Kommentar

Medien und Politik: Das Hampelmann-Verhältnis

Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des AutorsPeter Studer war von 1978 bis 1987 Chefredaktor des Tages-Anzeigers, 1990 - 1999 Chefredaktor des Schwiezer ©

Peter Studer /  Immer mehr Politiker versuchen, ihre Inhalte mit einem Deal bei Medien unterzubringen. Jacqueline Fehr war nur eine von vielen.

Das Hampelmann-Verhältnis zwischen Medien und Politik wird zum öffentlichen Thema. Patrick Feuz hat im Tages-Anzeiger eine Reihe von Fällen publik gemacht. Peter Studer hat diesen im Vorwahlkampf verstärkten Trend dort kommentiert. Infosperber veröffentlicht einen etwas ausführlicheren Kommentar des Medienrechtlers und ehemaligen Chefredaktors Studer.

Eine Redaktion darf nicht Hampelmann von Politikern werden.

TA-Bundeshausredaktor Patrick Feuz berichtete im TA vom Freitag, SP-Vizepräsidentin Jacquelin Fehr habe dem TA ein Papier über die exzellente SP-Mittelstandspolitik angeboten – unter der Bedingung, dass ein Interview mit einem SP-Sprecher dabeistehe. Der TA-Inlandchef war am Papier interessiert, aber es würde journalistisch abgehandelt. Ein zweiter angefragter TA-Gradierter wollte das Papier ebenfalls ohne aufgenötigtes Interview klassisch bearbeiten. Hierauf teilte ein SP-Funktionär mit, man wolle das Papier eben «mit eigenen Worten erläutern» und bevorzuge jetzt eine Wochenendzeitung. Der «Sonntag» brachte dann am Sonntag einen referierenden Beitrag zum SP-Papier sowie das erwünschte, aber nicht unkritische Interview mit Fehr. Redaktor Feuz: Der Vorgang häufe sich. Auch Bürgerliche feilschten um einen Platz auf der Frontseite für ihre Eigeninformationen.

Als Pionier des Anspruchs, direkt und ohne Umweg über bearbeitende Redaktoren zur Leserschaft zu sprechen, habe ich den siegreichen amerikanischen Präsidentschaftskandidaten Richard Nixon erlebt (1968). Er gab keine Pressekonferenzen, sondern liess «Stadtversammlungen» organisieren, an denen er vor handverlesenem Publikum als einziger Redner auftrat. Keine kritische Nachfragen oder gar Widerspruch!

Mehr Erfahrung im Umgang mit «Koppelungsgeschäften» haben die Redaktionen im Kommerzbereich: «Wir schalten eine Reihe von Farbinseraten, wenn sie unsern zwei neueröffneten Filialen je einen schönen Besuchsbericht widmen». Ich kenne Fälle, wo der Inserentenvertreter solche bebilderte Berichte schon gleich mitlieferte. Richtlinie 10.2 des Presserats: «Die freie Themenwahl und Bearbeitung sind zu gewährleisten». Koppelungen an Inserentenversprechen hält der Presserat für unzulässig.

Die Unsitte von Koppelungsgeschäften darf natürlich erst recht in der politischen Berichterstattung nicht einreissen. Eine Leserschaft erwartet von der Redaktion, dass sie die Stoffe nach Relevanz oder Brisanz des Inhalts, nach Originalität des Gesagten meinetwegen, aber nicht nach exaktem wahlpropagandistischem Kalkül einer Partei auswählt und bearbeitet. Im Wahljahr häufen sich die Peudoevents, die oft völlig irrealen Vorstösse (etwa der FDP zur Volksinititive «Bürokratie-Stopp» oder einer SVP-nahen Gruppierung zur Halbierung der SRG-Gebühren). Noch gefährlicher sind aber Koppelungsgeschäfte zwischen Redaktion und Politiker, die – wie die kommerzielle Schleichwerbung – für das Publikum gar nicht erkennbar sind. Umso wichtiger, dass sie ins Scheinwerferlicht geraten.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Peter Studer war von 1978 bis 1987 Chefredaktor des Tages-Anzeigers, 1990 - 1999 Chefredaktor des Schwiezer Fernsehens und 2001 - 2007 Präsident des Schweizer Presserats.

Zum Infosperber-Dossier:

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