Dmitri Trenin MSC 2016

Dmitri Trenin (rechts) am «European Defense Roundtable» im Rahmen der Münchner Sicherheitskonferenz msc 2016. Links im Bild Jörg Vollmer, ein General des Heeres der Deutschen Bundeswehr und seit April 2020 Befehlshaber des «Allied Joint Forces Command» der NATO in Brunssum in den Niederlanden. © msc

Russland zwischen China und den USA: die Analyse

Dmitri Trenin /  Geopolitisch wird der asiatisch-pazifische Raum immer wichtiger. Russlands Politik im Osten wird damit umso schwieriger.

(Red.) Es gibt sie noch, die aufmerksamen und gut informierten Beobachter der geopolitischen Situation und Entwicklung, die ihre Analysen nicht in den Dienst der einen oder anderen Machtpolitik stellen. Zu ihnen gehört weit oben Dmitri Trenin, Direktor des aus den USA bezahlten Instituts «Carnegie Moscow Center». Seine neueste Analyse zur Verschiebung des Schwerpunktes der US-Aussen- und Militärpolitik vom Nahen Osten in den asiatisch-pazifischen Raum ist für europäische Schnellleser zwar etwas lang, für Interessierte aber umso informativer. – Dmitri Trenin hat Infosperber das Recht gegeben, seine neueste Analyse ins Deutsche zu übersetzen und auf der eigenen Plattform zu publizieren. (cm)


USA, Russland, China – eine unausgeglichene Dreierbeziehung

Die drei wichtigsten geopolitischen Akteure und führenden Militärmächte der Welt – die Vereinigten Staaten von Amerika, die Volksrepublik China und die Russische Föderation – stehen in einer komplexen Dreiecksbeziehung. Amerika befindet sich in einem Zustand der Konfrontation mit China und Russland; China und Russland sind strategische Partner; doch während die Vereinigten Staaten die NATO stärken, um sich Russland entgegenzustellen, und gleichzeitig ihre Beziehungen zu den Ländern des indopazifischen Raums ausbauen und intensivieren, um China in Schach zu halten, haben Peking und Moskau kein formelles Bündnis gegründet, um den USA und deren Verbündeten gemeinsam die Stirn zu bieten. Die Bipolarität zwischen den USA und China ist eingetreten, aber die Blockbildung findet nur auf einer Seite, im Westen, statt. Ist diese asymmetrische Konstellation von Dauer, oder wird die Welt ein Wiederaufleben der starren Blöcke erleben, die ein herausragendes Merkmal des Kalten Krieges waren?   

Moskau sucht das Gleichgewicht

Die Hauptthese dieser Analyse lautet, dass in einer Welt, die zunehmend von der Rivalität zwischen den Supermächten USA und China geprägt ist, die USA eindeutig daran interessiert sind, eine zu grosse Annäherung zwischen China und Russland zu verhindern. China schätzt seine enge Partnerschaft mit Russland, ist aber als Einzelkämpfer weder bereit noch willens, ein Militärbündnis mit Russland einzugehen. Und Russland, ein wichtiger unabhängiger internationaler Akteur, aber keine Supermacht wie die beiden anderen, versucht dagegen, ein Gleichgewicht zu wahren, wenn auch nicht mit Äquidistanz gegenüber China und Amerika und deren Rivalität. Dieser Zustand innerhalb des geopolitischen und militärischen Dreiecks wird wahrscheinlich so lange anhalten, bis es zu einer grösseren Krise in den Beziehungen zwischen den USA und China kommt – zum Beispiel in der Taiwan-Frage –, die die beiden Länder an den Rand einer militärischen Konfrontation bringen und sie dazu veranlassen wird, ihre Bündnisse und Partnerschaften zu verstärken. 

Im Moment fährt Moskau fort, seine Beziehungen zu Peking vorsichtig auszubauen und zu verstärken, während es gleichzeitig seine eigene Konfrontation mit den Vereinigten Staaten managen muss. Sich auf die Seite Washingtons gegen Peking zu stellen, wäre eine strategische Dummheit: China zu einem Gegner zu machen, hätte für Russland weitaus schlimmere strategische Folgen als die fortgesetzte Konfrontation mit den USA und mit all ihren Verbündeten. Sich in Friedenszeiten auf die Seite Pekings gegen Washington zu stellen, hiesse dagegen, einen grossen Teil der strategischen Souveränität Russlands aufzugeben und das Schicksal des Landes vom Ausgang einer Rivalität zwischen zwei anderen Mächten abhängig zu machen.

Russland ist gezwungen, sich stark zu machen

Dieses Kalkül könnte sich in Krisenzeiten allerdings ändern, wenn die russische Führung zu dem Schluss käme, dass es zu einer strategischen Niederlage und möglicherweise zu einer Katastrophe führen würde, wenn man den Vereinigten Staaten gestatten würde, sich zunächst militärisch mit China auseinanderzusetzen und dann, falls sie erfolgreich wären, erhöhten Druck auf Russland auszuüben. Zum jetzigen Zeitpunkt gibt es zu viele unbekannte Faktoren, als dass man darüber spekulieren könnte, wie sich Moskau entscheiden wird. Man kann nur hoffen, dass die Lehren aus dem Ersten Weltkrieg, als das Russische Reich in den Konflikt zwischen Deutschland und Grossbritannien hineingezogen wurde und daran zugrunde ging, für die russische Führung des einundzwanzigsten Jahrhunderts nicht völlig vergessen sind. Um das lebenswichtige Gleichgewicht gegenüber den zunehmend antagonistischen Beziehungen zwischen Washington und Peking aufrechtzuerhalten, muss Russland seine nationale Machtbasis in einer Reihe von Bereichen, von der Wirtschaft über die Technologie bis hin zur Moral, aber erheblich stärken.

Mehrere bahnbrechende Entwicklungen im Jahr 2021 – die Gründung von AUKUS (das neue Bündnis zwischen Australia, United Kingdom und United States, siehe die blaue Box am Ende des Artikels, Red.), einer neuen, klar gegen China gerichteten Allianz unter Führung der USA, die Wiederbelebung des sogenannten Quad («Quadrilateral Security Dialogue», «Vierseitiger Sicherheitsdialog», siehe blaue Box, Red.), der neben den USA, Japan und Australien auch Indien miteinschliesst, und der überstürzte Rückzug der US-Streitkräfte aus Afghanistan – verdienen eine genauere Betrachtung im Hinblick darauf, wie diese sich auf Russlands Strategie im Hinblick auf die sich verschärfende chinesisch-amerikanische Rivalität auswirken könnten.

AUKUS und seine Folgen

Die Ankündigung eines Grossauftrags für ein atomgetriebenes U-Boot für Australien im September 2021, der Canberras langjährige Allianz mit Washington weiter festigt, wobei London nur eine Nebenrolle spielt, zeigt die Verschiebung des strategischen Schwerpunkts der USA in Richtung China in aller Deutlichkeit. Der neue Pakt wird es der australischen Marine ermöglichen, in den Gewässern des Südchinesischen Meeres, in der Strasse von Taiwan und auch darüber hinaus zu patrouillieren und so die von den USA geführte Eindämmung Chinas militärisch zu unterstützen. Künftig könnten australische U-Boote aber auch bis an die russische Pazifikküste heranfahren und sogar in die Arktis vordringen. Das neue AUKUS-Bündnis kann von Moskau also nicht ignoriert werden. Dies veranlasste den Sekretär des russischen Sicherheitsrates Nikolai Patruschew denn auch, das AUKUS-Bündnis als «antichinesischen und antirussischen Schritt» zu bezeichnen.

Es gibt jedoch einen grossen Unterschied zwischen den Auswirkungen von AUKUS auf China und auf Russland. Die australischen Atom-U-Boote werden das militärische Potenzial der USA, das gegen Russland gerichtet ist, nicht wesentlich stärken. Entscheidend dabei ist, dass Russland im Gegensatz zu China im Pazifik keine territorialen Ansprüche erhebt. Insgesamt sind die Beziehungen Moskaus zu praktisch allen Ländern der Region normal und in vielen Fällen freundschaftlich. Das Fehlen eines Friedensvertrags mit Japan nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und die seit langem bestehenden japanischen Ansprüche auf die südlichen Kurilen-Inseln werden von Moskau und Tokio auf diplomatischem Wege angegangen.

Moskau bleibt neutral

Vor allem dort, wo die künftigen australischen Marinekapazitäten am wichtigsten sind – im Südchinesischen Meer –, vertritt Moskau eine neutrale Haltung zu den Seestreitigkeiten, an denen China und andere Anrainerstaaten beteiligt sind. Russland hat dort schon deshalb eine neutrale Position eingenommen, um eine diplomatische Lösung der konkurrierenden Gebietsansprüche zu unterstützen, die zwischen Peking und den entsprechenden ASEAN-Hauptstädten gefunden werden muss. Innerhalb der ASEAN, des Verbandes der südostasiatischen Staaten mit zehn Mitgliedsländern (siehe blaue Box unten, Red.), ist Vietnam, das China gegenüber misstrauisch ist, Moskaus strategischer Partner und ein traditioneller Waffenkunde. Russland ist auch bestrebt, seine Militärverkäufe an Indonesien und Malaysia auszuweiten. Obwohl Moskau es ablehnt, dass ausserregionale Akteure wie Washington, Canberra oder London im Südchinesischen Meer eine Rolle spielen, wird es sich in deren Marineoperationen mit Sicherheit nicht einmischen.

Auch im Ostchinesischen Meer hat Russland im chinesisch-japanischen Streit um die von Japan kontrollierten Senkaku/Diaoyu-Inseln eine neutrale Haltung eingenommen. Peking verhält sich seinerseits ebenfalls neutral gegenüber den Südkurilen, die Russland gehören und von Japan beansprucht werden. Im Gegensatz dazu hat Moskau – selbst in den schlimmsten Jahren der chinesisch-sowjetischen Konfrontation – Taiwan immer als integralen Bestandteil der Volksrepublik China betrachtet und sieht die Beziehungen zwischen Peking und Taipeh als eine interne chinesische Angelegenheit. Dies bedeutet aber auch, dass Russland bei einem Konflikt, an dem nur Peking und Taipeh beteiligt sind, aller Wahrscheinlichkeit nach ebenfalls abseitsstehen wird. Ein grösserer militärischer Konflikt, in den die USA verwickelt wären und der zu einem umfassenden Krieg zwischen Amerika und China führen könnte, wäre allerdings eine andere Geschichte. Moskau würde es wahrscheinlich nicht zulassen, in chinesisch-amerikanische Feindseligkeiten hineingezogen zu werden, aber es würde die Einmischung der USA in Chinas innenpolitische Streitigkeiten vermutlich verurteilen und gleichzeitig ein baldiges Ende des Konflikts zwischen den Supermächten anstreben.

Die Gründung des AUKUS-Bündnisses zwischen den USA, UK und Australien, im Wesentlichen ein Marinebündnis, sollte Russland dazu veranlassen, seinen Marinekapazitäten und der Küstenverteidigung entlang seiner Pazifikküste vom Japanischen Meer bis zur Beringstrasse mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Seine Pazifikflotte ist den US-Streitkräften in diesem Gebiet nicht gewachsen und müsste modernisiert werden. Russlands Hauptaufgabe im asiatisch-pazifischen Raum ist jedoch die eigene Landesverteidigung und nicht ein Machtspiel. Wie auch anderswo kann Russlands Verteidigungspolitik angesichts einer vorherrschenden Macht nur asymmetrisch sein. Was Russland betrifft, so stellt AUKUS nur eine geringe Veränderung der Situation dar: Sie darf zwar nicht ignoriert werden, aber sie ist kaum eine grosse Bedrohung. 

Indien und die Vierergruppe

Der chinesisch-indische Grenzkonflikt im Himalaya im Jahr 2020 führte zu einer nachhaltigen Verschlechterung der historisch angespannten Beziehungen zwischen Neu-Delhi und Peking. Dies brachte Russland in die unangenehme Lage, dass seine beiden wichtigsten strategischen Partner nun tatsächlich aufeinander schiessen. In diesem Konflikt zwischen seinen beiden engen Freunden konnte Russland nicht Partei ergreifen, ohne seine gesamten Beziehungen zu einem der beiden wichtigsten Partner aufs Spiel zu setzen. Moskau berief sich zwar auf das trilaterale Konsultationsformat Russland-Indien-China und ermöglichte hochrangige Treffen zwischen indischen und chinesischen Ministern, die Russland besuchten. Mehr konnte Russland jedoch nicht tun, da beide Partner von Anfang an jegliche Vermittlung durch Dritte ablehnten.

Dennoch wurde Moskaus Neutralität von vielen in Neu-Delhi als Verrat und als Zeichen für Russlands wachsende Abhängigkeit von China als wichtigstem Partner interpretiert. Diese Sichtweise stärkte diejenigen in Indien, die eine Lockerung des historischen Engagements des Landes mit Russland (insbesondere im Bereich der Verteidigungszusammenarbeit) und eine schnellere und umfassendere Annäherung an die USA befürworten. Gleichzeitig bemühte sich die Regierung von Joe Biden in Washington um eine Wiederbelebung des ruhenden Quad-Kooperationsformats, das Indien mit Australien, Japan und den USA zusammenbringt. Im Jahr 2021 nahm Indien am virtuellen Quad-Gipfel teil, besuchte den G7-Gipfel im Vereinigten Königreich und nahm an dem von den USA einberufenen virtuellen Gipfel der Demokratien teil. Der indische Premierminister Narendra Modi besuchte die Vereinigten Staaten, um sich mit Präsident Biden zu treffen. Dennoch bleibt Indien Mitglied der «Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit» SOZ, sein Militär verwendet weiterhin viele Waffen und Ausrüstungen aus russischer Produktion, und die politischen Beziehungen zwischen Neu-Delhi und Moskau sind nach wie vor freundschaftlich.

Indien und Russland vor einer Weggabelung

Die Inder und die Russen stehen also vor einer neuen Herausforderung: Wie sollen sie ihre fast siebzigjährige Partnerschaft handhaben, wenn jeder Partner nun eng mit einem Land zusammenarbeitet, mit dem der andere Partner in eine aktive Konfrontation verwickelt ist? Wenn es ihnen gelingt, diese Herausforderung zu bewältigen, könnte eine nicht exklusive Beziehung entstehen, die zwar schwieriger zu handhaben ist, aber besser in die dynamischen Gegebenheiten des 21. Jahrhunderts hineinpasst. Dieses flexiblere Modell würde nicht nur die divergierenden Beziehungen Moskaus und Neu-Delhis zu den beiden Supermächten berücksichtigen, sondern auch ihre unterschiedlichen Sichtweisen in regionalen Fragen. Während Russland beispielsweise Pakistan als ein wichtiges Land für die Bewältigung des post-amerikanischen Afghanistans ansieht, betrachtet Neu-Delhi Islamabad als seinen Erzfeind auf dem Subkontinent und als Unterstützer des gegen Indien gerichteten Terrorismus.

Russlands Einwände gegen die Wiederbelebung der Quad beschränken sich nicht auf den Wettbewerb mit den Vereinigten Staaten um den indischen Rüstungsmarkt oder gar auf die umfassendere Frage des Status der Beziehungen Moskaus zu Neu-Delhi. Wie AUKUS sieht Russland auch die Quad als Beispiel für die US-Politik, in der indo-pazifischen Region eine politische, wirtschaftliche, technologische und militärische Architektur zu schaffen, die dem zentralen US-Ziel dient, mit China zu konkurrieren und Amerikas Vormachtstellung zu verteidigen. Diese von Washington entworfene Architektur und das ihr zugrunde liegende indo-pazifische Konzept ersetzen den früheren – und für Moskau viel angenehmeren – Mix aus inklusiveren Institutionen wie den ASEAN-zentrierten Treffen, den Konferenzen der Asiatisch-Pazifischen Wirtschaftskooperation und jenen Ostasiengipfeln, denen sowohl China als auch Russland angehörten. Während Amerikas Partnerschaften, insbesondere mit Indien und Vietnam, sich nicht zu Allianzen entwickelt haben, wird Russland versuchen, den US-Bewegungen entgegenzuwirken, indem es aktiver auf seine Freunde in der Region zugeht.  

Die USA verlagern den Schwerpunkt ihrer Machtpolitik

Das abrupte Ende der zwei Jahrzehnte währenden US-Militärpräsenz in Afghanistan im August 2021 und der unmittelbare Zusammenbruch des von den USA installierten Kabuler Regimes, dem unmittelbar die Übernahme des Landes durch die Taliban folgte, haben eine Ära der US-amerikanischen Aussen-, Verteidigungs- und Sicherheitspolitik, die am 11. September 2001 begann, definitiv beendet. Die von Präsident Biden getroffene Entscheidung über den vollständigen Rückzug des US-Militärs aus Afghanistan und das von Bidens Vorgänger Donald Trump im Herbst 2020 mit den Taliban geschlossene Rückzugsabkommen zielten klar darauf ab, den Schwerpunkt der geopolitischen und militärischen Bemühungen der USA weg vom Nahen Osten und dem Terrorismus und hin zum Grossmachtwettbewerb mit China zu verlagern.  

Während Amerika die Aufgabe eines Verbündeten als wertvolles Propagandaargument im Informationskrieg nutzte, sah sich Moskau ebenso wie Peking unmittelbar mit der Notwendigkeit konfrontiert, seine nationalen Sicherheitsinteressen direkter zu verteidigen. Beide, Moskau und China, reagierten darauf, indem sie sich mit den Taliban-Herrschern, aber auch mit den Ländern Zentralasiens, mit Pakistan, mit dem Iran und – im Falle Russlands – mit Indien in der Region arrangierten. Gleichzeitig wies Moskau den Wunsch Washingtons zurück, Stützpunkte in Zentralasien – einschliesslich der russischen – zu nutzen, um die Entwicklungen in Afghanistan zu beobachten und darauf reagieren zu können. Russlands sicherheitspolitische Reaktion auf die Situation in Afghanistan bestand vor allem darin, seine eigene militärische Präsenz in Zentralasien zu verstärken, seine regionalen Verbündeten, insbesondere Tadschikistan und Kirgisistan, zu unterstützen und Manöver mit ihnen und dem benachbarten Usbekistan durchzuführen. Die Zusammenarbeit mit China erfolgte dagegen hauptsächlich auf politischer und diplomatischer Ebene.

Die «Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit» SOZ, die de facto gemeinsam von Moskau mit Peking geleitet wird und der neben den zentralasiatischen Ländern auch Indien und Pakistan angehören, diente bisher vor allem als Plattform für den Meinungsaustausch und die Information über die Schritte der beteiligten Länder. Im September 2021 leitete die SOZ nun den Prozess zur Aufnahme des Irans in die Organisation ein, was sowohl von Moskau als auch von Peking seit langem befürwortet wurde. Da es sich bei der SOZ nicht um ein Militärbündnis oder gar einen politischen Koordinierungsmechanismus handelt – das wäre bei einer so heterogenen Mitgliedschaft auch gar nicht möglich –, bedeutet der Beitritt des Irans also nicht die Bildung eines neuen Blocks von Ländern, die sich gegen die Vereinigten Staaten stellen. Dennoch ist der Beitritt des Irans zur SOZ zusammen mit dem Rückzug der USA aus Afghanistan ein weiterer Schritt zur geopolitischen Konsolidierung des asiatischen Kontinents, in dem China und Russland eine führende Rolle spielen.

Andere Krisenpunkte bleiben virulent

Unmittelbar nach dem Abzug der USA aus Afghanistan wurden Bedenken hinsichtlich der Sicherheit und des Fortbestands der beiden anderen exponierten Protegés der USA, Taiwan und Ukraine, laut. Washington bekräftigte deshalb unverzüglich seine Unterstützung von Kiew und Taipeh. Während die Spannungen in beiden Regionen aber hoch bleiben und im Fall Taipeh sogar sichtbar zunehmen, ist es höchst unwahrscheinlich, dass Moskau und Peking ihre Politik gegenüber der Ukraine bzw. gegenüber Taiwan koordinieren würden, um die USA aus dem Gleichgewicht zu bringen. Washington ist ein erhebliches Risiko eingegangen, indem es sich gleichzeitig mit Peking und Moskau anlegte. Beide, Peking und Moskau, wollen jedoch ihre strategische Flexibilität aufrechterhalten, indem sie jeweils nur ihre eigene Konfrontation mit den USA verfolgen.

Die Zukunft der amerikanisch-chinesischen Konfrontation und Russland 

Abgesehen von AUKUS, der Quad und Afghanistan bauen Russland und China ihre bilateralen Beziehungen weiter aus und entwickeln sie weiter. Die Beziehungen zwischen diesen beiden Mächten sind aber nicht das Ergebnis der Konfrontation der beiden Länder mit den USA. Sie entwickeln sich vielmehr auf der Grundlage gegenseitiger Interessen, gemeinsamer Weltanschauungen der beiden Führungen, der Komplementarität der beiden Volkswirtschaften und geopolitischer Erwägungen, angefangen schon bei der langen gemeinsamen Grenze. Das Verhältnis zwischen Wladimir Putin und Xi Jinping spielt eine wichtige Rolle, obwohl es nicht nur um die persönliche Chemie geht.

Seit 2014, als nach der Ukraine-Krise erstmals westliche Sanktionen gegen Russland verhängt wurden, hat Russland seine Zusammenarbeit mit China verstärkt. Doch Peking nutzte die Gelegenheit nicht, um im wirtschaftlichen und finanziellen Bereich Russland enger an sich zu binden. Damals konzentrierten sich die Chinesen noch auf die Vorteile, die sie aus ihrer wirtschaftlichen und technologischen Verbindung mit den USA zogen. Die Dinge begannen sich erst ab 2017 zu ändern, als US-Präsident Trump die langjährige China-Politik Washingtons, die auf die Einbindung Chinas und die Absicherung gegen China ausgerichtet war, durch eine Politik der Eindämmung Chinas und der Konfrontation ersetzte. Präsident Biden setzte Trumps Politik der Konfrontation mit China nun nicht nur fort, sondern verschärfte sie sogar, unterstützt von einem starken überparteilichen Konsens innerhalb der US-Politik. Infolgedessen war China gezwungen, sich beim Transfer von Militärtechnologie stärker auf Russland zu verlassen. 

Russland ist kein Vasall Chinas

Die Beziehungen zwischen China und Russland sind zwar eng, aber nicht so eng, wie es zwischen Grossmächten üblich ist. Die COVID-19-Pandemie hat gezeigt, dass für jedes Land das nationale Interesse am wichtigsten ist. Beide Seiten schlossen umgehend ihre gemeinsame Grenze; Flüge wurden ausgesetzt; Informationen wurden zwischen den Partnern nur in begrenztem Umfang ausgetauscht. Gleichzeitig wurde der Dialog auf höchster Ebene zwischen dem Kreml und Zhongnanhai fortgesetzt, wenn auch in einem anderen Format. Der Handel hat zwischenzeitlich das Niveau von vor der Pandemie wieder erreicht und die Streitkräfte beider Länder praktizieren weiterhin keine Zusammenarbeit. Der chinesisch-russische Vertrag von 2001 über gute Nachbarschaft und freundschaftliche Zusammenarbeit wurde um weitere fünf Jahre verlängert.

Trotz der Neigung der westlichen Medien, Russland als Chinas Juniorpartner oder Vasall zu bezeichnen, sind die Beziehungen weiterhin weitgehend ausgeglichen. Obwohl Russland wirtschaftlich viel kleiner ist, ist es nicht Chinas Gefolgsmann geworden und wird es auch nicht werden. Die Unabhängigkeit von ausländischer Vormundschaft oder Führung ist Teil von Russlands DNA. Russland ist seit langem in wirtschaftlicher, technologischer und finanzieller Hinsicht von den führenden europäischen Ländern abhängig, was jedoch nie zu einer übermässigen politischen Abhängigkeit geführt hat. Darüber hinaus verfügt Russland über eine Reihe von ausgleichenden Faktoren – natürliche Ressourcen, von Wasser bis zu fruchtbaren Böden, fortschrittliche Militärtechnologie und grosse Erfahrung als Grossmacht –, die es in die Gleichung mit seinem grösseren, aber nicht höherrangigen Partner China einbringt.

Russland behält kühlen Kopf

Indem Moskau in der Rivalität zwischen den USA und China bisher einen kühlen Kopf bewahrt hat, könnte es sich eine Scheibe von Pekings eigenem Spielbuch abgeschaut haben. Als 2014 die Krise zwischen Russland und den USA über die Ukraine ausbrach, schloss sich China nicht denjenigen an, die den Kreml der Aggression und Annexion beschuldigten, aber es stellte sich auch nicht vollständig auf die Seite Russlands. China schloss sich zwar nicht den Wirtschafts- und Finanzsanktionen an, die die USA und ihre Verbündeten gegen Russland verhängten, aber russische Geschäftsleute beklagten sich darüber, dass chinesische Banken sich weigerten, ihnen Kredite zu gewähren, ohne sich auch nur die Mühe zu machen, nachzusehen, ob ihre Unternehmen vom Westen sanktioniert worden waren. China erkannte die Eingliederung der Krim in die Russische Föderation natürlich nicht an, da es Abchasien und Südossetien weiterhin als Teil Georgiens betrachtete. Damals schimpften verschiedene chinesische Wissenschaftler in privaten Gesprächen mit russischen Experten vorsichtig über Moskau, weil es nicht in der Lage sei, normale Beziehungen zu seinen postsowjetischen Nachbarn aufzubauen. Sie waren stolz auf ihren eigenen Umgang mit ausländischen Partnern, einschliesslich der USA. Seither hat sich auf russischer Seite nicht viel geändert, auf chinesischer Seite aber sehr wohl.

Auf längere Sicht ist das derzeitige Gleichgewicht in den chinesisch-russischen Beziehungen jedoch kaum stabil. China stellt Russland wirtschaftlich in den Schatten und bietet eine echte Alternative zu westlichen Technologien und Finanzmitteln, die in Russland immer weniger verfügbar sind oder zunehmend als unzuverlässig und unsicher gelten. Die wirtschaftliche Entwicklung im eigenen Land, einschliesslich der Energiewende als Folge des Klimawandels, und die technologische Umgestaltung stehen auf der Agenda des Kremls ganz oben – noch vor der militärischen Macht und dem politischen Zusammenhalt, den wichtigsten Errungenschaften der Ära Putin. Sie sind die Schlüsselfaktoren, die die internationale Position Russlands im 21. Jahrhundert bestimmen werden. In den nächsten Jahrzehnten werden der Status und die Rolle Russlands im Weltgeschehen weit weniger von seinen Militärs und Diplomaten abhängen als vielmehr vom Erfolg oder Misserfolg seiner innenpolitischen Transformation.


Das sind die Bündnisse und Verhandlungsplattformen im asiatisch-pazifischen Raum


ASEAN: «Association of Southeast Asian Nations», Vereinigung der Südostasiatischen Länder. Das ursprüngliche Ziel des Verbandes war die Verbesserung der wirtschaftlichen, politischen und sozialen Zusammenarbeit. Später erweiterte sich das Betätigungsfeld um Sicherheits-, Kultur- und Umweltfragen. Im September 2009 beschlossen die Staats- und Regierungschefs der Mitglieder, einen gemeinsamen Wirtschaftsraum nach dem Vorbild der EU zu schaffen. Die zehn Mitglied-Länder sind (alphabetisch): Brunei, Indonesien, Kambodscha, Laos, Malaysia, Myanmar, Philippinen, Singapur, Thailand und Vietnam.

SOZ: «Shanghai Cooperation Organisation», Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit. Diese Organisation befasst sich vor allem mit der sicherheitspolitischen und wirtschaftlichen Zusammenarbeit. Ihr gehören (alphabetisch) China, Indien, Kasachstan, Kirgistan, Pakistan, Russland, Tadschikistan und Usbekistan an. Damit vertritt sie ungefähr 40 Prozent der Weltbevölkerung.

QUAD: «Quadrilateral Security Dialogue», «Vierseitiger Sicherheitsdialog», eine Gesprächsplattform der vier Länder USA, Japan, Australien und Indien. 

AUKUS: Militärbündnis der drei Länder Australien, United Kingdom und USA. Hauptziel ist die Unterstützung Australiens bei der Entwicklung und Inbetriebnahme von Atom-getriebenen Unterseebooten zur Aufrechterhaltung der US-Vorherrschaft im asiatisch-pazifischen Raum gegenüber dem Vorherrschaftsanspruch von China. Das neue Militärbündnis wurde im September 2021 bekannt und hat auch in Europa, speziell in Frankreich, Irritation ausgelöst.

Diese Analyse von Dmitri Trenin erschien zuerst in englischer Sprache auf der Website des «Carnegie Moscow Center». Die Übersetzung ins Deutsche besorgte Christian Müller.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Dmitri Trenin ist Direktor des «Carnegie Moscow Center» in Moskau, siehe redaktionelle Einleitung zu Beginn des Artikels.
_____________________
Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.

Weiterführende Informationen

Zum Infosperber-Dossier:

Kalter_Krieg

Der Kalte Krieg bricht wieder aus

Die Grossmächte setzen bei ihrer Machtpolitik vermehrt wieder aufs Militär und gegenseitige Verleumdungen.

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4 Meinungen

  • am 24.10.2021 um 12:25 Uhr
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    Eine ausgezeichnete Analyse, die das geopolitische Sicherheitsdenken von Russland und China, nicht zuletzt auch des Irans im Unterschied zu den geopolitischen Hegemonie- und Ressourcen-Plünderungs – Absichten der USA heraushebt, ohne letztere direkt anzusprechen. Trenin zielt nach meinem Verständnis darauf ab, denkenden Menschen der USA, auch beim Militär, vor Augen zu führen, wie sinn- und aussichtslos kriegstreiberisches Denken, Planen und Bündnisse- Schließen ist. Im Unterschied zu bisherigen Kriegen werden die USA im Fall eines Krieges mit Russland oder China ihre „territoriale Integrität“ nicht halten können. Nicht erst das Desaster in Afghanistan, sondern vor allem die bisherigen Versuche, Russland direkt militärisch zu bedrängen, zeigen, dass die USA weder im Innern der Russischen Foederation (Tschetschenien), noch an ihren Grenzen (Georgien, Ukraine) ihre Ziele erreichen konnten. In der Ukraine stecken sie fest, schieben die Last Deutschland und Frankreich zu, die ihrerseits durch das Minsker Abkommen feststecken. Die Ukraine kann weder die NATO-Mitgliedschaft erlangen, noch die Krim oder die Volksrepubliken Lugansk und Donezk zurückgewinnen. Auch der Versuch, über Farbrevolution einen Unionsstaat RF-Weißrussland zu verhindern, verkehrte sich ins Gegenteil, die Integration Weißrusslands wurde vorangetrieben. Es ist Zeit, dass die USA und der Westen endlich zur Besinnung kommen.

    1
  • am 24.10.2021 um 12:40 Uhr
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    Hut ab – und ganz herzlichen Dank Herrn Trenin!
    Ich wurde seltenst auf einen Schlag derart umfassend informiert.

    Aber «eigentlich» ziemlich schizophren, DAS ALLES.

    «Man» tut so als wäre «man» nicht GEGEN-einander, schliesst aber -«rein vorsorglich»- Kreuz-und Quer-Bündnisse miteinander.

    Die zig-fache Atomisierung der Erde «im Ernstfall» ist längst Realität – und die einzig vernünftige Reaktion für uns -als WeltBevölkerung- ist, wenn A L L E mit-einander reden,
    statt in zig «Hinterzimmern» über zig tausende «Beobachter» und tausende «Mittelsmänner» die Hirnströme der «nicht so ganz befreundeten» Mächte erfassen zu wollen ?!

    Zweck-Bündnisse ? Natürlich !

    Aber immerwährend neuer Ringelreihn gegen-einander mit immer wieder neu erahnten «Kumpels mit ähnlicher Interessenlage» bringt keine Lösung -allenfalls ein Hinaus-Zögern
    bis zur Einsicht, dass an «gemeinsamer politischer Anti-Eskalations-Politik» NULL Weg vorbeiführt – wenn «man» über-leben möchte.
    Hoffentlich noch recht-zeitig !

    Die Wahrscheinlichkeit, dass die «Bündnisseritis» dazu führt, dass irgendeiner -oder mehrere «Verbündete gleichzeitig- irgendwann doch noch den roten Knopf drückt ist NICHT gleich Null !

    Wenn sich die «kriegerischen Auseindersetzungen» «nur noch» auf dem wirtschaftlichen Sektor abspielen würden, blieben immer noch genügend Betätigungsfelder für «kriegerische Strategien aller Art» !

    Mit sich Töten als Option sollte aber endgültig Schluss sein !

    Wolf Gerlach
    scheinbar.org

    1
  • am 24.10.2021 um 15:00 Uhr
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    In dieser Bündnisaufstellung fehlt die -OVKS- (Organisation des Vertrags über kollektive Sicherheit),
    [ englisch CSTO, Collective Security Treaty Organization ]
    ist ein von Russland geführtes internationales Militärbündnis.

    Militärischer Bündnispartner ist da Kasachstan, die Nummer 1 bei der Förderung von Uranerzen mit 22’000 Tonnen zu den niedrigsten Förderpreisen. Die Nummer 2 ist Kanada mit ca. 6000-7000 Tonnen pro Jahr zu deutlich höheren Förderpreisen.
    Andererseits ist Kasachstan auch ein enger Bündnispartner mit China.

    Wenn auch kein offizieller, öffentlicher Bündnis-Vertrag zwischen China und Russland existiert. existiert, existiert enge Zusammenarbeit. China liefert die Röhren für die Gaspipelines die russisches Erdgas aus Ostsibirien nach China bringen, gegen gute Bezahlung in Hartwährungen.
    Ausserdem hat China das russ. Know-How bekommen, zum Bau der Hyperschall-Raketen bekommen. Nach Auskunft führender US-Militärs sind die USA für etwa die nächsten 10 Jahre nicht in der Lage, ihre Flugzeugträger zu schützen.

    Die die immer weniger vereinten USA können das nationalchinesische Taiwan nicht vor einer Übernahme durch die VR China schützen und einen grossen Atomkrieg werden sie dafür nicht riskieren.
    Diesmal werden die Libertären USA die Verlierer im Wettrüsten sein, weil die VR China in vielen Belangen immer stärker wird. Gerade der Druck aus den USA vereint das chin. Volk, auch weil die Macht der Libertären Konzentrationen reguliert wird.

    1
  • am 25.10.2021 um 05:41 Uhr
    Permalink

    Danke für diese Übersetzung und den Hinweis auf Trenin, den ich weiter beobachten werde. Eine spannende und ziemlich umfassende Übersicht, aber mit einem sehr überraschenden und doch überaus grossen Fehler, wie mir scheint: «die Streitkräfte beider Länder praktizieren weiterhin keine Zusammenarbeit». Wie meint Herr Trenin das? Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Experte seines Kalibers nicht von den 3 massiven Paukenschlägen der letzten 2 Monate gehört hat:
    1. Am gemeinsamen Grossmanöver in Chinas Westen, wurde der hoch geheimen Chinesische Stealth Fighter gezeigt, und Militärs beider Seiten in der Bedienung von Waffensystemen der anderen Seite unterrichtet
    2. Am eben erst beendeten Seemanöver mit anschliessender Patrouille rund um Japan waren wieder ein gemeinsamer Führungsstab eingesetzt, und die Chinesen zeigten dabei ihr Flaggschiff Type 055 erstmals ausländischen Streitkräften
    3. Diese beiden Offenlegungen geheimer chinesischer Systeme gegenüber Russland unterstreichen Gerüchte, wonach der atomare Hyperschall Glider den China im August testete wahrscheinlich technische Hilfe aus Russland enthielt (die Russen haben diese Technologie bereits gemeistert, die USA noch nicht und waren überrascht über die schnellen Fortschritte Chinas)

    Es mag kein offizielles Bündnis mit fancy Akronym geben, aber die Streitkräfte Russlands und Chinas trainieren sehr wohl ihre Interoperabilität. Diese Allianz ist wesentlich stärker als die USA und kleine Bündnispartner wie AUS und UK

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