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Das ist ein «Public viewing»: Der aufgebahrte Papst Franziskus im April 2025. © Face the Nation auf youtube.com

Die falschen Zuwanderer aus Amerika

Marco Diener /  Wir übernehmen gedankenlos Ausdrücke aus dem Englischen, obwohl das Deutsche mehr böte. Schade eigentlich.

Noch vor 20 Jahren war es doch so: Wenn ein Wirt seinen Fernseher in den Garten stellte, damit wir ein Fussballspiel schauen konnten, dann war das ein Fernseher im Garten. Punkt. Heute ist es ein «Public viewing». Sogar der Duden hat das «Public viewing» 2009 in seinen Wortschatz aufgenommen. Dumm nur, dass «Public viewing» im Englischen etwas anderes heisst. Unter anderem «öffentliche Aufbahrung».

Ein Trauerspiel

Doch vielleicht passt «Public viewing» ganz gut in diesen Tagen, in denen in den USA, in Mexiko und Kanada die Fussball-Weltmeisterschaft stattfindet. Denn der Anlass ist ein einziges Trauerspiel.

Die nächste Weltmeisterschaft findet übrigens «in 2030» in Marokko, Portugal und Spanien statt. Neuerdings sagt man «in 2030», so wie es die Englischsprachigen tun. Auf Deutsch hiesse es aber eigentlich «im Jahr 2030» oder schlicht «2030».

Wenn wir über den amerikanischen Präsidenten sprechen, äussern wir uns zumeist verächtlich. Auch von seinen Wählern halten wir nicht viel. Und ebenso kritisch sind wir gegenüber amerikanischen Firmen wie Palantir, Meta, Tesla, Coca-Cola oder McDonald’s. Erstaunlich deshalb: Was an englischen Ausdrücken aus Amerika herüberschwappt, integrieren wir sogleich ins Deutsche. Was ich da schreibe, ist kein Narrativ, es ist tatsächlich so.

«Gerücht», «Behauptung» oder «Lüge»?

Wobei wir schon beim nächsten Ausdruck wären: beim «Narrativ». Es kommt an sich vom lateinischen Verb «narrare», also «erzählen». Das Substantiv haben wir um 1995 vom englischen «Narrative» übernommen und daraus das deutsche «Narrativ» gemacht.

Einen ersten Schub erlebte das «Narrativ» mit der Corona-Pandemie 2020. Richtig Karriere machte es zwei Jahre später mit dem Beginn des Ukraine-Kriegs. Damit drücken wir aus, dass jemand etwas erzählt, was nicht stimmt. Aber warum sagen wir das nicht mit Wörtern, die uns schon lange zur Verfügung stehen und genauer sind? «Gerücht», «Behauptung» oder gar «Lüge». Vielleicht auch «Märchen».

Eine Adresse auf dem Umschlag?

Manche Leute haben inzwischen Hemmungen, solche Vorwürfe – «Gerücht», «Behauptung» oder «Lüge» – zu «adressieren». «Adressieren»? «Adressieren» bedeutete einst: eine Adresse auf einen Umschlag schreiben. Heute bedeutet es: etwas «ansprechen», «aussprechen», «thematisieren», «angehen», «behandeln» oder «in Angriff nehmen».

Wenn Englischsprachige etwas als unglaubwürdig darstellen wollen, dann sprechen sie nicht nur von einem «Narrative», sondern auch vom «Framing». Das Wort schickt sich gerade an, auch unsere Sprache zu erobern. So las ich kürzlich in einem Artikel, Deutschland habe die Gewalt der Siedler im Westjordanland als Problem von Einzelnen «gerahmt».

Ich musste zwei Mal lesen, bis ich verstand. Dabei haben wir – statt «gerahmt» – doch eine schöne Auswahl passender deutscher Wörter zur Verfügung: «dargestellt», «gedeutet», «bezeichnet».

Der deutsche Wortschatz böte uns also alles, was wir brauchen, um uns einfach, genau und verständlich auszudrücken. Aber lieber bedienen wir uns des Englischen oder des Pseudo-Englischen. Wie man es auf die Spitze treiben kann, zeigt dieses Video.

Der Text enthält 488 Wörter, 182 sind Anglizismen. Das ist mehr als ein Drittel. Die Anglizismen prägen aber nicht nur – wie im Video – unseren Alltag, sondern auch unsere Arbeit. In der «Company» ist die neue «Task» für manche eine «Challenge» oder sogar ein «Struggle», für andere ein «Nobrainer». Sie «delivern» «on point». Deshalb beklagen sie sich auch nie über den «Workload». Vor dem nächsten «Brainstorming» gibt’s noch ein kurzes «Briefing». Das Problem: Der «CEO» ist noch in einem «Call». Immerhin ist der «Consultant» schon da und der «Facility Manager» hat den «Flipchart» aufgestellt. Auch die «Handouts» liegen schon auf. – Ja, so geht das heutzutage.

Ein polnischer Erntehelfer?

Übrigens auch in der Politik. Im Vorfeld zur Abstimmung über die SVP-Initiative gegen die «10-Millionen-Schweiz» sprachen wir ständig über die «Expats». Der Ausdruck ist eine Abkürzung des englischen «Expatriate». Der Ursprung liegt im Lateinischen: «ex» für «aus» und «patria» für «Vaterland». Ein «Expat» ist also ein «Auswanderer» oder ein «Ausländer».

Aber so meinen wir es nicht, wenn wir von «Expats» sprechen. Wir meinen nicht Studenten, nicht Flüchtlinge, nicht Asylbewerber. Wir meinen auch nicht den portugiesischen Sanitärinstallateur, den rumänischen Abwart oder den polnischen Erntehelfer. Wir meinen stets reiche oder gutverdienende Ausländer. Und so sollten wir es auch sagen, wenn wir es so meinen.


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