Kommentar

Sprachlust: Deutsche Städtenamen im Offside?

Daniel Goldstein © Grietje Mesman

Daniel Goldstein /  Breslau oder Wroclaw, Lemberg oder Lwiw, Charkow oder Charkiw? Mit schlechtem Willen bieten die EM-Städtenamen Stoff für Zoff.

Jetzt spielen sie in Warschau und Breslau, bald auch in Charkow, Lemberg, Danzig und Posen. Oder spielen sie in Warszawa und Wroclaw, Charkiw, Lwiw, Gdansk und Poznan? Das Einfache zuerst: Charkiw ist die ukrainische Form, aber da im Osten der Ukraine Russisch die vorherrschende Sprache ist, wird man bei der vertrauten Form auf -ow bleiben dürfen, ohne der Sowjetnostalgie oder des russischen Expansionismus geziehen zu werden. Ausser vielleicht von ukrainischen Nationalisten, die sogar darauf bestehen könnten, der Final der Fussball-Europameisterschaft finde in Kyjiw statt. Kritik könnten auch jene Slawisten oder Slavisten üben, die Vokale anders oder W als V transskribiert sehen wollen.
Ihnen allen kann man entgegnen, dass Kiew die übliche deutsche Form ist und auch so im Duden figuriert. Dasselbe gilt für die eingangs angeführten deutschen Ortsnamen, nur Posen fehlt im Band «Die deutsche Rechtschreibung», ist aber vielen geläufig. Wenn jemand von Warschau redet, gerät er kaum in Verdacht, ein deutscher Revanchist oder wenigstens Nostalgiker zu sein (oder bei Lemberg ein habsburgischer), auch bei den andern gängigen Städtenamen eigentlich nicht – aber manche Deutschsprachigen bemühen sich, die polnischen Namen zu schreiben, mit oder ohne Sonderzeichen, oder gar auszusprechen, mit oder ohne Erfolg. Eine nette Geste, wo Polen zugegen sind, aber für den hiesigen Hausgebrauch unnötig.
«Gänseleber aus Strasbourg»
Ebenso wenig drängt es sich auf, etwa angesichts der elsässischen Geschichte auf deutsche Ortsnamen zu verzichten. Wenn ein bernischer Landgasthof «Gänseleber aus Strasbourg» meint anpreisen zu müssen, dann wohl eher wegen kulinarischer als wegen politischer Korrektheit. Mülhausen wird man ebenfalls noch sagen dürfen, ohne politischer Hintergedanken verdächtigt zu werden; gegen Schlettstadt spricht vielleicht, dass man damit den Weg nach Séléstat verfehlen könnte.
Ähnliche praktische Überlegungen sollten für Osteuropa gelten: Die EM-Städte tragen ihre deutschen Namen ebenso selbstverständlich wie Prag oder Belgrad. Erzählt man aber hierzulande jemandem, man fahre nach Landsberg an der Warthe, dann versteht der wahrscheinlich nur Bahnhof. Dort freilich lautet die Ortstafel auf Gorzów Wielkopolski, und unter diesem Namen wird man es auch auf der Karte suchen müssen. Vielleicht findet man in der Stadt oder in Deutschland Leute, denen der deutsche Name noch geläufig ist. Ebenso sind für Wiener Pressburg, Laibach und Agram schier Nachbarstädte, während wir Bratislava, Ljubljana und Zagreb leichter orten können.
Von Kaliningrad nach Chiètres
Noch komplizerter ists mit Städten, die nicht einfach in verschiedenen Sprachen unterschiedliche Namen tragen, sondern umgetauft wurden: Bei Königsberg wärs am einfachsten, den Russen würde der Sowjetpräsident Kalinin als Namenspatron verleiden. Weitere Subtilitäten bieten Orte , bei denen der Unterschied zwischen deutschem und einheimischem Namen nur in der Schreibweise besteht, wie Sarajewo oder Sarajevo.
Aber warum denn in die Ferne schweifen: Wer von Delsberg oder Pruntrut redet, braucht kein ewiggestriger Altberner mit Grossmacht-Nostalgie zu sein. Die deutschen Namen zeugen von Vertrautheit, und «Bi Porrentruy im Ju-u-ra» zu singen, wäre doch zu viel verlangt, obwohl es sich besser in die Melodie einfügt als «Prun-te-rut». Hingegen käme mir als Nichtberner Münster für Moutier seltsam vor, aber wenns einer Bernerin leicht über die Lippen kommt, will ich ihr keine (sprachlich verkappten) Herrschaftsansprüche unterstellen. Und Welsche, die von Anet, Chiètres oder Guin reden, haben kaum im Sinn, bei Ins, Kerzers und Düdingen den Röstigraben zu verschieben. Sie laufen bloss Gefahr, hüben und drüben nur von wenigen verstanden zu werden.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Redaktor der Zeitschrift «Sprachspiegel»; Verfasser der Kolumne «Sprachlupe», alle 14 Tage in der Zeitung «Der Bund».

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Daniel Goldstein zeigt, wie Worte provozieren, irreführen, verharmlosen – oder unbedacht verwendet werden.

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