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Die Natur gilt im Wallis als grösstes Kapital. Trotzdem wird sie nicht effektiv geschützt. © pixabay

Wallis: Wiederkehrende Versäumnisse beim Umweltschutz

Tobias Tscherrig /  Man könnte meinen, der Kanton Wallis hätte aus dem Quecksilber-Debakel der Lonza gelernt. Hat er nicht, er wiederholt seine Fehler.

Der Kanton Wallis schlittert von einem Umweltskandal in den nächsten. Statt aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen, agiert die Dienststelle für Umweltschutz erneut im Schneckentempo und auf der Grundlage von veralteten Daten.

«Der Kanton Wallis (…) weiss das Beste aus der Natur herauszuholen», schreibt die Vermarktungsorganisation «Valais/Wallis Promotion» auf ihrer Internetseite. Beim Betrachten der dazugehörigen Bilder kommt daran kaum Zweifel auf: majestätische Bergwelten, Gletscher, glitzernde Skipisten unter wolkenlosem Himmel, steile Hänge und saftige Matten, wilde Wälder, romantische Bäche und Seen. Touristinnen und Touristen beissen in leuchtende Aprikosen, laben sich an den Früchten, die der Kanton für sie bereithält.

Wie wichtig der Tourismus im Wallis ist, ist auch in der aktuellen Gesundheitskrise zu sehen: Obwohl das Wallis in Sachen Corona-Ansteckungsraten schweizweit eine Spitzenposition belegt, darf der Wintertourismus nicht ausfallen. Auch wenn sich vor den Wintersport-Anlagen in Zermatt und Saas-Fee bereits wieder Körper an Körper drängen und Schutzkonzepte kaum eingehalten werden, das Geschäft mit den Touristen hat Vorrang. Zu viele Existenzen hängen daran.

Viel Radau um die Natur – trotzdem bleibt sie auf der Strecke
Ohne seine Natur und Landschaft läge der Kanton Wallis zu einem wichtigen Teil brach: Die Bruttowertschöpfung der Tourismusbranche belief sich im Jahr 2016 auf 2,39 Milliarden Franken, im selben Jahr waren 18,6 Prozent der Beschäftigten im Wallis in der Tourismusbranche tätig. Im Oberwallis sind es gar noch mehr: Jeder dritte Oberwalliser und jede dritte Oberwalliserin lebte von Gästen aus dem In- und Ausland.

Die Natur darf im Wallis als wohl grösstes Kapital angesehen werden, denn die Gäste kommen ihretwegen. Das wissen die Einwohnerinnen und Einwohner ebenso wie Touristiker/Innen und Politiker/innen. Entsprechend wird die Thematik von vielen genutzt: Politikerinnen, Politiker und Interessenverbände gehen damit vor Wahlen und vor Abstimmungen – wie zuletzt etwa beim Jagdgesetz – auf Stimmenfang. Jägerinnen und Bauern sehen sich als eigentliche Hüter der Natur und verteidigen ihre Pfründe. Touristiker und Energieproduzenten wollen die Alpen weiter erschliessen, Naturschützer fordern das Gegenteil. Dazwischen heulen Alarmisten mit den wenigen Wölfen um die Wette, Katholiken reisen zum Papst und bitten ihn um die Umkehr eines alten Gelübdes, damit die rapide abschmelzenden Gletscher durch göttlichen Beistand erhalten werden. Und auch die Zweitwohnungsinitiative, die nicht immer eingehalten wird, geistert noch durch die Täler des Tourismuskantons.

Bei all dem Radau, den die Walliserinnen und Walliser um «ihre» Natur veranstalten, erstaunt es dann doch, dass sie dabei viel zu oft auf der Strecke bleibt. Schon oft wurden und werden im Wallis bedeutende Umweltskandale und grosse Versäumnisse der Behörden aufgedeckt. Aber die Mehrzahl der Walliserinnen und Walliser – darunter auch die wenigen noch existierenden regionalen Medien – bleibt unkritisch oder stumm. Auch wenn darunter das wohl wichtigste Kapital leidet, auf das man sich im Kanton ansonsten gerne beruft: die gesamte Natur.

Quecksilber: Jahrelange Untätigkeit von Lonza und Behörden
Die wohl bekannteste Umweltverschmutzung im Wallis geht unter anderem auf die Lonza AG und ihr Werk in Visp zurück. Sie ist mitverantwortlich für die schweizweit grösste Verschmutzung durch Quecksilber, das bis in den Genfersee lief und diesen erheblich verschmutzte. Eine Tatsache, die bereits 1970 bei der ersten jemals in der Schweiz durchgeführten Quecksilber-Untersuchung festgestellt worden war. Vertreter der Lonza, des Bundesamts für Umwelt (BAFU) und des Kantons Wallis wurden damals nachweislich informiert – trotzdem geschah lange Zeit nichts. Die unliebsamen Tatsachen verschwanden in einer Schublade, erst der Bau der Autobahn brachte die unliebsamen Tatsachen im Jahr 2011 wieder auf den Tisch.

Bis und mit mindestens 2007 waren die grossen Altlasten-Vorkommen im Wallis nicht einmal im kantonalen Altlasten-Kataster vermerkt. Auch im kantonalen Abfallbewirtschaftungsplan aus dem Jahr 2008 – den die Lonza selbst mit ausgearbeitet hatte – sucht man die Altlasten vergeblich. Und bei der Aufarbeitung des Skandals machten Lonza und Behörden lange nur das Nötigste, erst die durchgeführten Probemessungen von Umweltverbänden brachten das wahre Ausmass der Quecksilber-Verschmutzung ans Licht.

Benzidin-Vorkommen gedeckelt
Die Quecksilber-Verschmutzung ist nicht der einzige Umweltskandal, in den die Lonza involviert ist und bei dem die Behörden mehr oder weniger tatenlos zusahen. So fand der Konzern auf seiner Deponie Gamsenried 2008 hochgiftiges Benzidin – und hielt die Analyseergebnisse während Jahren zurück. Erst rund zehn Jahre später, Ende März 2020, erfährt die kantonale Dienststelle für Umwelt von Lonza, welch giftige Stoffe bereits vor Jahren auf der Deponie gefunden worden waren. Deshalb wäscht das kantonale Amt seine Hände in Unschuld und beteuert, es sei darüber bisher nicht informiert gewesen.

Lachgas: Problem verschleppt
Und dann wäre da noch das Lachgas, das Lonza als Abfallprodukt produziert. Jedes Jahr entweichen davon 1800 Tonnen in die Natur, was das betreffende Lonza-Gebäude zur klimaschädlichsten Fabrik der ganzen Schweiz macht: Eine einzige Fabrik produziert ein Prozent der gesamten Treibhausgasemissionen der Schweiz. Und trotzdem bemerkten die Umweltbehörden des Kantons Wallis und des Bundes nichts davon.

Das Verdikt des «Tagesanzeigers», der die Fakten aufdeckte: «Die Recherche zeigt, wie die Lonza und das Bundesamt für Umwelt das Problem verschleppten. Wie die Lonza die Lachgasemissionen fast zwei Jahre lang vor der Öffentlichkeit und den Aktionären verheimlichte. Wie die Lonza sich dagegen wehrte, die Kosten für die Neutralisierung des Lachgases selbst zu tragen. Und wie der Bund mit der Lonza einen Deal einging, der äusserst günstig ist für die Firma – ein Deal auf Kosten des Klimas.»

Kanton Wallis ist immer noch nicht aufgewacht
«Die Dienststelle für Umwelt (DUW) ist damit beauftragt, den Menschen und seine Umwelt vor schädlichen oder lästigen Einwirkungen zu schützen», steht als Einleitungstext auf der Internetseite der kantonalen Behörde. Berücksichtigt man ihre Versäumnisse und Fehler in der Vergangenheit, dürfte man zumindest einen Lerneffekt der Behörde erwarten. Oder, dass sie ihre Aufgaben endlich wahrnimmt.

Aber so einfach scheint das im Wallis nicht zu sein. So stellten die Behörden erst kürzlich eine Informationsplattform zur Wasserwirtschaft im Kanton ins Internet. Auf der Plattform sind offizielle Dokumente, Rechtsgrundlagen und Informationen zu wasserbezogenen Projekten gelistet. Ein kleiner und vor allem extrem langsamer Schritt in die richtige Richtung: Der Kanton brauchte für die Umsetzung der Plattform ganze sieben (!) Jahre, sie ist eine der 39 Massnahmen der kantonalen Wasserstrategie, die bereits 2013 erarbeitet wurde.

Im Übrigen zeigen die auf der Plattform einsehbaren Dokumente, dass einige der verfügbaren Daten veraltet sind: So stammen beispielsweise die neuesten Zahlen über Pestizide, die in das Wasser der Rhone fliessen, aus dem Jahr 2017, und diejenigen, die sich auf das Vorhandensein von Chloriden im Genfer See beziehen, betreffen das Jahr 2010.

Als hätte es Quecksilber, Lachgas, Benzidin, mangelnde Transparenz und – nach eigener Aussage – düpierte Behörden – nie gegeben. Wacht der Kanton Wallis in Sachen Umweltschutz nicht auf und beginnt sich schneller zu bewegen, ist die nächste grössere Umweltverschmutzung, die wiederum erst nach Jahren aufgedeckt wird, wahrscheinlich.

Explodierende Pestizid-Rückstände
Denn es ist bei weitem nicht nur Lonza, die der Umwelt im Wallis zu schaffen macht. So muss sich der Kanton auch mit der hohen Pestizid-Belastung auseinandersetzen, die vor allem durch den konventionellen Rebbau entsteht.

Erst kürzlich stellte «Greenpeace» bei einer Untersuchung auf Bio-Höfen aus der Schweiz zahlreiche Pestizid-Rückstände fest, die durch die Luft verfrachtet wurden. So auch im Wallis. Der untersuchte biologische Betrieb im Wallis war mit Abstand am stärksten von Pestiziden betroffen. Die gemessenen Werte beliefen sich in der Summe auf 30’888 Nanogramm. Zum Vergleich: In der Nordwestschweiz wurden 1268 Nanogramm nachgewiesen, im Mittelland 2305 Nanogramm und in der Ostschweiz 4439 Nanogramm.


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