Die falschen Zuwanderer aus Amerika
Noch vor 20 Jahren war es doch so: Wenn ein Wirt seinen Fernseher in den Garten stellte, damit wir ein Fussballspiel schauen konnten, dann war das ein Fernseher im Garten. Punkt. Heute ist es ein «Public viewing». Sogar der Duden hat das «Public viewing» 2009 in seinen Wortschatz aufgenommen. Dumm nur, dass «Public viewing» im Englischen etwas anderes heisst. Unter anderem «öffentliche Aufbahrung».
Ein Trauerspiel
Doch vielleicht passt «Public viewing» ganz gut in diesen Tagen, in denen in den USA, in Mexiko und Kanada die Fussball-Weltmeisterschaft stattfindet. Denn der Anlass ist ein einziges Trauerspiel.
Die nächste Weltmeisterschaft findet übrigens «in 2030» in Marokko, Portugal und Spanien statt. Neuerdings sagt man «in 2030», so wie es die Englischsprachigen tun. Auf Deutsch hiesse es aber eigentlich «im Jahr 2030» oder schlicht «2030».
Wenn wir über den amerikanischen Präsidenten sprechen, äussern wir uns zumeist verächtlich. Auch von seinen Wählern halten wir nicht viel. Und ebenso kritisch sind wir gegenüber amerikanischen Firmen wie Palantir, Meta, Tesla, Coca-Cola oder McDonald’s. Erstaunlich deshalb: Was an englischen Ausdrücken aus Amerika herüberschwappt, integrieren wir sogleich ins Deutsche. Was ich da schreibe, ist kein Narrativ, es ist tatsächlich so.
«Gerücht», «Behauptung» oder «Lüge»?
Wobei wir schon beim nächsten Ausdruck wären: beim «Narrativ». Es kommt an sich vom lateinischen Verb «narrare», also «erzählen». Das Substantiv haben wir um 1995 vom englischen «Narrative» übernommen und daraus das deutsche «Narrativ» gemacht.
Einen ersten Schub erlebte das «Narrativ» mit der Corona-Pandemie 2020. Richtig Karriere machte es zwei Jahre später mit dem Beginn des Ukraine-Kriegs. Damit drücken wir aus, dass jemand etwas erzählt, was nicht stimmt. Aber warum sagen wir das nicht mit Wörtern, die uns schon lange zur Verfügung stehen und genauer sind? «Gerücht», «Behauptung» oder gar «Lüge». Vielleicht auch «Märchen».
Eine Adresse auf dem Umschlag?
Manche Leute haben inzwischen Hemmungen, solche Vorwürfe – «Gerücht», «Behauptung» oder «Lüge» – zu «adressieren». «Adressieren»? «Adressieren» bedeutete einst: eine Adresse auf einen Umschlag schreiben. Heute bedeutet es: etwas «ansprechen», «aussprechen», «thematisieren», «angehen», «behandeln» oder «in Angriff nehmen».
Wenn Englischsprachige etwas als unglaubwürdig darstellen wollen, dann sprechen sie nicht nur von einem «Narrative», sondern auch vom «Framing». Das Wort schickt sich gerade an, auch unsere Sprache zu erobern. So las ich kürzlich in einem Artikel, Deutschland habe die Gewalt der Siedler im Westjordanland als Problem von Einzelnen «gerahmt».
Ich musste zwei Mal lesen, bis ich verstand. Dabei haben wir – statt «gerahmt» – doch eine schöne Auswahl passender deutscher Wörter zur Verfügung: «dargestellt», «gedeutet», «bezeichnet».
Der deutsche Wortschatz böte uns also alles, was wir brauchen, um uns einfach, genau und verständlich auszudrücken. Aber lieber bedienen wir uns des Englischen oder des Pseudo-Englischen. Wie man es auf die Spitze treiben kann, zeigt dieses Video.
Der Text enthält 488 Wörter, 182 sind Anglizismen. Das ist mehr als ein Drittel. Die Anglizismen prägen aber nicht nur – wie im Video – unseren Alltag, sondern auch unsere Arbeit. In der «Company» ist die neue «Task» für manche eine «Challenge» oder sogar ein «Struggle», für andere ein «Nobrainer». Sie «delivern» «on point». Deshalb beklagen sie sich auch nie über den «Workload». Vor dem nächsten «Brainstorming» gibt’s noch ein kurzes «Briefing». Das Problem: Der «CEO» ist noch in einem «Call». Immerhin ist der «Consultant» schon da und der «Facility Manager» hat den «Flipchart» aufgestellt. Auch die «Handouts» liegen schon auf. – Ja, so geht das heutzutage.
Ein polnischer Erntehelfer?
Übrigens auch in der Politik. Im Vorfeld zur Abstimmung über die SVP-Initiative gegen die «10-Millionen-Schweiz» sprachen wir ständig über die «Expats». Der Ausdruck ist eine Abkürzung des englischen «Expatriate». Der Ursprung liegt im Lateinischen: «ex» für «aus» und «patria» für «Vaterland». Ein «Expat» ist also ein «Auswanderer» oder ein «Ausländer».
Aber so meinen wir es nicht, wenn wir von «Expats» sprechen. Wir meinen nicht Studenten, nicht Flüchtlinge, nicht Asylbewerber. Wir meinen auch nicht den portugiesischen Sanitärinstallateur, den rumänischen Abwart oder den polnischen Erntehelfer. Wir meinen stets reiche oder gutverdienende Ausländer. Und so sollten wir es auch sagen, wenn wir es so meinen.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.








Cool!
Interessant ist z.B. auch, dass viele Journalistinnen und Journalisten nicht mehr von Übereinkünften, Abmachungen, Vereinbarungen, Einigungen, (Staats-)Verträgen, Verabredungen, Abkommen und ähnlichem schreiben. Viele Medien haben weitgehend die Ausdrucksweise des aktuellen US-Präsidenten mit seinem eher einfachen Wortschatz übernommen und sehen nun überall einen «Deal».
Danke, Herr Diener. Sie sprechen mir (einmal mehr) aus dem Herzen. Was man vielleicht auch noch hätte erwähnen können, ist «der Deal». Aber dazu hat ja Daniel Goldstein am 31.01.2026 einen interessanten Artikel auf Infosperber veröffentlicht. Und natürlich gäbe es noch viel mehr. Es ist schon erstaunlich, wie leichtfertig, gar fahrlässig, wir uns sprachlich kolonialisieren lassen.
Auf den Punkt getroffen, diese blöden Ausdrücke sind meistens da um sich wichtig zu machen. Ihren Artikel kann ich dick unterschreiben. Viele merken es gar nicht mehr, aber wenn schon die USA und deren Meinungsmacher immer dümmer und arroganter daherreden, sollte man bei uns schnellstens umdenken. Die Franzosen geben Ihrer Sprache viel mehr Sorge. Das würde uns Deutschsprechenden auch gut anstehen, wir haben hervorragend passende Ausdrücke.
Am Ende des Tages: Schade! Aber ich habe zu viel auf dem Teller um mich darum zu kümmern 😉
Vielen Dank!!
Meine zwei Kids machen das random!
Superartikel! Mich nerven aber auch Begriffe wie «zeitnah». Bald oder möglichst bald funktioniert auch!
Das stört mich auch schon lange! Wenn ich in einem Podcast von zwei Frauen um die 40-50 höre, dass ‚viele Menschen struggeln‘, dann habe ich schon ein grosses Fragezeichen, was deren Deutschkompetenz angeht. Manchmal frage ich mich, ob man mit der Verwendung vieler Anglizismen modern wirken möchte, oder ob es einfach Bequemlichkeit ist, weil viele Leute diese Ausdrücke tagtäglich benutzen.
Danke, dass Sie den Finger auf die Wunde legen!
Dieser Artikel enthält viel Wahres, ist aber auch einmal mehr selbst ein Beispiel dafür, dass das Englische mehr Tücken hat als allgemein wahrgenommen. So bedeutet «public viewing» im Englischen nicht einfach «etwas anderes» als der eingedeutschte Begriff. Und die Erklärung zu «narrative» scheitert u. a. daran, dass es dafür kein deutsches Wort gibt, das exakt die im beschriebenen Kontext verwendete Bedeutung hat. Mit narrative ist keineswegs nur etwas gemeint, «was nicht stimmt», und die Wörter Gerücht, Behauptung, Lüge, Märchen taugen nur punktuell als Ersatz, nämlich exakt dann, wenn es sich erwiesenermassen darum handelt.
Herr Diener scheint noch nicht gemerkt zu haben, dass die USA die heutige Imperialmacht sind und folglich auch den Wortschatz beeinflussen. Diesen Effekt gibt es seit Jahrtausenden…
Doch im Text gerät einiges durcheinander. Zunächst ist es klar, dass in Bereich Sport, Geschäftswelt, Technologie, Werbung usw. viele echte und falsche Anglizismen verwendet werden (s.o.).
«Public Viewing» kam mit der WM 2006 in Deutschland auf, letztlich ein Werbebegriff aus dem FIFA-Umfeld. «WM in 2030» kann aus dem Englischen kommen, ist aber auch Mundart (im).
«Narrativ» im heutigen Sinne ist älter, min. 70er Jahre, und es bedeutet auch keinesfalls, «dass jemand etwas erzählt, was nicht stimmt.» Der Begriff ist völlig in Ordnung und eine Bereicherung der deutschen Sprache.
«Adressieren» im heutigen Sinne ist schon viel älter, 18./19. Jahrhundert, z.B. «eine Bitte an jmd. adressieren». Völlig in Ordnung.
Framen/rahmen ist ein Fachbegriff und nicht ganz dasselbe wie die genannten Begriffe.