Wenn die globale US-Dominanz kippt
Verstopfte Toiletten, Brand in der Wäscherei, brandgeschädigte Schlafplätze: Der modernste und grösste Flugzeugträger der Welt, die «Gerald R. Ford», lief schon vor dem Iran-Krieg auf dem Zahnfleisch, wie aus einem Artikel der NZZ hervorgeht. Sie ist seit Juni 2025 pausenlos im Einsatz, zuerst auf Patrouillenfahrt im Mittelmeer, dann in der Karibik beim Angriff auf Venezuela – und dann ging es wieder zurück ins Mittelmeer. Diese lange, zweimal verlängerte Dienstzeit schlägt gemäss NZZ auch auf die Moral der Besatzung. Das Schiff soll zwar derzeit militärisch noch einsatzbereit sein, aber nicht mehr auf Dauer. Derzeit liegt sie gemäss dem Shiptracker Cruising Earth in einem Hafen in Kreta und wird dort repariert.
Höhe der Kriegskosten: «Niemand weiss es»
Die überstrapazierte «Gerald R. Ford» kratzt wohl kaum an der Schlagkraft der amerikanischen Streitkräfte. Sie ist aber ein Symbol für die Überdehnung des US-Militärs, deren grösstes Problem nicht in der Ausrüstung liegt, sondern bei den Finanzen. Die USA haben gemäss einem Infosperber-Artikel «allein in den ersten 48 Stunden ihres Angriffs auf Iran Munition im Wert von 5,6 Milliarden Dollar verschossen.» Wie hoch die Schlussabrechnung des Krieges dereinst wohl etwa sein dürfte? «Niemand weiss es, wir haben keine Ahnung», sagte Jerome Powell, der Chef der US-Notenbank in einem Beitrag des «Echo der Zeit» von Radio SRF. Noch sei der Krieg finanzierbar, findet SRF-Börsenkorrespondent Jens Korte. Doch die hohe Staatsverschuldung setze der Regierung enge Grenzen. «Es geht um viel Geld – Geld, das die USA nicht unbedingt haben.» Entscheidend sei deshalb, wie lange der Krieg andauere, sagt Korte. Klar ist: Kriege hinterliessen in der jüngsten Vergangenheit in den USA regelmässig gigantische Finanzlöcher.
Mit Finanzkrisen in den Niedergang
Blickt man noch etwas weiter zurück in der Geschichte wird es offensichtlich: Der Weg in den Niedergang ist mit Finanzkrisen gepflastert. Die Finanzen sind zwar kaum je der alleinige Grund eines Machtverlusts, doch im Zusammenspiel mit militärischen Überdehnungen, politischer Instabilität, wirtschaftlichen Strukturproblemen oder äusserem Druck kann es heikel werden. So sehen verschiedene Historiker im spätantiken Rom eine Kombination aus militärischer Überdehnung und fiskalischer Krise. Eine zentrale Rolle spielten die enormen Kosten für die Grenzsicherung und Bürgerkriege, aber auch die wegbrechenden Steuern wegen des Bevölkerungsrückgangs und Wirtschaftskrisen.
Spanien und England chronisch verschuldet
Spanien mit seinem ausgedehnten Weltreich war zwar militärisch stark, litt aber unter chronischer Staatsverschuldung. Unter König Philipp II. kam es im 16. Jahrhundert gleich zu vier Staatsbankrotten (1557, 1560, 1575 und 1596). Die Hauptursachen des Machtverlusts sind in den enormen Kriegskosten zu finden; Spanien führte Krieg mit den Niederlanden, dem Osmanischen Reich, Frankreich und England. Bei internationalen Bankiers stand das Imperium mit enormen Kreditschulden in der Kreide.
Auch beim Niedergang des British Empire im 20. Jahrhundert spielten die Finanzen eine zentrale Rolle, vor allem die finanziellen Folgen zweier Weltkriege. Im Ersten, aber vor allem im Zweiten Weltkrieg häufte Grossbritannien eine enorme Staatsverschuldung an. Bereits in der Zwischenkriegszeit geriet das Land durch globale Finanzkrisen und Kapitalflucht unter Druck. Die Kosten für die Armee und für die Kolonialverwaltung stiegen enorm. Zugleich geriet Grossbritannien gegenüber den USA deutlich ins Hintertreffen.
Paul Kennedys Theorie des Niedergangs
Der Brite Paul Kennedy entwickelte eine der bekanntesten Theorien zum Niedergang von Grossmächten. Der Historiker, Politikwissenschaftler, Experte für Militärstrategie und Diplomatie publizierte 1987 sein Hauptwerk «Aufstieg und Fall der grossen Mächte». Seine Kernaussage: Grossmächte geraten dann in Schwierigkeiten, wenn ihr militärisches Engagement schneller wächst als ihre wirtschaftliche Leistungsfähigkeit. Der Mechanismus dahinter in vier Schritten: 1. Expansion und steigende militärische Verpflichtungen; 2. Der Staatshaushalt wird zunehmend militärisch belastet; 3. Wirtschaftliche Wettbewerber wachsen schneller; 4. Machtverlust und Niedergang.
Natürlich ist immer allergrösste Vorsicht geboten, wenn jemand aus der Vergangenheit künftige Entwicklungen prognostiziert oder gar «historische Gesetzmässigkeiten» ableitet. Paul Kennedy wurde denn auch immer wieder kritisiert. Er tat das sogar selbst, indem er selbstironisch ein arabisches Sprichwort zitiert: «Wer die Zukunft voraussagt, ist nicht weise, sondern hat Glück.»
Überforderte Rolle als «Weltpolizist»
Und doch weist einiges auf die Richtigkeit von Kennedys Thesen hin. Die USA betreiben als einziger Staat der Welt ein globales Netz von Militärstützpunkten – rund 750 an der Zahl. Was beeindruckend klingt, ist auch risikoreich: Es bindet Unsummen an Mitteln und Ressourcen, was wiederum das Wachstumspotenzial senkt und die Wahrscheinlichkeit zu scheitern erhöht. Die USA pumpen mehr Geld in die Rüstung als alle anderen Nato-Staaten, China und Russland zusammen. Ökonomisch allerdings befinden sie sich im Krebsgang. Und grosse Feldzüge der USA im 21. Jahrhundert endeten bisher in einem Pyrrhussieg bzw. in einem Fiasko. Präsident George W. Bush zettelte 2003 den Angriffskrieg gegen Irak an. Resultat: ein gescheiterter Staat und als indirekte Folge die Stärkung der Terrororganisation Islamischer Staat. Dies und der klägliche Rückzug aus Afghanistan 2021 zeigen, dass die USA mit ihrer Rolle als «Weltpolizist» völlig überfordert sind.
Chinas «Wohlstandsexplosion»
Mehr noch: Die USA haben spätestens seit Beginn des 21. Jahrhunderts auch grosse strukturelle Wirtschaftsprobleme. «Das Ende der globalen US-Vorherrschaft» habe «unblutig und sachlich begonnen – mit dem Beitritt Chinas zur Welthandelsorganisation WTO 2001», schreibt der deutsche Publizist Stefan Reinecke in der taz. «Der politische Westen, die USA und Europa produzierten 2001 mehr als 40 Prozent aller Waren und Dienstleistungen weltweit, China damals nur drei Prozent. Heute ist der Anteil der USA und der EU auf je 14 Prozent gesunken, der chinesische hat sich auf 20 Prozent vervielfacht. Die Wohlstandsexplosion in China hat das globale Machtgefüge tiefer und radikaler verändert als jeder Krieg.»
USA im Niedergang wie einst das britische Weltreich
Stefan Reinecke weist darauf hin, dass es einen solch atemberaubend rasanten Aufschwung Ende des 19. Jahrhunderts schon einmal gab. «Damals überholten die USA und das Deutsche Reich in extrem kurzer Zeit Grossbritannien bei der Stahlproduktion. Das kündigte den Niedergang des britischen Empires und den Beginn des amerikanischen Jahrhunderts an. In gewisser Weise wiederholt sich diese Figur. Die USA heute ähneln mit sinkenden Patenten und gigantischer Verschuldung dem damals im Abstieg befindlichen britischen Weltreich, China mit seinem Innovationsgeist und machtpolitischen Ambitionen den einst aufstrebenden USA.»
Das sieht auch der britische Historiker Harold James, Professor an der renommierten US-Universität Princeton, ähnlich. In einem Beitrag in der Zeitung Finanz und Wirtschaft vom 5. März 2026 mit dem Titel «Trumps Amerika droht der gleiche Niedergang wie dem Vereinigten Königreich» schreibt er: «Statt sich in Kulturkriegen gegen die Einwanderung zu ergehen, sollten Trump und seine Anhänger lieber untersuchen, wie Grossbritannien mit dem Verlust seiner globalen Vorrangstellung zu kämpfen hatte. Die jüngste Vergangenheit keines anderen Landes bietet einen klareren Ausblick auf die mögliche Zukunft Amerikas.»
«Grösste Schwachstelle» ist der Finanzbereich
Wie so oft liege «die grösste Schwachstelle der schwindenden Macht im Finanzbereich. Vor wenigen Jahren hat die kurzlebige Regierung von Liz Truss gezeigt, wie ungedeckte Steuersenkungen (oder Ausgabenerhöhungen) die Anleihenmärkte erschüttern, Pensionsfonds gefährden und zu einem untragbaren Anstieg der Kosten für Staatsanleihen führen können. Jetzt sind die Märkte zunehmend besorgt über die Aussicht, dass anhaltende Defizite die Kreditkosten der USA in die Höhe treiben könnten.» Vor allem, weil die US-Kriegsmaschinerie seit Jahrzehnten auf Kredit funktioniert. «Die Vereinigten Staaten haben ihre militärischen Interventionen überwiegend über Schulden finanziert», heisst es im oben zitierten Infosperber-Beitrag.
Die Zerstörung der Soft Power
Ein Element, das für den Niedergang eines Landes nicht zu unterschätzen ist, ist der Verlust von Renommee. Daron Acemoglu, Professor für Volkswirtschaft am Massachusetts Institute of Technology (MIT) und Wirtschaftsnobelpreisträger des Jahres 2024, macht in einem Beitrag der Finanz und Wirtschaft vom 18. März 2026 auf diese weichen Faktoren aufmerksam. Er warnt vor der Zerstörung der Soft Power, also der Macht der Überzeugung und der Attraktivität eines Landes. Amerika sei darauf angewiesen, «um sein globales Bündnisnetzwerk zusammenzuhalten und andere davon zu überzeugen, dass seine Hegemonie wohlwollend ist und zur internationalen Stabilität und Vorhersehbarkeit beiträgt.» Das sei wichtig, «denn die meisten Menschen werden natürlich Einwände erheben, wenn sich die Hegemonialmacht wie ein Tyrann verhält. Häufige, unnötige Demonstrationen von Hard Power untergraben die Soft Power, insbesondere wenn einer Intervention eine schlüssige Rechtfertigung fehlt.»
Trumps impulsiver Krieg werde «die Soft Power der USA mit Sicherheit auf einen historischen Tiefpunkt bringen, und niemand in seiner Regierung kümmert sich darum, das Verlorene wieder aufzubauen. Weit davon entfernt, Soft Power zu schätzen, sieht dieses Weisse Haus Drohungen und bilaterale Absprachen als Ersatz dafür an, die Herzen und die Köpfe ausländischer Staatschefs und der Öffentlichkeit zu gewinnen.»
Letzteres sind in der Tat Kategorien, die dem Trump-Regime vollkommen fremd sind.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
_____________________
➔ Solche Artikel sind nur dank Ihren SPENDEN möglich. Spenden an unsere Stiftung können Sie bei den Steuern abziehen.
Mit Twint oder Bank-App auch gleich hier:
_____________________
Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.










Ihre Meinung
Lade Eingabefeld...