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Günter Grass hat gewagt, ein Tabu zu brechen. © GG

Deutschland tut sich immer noch schwer mit Israel

Christian Müller /  Israel-Kritik gilt vielen als antisemitisch. Doch der Holocaust darf kein Freipass für Israels Palästina- und Iran-Politik sein.

Israel verfügt über Atombomben, hat aber den Nonproliferationsvertrag nie unterschrieben. Und Israel baut unentwegt Siedlung um Siedlung auf besetztem palästinensischem Gebiet, entgegen jedem Völkerrecht. Trotzdem wagt in Deutschland kaum einer, die israelische Regierung zu kritisieren. Mit dem Holocaust in der eigenen Vergangenheit war eine gewisse Zurückhaltung lange verständlich. Und natürlich wurde jeder, der es doch wagte, Israels Politik zu kritisieren, von israelischer Seite sofort als Antisemit bezeichnet. Wer aber in Deutschland wollte sich schon dem Ruf aussetzen, ein Antisemit zu sein? Da schweigt man lieber, sagten sich die meisten.

Das langsame Umdenken ist sicht- und spürbar

Doch immer öfter wagen es auch deutsche Autoren, sich zur Siedlungspolitik Israels zu äussern, oder jetzt auch zu einem möglichen Präventivschlag gegen den Iran. Den Mut dazu geben ihnen zahlreiche jüdische Autoren aus aller Welt, die es auch tun. Die Methode Israels, diese einfach als Nestbeschmutzer abzutun, ist als PR-Massnahme zwar nicht ohne Wirkung, aber je länger je weniger glaubwürdig. Zu klar sind die Fakten, zu prominent einzelne dieser Kritiker. Tony Judt zum Beispiel, der unlängst verstorbene englische Historiker und Philosoph, hat selber in Israel Militärdienst geleistet und ist – als Jude – zu einem der deutlichsten Kritiker Israels geworden. Aber auch Avraham Burg, Norman G. Finkelstein, Shlomo Sand und viele andere jüdische Politiker und Wissenschafter haben dazu beigetragen, dass die PR-Masche «Wer Israel kritisiert, ist ein Antisemit», nicht mehr so richtig zieht. infosperber hat zu verschiedenen Malen zu dieser Entwicklung berichtet; siehe unten die entsprechenden Links.

»Was gesagt werden muss»

Wenn bisher meist schnellstmöglich alles unter den Teppich gekehrt wurde, wenn jemand eine Diskussion zu dieser Thematik lostreten wollte: Jetzt hat es der Literaturnobelpreisträger Günter Grass gewagt, ein Gedicht zum Thema zu veröffentlichen. Und in diesem seinem am 4. April in der «Süddeutschen Zeitung» veröffentlichten Gedicht mit dem Titel «Was gesagt werden muss» kritisiert er nicht nur Israel, sondern auch das Schweigen Deutschlands (siehe unten den Originaltext).

Jetzt ist die Diskussion auf dem Tisch, wenn auch, im Moment, vor allem in Form von Kritik an Günter Grass. Keine deutsche Zeitung, die darüber nicht ausführlich berichtete. Und fast alle schlagen zu: nicht mit Grass gegen Israel, sondern mit Israel gegen Grass. Selbst Josef Joffe, der Herausgeber der sonst so lesenswerten «Zeit», sucht psychologisierend in Grass den Antisemiten.

Aber auch in der Schweiz: Die Basler Zeitung etwa zerreisst den betagten Autor in unsäglicher Schärfe. Überraschend ist das allerdings nicht, nachdem die Basler Zeitung unlängst Israel empfohlen hat, den Präventiv-Schlag gegen Iran doch endlich zu starten. (Die unter dem Bericht in BaZonline gesetzten Leserkommentare zeigen allerdings einmal mehr, dass die BaZ nicht allen Baslern aus dem Herzen spricht.) Aber auch das Schweizer Intelligenzblatt NZZ weiss nichts Gescheiteres, als Grass als «ichsüchtig und undifferenziert» zu bezeichnen. Der Schreiber des Verrisses kritisiert, wie viele andere Schreiber auch, die Form von Günter Grass› Protest, das Gedicht. Zum politischen Inhalt hat er wenig zu sagen; das Privileg eines Feuilleton-Publizisten…

Israel isoliert sich selbst

Es gibt immer weniger Staaten, die sich vorbehaltlos hinter Israel stellen. Das ist kein Zufall. Obama tut es, wenn auch widerwillig und seine eigenen Überzeugungen und Versprechungen verleugnend, unter dem Druck der Israel-Lobby und der Israel-freundlichen Evangelikalen: In den USA sind demnächst Präsidentschaftswahlen; er kann sich neue Gegner nicht leisten. Angela Merkel tut es, mit höchst problematischer Argumentation. Die Tschechische Republik tut es, weil sie immer dort ist, wo die USA stehen. Und wer noch sonst?

Auch Israel weiss das. Es gibt israelische Politiker, die unter Hinweis auf zahlreiche Befragungen glaubhaft erklären, die Mehrheit der israelischen Bevölkerung sei anderer Meinung als die Regierung. Aber die Regierung ist zum Überleben auf ihre Koalitionspartner angewiesen, zu denen u.a. auch die Siedler und die Ultra-Orthodoxen gehören. Ein Einsehen oder Umdenken von Premierminister Benjamin Netanyahu und Aussenminister Avigdor Liebermans ist somit nicht in Sicht, auch wenn sie mehr und mehr in der Defensive sind. Nicht zufällig sah sich jetzt sogar Netanyahu selber veranlasst, auf Günter Grass zu reagieren. Den Rückhalt Deutschlands zu verlieren, wäre selbst für Israel keine Kleinigkeit.

Willkommene Stimmen von Intellektuellen

Es darf mit Freude zur Kenntnis genommen werden, dass es in Deutschland noch Intellektuelle gibt, die sich nicht scheuen, auch zur gegenwärtigen Politik Stellung zu beziehen. Jürgen Habermas etwa leistet mit seinem Essay «Zur Verfassung Europas» einen bedenkenswerten Beitrag zur gegenwärtigen Europa-Politik Deutschlands. Günter Grass bringt nun mit einem Gedicht ein lange tabuisiertes Thema auf den Tisch. Neben den meist auf den Wahlkampf ausgerichteten Polit-Parolen der Partei-Strategen eine doch höchst willkommene Bereicherung des politisch notwendigen Diskurses.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine

Zum Infosperber-Dossier:

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4 Meinungen

  • am 7.04.2012 um 16:14 Uhr
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    Herzlichen Dank für Ihren Mut, Herr Grass, ungeliebte Tatsachen auf den Tisch , bzw. ins Gespräch zu bringen! Ich hoffe, dass über Ihr Gedicht noch lange gesprochen wird, ganz nach Ihrer Meinung: Solange gesprochen wird, wird nicht geschossen!

    Und herzlichen Dank auch Ihnen, Herr Müller. Mit Ihren Beiträgen arbeiten Sie gegen die Einseitigkeit, mit der das Thema Iran behandelt wird!

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  • am 8.04.2012 um 11:25 Uhr
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    Alles Quatsch, das psychologisierende Gegacker in den Feuilletons. Zuerst einmal gibt es einen aktuellen Anlass für die Einrede von Günter Grass: die vor kurzem durchgewinkte Lieferung eines weiteren, sechsten U-Boots der Dolphin-Klasse an Israel. Wie schon bisher, weitgehend geschenkt. Dieselelektrisch und damit geräuschlos wie ein Atom-U-Boot. Vier der zehn 535mm Torpedorohre auf israelischen Wunsch ersetzt durch 650mm Cruise Missile Buchten, die wiederum mit Nuklearsprengköpfen bestückt sein können. Keine Seekriegswaffe also, sondern eine raketengestützte Angriffsplattform für den Landkrieg. Zusammen mit den Relikten der Kanonenbootdiplomatie – freie Durchfahrt durch den Suezkanal, freie Stationierung im Persischen Golf – kann Israel so dem Iran die Pistole auf die Brust setzen. Eine strategisch völlig neue Situation, wie bei der Kubakrise von 1962 .

    Das alles wegen der Bundesrepublik, sonst dem Waffenexportverbot in Krisengebiete und der Bekämpfung der nuklearen Proliferation verpflichtet. Das ist der Skandal, den gilt es anzuprangern. Alles andere ist Schall und Rauch.

    Natürlich kommt jetzt der Vorwurf des Antisemitismus. Wohlan, seien wir ‹alles Antisemiten› , wie uns das so eminente Juden wie Begin, Schamir und Scharon ("bereits in der Muttermilch") schon längst attestiert haben. Tragen wir diese ausgelutschte Worthülse sogar an unseren Revers wenn es sein muss, aber tun wir etwas für den Frieden.

    Deutschland kann nicht nur Autos in die ganze Welt liefern, sonst aber den Kummerbuben markieren, immer schön den USA zu Gefallen und schuld an gar nichts. Irgendwann mal muss es den aufrechten Gang wieder erlernen – und Verantwortung für sein Handeln akzeptieren.

    Experten warnen vor Waffenexporten an Israel – 08. Aug 2006
    http://www.netzeitung.de/spezial/nahost/430963.html

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  • am 9.04.2012 um 12:27 Uhr
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    Der Artikel tut gut nach den in vielen Medien oft geradezu widerlichen Tiraden gegen Günter Grass. Dies umso mehr, weil in den hasserfüllten Kommentaren gegen ihn im Gedicht doch eigentlich gar nichts wiedergefunden werden kann! Typisch auch wie empfindlich die Regierung der Ethnokratie Israel einmal mehr auf Kritik reagiert hat. Wenn die Botschaft Israels in Berlin zur Veröffentlichung Günter Grass› mitteilt «Was gesagt werden muss ist, dass es zur europäischen Tradition gehört, die Juden vor dem Pessach-Fest des Ritualmords anzuklagen. Früher waren es christliche Kinder, deren Blut die Juden angeblich zur Herstellung der Mazzen verwendeten, heute ist es das iranische Volk, das der jüdische Staat angeblich auslöschen will» ist geradezu absurd und peinlich. Als nicht zu überbietende Dummheit ist ja jetzt gegen Günter Grass auch noch das Einreiseverbot in Israel und der Antrag auf Aberkennung seines Nobelpreises gekommen!

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