Russian Hacking Knoe

Russisches Hacken in den Schlagzeilen © knoe

Trumps Russland-Connections: Medien waren zu wenig kritisch

Urs P. Gasche /  Die Russen hätten 2016 den E-Mail-Server der Demokraten gehackt. «Unerhörte Einmischung Putins in die US-Wahlen», meldeten Medien.

Russen, namentlich auch der militärisch-russische Geheimdienst, würden mit Wissen Präsident Putins die Präsidentschaftswahlen von 2016 mit illegalen Mitteln zugunsten Donald Trumps massiv beeinflussen. Das verbreiteten etliche Medien monatelang. Als Quelle gaben sie zuweilen «Kreise der Geheimdienste» an. Was zuerst als böser Verdacht beschrieben wurde, stellten einige Medien bald als gesicherte Tatsache dar: Die Russen haben den E-Mail-Server der demokratischen Partei gehackt und die E-Mails dann WikiLeaks zum Veröffentlichen zugespielt. Die Partei und IT-Experten beschuldigten Russland, hinter dem Angriff zu stehen und sich so zugunsten des Republikaners Donald Trump in den Wahlkampf einzumischen. Der Kreml wies das zurück. WikiLeaks-Gründer Julian Assange wollte nicht sagen, wer die E-Mails gehackt hat. «Ich bin Journalist und ich gebe meine Quellen nicht preis», sagte er dem Sender CNN.

Die «Zeit» am 15. Dezember 2016:

«Der US-Nachrichtensender NBC berichtet, dass Russlands Staatschef persönlich den Umgang mit gehackten Mails von Demokraten gesteuert habe. Der Sender beruft sich in seinem Bericht auf zwei anonyme hochrangige Geheimdienstverantwortliche … Am Freitag hatte die Washington Post über interne CIA-Unterlagen berichtet, die nahelegen sollen, dass Insider mit Verbindungen nach Moskau die Enthüllungsplattform WikiLeaks mit gehackten E-Mails der Demokratischen Partei versorgt hätten und so versucht haben sollen, dem Milliardär Donald Trump zum Wahlsieg zu verhelfen … Die New York Times hatte gemeldet, US-Geheimdienste gingen ‹mit hoher Sicherheit› davon aus, dass russische Hacker in die Computersysteme sowohl der Republikaner als auch der Demokraten eingedrungen seien.»

Die «NZZ» am 13. Mai 2017 (Andreas Rüesch):

«Putin führt Krieg gegen den Westen: Die Gefahr, die von den russischen Wahlkampfmanipulationen in den USA und Europa ausgeht, wird unterschätzt. Moskaus Einmischung erfordert eine entschlossenere Gegenwehr … Wer hinter all diesen Angriffen steckt, ist längst kein echtes Geheimnis mehr. Eine Fülle von Indizien deutet auf die russische Führung hin. Das ist nicht nur die Einschätzung westlicher Geheimdienste, sondern auch jene von diversen Computersicherheitsfirmen. Hackerangriffe lassen sich zwar kaum je mit hundertprozentiger Sicherheit zuordnen. Aber die Methoden der Eindringlinge und die Spuren, die sie dabei hinterlassen, geben Experten wertvolle Anhaltspunkte. Sie legen den Schluss nahe, dass diese und weitere Cyberangriffe das Werk von ein und derselben Gruppe waren. Sie ist in der Branche unter Namen wie APT 28, Pawn Storm und Fancy Bear bekannt und gilt als Schöpfung des russischen Geheimdiensts … Neu ist, dass Russland Hackerangriffe ausführt, um die erbeuteten Daten anschliessend für Desinformationskampagnen zu nutzen.»

«Das Märchen von Donald Trumps angeblicher Russland-Verbandelung»

Am letzten Sonntag, 3. Oktober 2021 titelte jetzt die «Sonntags-Zeitung»:

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Schlagzeile in der «Sonntags-Zeitung» vom 3. Oktober 2021

Für das Verbreiten der Verschwörungstheorie bezüglich Trump und Russland sei die Anwaltskanzlei Perkins Coie in Seattle zuständig. Deren Anwalt Michael Sussmann wurde von der Wahlkampfkommission von Hillary Clinton bezahlt. Gegen Sussmann läuft ein Strafverfahren. Als er der Bundespolizei FBI belastendes Material gegen Trump übergab, habe Sussmann verheimlicht, dass er von der Wahlkampfkommission Clintons bezahlt wurde. Im belastenden Material sei auch gestanden, dass Trump mit der russischen Alfa-Bank in Verbindung sei, deren Server im New Yorker Trump Tower installiert seien. Das sorgte für Schlagzeilen. Doch nachfolgende Recherchen des FBI fanden heraus, dass selbst die Cyber-Experten von Sussmann die Vermutung für unglaubwürdig hielten und an der Sache nichts dran war.

Auch Sonderermittler Mueller hatte für obige Vorwürfe keine Anhaltspunkte gefunden. Der Verdacht auf eine Komplizenschaft zwischen Donald Trumps Wahlkampfteam und Moskau sei nicht nachzuweisen. Allerdings stellte er fest, dass Trump mutmasslich die Arbeit der Justiz behindert habe. Trump habe den ihm loyal gesinnten Justizminister Jeff Sessions bedrängt, die Kontrolle über die Russland-Untersuchung zu übernehmen und Mueller sogleich wieder abzusetzen. Sessions weigerte sich jedoch und wurde schliesslich selber abgesetzt.

Auch der Vorwurf, Kandidat Trump sei erpressbar, weil er sich in Moskau mit einer Prostituierten vergnügt habe, liess sich nicht erhärten.

Es bleiben Tweets, Posts und Inserate auf Facebook

Was bleibt, sind viele Tweets, Posts sowie Inserate auf Facebook und Videos auf Youtube, die sich auf den US-Wahlkampf bezogen und auf Accounts in Russland zurückgingen. Um die Herkunft zu vertuschen, wurden zum Teil Identitäten echter US-Bürgerinnen und Bürger benutzt.
Diese Einflussnahme in Social Media auf die Wahlen hatten grosse Medien auch in Europa als unerhörte Einmischung dargestellt. Denn meistens informierten diese Medien nicht gleichzeitig darüber, dass die 1,5 oder 2,1 Millionen Tweets russischer Herkunft weniger als ein Prozent – 1 % – aller Wahlkampf-Tweets ausmachten. Berücksichtigt man lediglich die Tweets, die wahrgenommen wurden, sind es nur 0,5 Prozent (Quelle: New York Times).
Die 80’000 Posts auf Facebook mit Verbindungen zu Russland lagen im Promillebereich aller Wahlkampf-Posts auf Facebook.
Von den Youtube-Videos, die mit den Wahlen zu tun hatten, waren nach Angaben der erwähnten Konzerne 1,8 Prozent russischer Provenienz.

Das Ganze bewegte sich offensichtlich im Rahmen der üblichen Einflussversuche der Grossmächte bei diversen Wahlen im Ausland. Die USA sind dabei sogar führend. Die geschürte Empörung war scheinheilig. Siehe Infosperber vom 21. Juli 2018.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.

Zum Infosperber-Dossier:

Kalter_Krieg

Der Kalte Krieg bricht wieder aus

Die Grossmächte setzen bei ihrer Machtpolitik vermehrt wieder aufs Militär und gegenseitige Verleumdungen.

Zeitungen_1

Kritik von Zeitungsartikeln

Printmedien üben sich kaum mehr in gegenseitiger Blattkritik. Infosperber holt dies ab und zu nach.

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4 Meinungen

  • am 4.10.2021 um 13:09 Uhr
    Permalink

    Und so tönt das dann im aktuellen «Foreign Affairs», der Hauszeitung des Council on Foreign Relations (CFR):
    https://www.foreignaffairs.com/articles/united-states/2021-09-27/kremlins-strange-victory

    Solange jede Partei Fakten verbiegt bis zur Unkenntlichkeit oder ins Gegenteil, nur um die eigene Agenda irgendwie durchzusetzen, solange haben Aufrichtigkeit, verantwortliches Handeln und Frieden kaum eine Chance.
    Die Überbringer dieser Informationen, die Leitmedien, stehen hier ganz besonders in der Verantwortung und in der Kritik, denn sie sind die Haupttreiber des üblen «Spiels» und die Verfasser bleiben in aller Regel im Dunkeln.
    Wer zieht sie zur Verantwortung?

    Langsam aber sicher merken immer mehr Menschen, dass auch «westliche Werte» keine Werte sind, die ein friedliches Zusammenleben auf Planet Erde erlauben. Auf Lügen und Täuschungen sind keine stabilen Beziehungen möglich.
    Wir sollten immer versuchen, selber zu denken und den ehrlichen Dialog zu führen. Auch wenn die Dimension der Probleme zu gross erscheint.
    Wir alle sollten uns dafür einsetzen, dass selbständiges Denken morgen noch möglich ist.

    https://friedenskraft.ch/news

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  • am 4.10.2021 um 16:35 Uhr
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    Was heute Alltag scheint, hat der französische Autor J.M.G. Le Clézio (geb. 1940, 2008 Nobelpreisträger für Literatur) bereits 1970 in «La Guerre» in einer für mich damals extrem verstörend konkreten Herznähe beschrieben. Hier der Anfang: „Der Krieg hat begonnen. Niemand weiss mehr, wo oder wie, aber er ist da. Heute steckt er hinten im Kopf, hinten im Kopf hat er das Maul geöffnet, und er faucht. Der Krieg der Verbrechen und der Schmähungen, die Furie der Blicke, die Explosion der Gedanken in den Hirnen. Er ist da, ist los über der Welt, er bedeckt sie mit seinem Netzwerk der elektrischen Drähte. Mit jeder Sekunde rückt er vor, reisst etwas aus und legt es in Asche. Alles taugt ihm als Waffe. Er ist bestückt mit Fangzähnen, Krallen und Schnäbeln. Niemand wird bis zum Ende durchstehen. Niemand wird verschont bleiben. Siehe, das ist das Auge der Wahrheit.“

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  • am 5.10.2021 um 09:23 Uhr
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    Das Beruhigende: Die Wahrheit kommt immer ans Licht – eher später als früher.
    Das Beunruhigende: wenig Intresse und kaum Konsequenzen für die Täter.
    Das Beschämende: Es wiederholt sich – vor unseren Augen.

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  • am 5.10.2021 um 14:20 Uhr
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    Top Artikel!
    Die mit Abstand fragwürdigste Story der letzten Jahre hat weitreichende Folgen. Jahrelang wurden Vermutungen als Fakten verkauft, aufgebauscht und mit anonymen Geheimdienstquellen «verifiziert». Journalisten die dem kritisch gegenüberstanden wurden und werden immer noch von der eigenen Zunft durch den Dreck gezogen. Die Politik reagierte mit absurden Massnahmen und die Russophobie in der westlichen Bevölkerung ist auf einem Hoch. Die selben Leute schreiben dann Artikel wie polarisiert doch unsere Gesellschaft ist und fragen sich was sich dagegen tun lässt.
    Wie heisst es doch so schön. You can’t make that shit up! ..

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