Deponie Gamsenried, Lonza, infosperber, Altlasten, Benzidin © SRF/«Schweiz aktuell» vom 11.10.2019

«Tatort» der Untätigkeit: Chemiemülldeponie Gamsenried bei Visp (VS).

Lonza findet hochgiftiges Benzidin – und sagt es niemandem

Frank Garbely / 21. Sep 2020 - Seit 2008 wusste Lonza, dass Benzidin aus ihrer Deponie Gamsenried ausläuft. Der Pharmakonzern hielt die Analyseergebnisse zurück.

Red.: Der Artikel entstand in Zusammenarbeit zwischen dem Journalisten und Dokumentarfilmer Frank Garbely sowie dem selbstständigen Geografen und Altlastenexperten Martin Forter, der auch als Geschäftsführer der Ärztinnen und Ärzte für Umweltschutz amtet. Der Text erschien auch in der Fachzeitschrift der Ärztinnen und Ärzte für Umweltschutz «Oekoskop».

Hier finden Sie den Zweittext.

Am 18. Januar 2008 treffen sich Vertreter des Pharmakonzerns Lonza und der Dienststelle für Umwelt des Kantons Wallis. Wichtigstes Traktandum: Die Chemiemülldeponie Gamsenried der Lonza AG oberhalb von Visp (VS). Zwei Wochen später schreibt Cédric Arnold (1), damals Chef der Walliser Dienststelle für Umwelt an Lonza: «Wie an der Sitzung vom 18. Januar besprochen», müsse Lonza herausfinden, welche Schadstoffe aus der Deponie Gamsenried das Grundwasser verunreinigten. Arnold verlangt zudem: «Falls» bei diesen Spezialanalysen «zusätzlich Stoffe nachgewiesen» würden, für die keine Grenzwerte bestehen, müsse Lonza solche herleiten. (2)

Benzidin taucht auf – und verschwindet

Für diese Spezialanalysen des Grundwassers bei Gamsenried engagiert Lonza das Interlabor Belp (BE) und das Labor der CIMO AG in Monthey (VS). Deren Analytiker nehmen die Proben vom Januar 2008 bis Januar 2009. CIMO findet auch Benzidin, eine Substanz, die beim Menschen Blasenkrebs auslöst.

Das Interlabor Belp und die CIMO AG schickten ihre Laborberichte dem Umweltlabor der Lonza. Angesichts der aufgeführten Benzidin-Funde in den Cimo-Ergebnissen 2008 müssten beim Pharmakonzern nun die Alarmglocken läuten. Doch nichts geschieht. Lonza begnügt sich damit, die Analyseergebnisse zur Auswertung an Professor Daniel Hunkeler weiter zu schicken. Hunkeler leitet das geologische Institut CHYN (3) der Universität Neuenburg, das immer wieder Aufträge der Lonza AG zur Chemiemülldeponie Gamsenried ausführt.

Die letzten Spezialanalysen lagen bereits 12 Monate zurück, als Hunkeler seinen Bericht der Lonza abgibt, die ihn bei der Walliser Dienststelle für Umwelt einreicht. Doch wer diese Auswertung vom März 2010 liest, sucht darin vergeblich nach der entdeckten, hochproblematischen Benzidin-Verschmutzung.

Recherchen von «Oekoskop» und Infosperber (4) zeigen jetzt: Zusammen mit Hunkelers Bericht schickte die Lonza der kantonalen Dienststelle für Umwelt die Original-Analyseberichte des Interlabor Belp von 2008 und der CIMO AG von 2009 mit. Ausgerechnet die Analyseergebnisse der Cimo AG von 2008 mit den Benzidin-Funden lagen jedoch nicht bei (5). Erst zehn Jahre später, nämlich Ende März 2020 erfährt die Dienststelle für Umwelt von Lonza, dass die CIMO bereits 2008 Benzidin gefunden hatte (6).

Das Amt beteuert denn auch, es sei darüber bisher nicht informiert gewesen (7).

Das gravierende Versäumnis von damals kommentiert Lonza in ihrer Medienmitteilung vom 7. April 2020 ziemlich salopp: «Die Relevanz von Benzidin» scheine 2008 «nicht erkannt worden zu sein» (8). Das aber ist schwer nachvollziehbar. Denn wie «Oekoskop» und Infosperber aufdecken, hatten Lonza und Hunkeler schon 2008 Kenntnis von detaillierten Einschätzungen der Gefahren von Benzidin. Diese zeigten unmissverständlich das enorme gesundheitliche Risikopotenzial dieses Schadstoffs.

Benzidin im Wallis seit 2005 aktenkundig

Bekannt war die Substanz Benzidin im Wallis schon seit 2004. Damals kam sie in Monthey bei Analysen von Grundwasser im Umfeld der Fabriken des Chemiekonzerns Ciba SC (heute BASF) und des Pestizidherstellers Syngenta (heute im Besitz der ChemChina) zum Vorschein. Da in der Altlastenverordnung ein Grenzwert für Benzidin fehlte, musste er hergeleitet werden. Dazu und für die Herleitung anderer Schadstoff-Grenzwerte beauftragten Ciba SC und Syngenta das Ingenieurbüro BMG AG. BMG legte die zulässige Maximalmenge für Benzidin bei 1.5 Nanogramm Benzidin pro Liter Grundwasser (ng/L) fest. Dies geht aus einem entsprechenden BMG-Bericht von 2005 hervor, der uns vorliegt (9).

Das ist einer der tiefsten Grenzwerte der Altlastenverordnung. Liegt die Benzidin-Konzentration über diesem strengen Limit, muss der Verschmutzungsherd saniert werden. Denn: «Jedes Auftreten der Substanz im Grundwasser oder Trinkwasser» sei «gesundheitlich bedenklich», hielt im Oktober 2007 eine Gefährdungsabschätzung von Benzidin im Kanton Basel-Land fest (10). Das Bundesamt für Umwelt BAFU bestätigte den strengen Grenzwert von 1.5 ng/L im September 2008 (11). Spätestens jetzt war klar: Benzidin ist eine Hochrisiko-Substanz.

Hochriskant und trotzdem übersehen?

Lonza war im Besitz des BMG-Berichts von 2005 mit dem extrem tiefen Benzidin-Grenzwert. Der Pharmakonzern hatte ihn von der Walliser Dienststelle für Umwelt erhalten (12). Er kannte also das hohe Risiko durch Benzidin, als er 2008 die Analyseberichte der CIMO mit den Benzidin-Funden erhielt. Und reagierte trotzdem nicht.

Auch Hunkeler kannte den extrem tiefen Benzidin-Grenzwert, als er 2010 die Resultate der Grundwasser-Analysen auswertete. Er erwähnt ihn explizit: Er habe auch «die für den Standort Monthey nach Vorgaben des BAFUs hergeleiteten» Grenzwerte verwendet (BMG, 2005) (13). Tatsächlich berücksichtigte er die darin ebenfalls aufgeführten Grenzwerte für die Substanzen o-Toluidin (1500 ng/L) und p-Toluidin (1800 ng/L) (14). Ausgerechnet den rund 1000 Mal strengeren Grenzwert für das hochgefährliche Benzidin bezieht Hunkeler jedoch nicht in seinen Auswertungsbericht ein (15). Warum nicht?

Auf Anfrage von «Oekoskop» und Infosperber schreibt Hunkeler, die Analyseberichte der CIMO vom November 2008 mit den Benzidin-Funden seien «nicht Inhalt» seines Berichts gewesen. Das gehe aus seiner Einleitung hervor. Er kenne die Resultate «nicht aus erster Hand». Unsere Nachfrage: Hat ihm Lonza die Laborberichte mit den Benzidin-Funden nicht vorgelegt? Dazu Hunkeler: Er bitte um Verständnis, dass er «nicht einfach so spontan und kurzfristig auf Details eingehen» könne. Seine damalige Studie sei Teil eines externen Auftrags. Deshalb müsste er «zuerst den Auftragsgeber kontaktieren», bevor er Auskunft geben könne. Solch geheime Mandate seien beim CHYN «übrigens eine Ausnahme». Der allergrösste Teil ihrer Arbeit sei «voll öffentlich zugänglich».

Untätigkeit bleibt unbegründet

Hatte die Lonza die Benzidin-Berichte Hunkeler nun zugestellt oder nicht? Das habe «nicht rekonstruiert» werden können, so ein Lonza-Sprecher auf Anfrage. Und weiter: Sie hätten damalige «Mitarbeiter und externe Experten» befragt, aber «nicht abschliessend klären» können, «warum damals keine weiteren Massnahmen ergriffen wurden».

Die Massnahmen hätten wohl massiv sein müssen. Denn die 2008 von Labor CIMO im Grundwasser bei Gamsenried abgeschätzte Benzidin-Konzentration lag 1000 bis 3800-fach über dem zulässigen Grenzwert. Das sind nicht bloss «Spuren von Benzidin», wie es der Kanton Wallis in seiner Medienmitteilung vom April 2020 formuliert. Allein wegen dieser massiven Grenzwertüberschreitung hätte die Chemiemülldeponie Gamsenried bereits 2008 erneut zum Sanierungsfall erklärt werden müssen (16) (vgl. Kasten).

Lonza-Deponie Gamsenried: 40 Jahre undicht

  • 1978: Analysen des Hydrologen René Monod belegen «eine schwerwiegende und massive Verschmutzung des Grundwassers» in der Rhone-Ebene durch die Lonza-Deponie.
  • 1980: Die Walliser Zeitung Rote Anneliese enthüllt: Die Lonza-Deponie ist undicht.
  • 1990: Lonza installiert eine sogenannte Grundwasser-Barriere, wo sie das verschmutzte Grundwasser abpumpt. Lonza und das Walliser Umweltamt glauben, die Deponie sei jetzt dicht.
  • 2005/06: Das Umweltamt erhält Hinweise, dass die Deponie leckt.
  • 2008: Analysen zeigen: Die Deponie läuft aus, auch das Krebs auslösende Benzidin sickert ins Grundwasser (vgl. Haupttext).
  • 2008-2011: Lonza versucht, die Lecks zu stopfen. Vergeblich.
  • 2011: Das Umweltamt meldet: Deponie wieder undicht und erklärt sie zum dringlichen Sanierungsfall.
  • 2015: Die Deponie wird auch wegen Quecksilber als sanierungsbedürftig erkannt.
  • 2019: Elf Jahre nach seinem ersten Nachweis macht jetzt auch Benzidin die Deponie dringend sanierungsbedürftig.
  • Wann und wie Lonza die Deponie saniert, ist noch offen.

Deponie Gamsenried – die Eckdaten

  • Fläche: 200 000 m2 (entspricht 20 Fussballfelder)
  • Volumen: 1.5 Millionen m3 Industrie- und Chemiemüll
  • Ablagerungshöhe: bis zu 17 m
  • Kosten Aushub, geschätzt: 1 Milliarde Franken (entspricht ca. Sanierung Deponie Kölliken/AG)

Gilt die Eigenwerbung auch im Sanierungsfall?

Die Lonza AG rühmt sich ihrer «technologischen Innovation und erstklassigen Produktions- und Prozessleistungen». Sie setze sich ein «für die Prävention von Krankheiten» und fördere «eine gesündere Welt» (17). Wird sie diesen Slogans auch bei der Sanierung ihrer Chemiemülldeponien gerecht?

Der 1897 im Wallis gegründete Pharmakonzern mit Hauptsitz in Basel beschäftigt weltweit rund 10'000 Personen, davon ca. 3'500 in Visp (VS). Er erzielte 2019 einen Umsatz von 5.9 Milliarden Franken und einen Reingewinn von 763 Millionen Franken.

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Quellen:

  1. Cédric Arnold verliess 2016 das Walliser Umweltamt und wechselte zur Lonza nach Visp, wo er die Abteilung Umwelt leitet.
  2. Dienststelle für Umweltschutz an Lonza AG: Deponie Gamsenried: Stand der Sanierung und Gefährdungsabschätzung, Sion, 1.2.2008.
  3. CHYN: Centre d'Hydrogéologie et de Géothermie
  4. Infosperber ist eine Schweizer Internet-Zeitung, gegründet 2011 und herausgegeben von der gemeinnützigen «Schweizerischen Stiftung zur Förderung unabhängiger Information» (SSUI).
  5. Lonza AG an Dienststelle Umwelt Wallis: Schreiben v. 31.3.2010
  6. Lonza an die Autoren: Mail v. 19.8.2020.
  7. Kanton Wallis: Stand der Arbeiten Alte Deponie Gamsenried, Medienmitteilung, 7.4.2020
  8. Lonza AG: Lonza treibt Umsetzung von Massnahmen zur Verringerung der Benzidin-Belastungen voran, Medienmitteilung, 7.4.2020.
  9. BMG AG: Ableitung von Konzentrationswerten für potentiell relevante Stoffe in Anlehnung an die Altlastenverordnung, Standort Monthey, Schlieren, 2.2005, insbes. Annex 3.
  10. SC+P, Fobig, Tecvova: Gefährdungsabschätzung (Deponien Feldrebengrube, Rothausstrasse, Margelacker, Muttenz BL), Schlussbericht, 4.10.2007, S. 121.
  11. BAFU: Konzentrationswerte für Stoffe, die nicht in Anhang 1 oder 3 AltlV enthalten sind, 21.4.2016, S. 4, Benzidin.
  12. Vgl. Fussnote 1.
  13. Daniel Hunkeler, CHYN: Deponie Gamsenried: Ergänzende Charakterisierung des Sickerwassers und Herleitung von Referenzwerten, Neuchâtel, 3.2010, S. 4 u. 6.
  14. Hunkeler, 3.2010, S. 5. u. 6.
  15. Hunkeler, 3.2010, S. 4-6.
  16. Vgl. Fussnote 1.
  17. Medienmitteilung von Lonza vom 7.4.2020.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Der Artikel entstand in Zusammenarbeit zwischen dem Journalisten und Dokumentarfilmer Frank Garbely sowie dem selbstständigen Geografen und Altlastenexperten Martin Forter, der auch als Geschäftsführer der Ärztinnen und Ärzte für Umweltschutz amtet. Der Text erschien auch in der Fachzeitschrift der Ärztinnen und Ärzte für Umweltschutz «Oekoskop»

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Screening GC - MS

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Eine Meinung

Kein Aktionär denkt an diesen Umweltschaden, die Lonza muss zur Rechenschaft gezogen werden. Dies ist ein Steilpass für die Konzernverantwortungs-Initiative!
Beda Düggelin, am 21. September 2020 um 11:41 Uhr

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