«Well, son of a bitch. He got fired.»

Helmut Scheben ©

Helmut Scheben /  Als Joe Biden diesen Satz sagte, wusste er nicht, dass er einer seiner grössten Fehler im Wahlkampf sein würde.

Am 23. Januar 2018 erzählte Joe Biden in einer Podiumsdiskussion des Council on Foreign Relations, einer der einflussreichsten Denkfabriken in Washington, wie er den ukrainischen Generalstaatsanwalt Wiktor Schokin aus dem Amt entfernen liess. Schokin ermittelte wegen Korruptionsverdacht gegen den Gaskonzern, in dem Bidens Sohn Hunter einen lukrativen Posten im Verwaltungsrat hatte. Biden sagte vor laufenden Kameras, er habe Anfang 2016 der Regierung in Kiew gesagt, wenn Schokin nicht innert sechs Stunden gefeuert werde, gebe es kein Geld von den USA.
«I looked at them and said ‚I’m leaving in six hours: if the prosecutor is not fired, you’re not getting the money‘. Well, son of a bitch. He got fired.»

Bei dem Geld handelte es sich um eine Tranche von einer Milliarde Dollar im Rahmen eines grossen IWF-Hilfsprogramms für die Ukraine. Biden war als Vizepräsident unter Barak Obama zuständig für die Ukraine-Politik und hatte sich lautstark für einen Machtwechsel eingesetzt. US-Energiekonzerne planten Öl- und Gasgeschäfte in der Ukraine. Die USA wurden von Russland beschuldigt, Drahtzieher hinter dem Aufstand in Kiew zu sein.
Zwei Monate nachdem der Machtwechsel vollzogen war, meldete Burisma Holdings, der grösste private Gaskonzern der Ukraine mit Offshore-Sitz in Zypern, der Vorstand werde um Hunter Biden erweitert. Seine monatlichen Bezüge wurden in den Medien auf 50’000 Euro geschätzt.

Man stelle sich einmal vor, Donald Trump unterstütze einen gewaltsamen Machtwechsel in Venezuela und zwei Monate nach dem gelungenen Putsch nehme ein Sohn von Mike Pence Einsitz im Verwaltungsrat des grössten venezolanischen Ölkonzerns. Was würde wohl Nancy Pelosi dazu sagen?
In Grossbritannien liefen 2014 bereits Korruptionsermittlungen gegen einen der Burisma-Eigentümer, den ehemaligen ukrainischen Umweltminister Mykola Slotschewski. Joe Biden setzte nun offensichtlich auf massive Erpressung, um die Ermittlungen gegen die Firma, in der sein Sohn sass, abzuwürgen. Nicht ohne Grund. Man darf vermuten, dass im Laufe der Strafuntersuchung unter anderem eine Menge Details und Hintergründe über den Machtwechsel in der Ukraine ans Licht gekommen wären.

Nach der Entlassung von Generalstaatsanwalt Schokin stellte sein Nachfolger die Ermittlungen gegen Burisma aus Mangel an Beweisen ein. Der damalige US-Botschafter in Kiew warf der Ukraine aber vor, es seien entscheidende Dokumente zurückgehalten worden. Schokin selbst versicherte in einer eidesstaatlichen Erklärung, Präsident Poroschenko habe wegen Biden Druck auf ihn augeübt.

Gleichzeitig wurde in den meisten westlichen Medien jedoch der Vorwurf verbreitet, Wiktor Schokin sei abgesetzt worden, weil er selbst korrupt sei. Schokin sei also nicht wegen der Affäre um Hunter Biden rausgeflogen. Diese wurde offenbar als Quantité negligeable betrachtet und löste kaum weitere Nachforschungen in westlichen Medien aus.
Donald Trump brachte die Sache dann wieder ins Rollen, als er Druck auf die Regierung in Kiew machte, Ermittlungen über die Geschäfte der Biden-Familie in der Ukraine aufzunehmen. Der Schuss ging nach hinten los, als die Demokraten dies erfuhren und versuchten, Trump draus einen Strick für ein Impeachment zu drehen.

In dem famosen Telefongespräch mit Wolodimir Selenski sagte Trump am 25. Juli 2019 laut den veröffentlichten Aufzeichnungen, Biden habe damit geprahlt, er habe die Ermittlungen gegen den Gaskonzern gestoppt: «Biden went around bragging that he stopped the prosecution.» Wobei sich Trump ganz offensichtlich auf jene famose Podiums-Szene Bidens im Council on Foreign Relations bezog, die seither auf Youtube millionenfach angeklickt wurde. Wenn Biden damals geahnt hätte, was er anrichtete, hätte er sicher nicht öffentlich den starken Mann gespielt.

Nun versucht das Trump-Team in den letzten Tagen vor den Wahlen, die Affäre erneut zu ventilieren, um dem Herausforderer Joe Biden in die Suppe zu spucken. Die «New York Post», ein Boulevard Blatt, an dem Rupert Murdoch beteiligt ist, publizierte Mails, die von Hunter Bidens Computer stammen sollen. Dort ist von einem Treffen zwischen Joe Biden und einem Kadermann der Burisma Holdings die Rede. Die den Demokraten zugewandten Medien wittern Fake. Es ist der vorläufig letzte Akt in einer Polit-Operette mit dem Titel «Ukraine-Connection».

Interessant ist, dass Facebook und Twitter die Verbreitung dieser Nachricht reflexartig unterdrückt haben. Rafael Lutz hat darüber auf Infosperber ausführlich berichtet. So ergibt sich ein kollateraler Erkenntnis-Effekt. Die Ukraine-Affäre macht einmal mehr deutlich, in welchem Ausmass die Giganten der sozialen Medien bestimmen, was ihre User im Netz lesen dürfen und was nicht. Der britische Historiker Niall Ferguson, ein entschiedener Trump-Gegner, hält das für einen Skandal. In der NZZ publizierte er letzte Woche einen Artikel mit der Überschrift: «Gute Zensur gibt es nicht. Das gilt auch im Internet.»

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Angebliche Beweise mit dubioser Herkunft
Huffpost:
Anatomy Of A Smear: Questions Surrounding The New York Post’s Hunter Biden Story

New York Times:
New York Post Published Hunter Biden Report Amid Newsroom Doubts

Süddeutsche Zeitung:
Der Kampf um 26 magische Wörter

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Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

keine

Zum Infosperber-Dossier:

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11 Meinungen

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    am 31.10.2020 um 12:38 Uhr
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    Diese Darstellung der Sachlage wurde vor rund 24 Monaten von Putin gestreut und wurde seither mehrfach kontrolliert und als falsch entlarvt. Schokin ermittelte eben gerade nicht gegen Burisma und gegen andere zwielichtige Firmen. Er war hochgradig korrupt und es bestand grosser Druck von EU-Ländern und den USA, ihn aus dem Amt zu entfernen, damit die Hilfslieferungen besser geschützt werden konnten. Es spricht nicht für den Infosperber, dass er diese falsche Konspirationsgeschicht verbreiten hilft!

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    am 31.10.2020 um 12:54 Uhr
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    @schellenberg: Es geht gar nicht darum, ob Schokin korrupt oder nicht korrupt war, es geht darum, dass Biden mit der Drohung, das versprochene Geld werde nicht kommen, wenn Schokin nicht entlassen werde, seine Macht als US-Vizepräsident massiv missbrauchte. DAS ist der Skandal. Alle üblen Dinge Putin in die Schuhe zu schieben, ist billigste West-Desinformation. – Lesen auch Sie täglich ca. 25 US-Info-Quellen und mehr als 10 verschiedene Info-Quellen aus Russland und der Ukraine, um die Informationen von beiden Seiten zu haben und besser beurteilen zu können, was echte Information und was lediglich Propaganda ist? Wir als Profi-Journalisten von Infosperber wissen, warum wir jeden Tag viele Stunden arbeiten, um gut informiert zu sein. Den Vorwurf, «falsche Konspirationsgeschichten zu verbreiten», weisen wir entschieden zurück. Mit freundlichen Gruss, Christian Müller

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    am 31.10.2020 um 18:07 Uhr
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    Dieser Artikel scheint mir leicht tendenziös zu sein. Gegen Trump ist ein Impeachment nicht deshalb eingeleitet worden, weil er von der Ukraine die Wiederaufnahme einer Untersuchung gegen Hunter Biden gefordert hatte, sondern weil er andernfalls gedroht hatte, vom Kongress bewilligte Militärhilfe zurückzuhalten. Das ist ein gravierender Vorwurf, denn er unterstellt, dass Trump sein eigenes persönliches Interesse stärker gewichtet als dasjenige des Landes. Tendenziös scheint mir auch die Aussage zu sein, dass Facebook und Twitter „reflexartig“ die Verbreitung eines Artikels gestoppt hätten, der Biden hätte schaden können. Es ist erwiesen, dass die Behauptungen der New York Post krass falsch sind, und dann muss schon erwartet werden können, dass sich die sozialen Medien von der Trump-Kampagne nicht instrumentalisieren lassen, indem sie zur Desinformation beitragen. Wozu das führt, hat man vor vier Jahren gesehen.

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    am 31.10.2020 um 22:14 Uhr
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    Würde offensichtlich geschätzt, wenn geahnt hätte…
    …sein würde…werde um Hunter Biden erweitert…wurden in den Medien geschätzt…Man stelle sich einmal vor…Was würde wohl…Joe Biden setzte nun offensichtlich…Man darf vermuten, dass…ans Licht gekommen wären…Diese wurde offenbar als Quantité negligeable betrachtet…Wobei sich Trump ganz offensichtlich…Wenn Biden damals geahnt hätte… – – – alles Originalzitate aus dem Artikel von Hermut Scheben, die auf reinen Vermutungen, Verschwörungstheorien und Aberglauben beruhen – schlicht unerträglich, unbrauchbar im Zeitalter der Aufklärung und Transparenz, nicht ein Hauch von Informationswert, allein diese Sprache!

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    am 31.10.2020 um 22:36 Uhr
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    @Elmer: Sie haben schon sinnvollere Kommentare geschrieben. Der Vorwurf des Aberglaubens und der Verschwörungstheorie zeigt, dass Ihnen genaueres Wissen und echte Argumente fehlen. Aber es ist Ihnen natürlich überlassen, sich selber unserer Leserschaft so vorzustellen. Mit freundlichem Gruss, Christian Müller

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    am 1.11.2020 um 11:25 Uhr
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    Wie Sie selber schreiben, versucht Trump mit alten Geschichten, Joe Biden kurz vor den Wahlen «in die Suppe zu spucken». Die «New York Post» und der TV-Sender Fox erachte ich als unredliche Trump-Akteure. Deutlich neutralere US-Medien sind z.B. die «New York Times» oder die «Wahington Post».

    Die Staaten hätten diesmal grossartige Präsidentschaftskandidaten gehabt wie
    oder

    Die können sich in der aktuellen Hetzerei durch Trump niemals durchsetzen und riskieren gar ihr Leben. Sie sind zu gut und zu sozialistisch für die gesamte USA. Soziale Einstellung ist in den USA gleich wie Kommunismus und somit ein rotes Tuch für die farbenblinde Masse.

    Wer sich in diesem aufgeheizten Klima durchsetzen will, wo sich auch die Waffenlobby stark macht, braucht die zusätzliche Unterstützung einiger trumpentfernter Republikaner. Daher sind Joe Biden mit der starken Frau Kamala Harris die Hundertprozent bessere Wahl als ein Trump, der nur «twitterig» taktieren statt staatsmännisch denken kann. Wir hier wissen auch nicht, was alles an kriminellen Taten bislang unter dem Deckel blieb.

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    am 1.11.2020 um 13:00 Uhr
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    Mit Verlaub: Sind Sie nicht der gleiche Christian Müller, über den die kritische „Medienwoche“ am 12.05.2020 über Sie geschrieben hat: „…Müller bringt Themen zusammen, die vor allem dann miteinander zu tun haben, wenn man überall Bezüge sieht. Auf der Facebook-Seite von Infosperber gefällt das dann jenen, die überall Verschwörungen sehen…“ – Wer schreibt, sollte auch die Wirkung seiner Texte verantworten.

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    am 2.11.2020 um 06:39 Uhr
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    "Die Ukraine-Affäre macht einmal mehr deutlich, in welchem Ausmass die Giganten der sozialen Medien bestimmen, was ihre User im Netz lesen dürfen und was nicht."
    Also ich habe Ihren Artikel gerade auf meinem Android Mobil mit dem chrome browser von google gelesen. Google hat mir also dazu verholfen, Ihre Gedanken zu erfahren und nicht mich davon ferngehalten.
    Wer im 2020 immer noch an allen anderen rumnörgelt und alle andere für alles Schlechte verantwortlich macht, der hat die Zeichen der Zeit noch nicht erkannt. Es ist nämlich genau dieses kindische Verhalten, welches uns an den Punkt gebracht hat, wo wir heute als Weltgemeinschaft stehen.

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    am 2.11.2020 um 09:16 Uhr
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    @ Redaktion: Gestern schrieb ich:
    Die Staaten hätten diesmal grossartige Präsidentschaftskandidaten gehabt wie
    Elizabeth Warren oder Bernie Sanders.
    Warum schnitten Sie diese beiden grossartigen Namen einfach weg? Weil es Links waren? In anderen Artikeln waren Sie fähig, Weblinks als Normaltext darzustellen. Warum hier nicht?

    Passt Ihnen mein Kommentar nicht, sind Sie gar Trump-Anhänger?

    @ Christian Müller: Als Mit-Redaktor von InfoSperber dürften Sie ein bisschen mehr neutralen Abstand zu Leser-Kommentaren haben. Auf mich wirken Sie so, dass Sie zu wenig Dritt-Meinungen ertragen. Leser sind nicht in der gleichen Pflicht wie Redaktoren. Aber Leser (und Spender) kann man ganz leicht auch einfach vertreiben.

    Nachsatz von Christian Müller: Sie haben recht, Herr Baumgartner, ich habe schon gescheitere Kommentare geschrieben, und ich streue Asche auf mein Haupt. Aber wenn man uns ohne konkrete Argumente einfach mit dem Totschlag-Argument «Verschwörungstheoretiker» kritisiert, gehen bei mir tatsächlich alle roten Lämpchen an. Mit Dank und Gruss, Christian Müller

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    am 2.11.2020 um 19:20 Uhr
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    Chapeau! Christian Müller. Ja, auch als Leser sollte man Überlegung vor Überreaktion setzen.

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    am 6.11.2020 um 13:57 Uhr
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    Danke für den Guten Beitrag Christian Müller. Leider ist die Medienmanipulation heutzutage sehr stark und somit auch die Leserkommentare dementsprechen.. Lassen sie sich davon nicht entmutigen und machen sie weiter so… Freundliche Grüsse Matthieu Chanton

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