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Neuere Produkte können oft mehr als die alten. Aus Umweltsicht ist ein Neukauf aber selten sinnvoll. © piqsels

Klimaschutz: Produkte länger nutzen ist besser als Recycling

Daniela Gschweng /  Neuanschaffungen sind fürs Klima selten sinnvoll, zeigt eine Studie. Die Politik soll Reparaturen gezielt fördern, schlägt sie vor.

Greenpeace fordert ein «Recht zu Reparieren»

Reparieren Greepeace
Greenpeace fordert ein «Recht zu Reparieren!»

Wie eine repräsentative Befragung zeigt, will die Schweizer Bevölkerung mehr defekte Gegenstände und Geräte reparieren können. Verschiedene Hindernisse wie hohe Kosten, fehlende Ersatzteile und verklebte Geräte verunmöglichen dies jedoch. 17’383 Personen fordern nun mit einer Petition ein Recht zu Reparieren. Greenpeace übergab die Petition am 12. April dem Parlament. Dieses Recht zu Reparieren soll im Rahmen der laufenden Revision im Umweltschutzgesetz verankert werden.

Wenn der Handy-Akku schwächelt, der Waschautomat tröpfelt oder der Schrank die eine Macke zuviel hat, muss ein neuer her. Wer sich etwas Neues kauft, tut dies meist, weil etwas kaputtgegangen ist. Aber auch, weil das Produkt die Erwartungen nicht mehr erfüllt oder weil neue Erwartungen hinzugekommen sind. Dahinter steht oft das Bewusstsein, sich etwas Besseres zu kaufen.

Aber stimmt das auch? Aus Klimasicht ist eine Neuanschaffung nur selten sinnvoll, fand das Forschungs- und Beratungsunternehmen INFRAS im Auftrag von Greenpeace. INFRAS, das sich mit Nachhaltigkeitsthemen beschäftigt hat untersucht, wie lange verschiedene Konsumprodukte genutzt werden und welchen Einfluss das auf ihren Fussabdruck hat.

Für Waschmaschinen, Notebooks, Smartphones, Bekleidung und Möbel ergaben sich naturgemäss Unterschiede. Bei allen fünf untersuchten Produkten würden CO2-Äquivalente eingespart, wenn sie drei Jahre länger genutzt würden als jetzt. Am höchsten fällt die Einsparung bei Bekleidung aus, am niedrigsten bei Waschmaschinen:

Durchschnittliche Nutzungsdauer in Jahren Klimabelastung
(Tonnen CO2-Äquivalente /Jahr)
Anteil am Fussabdruck der SchweizDrei Jahre länger nutzen
Einsparung in Tonnen CO2-Äquivalente / Jahr
Waschmaschinen14,763 0000,06%11 000
Smartphones2,3162 0000,14%91 000
Notebooks5,7296 0000,26%102 000
Möbel10,5643 0000,56%143 000
Bekleidung43 468 0003,05%1 486 000
Durchschnittliche Nutzungsdauer und Fussabdruck aller jährlich für die Schweiz produzierten Produkte der jeweiligen Kategorie in Tonnen CO2-Äquivalente sowie deren Anteil am gesamtschweizerischen Fussabdruck. Einsparungen bei einer Verlängerung ihrer Nutzungsdauer von drei Jahren. (Daten: INFRAS/Greenpeace)

Waschmaschinen haben bereits eine durchschnittliche Nutzungsdauer von 14,7 Jahren, da fallen drei Jahre nicht so sehr ins Gewicht. Würden alle Waschmaschinen in der Schweiz drei Jahre länger genutzt, würde das trotzdem das Äquivalent von 54 Millionen mit dem Auto gefahrenen Kilometern einsparen, rechnet die Studie vor.

Länger nutzen ist also fast immer besser für das Klima. Nicht nur bei Konsumgütern, deren Produktion einen grossen Fussabdruck verursacht. Auch bei solchen, deren Klimabelastung erst beim Gebrauch entsteht, wie Waschmaschinen oder Staubsaugern.

Nutzungsdauer schlägt Recycling

Selbst bei alten Elektrogeräten bringe der Austausch kaum noch etwas, weil die Sprünge in der Energieeffizienz immer kleiner werden, stellt die Studie fest. Weiterentwicklungen wie neue Fernseher mit grösseren Bildschirmen können sogar mehr Energie verbrauchen. Dinge länger zu nutzen, ist dazu sinnvoller, als sie zu recyceln. Die Wiederverwertung kostet ja ebenfalls Energie und setzt Klimagase frei.

Würden alle Konsumprodukte in der Schweiz nur ein bis drei Jahre länger genutzt, könnte sich der Schweizer Klima-Fussabdruck von Kosumprodukten um 1,8 bis 4 Millionen Tonnen CO2-Äquvalente oder um 15 bis 35 Prozent reduzieren. Weitere positive Umweltauswirkungen bei längerer Nutzung, wie ein kleinerer Primärenergieverbrauch, weniger Landnutzung und weniger Abfälle hat INFRAS dabei noch gar nicht eingerechnet.

Was aber, wenn das Smartphone zwar noch funktionieren würde, der Hersteller aber das Betriebssystem nicht mehr aktuell hält, wichtige Updates nicht mehr bereitstellen will oder die Reparatur des kaputten Mikrofons nicht mehr möglich ist?

Ohne Regulierung geht es nicht

INFRAS macht eine ganze Reihe Vorschläge, wie die Nutzungsdauer von Konsumprodukten in der Schweiz verlängert werden könnte. Mit wenigen Ausnahmen müsste dazu der Staat entsprechende Voraussetzungen schaffen, wie es sie in anderen Ländern wie Frankreich schon gibt.

Reparaturen günstiger machen

Ein grosser Teil der Vorschläge zielt darauf ab, Reparaturen günstiger zu machen, indem beispielsweise weniger oder keine Mehrwertsteuer darauf erhoben wird. Für Ersatzteile könnten Zölle reduziert werden. Reparaturen könnten dazu belohnt werden, etwa, indem sie bei der Einkommensteuer abzugsfähig werden. Auch eine Reparaturabgabe, die der Recyclingabgabe ähnlich ist, schlägt INFAS vor. Reparaturen würden durch eine Art Bonus-Funktion dann günstiger.

Reparaturen zugreifbarer machen

Dazu schlagt das Institut rechtliche Mittel vor, um es einfacher zu machen, Dinge zu reparieren oder reparieren zu lassen. Ersatzteile beispielsweise müssen für alle leicht zugänglich sein, genauso wie Reparaturanleitungen, es gäbe keine Beschränkung auf zertifizierte Werkstätten mehr. Die gesetzlich vorgeschriebene Garantiezeit könnte verlängert werden. Bei reparierbaren Gegenständen könnten Hersteller gezwungen werden, Reparaturen überhaupt anzubieten.

Mehr Information für Konsumentinnen

INFRAS geht davon aus, dass besser informierte Kunden klimafreundlichere Entscheidungen treffen. Dazu müssen sie wissen, wie nachhaltig das Produkt ist, das sie kaufen. Lebensdauer und Reparierbarkeit müssen dann auf der Verpackung angegeben werden, und zwar in nachvollziehbarer Form. Wer weiss, wie viele Seiten ein Drucker in seinem Leben drucken kann oder wie viele Betriebsstunden ein Staubsauger saugt, stellt womöglich auch fest, dass sich das günstige Modell weder für das Klima noch finanziell rechnet.

Besseres Produktdesign

Voraussetzung ist natürlich, dass sich ein Produkt auch gut reparieren lässt. Manchmal ist das gar nicht so einfach. Gehäuse, die sich nicht öffnen lassen, fest verklebte Akkus und billige Bauteile, die absehbar schnell den Geist aufgeben, sind ökologische Fallstricke. Ökodesign-Richtlinien können dem entgegenwirken. Was sich besser in seine Einzelteile zerlegen lässt, kann auch besser recycelt werden. Sinnvoll wären solche Richtlinien nicht nur bei Konsumprodukten wie Handys, sondern zum Beispiel auch im Bausektor, wo grosse Mengen Abfall anfallen.

Als zentrale Massnahme schlägt INFRAS vor, kreislauffähige Geschäfts- und Produktentwicklungen durch Zertifikate zu belohnen, was wieder andere Vorteile mit sich brächte. Als nachhaltig zertifizierbar wären dann beispielsweise voll zerlegbare oder besonders nachhaltige Produkte und Dienstleistungen wie Carsharing.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine
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3 Meinungen

  • am 13.04.2022 um 16:53 Uhr
    Permalink

    Ein paar Gedanken dazu…
    Ich denke die Regulatorien müssen wieder einen Kulturwandel bewirken, damit sie nachhaltig sind.
    Die Gerätschaften müssen wieder so konstruiert werden, dass sie reparierfähig sind.
    Auch muss es möglich sein, Ersatzteile fair zu beschaffen. Der Zugang zu den Ersatzteilen und Informationen (Manuals, Software) muss frei zugänglich sein und nicht durch Verbandsinteressen erschwert werden. Es kann nicht sein, dass Reparaturen einem priviligierten Kreis vorbehalten bleibt. Die Handlungskompetenz muss im Vordergrund stehen und nicht «Google-Wissen»
    In einem wachstumsgetrieben Markt bleibt dies Illusion.
    Sehr wirksam und günstig wäre, wenn die Garantiezeiten zum Beispiel verdreifacht werden, so wird tendentiell besser entwickelt und konstruiert.

    0
  • am 14.04.2022 um 16:59 Uhr
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    Ich hatte ein Dreirad Elektrovelo für Handycapierte. Ich wollte es bei dem Händler, wo ich es einst für viel Geld erworben hatte, in den Service bringen. Der hatte sein Geschäft an einen anderen Ort verlegt, wo ich ihn aufsuchte. Die Antwort war nein. Warum? Seine Antwort war: Ich stehe jetzt unter Vertrag mit dem Konzern » Selbstzensur» und darf nur reparieren was bei dem Konzern «Selbstzensur» erworben wurde. Auch darf ich ihnen kein Ersatzteil verkaufen für das 3-Rad, denn sie kauften es in meinem alten Geschäft, dies hier ist jetzt das neue Geschäft, und dieses darf nur das tun, was der Konzern «Selbstzensur» erlaubt. Gehen sie woanders hin (Im Kasernenhofton) aber sie werden sehen, das in dieser Stadt mehr als die Hälfte der Elektrovelo, Roller, Trotti, Mofahändler nun unter Vertrag steht mit dem Konzern «Selbstzensur». Nach 5 Anfragen gab ich auf, und verschenkte das Velo an einen Bastler. Ich nenne hier den Konzern nicht, denn ich weiss nicht, wie weit die gehen würden.

    0
  • am 15.04.2022 um 08:36 Uhr
    Permalink

    Sehr guter Ansatz, Kompliment!
    Aber … sehr viele Geräte lassen sich nicht mehr reparieren, oder zu Kosten, die über eine Neu-anschaffung stehen, z. B. Hany, Hausdrucker, elektronische Armbanduhren, Küchengeräte, usw. Und zudem, weigern sich die meisten Läden, Reparaturen durchzuführen.
    Hier einzugreifen ist gar nicht einfach, die Politik würde unsere Freiheit begrenzen, was gegen unsere Prinzipien des Freihandels und der Eigeninitiative stosst, zudem, viele Mehrkosten würden in inflationäre Richtung gehen. Die einzige machbare Lösung scheint mir den Zwang, soviel wie möglich bei uns zu recyclen und/oder um einige Materialien zu gewinnen, wie Gold auf den Elektrokontakten.
    Giovanni Coda

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