14_NZZ Schlagzeile Ukraine

Die NZZ berücksichtigte 2014 überwiegend die Sicht der westlichen Stimmen zum Ukraine-Konflikt. © nzz

NZZ und Tages-Anzeiger informierten einseitig über die Ukraine

Rafael Lutz /  Beide Zeitungen stützten sich in ihren Berichten überwiegend auf Informationen westlicher Politiker. Das zeigt eine Masterarbeit

Am 20. Februar 2014 feuerten Scharfschützen auf dem Kiewer Maidan-Platz Schüsse in die Menschenmenge. Dabei starben sowohl Demonstranten als auch Polizisten. Zwei Tage später, am 22. Februar 2014, war die Ära Wiktor Janukowitsch Geschichte. Der gestürzte Präsident flüchtete aus der Ukraine in Richtung Russland. Die Übergangsregierung, der mehrere rechtsradikale Swoboda-Parteimitglieder angehörten, übernahm nun das Zepter. 

NZZ-Redaktor Cyrill Stieger kommentierte die historischen Ereignisse am 21. Februar 2014 wie folgt: «Der Befehl, auf die Demonstranten zu schiessen, war der Punkt, an dem alles kippte.» Und der Tages-Anzeiger schrieb am 21. Februar 2014: «Präsident Janukowitsch ist … der Hauptverantwortliche für die Eskalation der letzten Stunden. Es dürften seine Scharfschützen sein, die von den Dächern in Kiew Demonstranten ins Visier nehmen und erschiessen.»

Medien erschaffen die Realität

In den Wochen nach diesen Ereignissen auf dem Maidan deuteten Informationen darauf hin, dass Teile der Opposition hinter den Massakern stehen könnten. Recherchen des ARD-Magazins «Monitor» und weiterer Medien fanden später heraus, dass die Scharfschützen die Schüsse aus einem Hotel abgefeuert hatten, das zum damaligen Zeitpunkt unter der Kontrolle der Opposition gestanden sei. 

Doch das spielte nun keine Rolle mehr. Die Würfel waren gefallen. Der Tyrann hiess Janukowitsch. Er war es, der gemäss den Zeitungsberichten seine eigene Bevölkerung niedermetzelte, sein Sturz schien legitim zu sein. Das Beispiel illustriert: Die Medien bilden manchmal nicht die Wirklichkeit ab, sondern schaffen diese erst. Ein Aphorismus, der schon dem Soziologen Niklas Luhmann bekannt war. 

Die Artikel der NZZ und des Tages-Anzeigers über den Sturz Janukowitschs veranlassten mich, die Berichterstattung grosser Schweizer Zeitungen genauer zu analysieren. Im Rahmen meiner Masterarbeit, die ich an der Universität Fribourg im Fachbereich Soziologie schrieb, untersuchte ich die Berichte der NZZ und des Tages-Anzeigers sowie auch der Wochenzeitungen WOZ und Weltwoche zum Ukraine-Konflikt. 

Meine These lautete: Die Berichterstattung der grossen Tageszeitungen NZZ und Tages-Anzeiger bildete überwiegend den Standpunkt der US-Administration zum Geschehen in der Ukraine ab. Dafür untersuchte ich sowohl Meinungs- als auch Nachrichtenartikel für den Zeitraum zwischen Mitte Februar und Mitte März 2014. Erforschen wollte ich dabei, welche Ansichten in der medialen Diskussion zum Ukraine-Konflikt dominierten. Welche Konfliktparteien kamen in den Zeitungen zu Wort und welche nicht?

Russische Stimmen fanden kaum Gehör 

Die Ergebnisse: Die NZZ, der Tages-Anzeiger und die Wochenzeitung Weltwoche zitierten grösstenteils aus der Sicht der Regierungen in den USA und Europa (siehe Infobox). Den etablierten Politikern und Politikerinnen, welche diese Sicht vertraten, verschafften sie deutlich mehr mediale Präsenz als den russlandfreundlichen Stimmen. Entsprechend vermittelten die drei Zeitungen vermehrt ein einseitiges Bild über den Konflikt in der Ukraine. 

Diese westliche Version lautete im Wesentlichen wie folgt: Die Proteste gegen den damaligen Präsidenten Wiktor Janukowitsch waren fast ausschliesslich demokratische und deshalb begrüssenswerte Demonstrationen. Umgekehrt äusserten dieselben Zeitungen kaum Sympathien für die Proteste der Bürger in der Ostukraine, die gegen die neuen Machthaber in Kiew auf die Strasse gingen. Das kam auch im Wording zum Ausdruck: Während die NZZ und der Tages-Anzeiger die Administration Janukowitschs stets als «Regime» bezeichneten, wählten die gleichen Zeitungen für die neuen Machthaber unter Interims-Premierminister Arseni Jazenjuk den Begriff «Regierung». 

Die NZZ zitierte in den 48 Nachrichtenartikeln zum Ukraine-Konflikt insgesamt 143 Personen. Davon gehörten 73 Prozent dem westlichen Lager an. Der Tages-Anzeiger publizierte 44 Nachrichtenartikel und liess ebenfalls 143 Personen ihre Meinung zum Konflikt äussern, davon nahmen 69 Prozent westliche Positionen ein. Auch die Weltwoche schenkte den westlichen Stimmen mehr Gehör, sie kamen in 70 Prozent der Fälle zu Wort. 

Ausgeglichener waren die Informationen der WOZ, die beide Konfliktparteien gleich häufig zu Wort kommen liess. Ebenso legte die WOZ Wert darauf, Menschen aus unterschiedlichen sozialen Schichten zu berücksichtigen. Während beispielsweise die Weltwoche und die Tageszeitungen NZZ und Tages-Anzeiger hauptsächlich etablierte westliche Politiker zitierten (59 Prozent aller Quellen bei der NZZ, 69 Prozent beim Tages-Anzeiger und 60 Prozent bei der Weltwoche), berücksichtigte die WOZ häufiger auch Aussagen von «einfachen» Bürgern auf der Strasse. Nur rund 29 Prozent der zitierten Personen zählten bei der WOZ zur Gruppe der etablierten politischen Akteure. 

Westliche vs. russlandfreundliche Stimmen

Die Unterteilung in «russlandfreundliche» oder «westliche» Aussageträger beziehungsweise Personen erfolgte folgendermassen: Zur Gruppe der russlandfreundlichen Stimmen zählen die Janukowitsch-Anhänger sowie die Gegner der neuen Machthaber, als westlich gelten die Gegner von Janukowitsch sowie die Anhänger der Interimsregierung in Kiew, die Ende Februar 2014 an die Macht kam.

Nato-Osterweiterung als Tabu

Die Dominanz westlicher Stimmen äusserte sich in den Tageszeitungen auch in den Kommentaren. Sechs von sieben Kommentaren im Tages-Anzeiger nahmen westliche Positionen ein. Die NZZ vertrat in ihren acht Kommentaren gar ausnahmslos westliche Argumente und Stimmen. Während beide Zeitungen konstant vor der russischen Gefahr für die Ukraine warnten, vermieden sie grundsätzliche Kritik an der Nato oder an den eigenen westlichen Regierungen. Solche Kritik suchten die Leser in den Tageszeitungen vergeblich. Die Nato-Osterweiterung, die Einmischung der US- und weiterer westlicher Regierungen in die inneren Angelegenheiten der Ukraine existierten in den Augen der NZZ und des Tages-Anzeigers nicht. 

Hierfür musste man schon die Wochenzeitungen WOZ und Weltwoche lesen, die sich beide durch ein deutlich breiteres Meinungsspektrum auszeichneten. In den insgesamt vier Kommentaren, welche die Weltwoche publizierte, äusserten zwei auch Positionen aus russischer Sicht. Darunter der Historiker Robert U. Vogler. Er schrieb am 12. März 2014: «Man kann es drehen und wenden, wie man will, der Westen – und damit seien explizit die USA, die Nato und die ‘friedensstiftende’ EU gemeint – hat in den Jahren seit dem Mauerfall in Bezug auf das Verhältnis zu Osteuropa gravierende Fehler begangen. Die Ukraine-Krise ist eines der Resultate davon.» Einer dieser Fehler war in den Augen Voglers die Nato-Osterweiterung. 

Ähnliche Positionen fanden ebenfalls in der WOZ Anklang. Die linke Wochenzeitung berücksichtigte in ihren vier Kommentaren auch die Sicht Russlands. Die Ursprünge des Ukraine-Konfliktes sah sie ebenfalls in der verfehlten westlichen Politik. Dazu schrieb Roman Berger am 6. März 2014: 

«Putins Intervention auf der Krim ist vordergründig eine Gegenreaktion auf den überraschenden Machtwechsel in Kiew. Dem Kremlchef geht es aber letztlich darum, die strategisch wichtige Halbinsel Krim … nicht kampflos der Nato zu überlassen: Diese kontrolliert heute durch die Mitgliedschaft der Türkei, Rumäniens und Bulgariens faktisch bereits das Schwarze Meer. Und dies nur gut zwanzig Jahre nach dem Ende des Kalten Krieges und dem Verschwinden der Sowjetunion. Der Nato fehlen nur noch die Küsten der Ukraine und Georgiens.» 

Fazit: Wer sich also ein umfassendes Bild über diesen internationalen Konflikt machen wollte, der griff besser auch auf Wochenzeitungen zurück. 

Infosperber informierte ergänzend

upg. Zu den Ereignissen in der Ukraine hat Infosperber wiederholt über die Sicht und die Interessenlage Russlands informiert und vor Ort über die Situation auf der Halbinsel Krim berichtet. Damit nahm die Online-Zeitung Infosperber ihre Aufgabe wahr, grosse Medien mit relevanten Informationen und Analysen zu ergänzen: «Infosperber sieht, was andere übersehen».
Infosperber versteht sich als Zweitmedium und geht davon aus, dass unsere Leserschaft die wichtigsten Informatiionen kennt, welche grosse Medien verbreiten. Deshalb kann Infosperber auf vernachlässigte Fakten, Zusammenhänge und Interessenlagen fokussieren. Manchmal kann das ebenfalls als einseitig erscheinen, soll aber die grossen Medien ergänzen.
Unsere Zusatzinformationen zum politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Leben werden von immer mehr Bürgerinnen und Bürgern geschätzt, die sich eine eigene Meinung bilden möchten.
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– Zu allen Artikeln auf Infosperber über die Ukraine

– Zum Infosperber-Dossier «Krim»
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Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Rafael Lutz hat mit der hier ausgewerteten Masterarbeit sein Studium der Soziologie an der Universität Freiburg abgeschlossen.

Weiterführende Informationen

Zum Infosperber-Dossier:

Kalter_Krieg

Der Kalte Krieg bricht wieder aus

Die Grossmächte setzen bei ihrer Machtpolitik vermehrt wieder aufs Militär und gegenseitige Verleumdungen.

Zeitungen_1

Kritik von Zeitungsartikeln

Printmedien üben sich kaum mehr in gegenseitiger Blattkritik. Infosperber holt dies ab und zu nach.

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7 Meinungen

  • am 27.12.2020 um 14:25 Uhr
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    Danke für diesen Beitrag. Ja, wie wahr ist doch das folgende Zitat aus dem Beitrag: «Die Medien bilden manchmal nicht die Wirklichkeit ab, sondern schaffen diese erst.» Genau dasselbe sieht man auch bei der Corona- und der Klimakrise. Weiter darf man ruhig auch erwähnen, dass die «Mainstream-Medien» früher darüber berichteten, was die Reichen und Mächtigen vor uns verbergen wollten. Heute gehören die «Mainstream-Medien» (z.B. NZZ, Tagi etc.) den Reichen und Mächtigen…….

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  • am 27.12.2020 um 17:23 Uhr
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    Das massgebende Schweizer Verlage schon immer Amerika hörig waren und immer noch sind, ist längstens bekannt. Zu ihnen gehört auch die Schweizer Regierung.

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  • am 27.12.2020 um 17:54 Uhr
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    Vielen Dank für den Beitrag! Ich lese schon lange keine Zeitungen mehr und sehe auch nicht mehr fern. Anstatt den Horizont zu erweitern wird er dauernd mit einseitiger Berichterstattung eingeengt. Das eigene Denken setzt aus. Bereits als ich ein Junge war, waren die Amerikaner die Guten und die Russen die Bösen. Das hat sich bis heute erhalten. Die Chinesen wurden als gelbe «Gefahr» bezeichnet. Als ob nicht alle Menschen wären.

    Es empfiehlt sich fundierte Bücher von Experten zu lesen und nicht sich über die reisserischen Schlagzeilen unserer Tageszeitungen zu informieren.

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    • am 28.12.2020 um 21:58 Uhr
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      @Rainer Strässle
      Wie wahr, wie wahr! Als ich das Zeitunglesen in jungen Jahren anfing, freute ich mich über jeden Sieg der sogenannten Guten in Vietnam. Und wie hat sich das Bild heute, zurückblickend, gewandelt …. in unserem deutschen Mainstream Medium ZDF, in einer 5-teiligen Doku, finde ich all die erinnerten Orte und Namen wieder … aber die vor 50 Jahren Gut-Geglaubten haben allen Glanz verloren.

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  • Pingback: Science et dictature | Infoméduse,

  • am 30.12.2020 um 09:18 Uhr
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    Diese Untersuchung weist zwei Schwächen auf: 1. Sie legt nahe, dass man dem Verstehen näherkommt, wenn man den einen Propagandalügen entgegengesetzte Propagandalügen statistisch gerecht gegenüberstellt: Die Summe von zwei Lügen gibt das wahre Bild. Auf den Kalten Krieg bezogen würde das heissen: 50 % amerikanische Propaganda über die Zustände in der Sowjetunion, gemischt mit 50% Propaganda der sowjetischen Parteiführung gab dem Leser den echten Einblick. Die anspruchsvollere Aufgabe besteht darin, dass man ein Sensorium und Kriterien entwickelt für jegliche Propaganda. Meine Anwesenheit auf dem Majdan im Februar 2014 lässt mich mit Sicherheit sagen, dass die Aussage, es habe sich um eine von der CIA organisierte, rechtsextrem dominierte Bewegung gehandelt, eine russische Propagandalüge ist, die addiert zur einseitigen Interpretation durch westliche Medien keine Wahrheit gibt. 2. Die Begriffsbestimmung «westlich» und «russlandfreundlich» ist irreführend, genauso wie «Covidtote» und «Fallzahlen». Wer CNN und Fox News zitierte, ist nicht amerikafreundlich, wer Putins Staatsmedien zitierte oder für Janukowitsch eintrat, ist nicht russlandfreundlich, sondern kremlfreundlich oder vielleicht mit der Donezk-Mafia liiert. Bei jeder Urteilsbildung ist klar, dass es nicht auf die Anzahl der Stimmen Pro oder Contra ankommt, sondern auf die Qualität der eigenen Wahrnehmung, die Sorgfalt der Quellenprüfung und die Integrität der Zeugen. Dafür ist der Journalist verantwortlich.

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  • am 3.01.2021 um 04:53 Uhr
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    Nicht nur NZZ und Tagi berichteten einseitig über den Ukraine-Konflikt; übrigens auch im Syrienkonflikt ging es ähnlich zu und her. Praktisch sämtliche «Westliche Medien» waren einseitig US-hörig. Warum das so ist, dürfte in der Konzentration der Medienmacht auf ein paar wenige Konzerne liegen, welche mittlerweile auch alle Lokalblätter und Klein-Zeitungen aufgekauft haben. So dass diese Konzernmedien zu Monopol-Medien wurden.
    Und es ist noch schlimmer:
    Diese wenigen 4 Konzerne, welche die Medien in der Deutschschweiz kontrollieren, sind nicht etwa Konkurrenten, sondern sprechen sich auch noch unter
    Und noch schlimmer ist, dass selbst die Staatsmedien SRF da mitspielen, statt einen Gegenpol zu bilden, dass wenigstens ein bisschen Ausgleich stattfinden würde.
    Aber nichts von alledem. — Es herrscht buchstäblich ein Einheitsbrei vor.
    Auch gegenüber den kleinen Parteien verhielten sich die Konzernmedien zunehmend ignorant und schweigen diese zu tode.

    Dass die Leser das zum Teil merkten, gipfelte darin, dass die meisten Grosskonzerne enorm an Lesern verloren und diese sich zunehmend in alternativen Infokanälen im Internet informieren.

    Auch Infosperber gehört zu diesen alternativen Infokanälen (neben vielen Anderen auch), welche das bringen und kritisieren, über welches die Mainstreem-Medien nicht mehr berichten.–
    Dafür bin ich all den alternativen Kanälen dankbar.

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