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Im Bündnerland wird mit Wölfen, die Kälber reissen, Stimmung gemacht. © Pixaby/Jai79

Kalben auf der Alp: Bündner Bauern erzeugen Angst vor dem Wolf

Peter Jaeggi /  Trächtige Kühe gehören nicht auf die Alp. Ob mit oder ohne Wolf.

Die Wolfshysterie gipfelte im vergangenen Monat im Bündner Oberland mit der Schlagzeile, dass Wölfe Kälber fressen würden. Wölfe als Gefahr für Kälber. Damit lässt sich prima Stimmung machen. Aber diese Kampagne ist etwas scheinheilig. Warum?
Franz Steiner, langjähriger Rindviehexperte des Forschungsinstitutes für biologischen Landbau (FiBL): «Schon vor vierzig Jahren, als ich als Alphirte in Graubünden arbeitete, durften keine Tiere auf die Alp, die trächtig waren und während der Alpsaison kalbten. Jetzt sind es vor allem Mutterkühe, die auf Alpen abkalben. Das ist verantwortungslos. Die Bauern wissen oft nicht wie lange die Tiere schon trächtig sind. Kalbende Kühe gehören nicht auf eine Alp.»

Das ist den Behörden und der Regierung des Kantons sehr wohl bewusst. Und spätestens seit dem letzten Sommer war bekannt, dass in mehreren Alpgebieten des Bündner Oberlandes fünf Wolfsrudel unterwegs sind. Und dass Kuhmütter mit ganz jungen Kälbern auf der Weide besonders aggressiv auf Wanderer losgehen können. So geschehen 2015, als eine Touristin bei Laax getötet wurde und 2019 bei Poschiavo, wo ein Wanderer von Mutterkühen schwer verletzt wurde – alles ganz ohne die Wölfe.

Weisungen sind klar
Agridea, die landwirtschaftliche Beratungsstelle der kantonalen Fachstellen und Auftragnehmer des Bundesamtes für Landwirtschaft (BLW) gibt klar vor: In Gebieten mit erhöhter Wolfspräsenz sind Abkalbungen auf freiem Feld zu vermeiden.
Auch in den kantonalen «Weisungen für die Sömmerung 2020 für die Kanton Graubünden und Glarus» steht, dass in Gebieten, in denen Wölfe oder Touristen aktiv sind, das Abkalben auf der Alp zu vermeiden sei, und wenn es doch vorkomme, seien die Alpverantwortlichen von den Bauern zu informieren, dass sie die werdenden Kuhmütter auf den Heimbetrieb oder in einen geschützten Pferch bringen können.
Der Skandal: die gleiche Regierung, die diese Weisung erliess, foutiert sich darum, dass Mütterkühe zu Hunderten auf exponierten Alpen abkalben, sie kontrolliert dies nicht und fordert stattdessen «wolfsfreie» Gebiete (NZZ 5.9.20).

Wölfe werden regelrecht angezogen
Im Klartext: Wer keine Wölfe will, lässt nicht auf der Alp abkalben. So werden Wölfe angezogen und Kälber werden allenfalls gerissen. Das verkauft man dann gross der Presse. Und das sorgt für Stimmung gegen die Wölfe und deren vorsorgliche Abschüsse, wie es das neue Jagdgesetz vorsieht. Dann muss man nämlich auch nichts an der fragwürdigen Abkalbungspraxis ändern.
Nach Artikel 5 der Tierschutzverordnung ist es Pflicht eines jeden Halters, seine Tiere zu kontrollieren und bei Gefahr zu schützen. Das Gesetz sagt also, man dürfe Kühe beim Abkalben nicht unbeaufsichtigt lassen. Was im Stall für jeden Bauern eine Selbstverständlichkeit ist, gilt plötzlich auf der Alp nicht mehr.

Es scheint ganz so, als ob das kaum jemanden kümmern würde. Auch deshalb, weil Tierhalter oft sagen, ein Schutz der Viehherden auf den Alpen sei nicht möglich. Der Zoologe Samuel Furrer vom Schweizer Tierschutz STS sieht das nicht so: «Grossvieh muss in der Regel nicht vor dem Wolf geschützt werden, da ihm Rinder zu wehrhaft und gross sind.» Mit dem Abkalben auf der Alp ändert sich das. Nur weil die Bauern diese zweifelhafte Praxis verfolgen, kommen kleine Kälber für die Wölfe in Reichweite und werden vielleicht attraktive Beute. Schuld ist dann natürlich der verhasste Wolf. Samuel Furrer: «Es sind dieselben Herdenschutzmassnahmen möglich, wie sie bei Schafen angewendet werden können. Für den Mehraufwand sollte der Alpbewirtschafter entschädigt werden. Diese Forderung wurde in der missratenen Jagdgesetzvorlage jedoch ignoriert.»

Totgeburten gibt es auch auf der Alp
Naturgemäss gibt es auch Totgeburten. Eine Untersuchung in Brandenburg (D) spricht von fünf Prozent. Und von weiteren fünf Prozent Kälbern, die in der ersten Woche natürlich sterben. Bezogen auf 2000 Abkalbungen pro Alp-Sommer in Graubünden könnten es somit also seit 1. Januar 2019 um die 400 natürliche Todesfälle bei Kälbern auf den Alpen gegeben haben. Und in sechs von acht Fällen ist es nicht klar, ob das Kalb schon tot und von der Mutter zurückgelassen worden war, als die Wölfe daran frassen.
Geburten mit Blut und Nachgeburten sowie kleinste, unbeholfene Kälber können nicht nur den Wolf anlocken; unbeaufsichtigt können die Kleinen auch über Felsen stürzen. Oder bei der Geburt am Hang unter dem Zaun durchflutschen, wie auf einer Alp bei Illanz geschehen, so dass die Mutter nicht mehr zu ihrem Kalb kann – und das Kalb nicht zur Mutter. Solche Fälle sind natürlich ein Magnet für Wölfe – und allenfalls ein gefundenes Fressen.
Für den STS-Zoologen Samuel Furrer ist der Fall klar: «Das Abkalben auf Alpweiden ist zu vermeiden. Das Risiko, dass dies zu Totgeburten oder lebensschwach geborenen Tieren führt, ist erhöht. Lebensschwach geborene Kälbern können oft nicht zeitnah behandelt und Mutterkühe bei Geburtsproblemen nicht betreut werden. Dies führt zu unnötigem Tierleid.»


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine

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10 Meinungen

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    am 21. Sep 2020 um 12:15 Uhr
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    Dank dieses interessanten Artikels muss man offensichtlich nicht den Wolf fürchten, sondern alle anderen Beteiligten. Die Natur, die Mutterkühe, Krankheiten, Unfälle und die verantwortungslosen Herden besitzer.

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    am 21. Sep 2020 um 13:58 Uhr
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    Diese Bauern ! Sie sollten sich doch daran gewöhnen, dass es ihre Aufgabe ist, den jungen Wölfen eine Chance zu geben…

    Ich bin für die Freiheit der Wölfe, solange sie in den Städten angesiedelt werden. Warum müssen die Wölfe immer in der Nähe der Alpweiden ausgesetzt werden ? Sie könnten doch auch auf die Jagd nach Hauskatzen und Schosshunden der Städter dressiert werden.

    Ich war vielleicht zu lange in Afrika. Da hatte niemand etwas gegen grasfressende Nilpferde. Wildkatzen wie der Serval waren aber der Schrecken der Geflügelhalter. Die Nachtwächter benutzten daher auch regelmässig ihre Speere und Macheten, um diesen Räubern Paroli zu bieten. Nur ein paar komische Basungu störten sich daran, kauften dann aber doch die schönen Felle.

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    am 21. Sep 2020 um 15:15 Uhr
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    Kein Ammenmärchen zu dumm, als dass es nicht von den Abknallgesetz-Befürwortern der glücklicherweise nicht ganz so naiven und leichtgläubigen Öffentlichkeit aufgetischt würde. Zu denken allerdings gibt die Tatsache, dass unsere normalerweise doch so nüchterne und besonnene Bundespräsidentin Sommaruga diesem Mist auch noch bereitwillig Glauben schenkt und den offenkundigen bündnerischen Abstimmungspropagandaschwindel für bare Münze nimmt.

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    am 21. Sep 2020 um 18:59 Uhr
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    Wenn trächtige Tiere nichts auf Alpen verloren haben, kann mann gleich alle Alpen schliessen. Praktisch alle Tiere auf der Alp sind trächtig. Die Alp ist bei vielen Bauern seit Jahrhunderten ein integraler Teil des Betriebes. Wie soll denn der Halter seine Tiere schützen wenn ein Wolf kommt? indem er mit juristischen Schritten droht? es darf ja keinem Wolf ein Haar gekrümmt werden egal wie auffällig er sich verhält.
    Es scheint auch wenig Bewusstsein zu herrschen das man als Wanderer in Zukunft im Wolfgebiet vermehrt mit unangenehmen Herdenschutzmassnahmen konfrontiert werden dürfte, wenn Alpen noch bestossen werden sollten. Aber vielleicht ist es Infosperber lieber wenn die Alpen gleich schliessen.
    Wie ist es denn mit den Wildtieren dürfen die trächtig sein oder sogar im Freien werfen?
    Warum wird es eigentlich immer gleich dramatisch um den Wolf? Wenn sich die Population wie bisher weiterentwickelt wird es bald von Wölfen nur so wimmeln. Macht es da nicht Sinn die unproblematischen weiterzuzüchten und die Problemtiere auszusortieren? Sonst könnten sich die Wölfe in Zukunft auch auf die Menschen fokusieren, die können ja am langsamsten laufen.

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    am 21. Sep 2020 um 20:50 Uhr
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    Das ist nun aber ziemlich schräg! Die Bauern werden lachen.

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    am 21. Sep 2020 um 21:01 Uhr
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    Der Wolf ist nach menschlichen Massstäben (die bei einer anderen Spezies natürlich nicht angewendet werden dürfen) ein Scheusal. Ich kann einfach nicht wegsehen, wenn ein Wolf bis zu 28 Schafe reisst, wenn er in einen umfriedeten Raum einbricht. Ein Löwe erlegt ein Tier, und überlebt dank dieser Mahlzeit – das kann ein Mensch verstehen. Den Blutrausch des Wolfes versteht ein normaler Mensch nicht.

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    am 21. Sep 2020 um 23:54 Uhr
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    Ebenso kann dem Autor vorgeworfen werden die Wölfe mit allen möglichen Argumenten zu rechtfertigen. Dazu benutzt er eine willkürliche Zahl von 2000 geburten bei Mutterkühen auf Bündneralpen. Auch mehrere Monate alte Kälber und Kühe sind durch Wölfe gefärdet. Neben direkten Angriffen, machen Wölfe auch Beute indem sie Kühe über Felsen jagen. Weidetiere können mit einem verhältnissmässigem Aufwand nicht vor Wölfen geschützt werden.

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    am 22. Sep 2020 um 21:44 Uhr
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    Dieser Beitrag ist ein Affront sondergleichen. Den Bauern ernsthaft zu unterstellen den Wolf anlocken zu wollen um Stimmung zu machen?? Das ist pure Hetze. Herr Jaeggi, Sie leben vernab von jeglicher Realität. Ihre Aussage ist schlichtweg gelogen. Der Wolf und mit ihm der Gang zurück zur Natur wird über alles gestellt… Einfach um jeden Preis für den Wolf zu sein, ist unglaublich kurzsichtig. Seine Ausbreitung scheint wichtiger zu sein als die schöne Kultur(!)landschaft, die Biodiversität der Alpweiden und Bergwiesen und schlussendlich auch wichtiger als regional und standortgerecht produzierte Lebensmittel?!! Zurück zur Natur. Ja genau. Die Schweiz ist nun mal nicht mehr die gleiche wie im Mittelalter. Der Wolf war zwar vorher da, heute gibt es in der Schweiz (im Vergleich zu anderswo) aber keinen Platz mehr. Diesen Platz könnte man vielleicht teilweise schaffen – das aber auf Kosten der Alp- und Berglandwirtschaft … und so schlussendlich auch auf Kosten des Tourismus und unsres Wohlstands. Der Wolf ist zurück und wird bleiben, ok. Und alle werden sich damit arrangieren müssen. Den Wolf in Schach zu halten/zu erziehen/zu Regulieren heisst beidem eine Chance zu geben. Abkalbungen auf der Alp sind zu überdenken. Ein Herdenschutz – und da gibt es noch Luft nach oben – ist nur wirksam bei gleichzeitiger Regulierung des Wolfes. Klar ist aber auch, dass ein Herdenschutz nicht überall umsetzbar ist. Auch dieser Tatsache muss Rechnung getragen werden.

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    am 23. Sep 2020 um 12:52 Uhr
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    Nichts zur Sache, aber zu den Rechenkünsten des Autors:
    Zwei Mal 5% von 2000 (angenommenen Abkalbungen auf der Alp) macht nicht 400 sondern 200 «natürliche Todesfälle von Kälbern». Wenn schon so einfache Rechnungen nicht stimmen, wie stichhaltig sind denn die unbelegten und sowieso nur geschätzten Zahlen?

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    am 2. Nov 2020 um 15:06 Uhr
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    Franz Steiner (FiBL) schreibt mir (Autor): Abkalben auf Alpweiden: Vorsicht walten lassen.

    In der Tierschutzverordnung ist das schon genügend geregelt. Die Sorgfaltspflicht der Tierhalter beginnt bereits im Winter, respektive vor dem Alpauftrieb.

    Die Trächtigkeitsdauer der Tiere muss bekannt sein. Auch beim Natursprung kann ohne grossen Aufwand festgestellt werden wann ein Tier brünstig ist.Mit einem Eintrag in einer Agenda oder ein Bild machen mit dem Handy. Automatische Kameras im Stall helfen bei der Beobachtung und später auch vor dem Abkalben. Es liegt in der Verantwortung jedes Tierhalters, vor dem Alpauftrieb sicherzustellen dass keine Tiere auf Alpweiden gebracht werden, auf denen nicht die nötigen Massnahmen getroffen werden können oder kein kompetentes Personal vorhanden ist. Zu beachten ist insbesondere:

    Vor dem Alpauftrieb mit dem Verantwortlichen der Alp klären, ob Abkalbungen möglich sind und was bei Komplikationen zu tun ist.

    Steht eine Geburt an, sondert sich das Tier in der Regel von der Herde ab. Dies sollte auf Alpen möglich sein.

    Bei extremer Witterung muss ein geeigneter natürlicher oder künstlicher Schutz da sein falls die Tiere nicht eingestallt werden können

    Die Tiere müssen mindestens 2x täglich kontrolliert werden, falls Geburten anstehen oder Neugeborene da sind.

    Es muss sichergestellt sein, dass dem Ruhe- und Schutzbedarf der Tiere entsprochen wird, falls im Sömmerungsgebiet bei extremer Witterung kein geeigneter Schutz vorhanden ist.

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