Jahresrückblick 2025 – heute von Urs P. Gasche

Von Beginn an habe ich klargestellt: Putins völkerrechtswidriger Krieg gegen die Ukraine ist mit nichts zu entschuldigen.
Doch wie bei anderen Kriegen stellte sich mir die Frage: Hätte sich dieses unermessliche Leid verhindern lassen? Die Frage ist zentral – ob in Israel und Palästina, im Sudan, in Afghanistan oder in Irak. Über den Ersten und Zweiten Weltkrieg wurden Bücher geschrieben, die genau das untersuchen: Wie hätte man sie vermeiden können?
Beim Ukraine-Krieg könnte eine Analyse der Vorgeschichte Hinweise liefern, wie der Krieg zu beenden wäre. Aber ich stellte irritiert fest: Grosse Medien scheuen eine unvoreingenommene Analyse.
Vielmehr ersticken sie mit Begriffen wie «Putin-Trolle» oder «Putin-Versteher» jede Stimme, die von der Nato-Erzählung abweicht. Wer den Maidan-Putsch, die Minsk-Abkommen, den Krieg der Ukraine gegen die russisch kontrollierten Gebiete im Donbas mit 14’000 Toten oder die Geschichte der Krim genauer beleuchtete, wurde mundtot gemacht.
Besonders hart traf es jene, die die geplante Nato-Osterweiterung in Richtung Ukraine und Georgien als Fehler bezeichneten. Diese argumentieren, dass ohne diese Einkreisung Russlands der Angriffskrieg wahrscheinlich ausgeblieben wäre.
So begann, was später zu diesem Artikel führte:
Ich beobachtete, wie Medien Zitate selektiv herausgriffen, um zu beweisen, dass Wladimir Putin sich nach 2014 zum imperialistischen Aggressor gewandelt habe. Seine wiederholten Aussagen, die Nato in der Ukraine aus Sicherheitsgründen niemals zu akzeptieren, wurden mehrheitlich ignoriert. Auch bei Putins jüngstem Medienauftritt am 19. Dezember: kein Wort über seine ausführlichen Äusserungen zur Nato.
Mir wurde klar, warum: Sollte es Putin und Russland tatsächlich «nur» darum gehen, dass sein grosses Nachbarland militärisch neutral bleibt und der Volkswille auf der russlandfreundlichen Krim und im weitgehend russlandfreundlichen Donbas respektiert wird, bräche die Erzählung zusammen, Russland bedrohe Westeuropa.
- Dann hätte sich die Sicherheitslage in Europa trotz des russischen Angriffskriegs nicht verändert.
- Dann gäbe es keinen Grund, dass Europa und die Schweiz Milliarden zum Aufrüsten verschwenden, statt sie sinnvoller einzusetzen.
Ein Leser schrieb mir wie andere zuvor: «Aus Ihren Artikeln lese ich immer wieder heraus, dass Sie Verständnis für die ‹Intervention› Russlands beziehungsweise Putins in der Ukraine zeigen.»
Nein, das hat mit Verständnis – und schon gar mit Billigung – des russischen Krieges nichts zu tun. Russland fühlte sich von der Nato eingeschnürt, war aber nie existenziell bedroht. Angegriffen wurde Russland schon gar nicht. Der Krieg bleibt unentschuldbar.
Ebenso wenig ist das gewaltsame Durchsetzen der «Monroe-Doktrin» in Lateinamerika völkerrechtlich zu rechtfertigen. Jüngstes Beispiel: Venezuela. Medien beschönigen dies und sprechen höchstens von «völkerrechtlich umstritten», obwohl das Töten von Menschen auf Hoher See ohne unmittelbare Gefahr die UN-Charta klar verletzt. «Regime Changes» sind verboten, solange eine Regierung – so korrupt sie auch sein mag – keinen Massenmord begeht.
Dieses Messen mit zweierlei Mass irritiert mich.
Ich selbst möchte weder in Russland noch in Venezuela leben – als Journalist schon gar nicht. Doch es geht mir um Völkerrecht, Krieg und Frieden. Mein Studium der Internationalen Beziehungen in Genf hat mir gezeigt: Einzelne Staatsführer beeinflussen den Lauf der Dinge nur beschränkt. Mehr Einfluss haben wirtschaftliche, soziale und politische Machtverhältnisse, Demografie, Geografie, kollektive Mentalitäten und grosse ideologische Strömungen. Im Donbas beispielsweise spielen die Rohstoffe eine Rolle.
Der Schweizer Historiker Jean-Rodolphe von Salis war ein Pionier dieses Ansatzes. Die Franzosen Renouvin und Duroselle hatten diesen zur wissenschaftlichen Methode entwickelt.
Alle diese Erkenntnisse haben mich motiviert, in einer Artikelreihe die jüngste Geschichte zu beleuchten und den Sinn des allgemeinen Aufrüstens zu hinterfragen.
Grosse Medien liefern fast täglich Argumente für das Aufrüsten. Sie kritisieren Regierungen und Politiker nur in eine Richtung: Sie würden zu wenig oder zu langsam aufrüsten.
Infosperber bietet zur Meinungsbildung eine andere Sichtweise.
«Wider das allgemeine Aufrüsten»
Das ganze Dossier ➔ hier.
- Die Machtpolitik der Sowjetunion und der USA
- Die Erzählung vom russischen Imperialismus
- Die Nato-Osterweiterung aus der Diskussion genommen
- Medien: «Russland und China könnten den Westen gemeinsam angreifen»
- Die Russen können nicht einmal den ganzen Donbas einnehmen
- So schürt der militärisch-industrielle Komplex Angst. Es geht um Milliardenaufträge
- Kampfjets und Kampfpanzer sind gegen Russland nutzlos
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
In eigener Sache
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.









Zum von Herrn Gasche zu Recht angeprangerten Messen mit zweierlei Mass gehört auch, wie der Westen mit dem Genozid Israels an der palästinensischen Bevölkerung und dem mittels Genozid bezweckten „ethnic cleansing“ umgeht. Kaum je ist das Vorgehen Israels verurteilt, geschweige denn mit Sanktionen belegt worden. Und jetzt wird alles möglichst totgeschwiegen, als ob Genozid und Vertreibung nicht weitergehen. Nie seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs haben die westlichen Regierungen mit ihrer Unterstützung Israels und den willfährigen Mainstream-Medien eine grössere Schuld auf sich geladen. Die übrigens auf uns alle zurückfallen wird: Denn nirgends wird die Zivilbevölkerung bei einem kriegerischen Konflikt von Konventionen geschützt sein. „Everything that was created in the wake of World War 2 goes up in flames in Gaza,“ sagt der Historiker Rashid Khalidi.
Kein Leserbrief zum vorliegenden Jahresrückblick von UPG, sondern ein großes und sehr herzliches Dankeschön für die stets wohltuend sachlichen, immer gut ausgewogen kritischen, Horizont erweiternden, in der Sichtweise unbeirrten und sorgfältig recherchierten Kommentare. Mal für Mal erfahre ich hier einen Journalismus bester Güte, in der großen, weiten Medienwelt leider eine immer seltener werdende Erscheinung. Umso schöner und wertvoller, dass es Infosperber mit UPG und den vielen anderen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern gibt. In der gegenwärtigen Medienwelt eine wahre Kostbarkeit — Danke!
Herzlichen Dank, Herr Gasche.
Es gibt nichts beizufügen.
Es geht mit Putin wie mit Corona, mit Gaza und Westjordanland, mit anderen Konflikten. Es braucht neben den Mainstream-Medien auch Alternativen. Dazu gehört Infosperber, darum benötigen wir Infosperber. Ob wir die Meinung teilen oder nicht.
Danke, auch meinerseits. Ein kleine, hoffentlich nützliche Ergänzung: Ich verstehe den Grund für den russischen Angriffskrieg, weil sich Putin bedroht fühlte. Aber auch ich habe kein Verständnis dafür! Ich glaube die Logik zu erkennen und zu verstehen. Mit Billigung, Gutheissung etc. hat das nichts zu tun!
Von Salis lag goldrichtig. Eines Tages werden viele, die heute poltern, schachern und töten, nicht mehr da sein – die Völker und ihre Kultur jedoch bestehen weiter. Deswegen müssen wir den Austausch zwischen den Völkern, die Gastprogramme, die Kulturkooperationen, den Spracherwerb, immer fördern; ganz egal, was die politsche Lage uns scheinbar diktieren mag. Russland und EU-Europa werden wieder zusammengehen, aus der Geschichte kann es keine andere Konsequenz geben: es lohnt der Blick zurück ins Zarenreich. Vielleicht gibt das zu denken: eine Teilrepublik Russlands, Jakutien, ist so groß wie die gesamte EU. In ihr lagern wahrscheinlich die bedeutendsten Gold-, Diamanten- und Gasvorräte der Welt. Die Einwohnerzahl liegt unter 1 Million. Wir alle müssen dringend den Horizont erweitern und Anteil an der Entwicklung der Welt nehmen, nicht nur auf unseren Kleinstaatenteppich schauen.
Vielen Dank, Herr Gasche,
für diesen offenen Jahresrückblick zu einem der aktuell am meisten mit Lügen zugedeckten Thema.
Hoffen wir, dass immer mehr Leute sich von den selektiven «Wahrheiten» der Mainstram-Medien abwenden: wir dürfen und sollen unterschiedliche Meinungen haben, aber Fakten sollen und müssen Fakten bleiben.
Ich wünsche der Redaktion und allen Lesern einen guten Start ins neue Jahr.