Jahren 2017 bis 2021. So konnten sie Schiffe und Offshore-Infrastrukturen in Küstengewässern aufspüren, die ihre Position nicht übermittelten. Die Ergebnisse kombinierten sie mit Radar- und optischen Bildern. Mit Hilfe von KI konnten sie dann feststellen, welche dieser Schiffe wahrscheinlich Fischfang betrieben.

Umfassender Einblick in die globale Schifffahrt

Die Analyse betrifft nicht nur potenziell illegale Fischerei. Sie ist auch der bisher umfassendste Einblick in die globale Schifffahrt und die Offshore-Infrastruktur wie Ölplattformen und Windkraftanlagen.

Eine Welt, von der man bisher wenig wusste. Die Ozeane sind nicht nur Nahrungsquelle, sondern auch die grösste Verkehrsfläche des Planeten. Während Verkehrsdichte und Logistikrouten für Strassen an Land gut dokumentiert seien, gelte das für die Ozeane nicht, sagt Fernando Paolo, einer der Co-Autoren von Global Fishing Watch. Deutlich zugenommen hat im beobachteten Zeitraum beispielsweise der energieabhängige Schiffsverkehr zu Bohrinseln und Windkraftanlagen. Eine Erkenntnis, die David Kroodsma von Global Fishing Watch als «neue industrielle Revolution auf den Weltmeeren» beschreibt, die bisher unbemerkt geblieben ist.

Die «dunkle Flotte» ist viel grösser als gedacht

Nicht alle Schiffe müssen ihre Position über das internationale Trackingsystem AIS senden. Für kleinere Fischerboote und Binnenschiffe gibt es Ausnahmen. Die meisten im internationalen Fischfang und Verkehr fahrenden Schiffe müssen ihre Position jedoch bekanntgeben.

Oder eher «müssten» – die «dunkle Flotte» ist deutlich grösser als ihre dokumentierten Aktivitäten, besonders in Asien. Ein erheblicher Teil der internationalen Fischereiaktivitäten findet damit im Verborgenen statt. Zahlreiche «unsichtbare» Schiffe waren in Schutzgebieten aktiv. Die Forschenden entdecken auch viele Schiffe vor Ländern, von denen bisher wenig oder gar keine Schifffahrts- oder Fischereiaktivitäten bekannt waren.

Die Auswertung hatte noch andere Überraschungen parat: Bisher ging man davon aus, dass um Europa und Asien etwa gleich viel gefischt wird. Die Schiffsanalyse zeigt aber, dass in Asien sieben Mal mehr Schiffe im Einsatz sind.

Wichtige Datengrundlage für Verkehr und Klima

Der zeitliche Verlauf bestätigt auch eine Veränderung der menschlichen Aktivität in den Ozeanen. Während der COVID-19-Pandemie ging der weltweite Fischfang um 12 Prozent zurück, der Transportverkehr blieb stabil. Die Infrastruktur zur Ölförderung wuchs im Analysezeitraum um 16 Prozent, die Anzahl der Windkraftanlagen verdoppelte sich und übertraf 2021 erstmals die der Ölplattformen. Chinas Windenergieinfrastruktur verneunfachte sich zwischen 2017 und 2021.

Die mit Hilfe von KI erstellte Weltverkehrskarte zeige auf, welches Potenzial die Vorgehensweise im Kampf gegen den Klimawandel habe, schreibt Global Fishing Watch. Mit solchen Daten könne man in Zukunft deutlich besser abschätzen, wie viel Treibhausgase auf den Weltmeeren ausgestossen würden, und illegale Aktivitäten besser entdecken. So sei es auch möglich, die Ozeane besser zu schützen.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine
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Eine Meinung zu

  • am 12.02.2024 um 10:23 Uhr
    Permalink

    Global Fishing Watch, gewiss eine ehrenwerte Organisation, zieht ja offenbar ein positives Fazit aus Ihrer Untersuchung, jedenfalls was die angewandte Methode anbetrifft.

    Mir persönlich scheint alles an diesem Beitrag höchst beunruhigend:

    Nicht nur, dass die Ausbeutung der Erde – trotz aller gegenläufigen Appelle und Notwendigkeiten – sich mit zunehmendem technischen Fortschritt offenbar in immer zügelloseren Ausmaßen ausweitet. Schlimm genug!

    Die unbestreitbare Notwendigkeit, dieser ausufernden Ausbeutung Grenzen zu setzen, liefert die willkommene Begründung für eine zunehmend vollständige Überwachung aller Orte und Lebensbereiche – und der technische Fortschritt macht auch diese möglich.

    Die Alternativen, Verantwortungsbewusstsein, Selbstbeschränkung, Offenheit, Kooperation und Teilen scheinen weniger angesagt denn je.
    Eine dystopische, zunehmend auch unfreie Welt, auf die wir uns auf diese Weise zubewegen, oder?

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