Grafik_WachstumEnergie

Mit dem Stabilisieren des Verbrauchs kann man das Zerstören der Natur vermeiden. © Die Südostschweiz

Atomstrom ersetzen statt Naturschutz verletzen

Hanspeter Guggenbühl /  Der Atomausstieg erfordert weder höhere Staumauern noch eine Verwässerung des Naturschutzes. Stromsparen ist wirksamer.

Der Stromverbrauch in der Schweiz steigt bis 2050 auf 86 Milliarden Kilowattstunden (kWh). Das zeigt das Szenario «Weiter wie bisher» des Bundesamtes für Energie (BfE). Das Angebot an Strom hingegen schrumpft ab 2020 stufenweise (siehe Grafik), nachdem der Bundesrat seine Absicht bekundet hat, keine neuen Atomkraftwerke mehr zu bewilligen. Dazwischen wächst die sogenannte «Stromlücke» – bis zum Jahr 2050 vergrössert sie sich auf 48 Milliarden Kilowattstunden (kWh). Die zentrale Frage lautet: Wie stopfen wir diese Lücke?

Natur und Geld als Lückenbüsser

Das leere Feld zwischen Nachfrage und Angebot, so erkannten Lobbyisten vom Baugewerbe über die Stromwirtschaft bis zur «Cleantech»-Branche, bietet Raum zur Expansion. Das illustrieren Dutzende von Motionen und Postulate, die der Nationalrat nach dem Atom-Gau in Japan im Rekordtempo behandelte. Im Zentrum standen Forderungen, die neue Bauten oder Anlagen erfordern, viel Natur und Subventionen kosten, aber relativ wenig Atomstrom ersetzen. Zwei Beispiele:

• Mit forcierter Nutzung der schon weitgehend ausgebeuteten Wasserkraft wollen Bundes- und Nationalrat die Stromproduktion bis 2050 um vier respektive fünf Milliarden kWh pro Jahr erhöhen. Möglich ist dies nur, wenn einige grosse und viele kleine Wasserkraftwerke neu gebaut, Schutzgebiete nicht verschont und Restwasser-Vorschriften verwässert werden. Das zeigt eine Potenzialschätzung des Bundesamtes für Energie (BfE). Trotzdem vermag die neue Offensive gegen den Gewässer-, Natur- und Landschaftsschutz nur einen kleinen Teil des wegfallenden Atomstroms zu ersetzen.

• Mit zwei Motionen beauftragt der Nationalrat die Regierung, den Deckel der kostendeckenden Einspeisevergütung (KEV) zu beseitigen, um mehr Geld in die Quersubventionierung von Biomasse-, Wind-, Solar- und kleinen Wasserkraftwerken zu pumpen. Damit erfüllt er eine alte Forderung von Solarlobby und grünroten Parteien. Doch die verstärkte Nutzung der unvorhersehbar anfallenden Wind- und Solarkraft kann die Stromversorgung nur sichern, wenn sie mit ebenso teuren wie umstrittenen Netzausbauten und Reservekraftwerken gekoppelt wird.

Die hydrologische und solare Anbauschlacht belebt auch die öffentliche Debatte. Etwa mit der ebenso alten wie unsinnigen Idee, die geschützte Greina-Hochebene in einem Stausee zu ersäufen. Oder mit dem fragwürdigen Argument, wer gegen Atomkraftwerke sei, dürfe die Vergrösserung des Grimselsees mittels höherer Staumauer nicht bekämpfen, obwohl dieser Höherstau weniger als ein Promille des heutigen Atomstroms ersetzen könnte.

Lücke mit neuer Politik verkleinern
Wirkungsvoller und umweltschonender ist es, den Atomstrom mittels Verminderung des Verbrauchs zu ersetzen. Das zeigt das BfE-Szenario «Neue Energiepolitik» (siehe Grafik, untere Verbrauchskurve). Damit liesse sich die angekündigte Stromlücke in der Schweiz halbieren: Statt 48 müsste die Schweiz im Jahr 2050 nur noch 24 Milliarden kWh Strom zusätzlich produzieren oder importieren – und könnte nebenbei auch den übrigen Energieverbrauch und CO2-Ausstoss deutlich vermindern. Die Herausforderung, die der Ausstieg aus der Atomenergie stellt, würde damit zu einer leichter lösbaren Aufgabe.

Um dieses Alternativszenario umzusetzen, braucht es nicht primär neue Kraftwerke und Subventionen, sondern eine konsequente Effizienzstrategie. Dazu gehört die Einführung einer Energie-Lenkungsabgabe, die alle nicht erneuerbaren Energieträger stark verteuert. Diese Abgabe, die der Nationalrat letzte Woche aber ablehnte, reizt nicht nur zum Sparen an. Gleichzeitig verbessert sie die Konkurrenzfähigkeit von energetischen Sanierungen oder alternativen Kraftwerken und verringert damit den Subventionsbedarf.
Weiter erfordert dieses Szenario Verbrauchsnormen für Anlagen, Motoren und Geräte, die sich an der besten verfügbaren Technik orientieren; solche Verbrauchsvorschriften fordert die wenig beachtete Motion von FDP-Mann Ruedi Noser, die der Nationalrat am 9. Juni gegen den Willen des Bundesrates überwiesen hat.

Würde dieses Effizienz-Szenario ergänzt durch den Verzicht auf fragwürdige Energiefresser, wäre seine Wirkung noch grösser. Kleines Beispiel: Ein Verbot von Heizpilzen zur Erwärmung der Aussenluft macht subventionierte Klein-Wasserkraftwerke überflüssig, die der Natur Wasser abgraben.

Wachstum als Schlüsselfaktor

Bleibt die Frage, warum der Stromverbrauch steigt, obwohl selbst das Szenario «Weiter wie bisher» eine Steigerung der Energieeffizienz voraussetzt. Die Antwort liefert die «Rahmenentwicklung», die allen Szenarien zu Grunde liegt. Demnach wächst die Bevölkerung in der begrenzten Schweiz bis 2050 um 25 Prozent, die Wohnfläche um 38- und die Wirtschaft um 50 Prozent. Das heisst: Wohnfläche, wirtschaftliche Produktion und Konsum sollen im heute schon reichsten Land der Welt sowohl absolut als auch pro Kopf weiter wachsen.

Die Erfahrung lehrt: Der Einsatz von billiger Energie hat das Wachstum der Wirtschaft gefördert. Und die wachsende Wirtschaft wiederum steigerte den Energie- und Naturverbrauch. Fraglich aber ist, ob diese Entwicklung sich unverändert fortsetzen wird. Denn die Verknappung und Verteuerung von Strom und Erdöl, die durch periodische Finanz- und Wirtschaftskrisen nur vorübergehend entschärft werden, dürften das Wirtschaftswachstum bremsen. Weniger Wachstum wiederum vermindert – zusätzlich zur «Neuen Energiepolitik» – auch den Strom- und den Naturverbrauch.

Solche ökonomische und ökologische Rückkopplungs-Effekte lassen die Energieszenarien des BfE ausser Acht. Das ist ein Fehler. Denn wer die Energiezukunft plant, muss den Blick auf die Wirtschaft insgesamt ausweiten.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

keine

Zum Infosperber-Dossier:

SolaranlageBauernhof-1

Energiepolitik ohne neue Atomkraftwerke

Erstes, zweites und drittes Gebot: Der Stromverbrauch darf nicht weiter zunehmen.

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Nur so weit es die Nutzung von Ressourcen, wirtschaftliche Interessen oder Freizeitsport zulassen?

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Eine Meinung zu

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    am 7.11.2011 um 12:20 Uhr
    Permalink

    Wenn sog. Minenergie-Häuser(?) mit Raumbeleuchtungen ausgestattet werden, die man nicht mehr selber ausschalten kann (renoviertes ETHZ-Gebäude HPP), muss man sich nicht wundern, wenn viele die Lichter überhaupt nicht mehr löschen. Ich beobachte das in zunehmendem Masse im Geschäftshaus unter meiner Wohnung und ganz allgemein.

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