Trump: Zum Abschied ein Sturm aufs Capitol

Richard Aschinger /  Am Tag, als der Kongress die Wahlmännerstimmen validieren sollte, stürmen Trump-Anhänger das Capitol in Washington.

Das war wohl das Absurdeste, was ich je gesehen habe: Da lässt am Mittwochabend die billionenteuer verteidigte Weltmacht USA tausende alte und junge, wütende, von ihrem Idol-Präsidenten Donald Trump mit Wahlbetrugslügen aufgepeitschte Bürger und Bürgerinnen die Treppen und Fassaden ihres Capitols hinaufklettern. Einige hundert gelangen ins Parlamentsgebäude. Auf amerikanischen Fernsehkanälen sieht man Dutzende Eindringlinge mit USA- und Trump-Fahnen heiter durch den Senatssaal zotteln. Einer pflanzt sich in den Präsidentenstuhl. Und einer, in der Geografie der riesigen Gebäude offenbar wohlinstruiert, marschiert ins Büro der Mehrheitsführerin im Repräsentantenhaus, Nancy Pelosi, und hinterlässt ein Pamphlet. Draussen sieht man tausende, die vom Weissen Haus ihres Präsidenten zum Capitol marschiert sind. Sie stehen und sitzen in Gärten und auf Terrassen, mit Leitern, in der tiefroten Sicherheitszone der amerikanischen Hauptstadt, wo es an jedem anderen Tag für Unberechtigte rasch lebensgefährlich werden kann. Alles ohne sichtbaren Widerstand.

Wo sind die Sicherheitskräfte? © Screenshot CNN

Da und dort ein paar verdutzte, unbewaffnete Stadtpolizisten. Nur einmal sieht man an einer Türe im Senatssaal zwei Männer, die mit gezogener Pistole Eindringlinge daran hindern, ein Gitterfenster aufzubrechen. Journalisten vor Ort können es nicht fassen: Immer wieder die Frage: «Wo sind die Sicherheitskräfte?» Und die fassungslose Erkenntnis: «Da hat die Staatsmacht offensichtlich vollständig die Kontrolle aufgegeben».

Dabei hatte alles so ordentlich begonnen. Nach 19 Uhr unserer Zeit übertrug CNN aus dem Capitol die seit Tagen mit Aufregung erwartete Validierung der Wahlmännerstimmen der Präsidentschaftswahl. Die Demokraten zeigten gute Laune: Eben erst war bekannt geworden, dass sie im Bundesstaat Georgia bei einer Nachwahl auch den zweiten Senatssitz gewonnen hatten. So wird sich der neue Präsident Joe Biden mit demokratischen Mehrheiten in beiden Parlamentskammern politisch bewegen können. Im Vorfeld des Validierungsprozesses hatten Kommentatoren, demokratische Parlamentarier und ganz wenige republikanische Dissidente erklärt, Präsident Trump und seine Vasallen im Parlament könnten versuchen, den Validierungsprozess zum Entgleisen zu bringen. Um die verlorene Präsidentschaftswahl doch noch zu kehren? Oder mindestens um dem Präsidenten zu erlauben, seine Lüge vom Wahlbetrug nochmals richtig hochzuspielen.


Die Fernsehbilder aus den Parlamentssälen vermittelten einen heiligen Ernst. Zu Beginn der Sitzung der vom Vizepräsidenten geleiteten vereinigten Parlamentskammern erklärte Mike Pence, er werde sich streng an die Verfassung halten. Pence hatte Trump vier Jahre lang Nibelungentreue bewiesen. Und der Mehrheitsführer im Senat, Mitch McConell, der Trump eine Legislatur lang ohne Rücksicht auf staatspolitische Verluste den Rücken deckte, hatte die letzte Chance genutzt, um in der Validierungsfrage aus Trumps Husarenritt auszusteigen. Plötzlich riet der schamlose Machtpolitiker seinen republikanischen Parteifreunden, Trumps Spiel jetzt nicht mehr mitzuspielen und die Wahlniederlage zu akzeptieren. Es gehe um die Demokratie.

Für CNN-Zuschauer schien da alles in Butter. Bis die Kamera den Parlamentssaal abrupt verlässt und schier unglaubliche Kontrastbilder vor dem Kongressgebäude zeigt: Tausende, zehntausende Demonstranten, weitgehend friedlich, freudig, einfach massenhaft an höchstverbotenen Orten. Die Invasoren schwenken Fahnen, stolz, wie am Nationalfeiertag. Knipsen Selfies von dieser wohl unerwartet grossartigen Erfahrung. Einbrecher hacken ein Fenster des Gebäudes auf, einzelne steigen furchtlos ein. Noch mehr begeisterte Selfies. Zuhause wird man staunen. Journalisten reden jetzt nicht mehr von Demonstranten. Sagen, sonstwo würde man diese Leute «Terroristen» nennen.

Trump-Anhänger stürmen das Kapitol.
Viel Gewalt war nicht nötig, damit sich die Trump-Fans Zugang zum Capitol verschaffen konnten.

Als wäre das nicht alles absurd genug, zeigt CNN auf dem Höhepunkt der bedrohlichen Entwicklung einen Werbespot. Während Politiker, Moderatoren, ehemalige Polizeichefs fassungslos wieder und wieder ins Mikrofon sagen, so etwas hätten sie in den USA noch nie gesehen, so etwas habe es seit dem Bürgerkrieg nie gegeben, unterbrechen die Sendeverantwortlichen des globalen Kommerzsenders mit einem langen Werbespot – mit exaltierter Lustigkeit für teure Ferien in Golfstaat-Diktaturen.

Mindestens eine Stunde lang ist das Capitol in der Hand von Trumps Horden. Am Fernsehen redet zuerst der gewählte neue Präsident: Eine Schande für das Land, ein Schaden in der ganzen Welt. Joe Biden sieht echt traurig aus. Erst ganz am Schluss nennt er den Auslöser dieses Aufstands beim Namen. Trump hatte seine nach Washington gekommenen Fans noch am Morgen freundlich begrüsst. Während der Besetzung zeigte er sich nicht. Jetzt forderte Biden ihn auf, sofort am nationalen Fernsehen seinen Leuten zu sagen, sie sollten nachhause gehen.

Kurze Zeit später sieht man Trump auf dem Bildschirm. Er redet vor allem erneut von der Wahl, die man ihm gestohlen habe. Ganz am Schluss sagt er seinen Mannen und Frauen, die er als «spezielle Leute» ehrt, die sollten jetzt nachhause gehen.

Nach langer Zeit sieht man auf den Fernsehbildern Mengen von Polizeifahrzeugen auffahren. Die Hauptstadt hat ihre Polizeireserven mobilisiert, Nachbar-Bundesstaaten sehr viele Einsatzkräfte geschickt. Journalisten vor Ort fragen erregt, weshalb die jetzt in grosser Überzahl anwesenden Polizisten und Soldaten immer noch nicht eingreifen, warum niemand verhaftet wird.

Aber vielleicht ist das am Schluss das einzig Positive, an diesem Tag, an dem der Präsident einer Besetzung, die er angezettelt hat, am Fernsehen offensichtlich befriedigt zuschaute. An dem die für die Sicherheit Verantwortlichen total versagten. Oder nicht handeln wollten? Am Schluss haben die Polizeikräfte vor dem Kongressgebäude nicht mit aller Härte zugeschlagen, sondern ihre martialische Übermacht visuell wirken lassen, bis die Besetzer abzogen.


Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine.

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US-Politik unter Donald Trump

Weichenstellungen: An seinen Entscheiden ist Trump zu messen, nicht an seinen widersprüchlichen Aussagen.

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6 Meinungen

  • am 7.01.2021 um 11:38 Uhr
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    Zum zweiten mal innert kurzer Zeit schaffen es irgendwelche Chaoten, sich Zugang zu sensiblen Regierungsgebäuden zu verschaffen. Dies ohne jegliche Gegenwehr der Polizei. All das, notabene, in Zeiten wo erhöhte Aufmerksamkeit der Regierungen und Polizei angenommen werden kann. Das mutet seltsam an. Es wird bereits spekuliert, dass es sich um eine false flalg Kampagne handelt. Diese Vermutung wurde auch in Deutschland beim Reichstagssturm von einigen Beobachtern geäussert. (https://www.kritische-polizisten.de/2020/08/verbot-des-demonstrationsverbots/).

    Es gilt, vorschnelle Schlüsse zu vermeiden. Wer glaubt, er kenne die Wahrheit, der glaubt. Ich finde den Artikel aber ansonsten sehr gelungen und ausgewogen.

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    • am 8.01.2021 um 16:29 Uhr
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      Beim nochmaligen lesen von meinem Meinungskommentar, habe ich festgestellt, dass mein letzter Satz impliziert, die vorangegangen beiden Sätze seien eine Kritik am Artikel. Das war eigentlich nicht so gemeint. Gedacht ist der letzte Satz so:

      Ich finde den Artikel sehr gelungen und ausgewogen.

      0
  • am 7.01.2021 um 12:00 Uhr
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    Was für ein inszeniertes Kasperlitheater.
    Immerhin nicht noch die Marionetten verhaftet und in Schauprozessen verurteilt und in dunkle Löcher geworfen.

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  • am 7.01.2021 um 13:34 Uhr
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    Als noch Wahlkampf war, da wagte ich kaum zu hoffen die Demokarten würden es diesmal schaffen. Dann gewann Biden in einer Zitterpartie. Als es um Georgia ging, wagte ich kaum zu hoffen, der Senat würde von den Demokraten übernommen werden. Der Mob von gestern – ich wage jetzt mal zu hoffen – wird langfristig zur Spaltung der GOP führen, in eine grosse Mitte- und in eine kleine Rechtsaussen-Fraktion, ähnlich der AfD. Aber auch die Demokraten werden Federn lassen, auch dort wird sich der links-aussen Flügel abspalten. Wir erleben gerade den Übergang von einem 2-Parteien zu einem 3- 4- oder 5-Parteien-System, wo die Parteien am Rande des Spektrums nur noch Klamauk veranstalten.
    Der Wandel in Georgia ist übrigens nachhaltig, und wird sich künftig noch akzentuieren. In und um Atlanta herum sind viele junge und gut gebildete Leute zugezogen, und die waren heuer ausschlaggebend. Das Nachrichtenportal Vox berichtet darüber ausführlich.

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  • am 7.01.2021 um 21:40 Uhr
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    Amerika galt mal als das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Seit einigen Jahren wird es zunehmend zum Land der unmöglichen Begrenztheiten. Fertig!

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  • am 8.01.2021 um 06:29 Uhr
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    Wer glaubt der Sturm wäre von den Republikanern organisiert worden, der verkennt, dass dort im Senat gerade eben die Betrugsvorwürfe an die Demokraten gestartet wurden. Diese Vorwürfe zu stören konnte nur das Interesse der Demokraten sein.!

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