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Wohnlich, sinnlich, energiesparend: Das Holzhaus der Zukunft © zvg

Manifest für den Holzweg

Jürg Müller-Muralt /  Praktischer Wohnbauratgeber und ökologisches Hausbau-Manifest in einem: ein Wegweiser zum Wohnhaus der Zukunft.

Die Zahlen sind eindrücklich: Etwa die Hälfte der Bauinvestitionen fliesst in den Wohnungsbau. Jährlich werden in der Schweiz rund 40 000 Wohnungen gebaut – Tendenz steigend. Gemäss einer Mitteilung des Schweizerischen Baumeisterverbandes legte der Wohnungsbau im letzten Quartal 2011 gegenüber dem Vorjahresquartal um satte 14,1 Prozent zu. Auch in seiner Bilanz zum ersten Quartal 2012 jubiliert der Verband: «Die Pipeline ist prall gefüllt. Die Anzahl baubewilligter Wohnungen und Häuser hat 2011 mit rund 51 500 Einheiten den höchsten Stand seit 1994 erreicht.» Nach Annahme der Zweitwohnungsinitiative herrscht in der Branche zwar Katerstimmung – doch der Wohnungsbau bleibt eine zentrale Stütze des Baugewerbes.

Praktischer Ratgeber …

Für eine der wichtigen Zukunftsfragen – die Energiewende – trägt deshalb gerade die Bauindustrie eine besondere Verantwortung. Aber nicht nur sie. Auch die Bauherrinnen und Bauherren stehen in der Pflicht. Und sie können mehr tun, als den meisten bewusst ist. Ein neues Buch mit dem Titel «Das Holzhaus der Zukunft» (Angaben siehe unten) setzt sich in spannender Art und Weise mit dem Thema auseinander. Es ist nicht allein ein reich illustrierter, sorgfältig gestalteter und bibliophil aufgemachter Wegweiser hin zu ökologischem Bauen, sondern auch der praktische Ratgeber für alle Laien, die sich mit dem Gedanken des Hausbaus herumschlagen, dem «wohl grössten materiellen Entscheid ihres Lebens».

… auf philosophischer Grundlage

Die Autoren Markus Mosimann (Holzbautechniker und einer der Wegbereiter des modernen Holzhausbaus) und Marc Lettau (Journalist) gehen das Thema mit breiter Optik auf philosophischer Grundlage an. «Es ist nicht der Sinn des Lebens, Häuser zu bauen. Aber es ist gut, Häuser mit Sinn fürs Leben zu bauen», lautet ihr Motto. Deshalb frönen sie nicht der Untugend vieler Finanzierungsinstitute und Architekten, sich beim Hausbau primär vom Wiederverkaufswert und Prestigedenken leiten zu lassen. Sie fragen vielmehr nach dem «Wert, den wir entdecken, wenn wir das Haus weder als blosses Konsumgut noch als reines Investitionsobjekt betrachten.» Wert hat Wohnraum für die Autoren in erster Linie, «wenn er das Klima für persönliches Wohlbefinden schafft». Und was das Buch zusätzlich zum Lesegenuss macht: es ist phasenweise richtig witzig. Etwa in jenem Kapitel mit dem schönen Titel «Verirrt in der Badezimmerplättliausstellung». Dort wird ermahnt, als Wohnbau-Laie vor lauter Nebensächlichkeiten die wirklich wichtigen Fragestellungen nicht zu vernachlässigen.

Das Buch ist aber nicht nur philosophisch grundiert, praxisbezogen und sprachlich eingängig bis witzig geschrieben – es stellt eben auch die wirklich fundamentalen Fragen und präsentiert praxiserprobte Lösungen. Es ist – mit anderen Worten – ein Plädoyer für ein radikales Umdenken im Hausbau und stellt die Energiefrage im Baubereich als eines der grossen ökologischen Themen der Zukunft zur Debatte.

Zu einseitige Energiediskussion

Ausgangspunkt ist dabei die Feststellung, dass die Energiediskussion eingleisig laufe: «Sie ist zu stark auf die fürs Heizen verwendete Energiemenge fokussiert». Alles spricht vom Energieverbrauch eines Hauses nach seiner Herstellung, kaum jemand von der Erstellungsenergie, also dem energiepolitisch viel brisanteren Thema. Denn hier liegt eine Art Zielkonflikt vor: Unter anderem eben gerade wegen steigender ökologischer Ansprüche ist das Bauen materialintensiver geworden. Das führt dazu, dass die Menge an verbauter Energie – so genannter «grauer Energie» – gerade bei den als vorbildlich geltenden Bauten oft um ein Vielfaches höher ist, als der Energieverbrauch für den Betrieb des Gebäudes (Heizen und Energieverbrauch für die Haustechnik) während seiner gesamten Lebensdauer. Es ist nach Ansicht der Autoren nicht falsch, die bereits tiefe Betriebsenergie vieler Häuser weiter zu senken; entscheidender sei jedoch die dramatische Reduktion der Erstellungsenergie.

Klimaanlage ohne Strom

Hier kommt nun das Holzhaus ins Spiel. Doch damit ist nicht das seit Jahrhunderten im Alpenraum beheimatete Chalet gemeint, sondern ein Holzrahmenbau, eine Leichtbauweise, die darauf beruht, dass das Haus rahmenartig aufgebaut wird. Der Trick: Es sind «Holzhäuser, die zwar dicht, aber eben nicht ganz dicht sind. Solche Häuser sind ihre eigene Klimaanlage – ganz ohne Strom.» Die Autoren zeigen, wie gedämmte Häuser gebaut werden können, die mit einem Minimum an (energiaufwändiger) Haustechnik auskommen. Entscheidend ist die Wahl der richtigen Materialien: Die Aussenwände sind zwar winddicht, können aber atmen. Im Fachjargon heisst das: Sie sind «dampfdiffusionsoffen», sie können also Feuchtigkeit aufnehmen und auch wieder an die Raumluft abgeben, was punkto Luftfeuchtigkeit zu einem optimalen Raumklima führt. Und das Schöne daran: Die massive Reduktion an verbauter Energie führt nicht zu einer Komforteinbusse, sondern zu einem Mehr an Sinnlichkeit, wie die Autoren in Wort und Bild darlegen.

Lowtech gegen Hightech

Die neue Bauphilosophie führt aber auch zu einem Zwist unter den Umweltbewussten, der Lowtech-Fraktion gegen die Hightech-Fraktion gewissermassen. Denn das von Lettau und Mosimann skizzierte und auch in der Realität bereits vielfach bewährte «Holzhaus der Zukunft» ist ein «provokativer Lowtech-Gegenentwurf zu den Minergie-Bauten, die im Kern das Gleiche wollen, aber den Weg über materialintensive Hightech-Lösungen gehen: bestens wärmegedämmte, aber in aller Regel dampfdichte Gebäudehüllen, die mit viel Aufwand künstlich belüftet werden müssen, mit dem durchaus lobenswerten Ziel, trotz des für die Dauerlüftung nötigen Energieaufwands insgesamt ansprechend wenig Energie zu verbrauchen.»

Minergie ist zu starr

Die Autoren lassen das Minergie-Label durchaus gelten und bezeichnen es als wegbereitend. Doch es gibt eben eine gewichtige Kehrseite der erfolgreichen energie- und umweltpolitischen Breitenwirkung des Labels: Da «Minergie und Lüftung siamesische Zwillinge» seien, setze dieses Konzept «zwangsläufig und ganz situationsunabhängig» auf künstliche Lüftung. Das «ist kontraproduktiv, weil es Lösungen hemmt, die punkto Energieeffizienz und Umweltfreundlichkeit über den Minergie-Standard hinausgehen.» Minergie ist zu stark auf die Betriebsenergie fixiert. Die Dämmwerte lassen sich zwar fast beliebig steigern, aber der Energieaufwand für die Herstellung der Dämmung ebenfalls – «und zwar je nach Materialwahl bis in Bereiche, die über die eingesparte Heizenergie hinausgehen.» Die kämpferische Quintessenz: Minergie hat Verdienste; aber «wer dabei stehen bleibt, verbaut den Blick auf das Zukunftsthema graue Energie. Es darf nicht sein, dass sich ein sparsam zu beheizendes Haus als Niedrigenergiehaus zertifizieren lässt, wenn für dessen Bau energetisch und ökologisch bedenkliche Materialien verwendet wurden.»

16 lebendige Homestorys

Das Buch ist kein theorielastiger Ratgeber und kein blutleeres Öko-Manifest. Mehr als die Hälfte des Werkes ist den Menschen gewidmet, die bereits in den «Holzhäusern der Zukunft» leben. Im Schlussteil des Buches begeben sich die Autoren auf «Hausbesuch». In 16 kurzen Reportage-Kabinettsstücken erzählen sie, wie die Leute zu ihrem Holzhaus gekommen sind und wie es sich darin lebt. So ganz nebenbei erhält der Begriff «Homestory» in diesem Buch damit einen völlig neuen Sinn.

Markus Mosimann/Marc Lettau: Das Holzhaus der Zukunft. Ökologisch bauen mit menschlichem Mass. Rotpunktverlag, Zürich 2012. 319 Seiten. CHF 36.-


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

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Eine Meinung zu

  • am 8.04.2012 um 12:00 Uhr
    Permalink

    Sehr guter Artikel, ausser dem ersten Abschnitt. Das Problem der Menge wird nicht beachtet. Dazu das folgende Gedicht aus dem Bild- und Gedichhtband «Öko-Balance":

    Das Problem der Menge

    Vorbei ist’s mit der alten Ruh,
    Umweltprobleme nehmen zu.
    Wir können sie nicht schlittern lassen.
    Wir müssen uns damit befassen:

    Das Artensterben muss uns schrecken.
    Ozonschicht kann uns nicht mehr decken.
    Das Gleichgewicht mit der Natur
    Das bleibt für uns ein Fernziel nur.

    Die Meere sind bald leer gefischt.
    Altlasten bringt der Abfallmist.
    Atommüll stellt uns viele Fragen;
    Niemand will Langzeitlager haben.

    Der Feinstaub kratzt in unsern Lungen;
    Ozon ist auch schon eingedrungen.
    Der Klimawandel bringt Orkane.
    Es steigen an die Ozeane.

    Ressourcen, nicht erneuerbare,
    Gezählt sind die Verfügungsjahre.
    Recycling ist zum Teil nicht möglich;
    Das sehen wir beim Abfall täglich.

    Der Mangel an trinkbarem Wasser
    Wird vieler Orten immer krasser.
    Die Wüsten schreiten ständig weiter.
    Wird denn die Menschheit nie gescheiter?

    Geschwunden sind die Regenwälder;
    Man braucht das Land für Sojafelder.
    Durch CO2, die Forschung spricht,
    Verlieren Meere ’s Gleichgewicht.

    Und wie entstand dann die Misere?
    Gestattet, dass ich es erkläre
    Und zeige eines Weges Spur
    Zum Gleichgewicht mit der Natur:

    Einst waren in der Erde Schoss
    Land, Wasser, Luft unendlich gross.
    An Umwelt dachte man noch nicht;
    Noch hatten Menschen kein Gewicht.

    Die Technik brachte dann in Schwung
    Den Anstieg der Bevölkerung.
    Enorm stark ist gestiegen auch
    Der menschliche Pro-Kopf-Verbrauch.

    Pro-Kopf-Verbrauch und Anzahl Menschen:
    Es gilt beides mit Kraft zu bremsen.
    Sogar ein Reduziergebot
    Täte in vielen Ländern Not. *

    Denn das ist leider unser Los:
    Die Welt ist nicht unendlich gross.
    Drum achtet, dass man’s nicht verdränge
    Und einbezieht ’s Problem der Menge.

    * Drei Beispiele
    • Die doppelte Überlast der USA kann durch Reduktion des Pro-Kopf-Verbrauchs auf das europäische Niveau wieder ins Öko-Gleichgewicht gebracht werden.
    • Indien kann den Pro-Kopf-Verbrauch kaum mehr reduzieren. Indiens doppelte Überlast kann nur durch absinken lassen der Bevölkerung auf die Hälfte wieder ins Ökogleichgewicht gebracht werden.
    • Um die Schweiz mit ihrer gut fünffachen Überlast wieder ins Öko-Gleichgewicht zu bringen, müssen sowohl Pro-Kopf-Verbrauch als auch Bevölkerungsdichte reduziert werden.

    Markus Zimmermann-Scheifele

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