Kommentar

Valentinas Fluchtfamilie: Der erste Abend in unserem Haus

Michel Mettler © zvg

Michel Mettler /  Nicht nur News und Bilder erreichen uns aus der Ukraine, auch Menschen. Bericht von einem Versuch, sie willkommen zu heissen.

«Was wir noch haben, ist das nackte Leben», sagt Valentina. Unsere Blicke senken sich, als hätten wir unversehens ein Ankleidezimmer betreten. Es ist der erste warme Frühlingstag, man hat sich im Garten auf einen Kaffee verabredet, Kava, unser erstes ukrainisches Wort, nachdem wir das Quartier hergerichtet haben und Valentina mit ihren Töchtern und Enkeln eingezogen ist. Das erste deutsche Wort, das sie alle beherrschten, war danke. Es war uns peinlich. Es war nie unser Ziel gewesen, dieses Wort zu hören. Wir wollten den Tumult in unserem Inneren besänftigen, indem wir etwas unternahmen, etwas Konkretes, das nicht mit Geld, Protest oder Sanktionen verbunden war.

Das nackte Leben: Ja, die App hat richtig übersetzt, ein Blick zu Valentinas Tochter bestätigt es. Dabei hatten wir erstaunlich rasch einen grossen Packen Kleider beisammen, von Leuten aus der Nachbarschaft. Auch sie sahen sich vor dem Fernseher zum Zuschauen verdammt, auch sie fühlten offenbar diesen inneren Tumult. Also ist das Heranschaffen von Dingen ihr einziges Mittel, bis auf weiteres. Sie haben ihre Schränke durchforstet und vieles gefunden, was sie schon Jahre nicht mehr beachtet haben. Die Garagistin sagte: «Darüber war ich erstaunt. Dafür habe ich mich geschämt. Für diese Menge an Socken und Shirts.»

Das für überzählig Befundene sehen wir nun an Valentinas Körper, an den Töchtern und Enkeln. Es passt leidlich, aber das ist unwichtig jetzt. Wichtiger die Frage: Wie weiter, mit ihnen, mit uns? Während die Kleinen auf der Wiese Fangen spielen, denken wir bei einem Kava schweigend darüber nach. Dann bricht sie doch hervor, die andere Frage: Wo Valentinas andere Töchter sind, die nicht, wie Elena und Yulia, mit ihr hergekommen sind.

Valentina nennt einige Länder, wir zählen mit: Vier weitere Töchter müssten es sein. Meine Tischnachbarin spricht das Wort verstreut ins Telefon, rozsiyani. Valentina nickt. Und das Schweigen wird bedrückend laut, weil auch von der Baustelle gerade keine Laute rüberkommen.

Wichtiger als Kleider sind die Kinder. Die Fahrräder, die sie zurücklassen mussten, sind schon fast vergessen, denn Klimmzüge schaffen sie noch genauso viele wie daheim. Sie führen es am Gestänge der Pergola vor. Es regt sich zarter Applaus. Die Oma lächelt gezwungen dazu. Vieles wagen wir kaum anzusprechen. Wir wissen nicht, ob das richtig oder eben gerade falsch ist. Die Fahrräder jedenfalls werden bald ersetzt sein, und die Kleinste hat ja ihre Stoffkröte dabei, der sie schon so vieles anvertraut hat. Der Bezug riecht noch gleich wie im Februar, als die Truppen losgeschickt wurden: nach säuerlicher Milch, Tränen, Schokolade.

Was sie unterwegs am Leib trugen, liegt nun wohl gewaschen und fein säuberlich gefaltet oben in der Einliegerwohnung – und die anderen Kleider daheim in einem Haus, von dem nicht sicher ist, wie lange es noch steht. Die neuen Stoffe wirken noch etwas frischgestärkt an ihnen. Aber die Telefone in den Händen sind noch dieselben und in regem Gebrauch. Ob sie vom alten Leben zeugen, mit Aufklebern und vertrauten Kratzern am Glas?

Hätten wir doch besser danach gefragt als nach den Haustieren. Die Erinnerung an den Hund schmerzt mehr als alle anderen Verluste. Eine Weile lastet Stille über dem Tisch, dann sagt Valentina, der Mann, der ihn bei sich aufgenommen habe, sei nicht gut zu Fuss. Yulia übersetzt. Ihr direktes Englisch macht klar: Er ist noch dort, der Mann mit dem bösen Bein, gemeinsam mit einer unbekannten Zahl von Hühnern. Man kam nicht dazu, sie zu zählen. Der alte Nachbar hat sich eine Flucht nicht zugetraut. Ausserdem besitze er drei Bienenvölker, bei denen wolle er bleiben.

Honig heisst Med. Das Imkerhandwerk fordert überall die gleichen Kenntnisse, in der Ukraine, in Russland, hier; und in den vier Tochterländern. «Auch hier gibt es Med», sagen wir, «aus den Alpen.» Unsere Arme weisen vage südwärts. Valentina nickt, wie man nickt, wenn man nicht versteht, aber es gut sein lässt. Sie möchte bald in die Kirche. Dort wird die Übersetzungsapp nicht helfen, da sie für Nahdistanzen ausgelegt ist. Mit dem Hall in den Gewölben käme sie nicht zurecht. Aber das spielt für Valentina wohl keine Rolle. Sie hat nach den Gottesdienstzeiten gefragt. «Sie will wieder dieses Gefühl spüren», sagt Yulia, «in der Kirche zu sitzen, mit anderen.»

Konfessionelles ist gerade bedeutungslos. Valentina wird zu ihrem Gott beten, und der Gedanke, dass die Banknachbarn einen anderen meinen, wird unwichtig sein. Es gibt nur einen Gott jetzt. An ihn hätten wir einige Fragen. Ob es die selben sind wie ihre, lässt sich über die App nicht verhandeln.

Die Liturgie würde vielleicht spärlicher besucht sein, als in ihrem Dorf, sagen wir. Es klingt entschuldigend. Einen Augenblick fragen wir uns, ob wir den Sonntagmorgen opfern und sie begleiten sollen. Was wir bisher geopfert haben, verdient dieses Wort nicht. Als wir in unsere Schränke spähten, fiel uns auf, wie viel Elterliches auf uns übergegangen ist, das wir nie angerührt haben. Ja, wir sind Erben und haben mehr als das nackte Leben. Aber wieviel mehr?

Vielleicht sollten wir mit Valentina zur Kirche gehen. In dem Hall der Gewölbe würden wir so wenig von der Predigt mitbekommen wie sie, und beim Gesang würden wir uns fragen, welche höhere Macht ihr das angetan hat, durch die Hände der Kriegsherren. Und weshalb es dieser höheren Macht gefällt, uns ungeschoren zu lassen. Uns die Rolle der Wohltäter zu geben, bis auf weiteres. Uns entscheiden zu lassen, was wir aus unserem Sonntagmorgen machen wollen; ob wir Predigtworten oder dem Tschilpen der Spatzen vor unserem Fenster lauschen wollen. Bis auf weiteres. Bis den Kriegsherren und Gottheiten etwas anderes einfällt.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Michel Mettler, geb. 1966, tätig als freiberuflicher Autor und Herausgeber, interessiert sich für die Geschichtlichkeit von Gegenwart, Wortgebrauch und Erzählungen, die der Subtext schreibt. Zuletzt hat er als Co-Herausgeber den Band DUNKELKAMMERN veröffentlicht (Suhrkamp 2020).
Unter «kontertext» schreibt eine externe Gruppe von Autorinnen und Autoren. Sie greift Beiträge aus Medien auf und widerspricht aus politischen, journalistischen, inhaltlichen oder sprachlichen Gründen. Die Gruppe ist dabei, sich neu zu konstituieren. Zurzeit schreiben regelmässig Silvia Henke, Mathias Knauer und Felix Schneider.
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Eine Meinung zu

  • am 13.04.2022 um 08:25 Uhr
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    Danke für den feinfühligen Artikel-uns geht es ähnlich mit 2 Frauen und einem 7 jährigen Kind. Sie wohnen in unserem Gartenhaus. Was würden wir wohl machen ohne die translater App….Dank ihr sind wir uns schon sehr nahe, ja richtig befreundet.

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