NZZ auf dem falschen Fuss erwischt

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Kurt Marti /  Die NZZ vollzog in ihrer Berichterstattung über den Strom-Blackout eine erstaunliche Metamorphose.

Bereits Anfang Dezember letzten Jahres hatte die Schweizer Netzgesellschaft Swissgrid vor einem möglichen Strom-Blackout gewarnt, weil die Stauseen halbleer waren und zu wenig Transformatoren für den Stromimport zur Verfügung standen.

Wie die meisten Schweizer Medien hat die NZZ zunächst die Propaganda der Stromlobby kritiklos verbreitet und damit zum medialen Blackout in dieser Sache beigetragen.

Gestern titelte die NZZ ungewohnt kritisch: «Drohende Versorgungsengpässe: Beim Strom mangelt es an Aufsicht» und stellte die Frage nach der Verantwortung: «Wer ist eigentlich für die Versorgungssicherheit verantwortlich?» Das Wirtschaftsblatt findet es «erstaunlich», dass «die Verantwortlichen derart auf dem falschen Fuss erwischt» wurden.

Was die NZZ freilich nicht erwähnt: Nicht nur die Verantwortlichen der Strombranche wurden auf dem falschen Fuss erwischt, sondern zunächst auch die NZZ.

Statt den Verantwortlichen der Strombranche und der Stromaufsicht auf den Zahn zu fühlen, verwies die NZZ Ende Dezember in einem Kommentar mit dem Titel «Beim Strom auch an das Wetter denken» auf den Klimawandel: «Die wichtigste Lehre aus diesen Monaten lautet denn, dass durch den Klimawandel auch im Stromnetz vermehrt mit Aussergewöhnlichem gerechnet werden muss.»

Wie Infosperber berichtete, war die vorzeitige Leerung der Stauseen dem Fehlverhalten der Stromwirtschaft und der mangelnden Stromaufsicht zuzuschreiben und nicht dem Klimawandel.

Weiterführende Informationen


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Kurt Marti war früher Geschäftsleiter, Redaktor und Beirat der Schweizerischen Energie-Stiftung (SES)

Zum Infosperber-Dossier:

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Die Politik der Stromkonzerne

Elektrizitätsgesellschaften verdienen am Verkaufen von möglichst viel Strom. Es braucht endlich andere Anreize.

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Kritik von Zeitungsartikeln

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Eine Meinung zu

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    am 25.02.2016 um 14:00 Uhr
    Permalink

    Bei einer Führung in den Grimsel Kraftwerken (2015) , fragte ein Besucher, warum so viele Turbinen ausgeschaltet seien. Da teilte der Führungs-Leiter mit, dass die alleinige Kapazität dieses Kraftwerkes für die volle Abdeckung der ganzen Schweiz reichen würde, dies aber aus wirtschaftlichen Gründen nicht erwünscht sei. Wieviel Anteile welches Kraftwerk an Strom verkaufen dürfe, werde vom Markt bestimmt. Die Atomkraftwerke seien nicht notwendig wegen dem Landesbedarf, sondern dienten dazu, marktwirtschaftlich als Nation auf dem Energiemarkt mithalten zu können.
    So, nun interessiert es mich, angesichts so vieler Widersprüche, was offenbar für das vollständige fehlen von Kontrollinstanzen spricht, was da eigentlich los ist.
    Danke und gruss Beatus Gubler

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