Winterstrom aus Wasserkraft wird nicht fliessen
Bis 2040 sollen 15 Wasserkraftprojekte die Winterstromlücke schliessen. Darauf einigten sich die Wasserwirtschaft, die Kantone und die Umweltverbände mit Bundesrätin Simonetta Sommaruga im Dezember 2021 im Hinblick auf die Strommangellage. Nach einem halbjährigen Ringen um einen Kompromiss besiegelten zwölf Teilnehmende am Runden Tisch mit ihrer Unterschrift die Vereinbarung für 2 Terawattstunden (TWh) mehr Winterstrom pro Jahr. Das Dokument trägt unter anderem die Unterschriften von Christoph Brand, CEO der Axpo, des grössten Stromkonzerns der Schweiz, und Albert Rösti, damaliger Präsident des Wasserwirtschaftsverbandes.
Die Erhöhung bestehender Staumauern, um Umweltbeeinträchtigungen an Ort und Stelle zu beschränken, war der bedeutendste Schwerpunkt der Vereinbarung. Wie Infosperber im Herbst 2024 aufdeckte, ist diese Erhöhung bei vier Staumauern aber technisch nicht machbar. Dass noch weitere Projekte Augenwischerei waren, musste knapp ein Jahr später das Umwelt-, Verkehrs- und Energiedepartement (UVEK) bekannt geben. Allenfalls seien Projekte für 1,1 TWh bis 2040 zu verwirklichen. Doch auch diese Prognose ist fern der Realität.
Uri und Tessin klären erst ab
Im Kanton Uri klären die Behörden immer noch in einem Vorprojekt ab, ob die Staumauer des Göschenersees um 15 Meter erhöht und dadurch 96 GWh Winterstrom produziert werden kann. Zudem muss Uri noch mit dem Kanton Tessin aushandeln, ob und wie Uri die projektierten Tessiner Zuflüsse in den Göschenersee nutzen darf.
Im Kanton Tessin steht noch nicht fest, ob die Sambuco-Staumauer um 12 Meter für 46 GWh Winterstrom wie vorgesehen bis 2032 erhöht werden kann. Seit zwei Jahren schon verhandeln die Betreiber mit den Umweltverbänden. Man sei immer noch am Vertiefen und Evaluieren des Projekts, erklärt Francesco Maggi vom WWF-Tessin.
Nullsummenspiel wegen neuer Konzessionen
Auch bei den meisten anderen der 15 Projekte liegt die Planung auf Eis, weil die Rechtslage ungewiss ist. Wenn in gut einem Jahrzehnt die Konzessionen auslaufen, wollen die Kantone Graubünden, Wallis und Tessin selbst Besitzer ihrer Wasserkraftwerke werden. Das heisst, dass sie diese von den Stromkonzernen wie Alpiq und Axpo im sogenannten Heimfall erwerben, um aus der Stromproduktion mehr Einnahmen zu generieren als nur die Wasserzinsen. Die Verhandlungen dazu laufen erst an, Ausgang ungewiss.
Es steht aber weit mehr auf dem Spiel als nur der Besitzerwechsel. Die neuen Konzessionen, allenfalls deren Erneuerung, bedingen Umweltauflagen nach heutigem Recht, das viel strenger ist als jenes bei Konzessionsabschluss vor 60 oder 80 Jahren. So sieht zum Beispiel das heutige Wassernutzungsrecht zum Erhalt der Fischbestände grössere Restwassermengen vor, was die Stromausbeute mindert.
Darauf machte die Bündner Dachorganisation Wirtschaft ihren Kanton in aller Deutlichkeit aufmerksam. In ihrem Kommentar zum kantonalen Richtplan errechnete die Organisation «kompensationsbedürftige Produktionseinbussen von zusätzlichen 2,2 TWh». Der Zubau an Wasserkraft müsste deshalb verdoppelt werden. Mitglied Maurus Blumenthal, Direktor des Bündner Gewerbeverbands, folgert deshalb: «Es ist ein Nullsummenspiel; ein guter Teil kompensiert nur die Restwassermenge.» Mit seiner Kritik steht er nicht allein.
Das Projekt in Chlus würde nur wenig Strom liefern
Der Zürcher Ständerat Ruedi Noser wollte die Restwassermenge reduzieren. Im Vorfeld zum Bundesgesetz über die sichere Stromversorgung – das vom Volk 2024 angenommen wurde – stufte er in der Parlamentsdebatte den abgelehnten Antrag auf Absenkung der Restwassermenge als Fehler ein, der sich in einer geringeren Stromproduktion von 2 Terawattstunden niederschlage. Und im Nationalrat rechnete der St. Galler Nationalrat Piccolo Paganini einen Verlust von 1,9 Terawattstunden infolge Neukonzessionen vor.
Das Bündner Projekts Chlus, das 2024 im Bundesgesetz über die sichere Stromversorgung zu den 15 Projekten hinzugeschlagen wurde, verspricht jährlich zwischen Klosters und Lanquart zusätzliche 237 Gigawattstunden (GWh) zu produzieren. Der Bündner Stromkonzern Repower will für Chlus das Baugesuch noch dieses Jahr einreichen. Allerdings trägt das zusätzliche Projekt Chlus nur marginal zu der am Runden Tisch verpflichtend beschlossenen Produktion von Winterstrom im Umfang von 2,2 TWh bei.
Vereinbarung vom Runden Tisch bröckelt
Nach dem Wegfall der vier technisch unrealistischen Projekte – das sind Curnera und Nalps im Kanton Graubünden sowie Moiry und Les Toules im Kanton Wallis – werden nun jene Projekte vorgeschlagen, die am Runden Tisch keine Chance hatten. So bugsierte der Kanton Graubünden die Erhöhung der Zervreila-Staumauer im Valsertal mit einer zusätzlichen Jahresproduktion von 237 (GWh) in die Vernehmlassung. Dagegen wehrten sich vergangenen Februar die Umweltverbände, darunter der kantonale Fischereiverband. Dessen Einwand: Der Zervreilasee müsste dabei zusätzlich mit Wasser des Gogn über fünf Leitungen aus drei Tälern des Lumbreins gespeist werden. Auen und Fischbestände würden dadurch gefährdet.
Weil die Staumauern von Curnera und Nalps Meter höchstens um 12, respektive um 10 Meter erhöht werden können – also nicht um 20 Meter, wie 2021 behauptet –, verzichtet nun die Axpo dort auf den Zubau an Wasserkraft. Auf Anfrage macht Axpo-Mediensprecher Martin Stutz das fehlende Kosten-Nutzen-Verhältnis geltend. Bloss die Hälfte, 48 Gigawattstunden (GWh), der am Runden Tisch zugesicherten Winterstromproduktion von 96 GWh würden produziert. Die Axpo will nun 48 GWh Sommerstrom für den Winter einsparen.
Graubünden will alle Wasserkraftwerke besitzen
Im Vertrag, der am Runden Tisch ausgehandelt wurde, ist als grösserer Bündner Winterstrombeitrag noch die Erhöhung der Staumauer vom Lai de Marmorera zwischen Savognin und Bivio vorgesehen, mit einer zusätzlichen Kapazität von 55 GWh. Die Planung hat das Elektrizitätswerk des Kantons Zürich jedoch zurückgestellt, weil ihre Konzession 2035 ausläuft.
Mit den bis 2050 auslaufenden Konzessionen von 31 Wasserkraftwerken hat sich der Kanton Graubünden eine Bürde auferlegt. Vor vier Jahren stellte sich das Kantonsparlament hinter die Wasserkraftstrategie der Regierung, wonach der Kanton 60 bis 80 Prozent des Aktienkapitals der Kraftwerke erwerben soll. Bleibt abzuwarten, ob der Gebirgskanton Graubünden das nötige Kapital für diese Strategie bereitstellen kann. Mit der Genehmigung des Richtplans hat der Bund immerhin grünes Licht gegeben.
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➞ Lesen Sie demnächst: Im Wallis beginnt alles nochmal von vorn. Ein zweiter Runder Tisch soll es nun richten – mit noch offenem Zeitplan.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine. Christian Bernhart ist freier Journalist in Bern.
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.









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