Neues Basler Zeitungs-Projekt setzt Blocher-BaZ zu

Niklaus Ramseyer /  Das Medien-Projekt einer Wochenzeitung mit aktuellem Online-Auftritt ist lanciert, erste Journalisten der Basler Zeitung wechseln.

«Ich verlasse die BaZ nicht, weil ich diese Zeitung nicht gut fände», sagt Philipp Loser, der in Bern als Bundeshaus-Korrespondent arbeitet: «Sondern weil ich glaube, dass das neue Basler Medienprojekt Chancen hat. Das ist die Zukunft des Journalismus, und ist hoch spannend. Ich freue mich, da mitzuarbeiten.»

Es locken fast 30 neue Arbeitsplätze

Das Projekt, das noch keinen Namen hat, wird täglich online und einmal wöchentlich in gedruckter Form erscheinen. Zwei erfahrene Journalisten aus der Region Basel werden die Redaktionsleitung übernehmen: Urs Buess und Remo Leupin. Die neue Zeitung basiert auf einem von bachmann medien ag ausgearbeiteten Konzept. Herausgeberin wird die neu gegründete Neue Medien Basel AG sein, deren Verwaltungsrat Ivo Bachmann angehört. Start der neuen Zeitung soll spätestens Ende Jahr sein – eventuell schon Anfang Oktober vor den eidgenössischen Wahlen. Bis dahin sollen fast 30 Journalistinnen und Journalisten für insgesamt 20 Vollzeitstellen rekrutiert werden. Die Stiftung Levedo von Beatrice Oeri (Roche) garantiert die Finanzierung für eine Durststrecke von bis zu vier Jahren.

Und das Personal stammt bisher fast nur von der BaZ: Als Leiter des Medienprojektes firmiert der prominente Basler Journalist Urs Buess, der bis vor kurzem stellvertretender Chefredaktor der BaZ war. Remo Leupin und Ivo Bachmann, die auch von Anfang an mit dabei sind, haben früher in leitenden Stellungen bei der BaZ gearbeitet. Sie kennen Basel bestens. Gleichzeitig mit Philipp Loser hat soeben auch Michael Rockenbach, der Ressortleiter Baselbiet der BaZ gekündigt, und wird beim neuen Projekt mit dabei sein. Zahlreiche weitere profilierte BaZ-Leute sollen sich einen Wechsel auf Mitte Jahr ernsthaft überlegen, und sich bei Bachmann oder Buess gemeldet haben.

BaZ-Besitzer bleiben in Deckung
Umgekehrt hat der neue BaZ-Chefredaktor Markus Somm offenbar Mühe, gute Journalisten zu finden. Das hängt auch mit den unklaren Besitzverhältnissen bei der BaZ zusammen: Der neuste BaZ-Verleger, Moritz Suter hat inzwischen zugegeben, dass er nur eine Million Franken in die BaZ investiert habe. Wer die anderen fast 70 Millionen aufbrachte, bleibt unklar. Die Vermutung, es seien «Freunde von Christoph Blocher, oder gar er selber», hält sich in Basel hartnäckig. Und bis Klarheit herrscht, gilt die BaZ für viele Basler als «Blocher-BaZ» oder «SVP-Baz».

Als Alternative und Konkurrenz zur «SVP-BaZ» ist das neue Zeitungs-Projekt jedenfalls gedacht. Auf Widerstand stossen die finanziell ebenso potenten, wie geheimnisvollen BaZ-Geldgeber auch anderweitig: Ihr Plan, vom Aargauer Verleger und Besitzer Peter Wanner die ganze AZ-Mediengruppe zu übernehmen, und so ihren Basler Brückenkopf entscheidend ins Mittelland auszudehnen, habe sich zerschlagen, hört man. Der Grund: Wanners Unternehmen gehe es wieder viel besser. Und seine Nachkommen hätten klar gemacht, sie seien an einer eigenständigen Weiterführung der AZ-Medien sehr interessiert. Doch dazu gab es auf Nachfrage weder aus Basel noch aus Baden eine Stellungnahme. BaZ-Chefredaktor Markus Somm teilte nur mit, es hätten zwei Leute aus der Redaktion gekündigt. Doch von Brain-Drain könne keine Rede sein.

Neue Zeitung als Reaktion auf «Blocher-BaZ

Die neue Zeitung basiert auf einem von bachmann medien ag ausgearbeiteten Konzept, die in Zusammenhang mit Christoph Blochers Präsenz bei der BaZ einen entsprechenden Auftrag erhalten hatte. Herausgeberin wird die neu gegründete Neue Medien Basel AG sein, deren Verwaltungsrat Ivo Bachmann angehört. Sein Beratungsunternehmen wird das Projekt auch bis zur Übergabe der operativen Verantwortung an Redaktion und Geschäftsleitung begleiten.
Eigentümerin der Neue Medien Basel AG wird die neu gegründete Stiftung für Medienvielfalt in Basel sein. Als erste Stiftungsräte zeichnen der Basler Advokat und Notar Andreas Miescher und Franz-Xaver Leonhardt, Mitglied der Geschäftsleitung des Hotels Krafft in Basel. Diese Stiftung setzt sich für ein vielfältiges Medienangebot zugunsten einer offenen und toleranten Gesellschaft ein. Die Finanzierung der neuen Zeitung ist solide und nachhaltig; sie wird sichergestellt durch die von Beatrice Oeri errichtete Stiftung Levedo in Basel.

KOMMENTAR

Mysteriöse Basler

Es ist ja sehr löblich, dass der milliardenschwere Basler «Daig» der Oeris, Leonhardts und Burckhardts sich nun endlich für die Medienszene ihrer schönen Stadt am Rheinknie zu interessieren beginnt, und sich mit ihrem «Old Money» auch finanziell engagiert. Dass dabei ein spannendes Informationsmedium mit interessanten Jobs für Journalistinnen und Journalisten entsteht, finde ich erst recht eine gute Sache. Dennoch lässt mich die Art, wie das nun geschieht, ratlos bis verärgert reagieren. Und fragen: Warum erst jetzt und nicht schon vor drei Jahren?
Damals zeichnete sich ja längst ab, dass Hagemanns mit der BaZ bald nicht mehr würden weiter können und wollen. Warum also ist das intellektuell und finanziell bestens betuchte Basler Grossbürgertum nicht damals schon auf den Plan getreten, hat Hagemanns die BaZ abgekauft und daraus jene fortschrittliche Zeitung (mit Urs Buess als Chefredaktor an der Spitze) gemacht, die zur mehrheitlich links-grün-liberalen Stadt Basel passen würde? Wieso hat dieser «Daig», der sich aus einer Laune heraus auch schon mal ein neues Theater baut, oder einen führenden Fussballklub kauft, zugeschaut und zugewartet? Hat gezaudert, bis dubiose Zürcher Geldgeber aus der BaZ das machten, was viele Basler jetzt als «SVP-BaZ» oder gar «Blocher-BaZ» beklagen?
Dieses Verhalten der Basler erscheint mir aus der Berner Distanz umso unverständlicher, als Oeris neues Medien-Projekt nicht nur die BaZ konkurrenzieren wird, sondern auch Knechtlis gut eingespielten Onlinereport. Zudem birgt es das Risiko, dass die BaZ entscheidend geschwächt wird – und das neue Projekt dann doch nicht recht vom Fleck kommt. Eine solche «Lose-lose-situation», wäre das Letzte, was man Basel wünschen würde. Aber die Basler hätten es sich selber zuzuschreiben – und ihrem letztlich mysteriösen Verhalten. Niklaus Ramseyer


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

jetzt keine mehr (war bis Anfang 2009 fast zehn Jahre lang BaZ-Redaktor)

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Eine Meinung zu

  • am 28.04.2011 um 10:11 Uhr
    Permalink

    Ich lese seit Jahrzehnten die BaZ und man spürt, seit Markus Somm Chefredaktor ist, den neuen, aus meiner Sicht «negativen", Trend. Es ist schlicht nicht mehr die BaZ der Basler/innen. Daher freue ich mich, und mit mir sicher viele andere Basler/innen, umso mehr auf diese neue Zeitung, nach dem Motto «Von Basler/innen für Basler/Innen". Ich werde diese Zeitung jedenfalls gleich abonnieren.

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