Die Mär vom Fall der Wasserkraft

Hanspeter Guggenbühl © bm

Hanspeter Guggenbühl /  Mit der Wasserkraft gehe es bachab. Diese Behauptung gründet auf Ignoranz – oder Interessenpolitik.

Wer klagt, die Wasserkraft sei unrentabel, liegt im Trend und stösst auf breite Zustimmung. Der von Schulden und tiefen Marktpreise geplagte Stromkonzern Alpiq, der am Montag 49 Prozent seiner Wasserkraft-Beteiligungen zum Kauf anbot, hat diese Klage noch verstärkt. Dabei übersehen die Kopfnicker die vielfältigen Interessen, die hinter dieser Klage stecken: Kraftwerkbetreiber drücken damit auf die Wasserzinsen. Stromlobby und Alpen-Opec drängen an den Subventionstopf wie weiland die Bauern. Solar- und Windlobby reden die Wasserkraft schlecht, um den Abfluss ihrer Fördergelder zu bremsen. Naturschützer kritisieren, dass Subventionen für unrentable Projekte weitere Bäche trocken legen.
Kürzlich trat auch noch der Energieexperte und Bündner Grossrat Andy Kollegger auf den Plan und erklärte in einem Interview: «Die Wasserkraft in der Schweiz wird in 30 bis 40 Jahren nur noch eine marginale Bedeutung haben.» Damit machte er Schlagzeilen. Seine Behauptung hat nur einen Haken. Sie ist falsch. Denn sie ignoriert die spezielle Qualität der Wasserkraft aus Bergregionen.
Es stimmt zwar: Die aktuelle Stromschwemme und billige Kohle trieben die Marktpreise in den Keller. Die europäischen Börsenpreise für Bandstrom liegen zurzeit unter den vollen Produktionskosten der meisten Wasserkraftwerke (aber immer noch deutlich über deren reinen Betriebskosten). Doch der Blick auf die Gegenwart ist kurzsichtig. In der Vergangenheit waren die langlebigen Kraftwerke Goldesel. Und sie können es wieder werden. Denn die Stromflut wird schwinden, die Preise werden wieder steigen, wenn das Atomzeitalter abläuft und der Klimawandel zum Ausstieg aus der Kohle zwingt.
Doppelt schief ist der Vergleich mit aktuellen europäischen Börsenpreisen. Erstens lässt sich ein grosser Teil des Wasserstroms in der Schweiz weiterhin an im Monopol gefangene Kleinverbraucher verkaufen, deren Tarife über den Marktpreisen liegen. Zweitens hängen die meisten Wasserkraftwerke in den Berggebieten an Stauseen, die eine gezielte Produktion erlauben. Dieser wertvolle Spitzenstrom lässt sich zu deutlich höheren Preisen absetzen.
In die Irre führt zudem der Hinweis auf sinkende Kosten von Alternativen: Wasserkraft steht nicht in Konkurrenz zu Solar- oder Windkraftwerken, sondern kann deren schwankende Produktion ergänzen und glätten. Gescheit genutzte Wasserkraftwerke behalten langfristig ihren höheren Wert und brauchen keine Subventionen. Auf die staatliche Förderung von unsinnigen neuen Kraftwerken hingegen, die der Natur für wenig Stromproduktion viel Wasser abgraben, können wir getrost verzichten.


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6 Meinungen

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    am 8.03.2016 um 15:52 Uhr
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    Es kann sein, dass die Wasserkraft vorübergehend teilweise nochmals eindeutig rentabel wird, wenn das beschriebene Szenario schnell genug eintritt. Und viele Werke sind bestimmt auch jetzt noch rentabel, sofern die Finanzierungskosten nicht mehr drücken. Aber langfristig hat die Wasserkraft keine Chance gegen Wind- oder Sonnenstrom. Insofern hat Kolleger recht. (Er ist zumindest lernfähig, noch vor gut 2 Jahren behauptete er genau das Gegenteil, aber da war er wohl auch noch bei Repower, im Geist, zumindest.) Die Wasserkraft ist sehr wohl in Direktkonkurrenz mit den neuen Erneuerbaren, die Laufwasserkraftwerke sowieso, extrem sogar, und das sind viele. Und die Speicherkraftwerke sind zu teuer und viele haben einen grossen Laufwasseranteil. Einmal gebaut und abgeschrieben sind sie ertragsmässig wohl ok, aber gesamterneuern lassen sie sich nicht mehr. Es braucht eindeutig ein Ausstiegsszenario aus der Wasserkraft, im Interesse der Stromindustrie selbst. Die USA sind ja meist einen Schritt voraus. Auch in dieser Hinsicht. Das Sterben der Wasserkraft, ist dort bereits Realität, dokumentiert im Film DamNation. Die Förderung der Wasserkraft ist ein Fass ohne Boden, eine Dummheit und eine Frechheit.

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    am 9.03.2016 um 09:41 Uhr
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    Ich versuche zu verstehen was ich mit den ständigen Klagen und Verurteilungen von nicht vorhanden Marktpreisen bzw. vorhanden Monopolen anfangen soll wenn ein solches Monopol ie. Service Public im weitesten Sinn eine Leistung zu Preisen liefert über die man nicht nachdenken muss und die im Haushalt integriert sind.

    Warum bitte soll ich einfache erprobte funktionierende Technik nicht einfach als Errungenschaft anerkennen die jedem Einwohner hier zur Verfügung gestellt wird anstatt mich um Marktpreise, listiges Marketing und Pseudoauswahl kümmern wenn es einfach auch geht.

    Strom bleibt Strom und das funktioniert einfach… Danke dafür.

    Von den künstlich geschaffenen Handelsplätzen, Terminkontrakten habe ich nichts… und auch die neoliberale Irreführung vom Heil und Segen nach immer tieferen Preisen und rein Oekonomischer Eigennutzmaximierung habe ich nichts. Es muss Sektoren unseres Zusammenlebens geben die nicht irgendwelchen permanenten rein privatwirtschaftlich (AGBs die das OR aushebeln bis jemand klagt) ausgearbeiteten Kosten-Nutzen Ueberlegungen basieren.

    Es gibt viele Dienste die man so aufbauen könnte so das man sich in modernen GEsellschaften nicht um derart Selbstverständliches zu kümmern braucht anstatt gigantische Bürokratie und Missmut bei allen Beteiligten zu generieren nur um irgendwelche illusorischen Marktpreise ausnutzen zu können. Welch eine Zeitverschwenung in Relation zum gesparten Geld und Aufwand.

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    am 9.03.2016 um 14:10 Uhr
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    Sofern Guggenbühl mit «Solarlobby» Swissolar meint, liegt er falsch. Der schweiz. Fachverband für Sonnenenergie redet die Wasserkraft keineswegs schlecht. Sie ist die ideale Ergänzung zur Photovoltaik, sinnvoll kombiniert werden sie den grössten Teil der zukünftigen Stromversorgung der Schweiz abdecken. Natürlich sind Speicherkraftwerke dazu wichtiger als Laufwasserkraftwerke, da sie den saisonalen Ausgleich zur Solarenergie bewältigen können. Sie liefern aber auch die kurzfristige Regelenergie zur Ergänzung von Wind und Sonne. Damit wird Wasserkraft zukünftig wieder konkurrenzfähig, auch auf dem europäischen Markt. Eine kurzzeitige Unterstützung, bis die Überproduktion in Europa weg ist, macht deshalb Sinn. Ein weiterer Ausbau ist aber nur gerechtfertigt, wenn damit Winterstrom produziert werden kann.
    David Stickelberger, Geschäftsleiter Swissolar

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    am 11.03.2016 um 09:21 Uhr
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    Mir scheint klar, was los ist. Die Stromproduzenten bereiten mit dem Schlechtreden der Rentabilität von Wasserkraft den Boden, um Subventionen verlangen zu können. Die wollen uns ganz frech über den Tisch ziehen.

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    am 13.03.2016 um 21:35 Uhr
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    Wer die letzten 20 Jahre Wasserkraft in der Schweiz und deren Erträge betrachtet, kann Guggenbühls Ausführungen nur beipflichten. Die Strompreise generell und damit auch die Erlöse der Wasserkraftproduzenten unterliegen einem typischen «Schweinezyklus», ein Begriff ursprünglich aus der Agrarwissenschaft, der eine periodische Schwankung auf der Angebotsseite bezeichnet. Bei sehr langfristigen Investitionen, wie den Wasserkraftwerken, sind längerfristige finanzielle Betrachtungen hilfreicher als Jahres- oder Quartalszahlen. Wer jetzt nach Subventionen ruft, sollte fairerweise auch über Abgaben reden, die während Hochrenitezeiten zurückbezahlt werden. Das Gejammer um die Wasserkraftrenditen vertuscht im Falle der Schweiz zwei wesentliche Faktoren.
    1. Während Jahrzehnten subventionierte die Wasserkraft den Atomstrom quer, speziell zu Niedrigverbrauchszeiten wenn zuviel Bandenergie produziert wurde.
    2. Das finanzielle Problem der «Wasserkraftwerke» ist von AXPO und ALPIQ wesentlich selbstverschuldet, weil sie während der Hochpreisphase von 2005-2009 den massiven Ausbau der Pumpspeicherung mit über fünf Milliarden Franken Investitionskosten beschlossen und nun am Bauen sind. Die zwei grössten Investitionsflops sind Linthal 2015 und Nant de Drance. Der Kapitalfehler bei diesen Projekten war die Annahme, dass sich die Strompreise weiter so, wie damals, entwickeln. Gleichzeitig wurde das Potential des Sonnenstromes von Karrer, Leonardi und Rohrbach belächelt und schlechtgeredet.

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    am 14.03.2016 um 09:14 Uhr
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    Es ist schon erstaunlich, dass der sonst positivistische Oberlobbyinst der Solarbranche es der Fotovoltaik nicht zutraut, die Wasserkraft komplett in den Schatten zu stellen. (Qualifikation ist weder beleidigend noch herabsetzend gemeint.) PV-Gestehungskosten von ca. 4 Rappen pro Kilowattstunde scheinen nun erreichbar , auch in der Schweiz, erst recht aber z. B. in Sizilien. Dagegen wird die Wasserkraft absolut keine Chance habe, auch die typische Speicherwasserkraft nicht, weil zu teuer (um 17 Rp/kWh, wenn neu) — auch nicht im Winter, wenn ca. 4 mal weniger Sonne da ist als im Hochsommer. Das Ende der Wasserkraft ist absehbar, egal ob Trickser wie Mario Cavigelli, das Gegenteil behaupten. (Anmerkung an den Moderator: Ich kann diese passende Qualifikation des Bündner Regierungsrats bei Bedarf bestens belegen.)
    Das ist aber rein gar kein Grund, Wasserkraftwerke zu subventionieren, ganz im Gegenteil. Subventionen für die Wasserkraft, die übrigens auch nicht einfach nur umweltfreundlich ist, wären ein Fass ohne Boden. Dieses ist das korrekte Argument gegen die Vorstösse mit dem Ziel einer sterbenden Technologie gutes Geld von Steuerzahlern oder Stromkonsumenten nachzuwerfen. (Die andere ist, dass viele abgeschriebene Wasserkraftwerke viel Geld abwarfen und weiterhin manches abwerfen, inkl. Wasserzinsen.) Subventionen wären dann auf Dauer. Es wäre ein fataler Irrtum, zu glauben, solche Subventionen wären nur eine Überbrückung einer vorübergehenden Krise.

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