Nato-Übung

UK Royal Marines trainieren beim NATO-Grossmanöver «Cold Response» 2022 in Norwegischen Gewässern. © NATO

NATO-Norderweiterung befeuert Wettrüsten in der Arktis

German Foreign Policy /  Der NATO-Beitritt Finnlands und Schwedens forciert die Militarisierung der Arktis – auch mit Blick auf Russlands Nordflotte.

Der bevorstehende NATO-Beitritt Finnlands und Schwedens heizt die Militarisierung der Arktis weiter an. Das zeigen NATO-Manöver in Europas hohem Norden, die seit Jahren regelmässig in relativer Nähe zu den Stützpunkten der russischen Nordflotte auf der Halbinsel Kola im Nordwesten Russlands durchgeführt werden. Dort sind insbesondere mit ballistischen Raketen ausgerüstete U-Boote stationiert, die einen grossen Teil der nuklearen Zweitschlagfähigkeit der russischen Seestreitkräfte gewährleisten. Moskau schützt sie mit einem militärischen Bastionskonzept, das feindlichen Kräften jeden Zugriff auf die Region unmöglich machen soll. Mit der NATO-Norderweiterung rückt nicht zuletzt die Halbinsel Kola noch stärker als bisher ins Visier des westlichen Militärpakts.

Die Halbinsel Kola

Die Halbinsel Kola in der russischen Arktis hat strategische Bedeutung, da auf ihr Russlands Nordflotte stationiert ist. Diese hat ihre Hauptbasis in Seweromorsk bei Murmansk, dem «einzige[n] eisfreie[n] russische[n] Hafen in der Arktis», wie die Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) in einer aktuellen Analyse festhält. Auf der Halbinsel Kola sind unter anderem mit ballistischen Raketen ausgerüstete U-Boote stationiert, die laut der SWP alleine «etwa zwei Drittel der maritimen nuklearen Zweitschlagfähigkeit Russlands gewährleisten».

Die Halbinsel Kola: Atomarer Hotspot und Stützpunkt der russischen Nordflotte

Aufgrund der immensen strategischen Bedeutung der nuklearen Zweitschlagfähigkeit hat Moskau das «Bastionskonzept» rings um die Halbinsel Kola wiederbelebt, das vorsieht, militärische Fähigkeiten in einer Region zu konzentrieren, «um dem Gegner Zugang zu oder Zugriff auf ein geografisches Gebiet zu verwehren». Russland nehme bei alledem «eine defensive Haltung in der Arktis ein», konstatiert die SWP auch mit Blick auf die Halbinsel Kola, hält aber fest, Moskau sei «im Konfliktfall» auch «auf eine rasche Eskalation vorbereitet».

Die NATO im hohen Norden

Wie die SWP konstatiert, sind die NATO und ihre Mitgliedstaaten seit Jahren dabei, ihre militärischen Aktivitäten in der Arktis ganz allgemein und speziell auch in Europas hohem Norden zu intensivieren. Als Beleg nennt die SWP etwa das NATO-Manöver «Trident Juncture» aus dem Jahr 2018, an dem rund 50’000 Soldaten aus mehr als 30 Staaten mit 250 Flugzeugen und 65 Kriegsschiffen teilnahmen. Hauptmanövergebiet war Zentralnorwegen; einbezogen wurden Luft- und Seegebiete Schwedens und Finnlands. Die Übung war die zweitgrösste der NATO seit dem Ende des Kalten Kriegs.

Russland antwortete darauf im folgenden Jahr mit dem Grossmanöver «Ocean Shield» – mit 70 Schiffen und 58 Flugzeugen, von denen, wie die SWP schreibt, «einige unmittelbar vor norwegischen Hoheitsgewässern operierten».

Der Vorgang zeigt exemplarisch, wie sich die Militarisierungs-Spirale im Hohen Norden nach oben schraubt. Die deutsche Bundeswehr ist daran konsequent beteiligt. Die massgeblich treibende Kraft sind die Vereinigten Staaten, deren Teilstreitkräfte inzwischen diverse Arktisstrategien vorgelegt haben. Die Arktisstrategie des US-Heeres wurde am 19. Januar 2021 publiziert – unter dem programmatischen Titel «Die Dominanz in der Arktis zurückgewinnen».

US-Patrouillen in der Barentssee

Längst weiten die westlichen Mächte nicht nur ihre Manöver in Europas hohem Norden aus – sie ergänzen sie auch um provozierende Patrouillenfahrten. Regelmässig findet etwa die Kriegsübung «Cold Response» statt, deren Schwerpunkt in Nordnorwegen liegt. In diesem Jahr nahmen an «Cold Response» rund 30’000 Soldaten aus 27 Staaten teil, darunter einige hundert Soldaten der Bundeswehr. Die Übung war damit die grösste der NATO in der Arktis seit dem Ende des Kalten Kriegs. Beteiligt waren nicht zuletzt zwei Flugzeugträgerkampfgruppen, eine US-amerikanische um die USS Harry S. Truman und eine britische um die HMS Prince of Wales. Zum Manöverschauplatz, der norwegischen Region Ofoten, hatte es bereits im Vorjahr in einem Vorabbericht geheissen, dieser sei «im Fall eines grösseren globalen Konflikts, der Russland im Nordatlantik einbezieht, von strategischer Kernbedeutung», denn er befinde sich nur «600 Kilometer von der Halbinsel Kola entfernt».

Noch weiter mit Kurs auf die Halbinsel Kola vorgedrungen waren bereits im Mai 2020 ein Zerstörerverband der U.S. Navy sowie die britische Fregatte HMS Kent: Sie waren zu einer Patrouillenfahrt in die Barentssee eingefahren – laut der SWP zum ersten Mal seit dem Ende des Kalten Kriegs.

NATO-Luftoperationen am Polarkreis

Finnland und Schweden nehmen an NATO-Manövern in Nordeuropa wie «Trident Juncture» oder «Cold Response» regelmässig teil, und sie sind immer wieder auch Schauplatz von Teilen dieser Kriegsübungen – wie etwa bei «Trident Juncture» 2018. Dies trifft auch auf die Manöverserie «Arctic Challenge» zu, einer Reihe von Luftwaffentrainings, die zum ersten Mal 2013 abgehalten wurde, damals von Norwegen, Finnland, Schweden, Grossbritannien und den Vereinigten Staaten. An «Arctic Challenge» 2021 nahmen bereits neun Staaten teil, darunter die Bundeswehr mit zehn Eurofightern und gut 200 Soldaten.

«Arctic Challenge» 2019 hatte diverse Luftoperationen zum Gegenstand, zu denen Kampfjets der NATO und ihrer engsten Verbündeten von Bodø in Norwegen, Luleå in Schweden und Rovaniemi in Finnland aus starteten – alles Luftwaffenstützpunkte am Polarkreis. Das finnische Rovaniemi, damals Manöverstandort der Bundeswehr, liegt nur wenig mehr als 400 Kilometer Luftlinie von der Hauptbasis der russischen Nordflotte in Seweromorsk bei Murmansk entfernt. Der NATO-Beitritt Finnlands und Schwedens wertet nun künftig die Bedeutung von Kriegsübungen wie «Arctic Challenge», in denen beide Staaten eine tragende Rolle innehaben, für das westliche Militärbündnis weiter auf.

Arktische Rüstungsspirale

Russland reagiert auf die Militarisierung von Europas hohem Norden seinerseits mit neuen Aufrüstungsschritten. Bereits Mitte April hatte der russische Verteidigungsminister Sergej Schojgu angekündigt, mit Blick auf die «dramatische Verschlechterung der militärischen und politischen Lage in Europa» würden rings um die Barentssee «mehr als 500 fortgeschrittene Waffensysteme» stationiert.

Mittlerweile sucht Moskau zu demonstrieren, dass es ihm mit dieser Ankündigung ernst ist. So zeigten die russischen Streitkräfte bei einer Parade zum 9. Mai in Murmansk nicht nur das neue Küstenradar Monolit-BR, das mittlerweile bei der Nordflotte eingesetzt werden soll, sondern auch das Raketensystem 3K60 Bal, das etwa dem Schutz von Marinestützpunkten oder auch der Kontrolle von Küstengewässern dient. Es sei in der Lage, bei günstiger Stationierung auf der Halbinsel Kola das dieser gegenüber liegende norwegische Radarsystem in Vardø im äussersten Nordosten des Landes binnen kürzester Zeit auszuschalten, berichtet «The Barents Observer».

Die Militarisierung der Arktis durch die NATO und deren Norderweiterung treiben damit die drohende Rüstungsspirale im hohen Norden Europas unerbittlich voran.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine. Dieser Artikel erschien zuerst auf der Online-Plattform «German Foreign Policy». Diese «Informationen zur Deutschen Aussenpolitik» werden von einer Gruppe unabhängiger Publizisten und Wissenschaftler zusammengestellt, die das Wiedererstarken deutscher Grossmachtbestrebungen auf wirtschaftlichem, politischem und militärischem Gebiet kontinuierlich beobachten.
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.

Weiterführende Informationen

Zum Infosperber-Dossier:

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Der Kalte Krieg bricht wieder aus

Die Grossmächte setzen bei ihrer Machtpolitik vermehrt wieder aufs Militär und gegenseitige Verleumdungen.

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Nato: Sicherheit oder Machtpolitik?

Das Militärbündnis soll vor Angriffen schützen, doch Russland oder China fühlen sich von ihm bedroht.

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5 Meinungen

  • am 21.05.2022 um 09:31 Uhr
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    Zum Glück ist die Nato ein «Verteidigungsbündnis». Man darf wohl davon ausgehen, dass auch die CH bei diesen Manövern «assoziiert» war. Gibt es dazu Details ?

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  • am 21.05.2022 um 22:41 Uhr
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    Das transatlantische „Verteidigungsbündnis“ und seine Süd-, Ost- und Norderweiterungen! Am Ende treibt Russland auch noch die Armee der Eidgenossen in die Arme der Amerikaner. Und die Schweiz würde weiterhin behaupten, sie sei neutral.
    Dabei ist die NATO doch nur ein Verteidigungsbündnis.

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  • am 22.05.2022 um 09:16 Uhr
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    Sie werden so weitermachen bis es passiert. Provokation über Provokation bis die erste 100 Megatonnen ausversehen abgeschossen nicht mehr selbstzerstört oder deaktiviert werden können. Die Nato, wenn ich richtig informiert bin, würde angeblich von den USA dominiert, da nur sie ein Vetorecht bei allen Beschlüssen hätte. Wenn dies zutrifft, ist die Nato missbrauchbar. Jede Form von Gewalt jenseits von angemessener Notwehr ist ausserhalb jeder Ethik und lebensfeindlich. Vor jedem Akt der Notwehr müssen alle anderen Mittel welche gewaltminimierend sind, ausgeschöpft werden. Natomanöver vor der Haustüre Dritter sind Akte der psychologischen Einschüchterungs und Provokationsgewalt. Was würde ein Bürger des Westens sagen, wenn jemand vor seiner Haustüre mit einer Stinger-Rakete auf und abgehen würde. Das ist vergleichbar mit dem, was die Nato leider seit geraumer Zeit tut. Während Rohstoff-Freunde der Nato öffentlich unbehelligt Frauen steinigen und Kinderarbeit praktizieren dürfen.

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  • am 22.05.2022 um 16:27 Uhr
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    Die USA sind um keinen Deut besser als die RF, nur können sie sich mit dem Etikett eines freiheitlich gesinnten, demokratischen Staates schmücken. Die Opfer der us-amerikanischen Außenpolitik sind auch nur selten in Europa oder gar auf eigenem Territorium zu beklagen; es sind Menschen ohne Stimme in unser westlich zentrierten Welt: Iraker, Afghanen, Syrer, Menschen aus dem arabischen Raum. Deswegen ist das us-amerikanische System für uns ja so attraktiv: weil wir nie Leidtragende sind, sondern immer nur andere.
    Als diese neuen Signale der Stärke treiben nur die Wahrscheinlichkeit eines dritten Weltkrieges nach oben, weil alle immer nervöser gemacht werden. Man möchte fast annehmen, dass die USA durch ihre Einkreisungsversuche eine Eskalationsstrategie fahren, die die RF unter erheblichen finanziellen und organisatorischen Zugzwang stellen, um letztlich eine Zerfall wie 1992 zu erreichen.

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  • am 23.05.2022 um 12:52 Uhr
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    Leider legt die On-line Plattform German Foreign Policy nicht offen, wer die grössten Spender sind. Ohne dies ist der Beitrag und die Unabhänigkeit nicht einzuordnen.

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