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Je mehr Chirurgen, desto häufiger wird operiert – meistens zum Schaden der Patienten © Dreamstime.com

Behandlungen in Spitälern gleichen einer Lotterie

upg /  Wie intensiv behandelt wird, hängt oft weniger von der Diagnose ab als vom Arzt und den Spitälern. Begründen müssen sie das nicht.

Wo es mehr Spitalärzte, Belegarzt-Chirurgen, Spitalbetten und Computertomografen gibt, dort werden Patientinnen und Patienten viel häufiger operiert, intensiver untersucht, länger behandelt und mit mehr Medikamenten versorgt.
Ob diese intensiveren Behandlungen den Patientinnen und Patienten einen Nutzen bringen oder nur gesundheitliche Nachteile, will niemand wissen. Zu viel steht auf dem Spiel. Denn unzweckmässige und risikoreiche Überbehandlungen sind rechtswidrige Eingriffe.
Frauen unnötigen Risiken ausgesetzt
Die Behandlungsunterschiede bei gleichen Diagnosen sind erstaunlich und medizinisch bisher nicht erklärt – weil man sie medizinisch offensichtlich nicht erklären kann.

  • Beispiel 1: Den Genfern verschreiben die Ärzte für doppelt so viel Geld Medikamente wie den Zugern. Sind die Genfer besser versorgt?
  • Beispiel 2: Berner Ärzte haben dreissig Prozent mehr Frauen die Gebärmutter entfernt als St. Galler oder Walliser Ärzte. Wurden die Bernerinnen besser versorgt? Im Gegenteil: Nach einer Studie der Gesellschaft für Gynäkologie war bei jeder siebten Frau das Risiko grösser als der Nutzen, wenn die Gebärmutter wegen eines Myoms entfernt wurde. Insgesamt seien vier von zehn analysierten Gebärmutterentfernungen «unzweckmässig» gewesen. Im Klartext: Die Frauen gehen unnötige Risiken ein.

Anders als im Ausland verdienen unsere Ärzte an jeder Operation
Die Ärzte verdienen an jeder Operation und wollen ausgelastet sein. Anders als in der Schweiz und in Deutschland können Ärzte ihre Einkommen in keinem andern europäischen Land erhöhen, indem sie intensiver behandeln.
Im Kanton Bern gibt es pro 10’000 Einwohner 21 Prozent mehr Gynäkologen als im Kanton St. Gallen und 42 Prozent mehr als im Kanton Wallis. Je mehr Gynäkologen, desto aggressiver der Kampf ums lukrative «Patientengut».
Grosse Risiken für Patientinnen und Patienten
Intensivere und längere Spitalbehandlungen bringen selten Vorteile, sondern vor allem Risiken: Jedes Jahr kommt es nach Angaben des Spitalverbands H+ in Schweizer Spitälern zu rund 1200 vermeidbaren Todesfällen wegen Pannen, Irrtümern oder unsorgfältigen Behandlungen. Nochmals zu rund 2000 Todesfällen kommt es gemäss SwissNoso, weil Patienten eine Infektion auflesen und dann an einer Lungenentzündung oder einem tödlichen Abszess sterben. Weitere rund 50’000 Patienten müssen wegen einer Spitalinfektion einige Tage länger im Spital bleiben.
Im Vergleich: Die Kantone St. Gallen und Waadt
In der Schweiz sind die Zahlen kantonal aufgeschlüsselt. Vergleichbar sind zum Beispiel die Kantone St. Gallen und Waadt. In beiden Kantonen ist das Verhältnis zwischen städtischer und ländlicher Bevölkerung ähnlich. Auch die Lebenskosten sind vergleichbar. In Lausanne gibt es ein Universitätsspital und in St. Gallen ein auf Krebsbehandlungen hoch spezialisiertes Kantonsspital.
Doch die Behandlungsunterschiede sind enorm, was man auch an den Kosten zeigen kann: Pro Kopf der Bevölkerung sind die Kosten für die Grundversicherung im Kanton Waadt über zwanzig Prozent höher.
68 Prozent mehr Spezialärzte
Gemäss FMH-Statistik gibt es aber im Kanton Waadt im Verhältnis zur Einwohnerzahl 68 Prozent mehr Spezialärzte in eigenen Praxen. Viele sind Belegärzte in Spitälern. «Die Spezialarzt-Dichte erhöht die Kosten signifikant», heisst es in einer Analyse des Gesundheitsobservatoriums von 2001. Für die Waadtländer bedeutet das konkret: Sie müssen sich viel häufiger diagnostischen und therapeutischen Eingriffen unterziehen. Medizinisch kann dies niemand begründen.
Abklärungen mit Herzkatheter 80 Prozent häufiger
Der Waadtländer Bevölkerung werden die Oberschenkel 50 Prozent häufiger operiert als der St. Galler, die Gallenblasen 20 Prozent häufiger. Das zeigt eine sorgfältige Auswertung der vorhandenen Daten.
Zehn Prozent häufiger kommt es zu Kaiserschnitten.

Computertomografien zu diagnostischen Zwecken ordnen Ärzte in der Waadt trotz der enormen Strahlenbelastung 40 Prozent häufiger an als ihre St. Galler Kollegen.
Untersuchungen mit dem Herzkatheter, ebenfalls mit Risiken verbunden, werden durch Waadtländer Ärzte 80 Prozent häufiger durchgeführt. Trotzdem sterben die Waadtländer nicht etwa seltener an Herzleiden.
40 Prozent mehr Geld für Medikamente
Die Waadtländer müssen für 40 Prozent mehr Geld Medikamente schlucken. Jedes Medikament hat Nebenwirkungen.
Am Schluss kommt noch die Rechnung: Waadtländer oder Berner zahlen zwanzig bis dreissig Prozent mehr für ihre Gesundheit als die St. Galler, Thurgauer oder Luzerner.
Ärzte und Spitäler sollen sich rechtfertigen müssen
Spitäler mit besonders grossem Aufwand sollen endlich den Beweis erbringen, dass ihre ungleich häufigeren Diagnosen, Check-ups, Untersuchungen und Operationen von Gebärmutter, Herzgefässen, Prostata oder Kreuzbändern auch zu einer verbesserten Gesundheit und Lebensqualität führen, und dass sie ihre Patienten nicht nutzlos höheren Risiken aussetzen.


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Eine Meinung zu

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    am 7.11.2011 um 11:40 Uhr
    Permalink

    Ja, da ist alles klar. Kosten die wir verursachen, die müssen wir bezahlen. Warum gehen wir es nicht ganzheitlich an. 60 Milliarden Franken kostet das ganze Krankheitswesen. 10% könnten wir locker einsparen. Ohne an der Qualität zu rütteln.
    Also, worauf warten wir noch. Was halten Sie von einer Strategie eines TCS-VCS-ACS im Gesundheitswesen? Ja, wir könnten nicht 6 sondern 10 Milliarden Sfr. einsparen und für wichtige Dinge einsetzen. Das ganze Konzept, wie ich es der WEKO (Wettbewerbskommission ) eingegeben habe erhalten Sie unter meiner Mail Adresse: josef.rothenfluh@gesundheitsclub.ch Ich freue mich auf Ihr Feedback.
    Dann müssen wir nicht mehr nur zusehen, sondern können aktiv Fehler korrigieren.
    Man darf es nur nicht totschweigen. Dann kommt es richtig.
    Gruss und besten Dank
    Josef Rothenfluh

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