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Das Stromnetz wird massiv ausgebaut werden müssen - aber es sind auch andere Szenarien möglich. © Oran Viriyincy/flickr/cc

Die erneuerbare Stromzukunft hängt am Netz

Hanspeter Guggenbühl /  Je mehr Strom erneuerbar erzeugt wird, desto stärker muss das Netz ausgebaut werden, sagt der VSE. Das stimmt nur bedingt.

Für Verdurstende in der Wüste ist der erste Schluck Wasser Gold wert. Wer hingegen im regnerischen Schweizer Mittelland vor einem sprudelnden Dorfbrunnen steht, würde für eine Flasche Hahnenburger keinen Rappen zahlen.

Ähnlich verhält es sich beim Strom aus Solaranlagen im Jahr 2050, sofern bis dann der Anteil der Potovoltaik am Schweizer Stromverbrauch auf zwanzig oder mehr Prozent steigen sollte: An einem kalten Januartag um 18 Uhr, wenn besonders viel Strom gebraucht wird, wäre der Preis am höchsten, aber dann gibt es keinen Solarstrom, weil um 18 Uhr die Nacht hereingebrochen ist.

An einem Sonntagmittag im Juli hingegen, wenn die Sonne vom wolkenlosen Himmel strahlt und der Stromverbrauch am tiefsten ist, könnten Schweizer Solaranlagen bis vier Mal mehr Strom produzieren, als im Inland verbraucht wird, womit der Marktpreis temporär auf Null sänke.

Erneuerbarer Strom und sein Einfluss auf den Netzausbau

Schon heute schwanken Angebot und Nachfrage bei der in- und ausländischen Stromversorgung. Diese Differenzen lassen sich durch die Steuerung der Kraftwerkleistung, die Stromspeicherung (in Stauseen) und den weiträumigen Stromtransport ausgleichen. Der Zubau von Solar- und Windkraftwerken, deren Produktion je nach Jahres-, Tageszeit und Wetter stark auseinander klafft, vergrössert diesen Ausgleichsbedarf.

Das bestätigen zwei Studien, die der Dachverband der Schweizer Stromunternehmen (VSE) gestern Montag veröffentlichte (siehe Link unten). Ihr wichtigstes Resultat: «Je stärker die erneuerbaren Energien ausgebaut werden, desto schneller werden umfangreiche Netzausbauten notwendig.» Und die Forderung, die der VSE daraus ableitet: «Die Netze und die erneuerbaren Energien sind zeitgleich auszubauen.»

VSE-Szenarien bis 2050 im Stundenrhythmus abgebildet

Die neuen Studien basieren auf den drei Szenarien über die Schweizer Stromversorgung bis zum Jahr 2050, die der VSE erstellte und schon im Juni publizierte (Infosperber: Die Stromwende, die erst 2030 beginnt). Die Produktion und den Verbrauch aus diesen Atomausstiegs-Szenarien hat der VSE in seinen Studien für jede Stunde im Jahr abgebildet. Diese Modulationen zeigen, wo und wann die Differenz zwischen Angebot und Nachfrage bis im Jahr 2050 am grössten ist, und wie das Netz aus- und umgebaut werden muss, um die Last-Unterschiede auszugleichen.

Beeinflusst wird der geforderte Netzausbau nicht nur durch technische Anforderungen, sondern auch durch die künftigen Marktpreise im europäischen Stromverbund. «Ein massiver Ausbau der erneuerbaren Energien», so folgert der VSE weiter, «bedingt einen intensiven Stromaustausch mit und in Europa.» Importe, Exporte sowie den Bau von Pumpspeicher- und Gaskraftwerken erachtet der VSE als notwendig, um den Zubau der erneuerbaren Energie im Inland (bei dem 2050 laut allen Szenarien die Photovoltaik dominieren wird) auszugleichen. Damit folgt er seinem bevorzugten mittleren Szenario, das neben der Stromproduktion aus erneuerbarer Energie drei bis vier Gaskombi-Kraftwerke voraussetzt und von einem weiter wachsenden Stromverbrauch ausgeht.

Mehr Fern- oder mehr Nahversorgung – das ist die Frage

Die Folgerungen und Forderungen des VSE sind plausibel, wenn man sie an ihren eigenen Szenarien, insbesondere am bevorzugten mittleren VSE-Szenario misst. So steigt dort die Nachfrage nach Strom und mithin die Importabhängigkeit vor allem im Winterhalbjahr, während die Produktion und der Exportüberschuss vor allem im Sommer zunehmen.

Doch diese Zukunft bis zum Jahr 2050 ist nicht in Stein gemeisselt. Andere Szenarien sind möglich. Beispiel: Eine Begrenzung der Solarstrom-Produktion auf das Optimum von ca. zehn Prozent des Landesverbrauchs und ein Rückzug der hochwertigen Elektrizität aus dem Wärmemarkt könnte die Differenzen zwischen steigendem Angebotsüberhang im Sommer und steigender Nachfrage im Winter eindämmen. Oder: Dezentrale statt zentrale Speicherung von Strom aus Solarkraft könnte einen Teil des Netzausbaus und der Pumpspeicher-Kraftwerke ersparen. Es führen viele Wege nicht nur nach Rom, sondern auch in die Energiezukunft.

Weiterführende Informationen


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

keine

Zum Infosperber-Dossier:

SolaranlageBauernhof-1

Energiepolitik ohne neue Atomkraftwerke

Erstes, zweites und drittes Gebot: Der Stromverbrauch darf nicht weiter zunehmen.

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5 Meinungen

  • am 6.11.2012 um 13:59 Uhr
    Permalink

    Der VSE ist Meister im Aufwärmen alter Thesen und im Repetieren früherer Erkenntnisse und Ideologien. Mit Grosskraftwerken, Netzausbauprojekten und Neubau von Pumpspeicherkraftwerken haben die Big Players im VSE Erfahrung und seit 2 Jahrzehnten wird in diese Richtung gearbeitet. Wieso die Energiewende nun mit den gleichen oder ähnlichen Rezepten gelingen soll ist eher fragwürdig.
    Dezentrale Stromerzeugung, dort wo Strom verbraucht wird und mit allen zur Verfügung stehenden Grössenordnungen öffnet ein ganz neues Denk- und Handlungsfeld. Stromverbrauch der sich an der Angebotssituation orientiert wäre ein weiteres Mittel – auf Neudeutsch «Smart Grids» – bei dem lokale Produktionsanlagen in eine Wechselwirkung mit Verbrauchsvarianten treten.
    Für Hanspeter Guggenbühls Schreckszenario, dass dereinst während einzelnen Sommerstunden 4mal mehr Strom produziert werden könnte als die Strromverbraucher nachfragen, gibt es relativ einfache Lösungen, auf die er selber hinweist. Sollte dereinst dieser Fall eintreten, und der Strompreis marktkonform gegen Null tendieren, werden diejenigen Stromkunden, die diese Preissignale erhalten ihren Stromverbrauch auf diese Mittagsstunden verlegen: Waschen, Kochen, Boiler erwärmen, Tiefkühler runterkühlen etc., etc. Es gibt viele Möglichkeiten den Energieverbrauch einem billigen Angebot anzupassen. Das Betanken von Elektrofahrzeugen fast zum Nulltarif dürfte sehr attraktiv sein. Lernen kann man diesen Umlagerungsprozess an den umgekehrten Anstrengungen von VSE&Co. der letzten 40 Jahre, während denen alle möglichen Stromanwendungen vom Tag in die Nacht verlagert wurden. Der Grund dazu war das Strom-Überangebot aus Atom- und Kohle- Bandkraftwerken. Die aktuelle Differenz zwischen Niedrigst- zu Höchstlast im Tagesablauf bewegt sich im Jahresverlauf zwischen 70 und 80%. Das heisst um 3-4 Uhr nachts, wenn die meisten von uns schlafen, brauchen wir immer noch 70-80% soviel Strom wie während der mittäglichen oder abendlichen Verbrauchsspitze.
    Der Umstieg von zentralistischen zu dezentralen Strukturen, bei denen auf den Wohnhausdächern Solarstrom und in den Heizungskellern gleichzeitig mit der Wärme auch Strom produziert wird (Wärmekraftkopplung) ist ein Prozess von 10-20 Jahren. Während dieser Zeit können sich die Verbraucher, mit richtigen Preissignalen, sehr gut auf die neue Angebotscharakteristik einstellen. Im besten Fall kann das Netz im normalen Erneuerungszyklus den neuen Rahmenbedingungen angepasst werden.
    Die Energiewende darf als grosse Chance verstanden werden, bei der viele und neue kreative Lösungen gefragt sind, die Arbeit schaffen und junge Firmen entstehen lassen. Der VSE täte gut daran, sich diesen Möglichkeiten zu öffnen und nicht zum Verband Seniler Energieideologen zu verkommen.

    0
  • am 6.11.2012 um 19:07 Uhr
    Permalink

    hier noch der vollständige Link:
    http://www.strom.ch/uploads/media/VSE_Wege-Stromzukunft_Gesamtbericht_2012_01.pdf

    VSE Verband Seniler Energieideologen…. sarkastischer Realwitz 🙁
    mindestens tendenziös und phantasielos.
    Null-Risiko bei der Versorgungssicherheit.
    Lebens-Sicherheit ist gar kein Thema.
    Markt-BlaBla… der geschützte Mark ist wohl gemeint mit kollektivistischer Gosschadenregelung.

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  • am 7.11.2012 um 09:39 Uhr
    Permalink

    Seit Tschernobyl bin ich nicht mehr Mitglied beim VSE, weil dort auf neue Erkenntnisse nur sehr spärlich reagiert wird.

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  • am 8.11.2012 um 12:06 Uhr
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    «Begrenzung der Solarstrom-Produktion auf das Optimum von ca. zehn Prozent des Landesverbrauchs» sei ein Rezept für die Lösung der Netzproblematik in der Schweiz – woher diese zehn Prozent? Es dürfen gut und gern auch deren 20-30 sein! Man lasse sich nicht von den Vorstellungen des VSE vereinnahmen! Mit der weiteren Senkung der Preise sowohl für Solaranlagen wie für Batterielösungen rückt eine Eigenstromversorgung in Reichweite.

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  • am 9.11.2012 um 10:07 Uhr
    Permalink

    "Mehr Fern- oder mehr Nahversorgung – das ist die Frage"
    Genau. Würden wir die Stromversorgung wieder stärker regional oder lokal organisieren, sind ganz andere Lösungen denkbar. Z.B. Blockheizkraftwerke, die bei zuwenig Solarstrom sowohl Strom als auch Wärme produzieren können, etwa im Winter. Oder bessere Speichertechnologien, die Überflüsse lokal/regional regeln können. Vielleicht auch regionale Herstellung von Treibstoff (z.B.Methan, s."Methaniserung") aus überschüssigem Solarstrom, das etwa auch für Fahrzeuge verwendet werden könnte.
    Also: es geht nur darum etwas weiter zu denken 😉

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