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Sarajewo-Belagerung: gedenkens- und bedenkenswert © Ss

Ostern-Kabelnager am Schweizer Fernsehen

Erich Schmid /  Die Schweizer Tagesschau bedauert 130 geschenkte Hasen. Andere berichten über Sarajewo, wo es um 100‘000 Belagerungsopfer geht.

Karfreitag ist für die Medien immer eine Herausforderung. Was für eine besondere Eigenleistung nebst den Obligatorien wie Kreuzigungs-Prozessionen, Gotthard-Stau und Matthäus-Passion lässt sich da noch zum Infotainment-Knüller aufbereiten?

Die Tagessschau des Schweizer Fernsehens, Moderation Beatrice Müller, lässt die Scheinwerfer auf 130 bedauernswerte Hasen richten, die an Ostern leichtfertig als Kuscheltiere angeschafft werden, sich aber nicht gerne streicheln lassen. Man erfährt, dass derzeit «der Häschenverkauf boomt», obschon sich «95 von 100» als Haustiere nicht eignen. Oft legen die Eltern sie als Geschenke ins Osternest der Kinder, denen die kleinen Kabelnager jedoch schon nach kurzer Zeit verleiden, weil sich die Langohren lieber zitternd in einer Ecke verkriechen, als sich auf den Arm nehmen zu lassen. – Resultat? Die Hasen werden bald lästig, vernachlässigt und landen schliesslich in einer «Kaninchen-Auffangstation» im Waadtland. Allein dort wurden letztes Jahr 130 «flauschige Fellknäuel» abgegeben. – Die Tagesschau-Moderatorin empfiehlt zum Schluss, Schokoladehasen statt richtige Kaninchen zu verschenken. – Kein Wort über das Gedenken in Sarajewo.

Kostbare Sekunden: wofür werden sie eingesetzt?

Derweil berichten jedoch beide deutschen öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten in den weniger langen Informationssendungen wie «Heute» und «Tagesschau» ausführlich über die kilometerlange Hauptstrasse in Sarajewo, in der die Stadt 100‘000 rote Plastikstühle aufstellte, um den 100‘000 Opfern des Bosnienkrieges (1992-95) zu gedenken. Die Sendungen zeigten eindrückliche Luftaufnahmen der Stühle, die leer blieben, und wie eine symbolische Blutspur quer durch die Hauptstadt verlief. Niemand setzte sich darauf, die Menschen blieben aus Ehrfrucht stehen, weil es diejenigen, für die die Stühle bereitgestellt wurden, nicht mehr gibt. Die Poesie dieser Bilder bleiben noch lange haften. Sie hatten jedoch in der fast doppelt so langen Schweizer Tagesschau, der sie ebenfalls zur Verfügung standen, leider keinen Platz – im Gegensatz zum oben beschriebenen Chüngeli-Bericht, der als besondere Eigenleistung an Ostern originell sein sollte und über zwei Minuten dauerte, während beispielsweise für den AKW-Unfall im nordfranzösischen Penly gerade noch 20 Sekunden übrig blieben.


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