Klaus von Dohnanyi

Klaus von Dohnanyi im NDR-Interview am 22. April: «Die Interessen Europas sind nicht die gleichen wie diejenigen der USA» © NDR

Klaus von Dohnanyi: «Ich habe vor dem Krieg gewarnt»

Red. /  Der SPD-Politiker und Buchautor ruft die EU dazu auf, ihre eigenen Interessen gegenüber den USA zu vertreten.

upg. Von Dohnanyi ist ein politisches Urgestein. Im Januar 2022 veröffentlichte er sein jüngstes Buch «Nationale Interessen. Orientierung für deutsche und europäische Politik in Zeiten globaler Umbrüche». Darin warnte er vor einem Krieg in der Ukraine. Am 22. April, zwei Monate nach Kriegsausbruch, interviewte ihn der Norddeutsche Rundfunk. Im Folgenden stellen wir seine wichtigsten Aussagen zur Diskussion. Sie sind wörtlich zitiert und deshalb teilweise umgangssprachlich (Zwischentitel von der Redaktion).


Es ist bedrückend, dass man den Krieg nicht verhindert hat

Vor einem russischen Angriff auf die Ukraine habe ich im Buch ausdrücklich gewarnt. Ich schrieb: Wenn die Ukraine weiterhin in die Nato getrieben wird – und das ist amerikanische Politik – wenn das geschieht, dann kann es einen Krieg an den Ostgrenzen Europas geben, da wo er jetzt auch stattfindet, nämlich an den Ostgrenzen in erster Linie der Ukraine. Das haben amerikanische Fachleute – insbesondere der heutige Geheimdienst-Chef von Präsident Biden – ja ausdrücklich im Jahr 2019 geschrieben. Und ich finde es bedrückend, dass man es hat kommen sehen und es nicht verhindert hat.

Auch kurzfristig wäre der Krieg zu verhindern gewesen

Der amerikanische Präsident hätte nur sagen müssen, «Präsident Putin, wir werden jetzt, nachdem wir sehen, dass Sie es offenbar ernst meinen, über die Zukunft der Ukraine mit Ihnen reden». Das hatte Biden ausdrücklich verweigert. Putin hatte ja im Dezember 2021 an die Amerikaner geschrieben: «Ich brauche es diesmal schriftlich. Ich möchte schriftlich von Ihnen wissen, wie wir mit der Ukraine in Zukunft umgehen wollen.» Daraufhin hat Präsident Biden gesagt: «Über diese Frage werden wir mit Ihnen gar nicht verhandeln.» Und als das passierte, sag ich mal, da hätte es wirklich einen Aufstand auf deutscher Seite geben müssen. Wir hätten sagen müssen: «Das kann doch nicht wahr sein. Denn wenn es jetzt wirklich zu einem Krieg kommt, wie ihr es selber gesagt habt, ihr Amerikaner, dann führt das natürlich auch Deutschland mitten in diese Problematik.»

Die Etikettierung als «Putin-Versteher» halte ich für Quatsch

Ich bin der Meinung, wenn man seinen Gegner nicht versteht, kann man auch nicht mit ihm umgehen. Ich halte diese These von den sogenannten Putin-Verstehern für Quatsch. Wenn ein Fussballtrainer nicht weiss, wie sein Trainer auf der anderen Seite trainiert, mit welchen taktischen Finessen er spielen will, dann kann er auch nicht als Sieger hinterher vom Platz gehen. 
Das heisst, man muss seinen Gegner immer verstehen. Und diese These, man sei Putin-Versteher oder Biden-Versteher oder Xi-Versteher oder Macron-Versteher, die halte ich für Quatsch. Natürlich muss ich Macron verstehen. Macron will Kern-Energie. Macron will seine nuklearen Waffen bewahren. Es ist nicht unsere Politik, aber wir müssen ihn doch verstehen, um mit ihm umzugehen. 
Das habe ich in meinem Buch versucht klarzumachen, nämlich dass die USA ganz andere Interessen haben als wir, aber dass wir dennoch mit ihnen umgehen müssen.

Zur militärischen Antwort gehört die Bereitschaft, miteinander zu reden

Die militärische Antwort und miteinander reden sind keine Alternativen. Man muss beides tun. Natürlich muss man gegenwärtig, so wie es sich nun mal entwickelt hat, auch dafür sorgen, dass man militärisch im Notfall fähig und in der Lage wäre, sich zu verteidigen, obwohl das sehr schwer sein wird. 
Ich habe einmal eine Nato-Übung geleitet, im Auftrag von Bundeskanzler Helmut Schmidt, damals im Bunker noch in Bonn. Und ich habe erlebt, was da passiert: Sobald die Russen ein bisschen vorrücken, dann werfen die Amerikaner auf deutschem Boden taktische nukleare Waffen ab, damit die Russen nicht weitermarschieren können. Also ich weiss, was so etwas bedeutet. 
Aber man muss natürlich heute beides machen. Man muss über Verteidigung nachdenken und sie verbessern, und man muss unbedingt auch reden. Und dass gegenwärtig nicht wirklich geredet wird, insbesondere von der US-Seite nicht mit Putin geredet wird darüber, was man denn tun kann, um dieses Unglück einzugrenzen, das halte ich wirklich für einen grossen Fehler. Das Nicht-Reden ist leider mit amerikanischen Interessen vereinbar. Mit deutschen Interessen ist es nicht vereinbar.

Der UN-General-Sekretär müsste in Moskau ausloten, wie die Sicherheit der Ukraine garantiert werden kann

Herr Selensky – der Präsident der Ukraine – hat selber gesagt, er sei bereit, eine Neutralisierung der Ukraine in Kauf zu nehmen, wenn es dafür zu einem Waffenstillstand käme. Es wird eine schwierige Operation, weil Putin inzwischen viel erobert hat, aber das ist eine Möglichkeit. Selensky fügte hinzu: «Aber dann muss natürlich für uns eine Sicherheit gegeben werden.» 

Diese Sicherheit muss nach meiner Überzeugung nicht nur von USA und Europa und Russland gegeben werden, sondern auch von den Vereinten Nationen. Insofern hat Herr Guterres eine grosse Aufgabe, klarzumachen, ja, Präsident Putin, wenn es eine Neutralisierung gibt, dann werden wir mit dafür sorgen, dass dieses Land erstens neutral bleibt und zweitens gemeinsam von uns allen gesichert wird.

Verhandeln muss man in erster Linie mit Putin

Bundespräsident Steinmeier wollte in die Ukraine, aber wäre er nach Moskau gefahren? Verhandeln muss man nicht nur mit Herrn Selensky, verhandeln muss man gegenwärtig mit Putin. Er hat den Krieg angefangen. Dieser verbrecherische Krieg, den Putin begonnen hat, kann nur aufgefangen werden, wenn insbesondere zwischen den USA und Russland eine Einigung über die Ukraine stattfindet. Herr Guterres könnte dabei ja helfen. Aber dann müssen natürlich auch die USA bereit sein, darüber zu reden. Und ich fürchte, das ist nicht im Interesse der USA.

Es braucht ein Nachgeben auf beiden Seiten

Eine Verhandlungslösung könnte so aussehen, dass man auf beiden Seiten nachgibt. Putin müsste zugestehen, dass die von ihm anerkannten selbstständigen Republiken im Bereich des Donbass selbstständig bleiben und nicht von Russland annektiert werden. Putin müsste akzeptieren, dass die Ukraine sich an die EU ökonomisch und politisch anlehnt. Und der Westen müsste akzeptieren, dass die Ukraine nicht in die Nato kommt, und dass Putin eine Garantie bekommt, dass nicht eines Tages amerikanische Soldaten an der russischen Grenze patrouillieren. 
Das wäre nämlich die Folge, wenn die Ukraine als Ganzes in die Nato käme. Ein russischer Präsident ist sich – auch mit seinen innenpolitischen Überlegungen, die hat er ja auch –darüber im Klaren, dass für Russland nicht zu akzeptieren wäre, dass amerikanische Soldaten an der Grenze zwischen der Ost-Ukraine und Russland patrouillieren. Das muss man, glaube ich, im Westen verstehen. Und das gehört zum Verstehen der Interessen der anderen Seite, nämlich der Interessen der russischen Föderation, und nicht nur Putins. 
Der heutige CIA-Chef, also der Geheimdienst-Chef von Biden, hat ausdrücklich gesagt, er habe in Russland niemanden getroffen, er betonte, niemanden, der in dieser Frage die Meinung von Putin nicht teilt.

Die USA haben für die Nato-Expansion immer Druck ausgeübt

Was müssen wir jetzt tun, um den Bruch mit Russland nicht endgültig zu machen? Russland ist eine europäische Nation – zu einem grossen Teil. Also Moskau und St. Petersburg und so weiter haben immer nach Westen geschaut. Und wir haben sie jetzt auf die Seite Chinas gedrängt. Das war nicht sehr klug. Klug war die westliche Politik in den letzten Jahrzehnten nicht wirklich. Ich mache meine Ausnahme für Deutschland, wir haben immer anders versucht. Aber die USA haben diesen Nato-Expansions-Druck eben immer ausgeübt.

Europa und die Europäer und die Deutschen müssen verstehen, dass wir gegenwärtig in Fragen der Sicherheit und der Aussenpolitik nicht wir selber sind, sondern dass es die USA sind, die das bestimmen, über die Nato und über ihre Einflussnahme in Europa, zum Beispiel auf die osteuropäischen Staaten und auf das Baltikum. Wir müssen begreifen, dass die USA da ganz andere Interessen haben. Die USA sind weit weg.

Ein Waffenstillstand nützt der Ukraine am meisten

Ich glaube, der Ukraine nützt man am ehesten, indem man mit dafür sorgt, dass es dort Waffenstillstand gibt, und die Zerstörung des Landes aufhält. Wir müssen dafür sorgen, dass wir eine Situation für einen Waffenstillstand in der Ukraine bekommen. Doch wenn wir immer mehr mit Waffen anfüttern, die dann auch auf die russische Seite hinübergreifen können, dann nützen wir weder Europa noch der Ukraine … Man muss gleichzeitig über Verhandlungen, Gespräche und Begegnungen ein Klima schaffen, in dem ein Frieden möglich ist. Frieden ist nicht selbstverständlich. Es war nie so und wird leider nie so sein. 

Auch in der Nato-Frage haben die USA andere Interessen als die Deutschen

Die Ukraine ist mitten in einem Krieg. Man muss wahrscheinlich auf dem entscheidenden Punkt – nämlich auf der Nato-Frage – nachgeben und die Ukraine neutralisieren, wie es Selensky heute selber einräumt. Das heisst, es ist höchste Zeit, dass Europa und Deutschland verstehen, dass die US-Interessen nicht unsere Interessen in Europa sind … Die EU hat eine direkte Grenze der EU mit Russland oben über Kaliningrad. Das kann doch gar nicht sein, dass unsere Interessen dieselben sind wie die der USA, die einen Atlantik dazwischen haben und 6’000 bis 8’000 Kilometer von Kiew entfernt sind.

Die USA verteidigen ihre eigenen Interessen – auch in Europa. Und das haben sie auch offen zum Ausdruck gebracht. Dass der französische Finanzminister vor einigen Jahren gesagt hat, Europa oder wir in Europa seien nur noch Vasallen – also tributpflichtige Abhängige – von den USA, war ja kein Zufall. Wir müssen mal kapieren, dass wir das ändern müssen durch ein offenes Gespräch mit den USA. Etwas mehr Selbstbewusstsein, etwas mehr Charakter, etwas mehr graden Rücken brauchen wir in Europa.

Wir haben natürlich auch gemeinsame Interessen, das ist völlig richtig.

Deutschland ist heute abhängiger von den USA als von Russland

Wir sind heute viel abhängiger von den USA, als wir abhängig sind von Russland. Und es ist ja auch interessant, dass diese angebliche Abhängigkeit bei der Gaslieferung – wenn man sie nüchtern betrachtet – doch zu der Einsicht führt, dass es immer die Ukraine war, die mehr Gas aus Russland einführen wollte. Haben Sie jemals gehört, dass die Ukraine gesagt hat: «Bitte nicht so viel Gas durch unsere Leitungen»? Im Gegenteil, die haben gesagt: «Macht nicht Nord Stream 2, denn das könnte zu unseren Lasten gehen.» Das war doch der Hauptgrund. Darauf hat Frau Merkel eine Vereinbarung getroffen mit der Ukraine, dass die Menge, die über die Ukraine weiter gesteuert wird, sich nicht ändern wird. Aber hat die Ukraine jemals gesagt: «Ihr macht Euch zu abhängig.»? Nie.

Biden steht unter dem Druck der Midterm-Elections

Präsident Biden hat – nach meiner tiefen Überzeugung – Verhandlungen mit Russland über die Zukunft der Ukraine nur deswegen abgelehnt, weil er mitten in einem Wahlkampf steht. Die USA wählen alle zwei Jahre ihr gesamtes Repräsentantenhaus und einen Drittel des Senats. Und Biden steht vor diesen Midterm-Elections, die im November dieses Jahres stattfinden und die faktisch jeden Präsidenten, kaum ist er gewählt, schon wieder in eine Wahl treiben. Biden war eigentlich in einer sehr schwierigen Lage. Denn er riskiert wirklich, dass er diese Midterm-Elections verliert, und dann hätte er nichts mehr zu sagen. 

Wir sind also gegenwärtig in der Hand eines Präsidenten, der gar nicht mehr frei ist, sondern der, um die Wahlen zu gewinnen, was ja auch sein gutes Recht ist, eigentlich eine Politik machen muss, die den Demokraten in den USA gar nicht entspricht, sondern eben den Republikanern. Und das alles muss man mal offen aussprechen. Ich behaupte ja nicht, dass ich mit meinem Buch immer Recht habe. Ich habe ja ausdrücklich gesagt: «Vielleicht habe ich ja auch Unrecht. Dann brauche ich eine Debatte.» Aber dass wir in Berlin keine Debatten mehr haben, das finde ich betrüblich und beängstigend.

Mit Sanktionen werden wir weder Russland noch China verändern

Die realistische Politik besteht darin, dass man versucht, die eigenen Werte zu bewahren, Werte bei anderen anzumahnen, wenn das vernünftig ist, aber im Übrigen weiss, dass nicht jedes Land so regiert ist, wie man selbst sich regiert. Deutschland kann auch nicht regiert werden wie die Schweiz, und die USA können auch nicht regiert werden wie die Schweiz. Es sind eben verschiedene Grössen, verschiedene Länder, verschiedene Probleme. Und das muss man einfach realisieren. 

Wir werden durch Sanktionen weder China noch Russland verändern. Das ist doch Unsinn. Wir treiben mit den Sanktionen jetzt die Russen immer weiter an die Seite Chinas. Aber wir werden doch deswegen Russland nicht über Nacht verändern, das seit Jahrhunderten ähnlich oder anders regiert wird, aber in diese Richtung regiert wird, die wir heute kritisieren. Das ist doch einfach dummes Zeug.

Wir bräuchten eine Debatten-Kultur à la USA

Ich glaube, wir haben in Deutschland eine relative schmale Debatten-Kultur, wenn Sie uns mit den USA vergleichen… Bei uns werden die Menschen doch nicht auf Debatten erzogen. Auch nicht in der Schule. Das ist natürlich in den USA und in Grossbritannien ganz anders – besonders auch in England. Aber auch dort hat die Debattenkultur nachgelassen, weil sich viele in ihrem Echo-Raum bewegen, in dem sie über Social Media die Nachrichten bekommen, die ihnen gefallen.

___________________

Die Aussagen von Klaus von Dohnanyi hat David Huber transkribiert.

Cover Nationale Interessen
Cover des Buches «Nationale Interessen» von Klaus von Dohnanyi

Das Buch: «Nationale Interessen. Orientierung für deutsche und europäische Politik in Zeiten globaler Umbrüche»

Siedler-Verlag, 25.50 CHF / 22.00 Euro. Januar 2022. Aus dem Klappentext:
Im Wettkampf zwischen den USA und China gerät Europa bereits zwischen die Fronten. Und dies wird auch unser Verhältnis zu Russland verändern müssen. Jetzt ist ein nüchterner, illusionsloser Blick auf die neuen Realitäten notwendig, wie Klaus von Dohnanyi zeigt: Auf «Wertegemeinschaften» oder «Freundschaften» können wir nicht vertrauen. Deutschland und Europa müssen vielmehr offen ihre eigenen, wohl verstandenen Interessen formulieren und mit Realismus verfolgen. So fordert von Dohnanyi in seinem Buch grundsätzliche Kurskorrekturen – im Bereich der äusseren Sicherheit ebenso wie in der Industriepolitik, weg von einseitigen Abhängigkeiten, hin zu einer Politik der Eigenverantwortung.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine
_____________________
Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.

Zum Infosperber-Dossier:

Kalter_Krieg

Der Kalte Krieg bricht wieder aus

Die Grossmächte setzen bei ihrer Machtpolitik vermehrt wieder aufs Militär und gegenseitige Verleumdungen.

Ukraine_Sprachen

Die Ukraine zwischen Ost und West: Jetzt von Russland angegriffen

Die Ukraine wird Opfer geopolitischer Interessen. Die Nato wollte noch näher an Russland. Russland führt einen rücksichtslosen Angriffskrieg und missachtet das internationale Kriegsrecht.

War dieser Artikel nützlich?
Ja:
Nein:


Infosperber gibt es nur dank unbezahlter Arbeit und Spenden.
Spenden kann man bei den Steuern in Abzug bringen.



Die Redaktion schliesst den Meinungsaustausch automatisch nach zehn Tagen oder hat ihn für diesen Artikel gar nicht ermöglicht.

18 Meinungen

  • am 26.04.2022 um 14:04 Uhr
    Permalink

    Es wäre schön, solchen (impliziten) Optimismus teilen zu können. Gegenwärtig giessen die Kriegsminister des «Wertewestens» im Zentrum der US-Besatzungstruppen Ramstein weiter Öl ins Feuer. Historische Perspektive ? Nie gehört.

    Das Quartalsbilanzdenken macht langfristige Überlegungen zur Makulatur. Der hauptsächlichste Kriegshetzer ist wohl im US-Senat und subsidiär im US-Represäntantenhaus zu lokalisieren.

    Was sind die Optionen für Moskau ? Wohl kaum viel mehr als die Infrastruktur der Ukraine komplett zu zerstören um so den Nachschub an westlichen Waffen zu begrenzen. Kann das der «Wertewesten» wirklich wollen ? Kann das der Präsident Selensky im Interesse seines Landes wirklich wollen ?

    4
    • am 27.04.2022 um 12:08 Uhr
      Permalink

      Für einen «freien Schweizer» sollte der Gedanke doch nicht gar so fremd sein, dass ein Volk – hier die Ukrainer – eben nicht von einem ausländischen Diktator bzw. dessen Vasallen unterjocht werden will. Besonders angesichts der eigenen Geschichte und des Holodomor, verübt von den Vorfahren genau des Diktators, der jetzt erneut angreift.
      Der darüber hinaus jedem/jeder, der/die sich ihm in den Weg stellt, mit der Vernichtung droht.
      Wohl der überwältigende Teil des Westens wollte diese lange Entwicklung in Russland schlicht nicht zur Kenntnis nehmen. Wie anderswo ja auch nicht, wo Menschenrechtsverletzungen mit «andere Völker, andere Sitten» verharmlost werden.
      Weshalb es z.B. auch der große Fehler war, nicht die Frauen Afghanistans zu bewaffnen. Die nicht wie die Hasen gelaufen wären vor den Taliban.
      Wie es ja auch die Ukrainer nicht tun. Und schon deshalb Unterstützung verdienen. Durch den Wertewesten, der eben nicht als nächstes dran sein will

      8
  • am 26.04.2022 um 14:53 Uhr
    Permalink

    Im letzten Absatz widerlegt Herr v. Dohnanyi im Grunde fast alles vorher gesagte: In den USA gibt es eine sehr ausgeprägte Debattenkultur, wie es zum Wesen einer liberalen Demokratie gehört. Nicht ohne innere Gefahren, wie die republikanischen Angriffe auf das Wahlrecht beweisen (~Gerrymandering…).
    Putin hat Russland hingegen gezielt und beharrlich zur illiberalen Diktatur geformt. Und Dohnanyi bestätigt ja, dass es nicht allein Putin ist, der diesen Krieg treibt.
    Deutschland ist, wie Russland uns gerade jetzt eindrücklich zeigt, sicherheitspolitisch abhängig von den USA.
    Die USA haben weder Kuba noch Venezuela überfallen, im Gegensatz zu Russland, das nicht nur die Ukraine, sondern vorher Tschetschenien, Georgien… überfallen hat.
    Und die Ukraine ist ja gerade nicht Nato-Mitglied, sonst hätte Putin den Überfall nicht gewagt. Hätten die USA die Ukraine nicht aufgerüstet, wäre es längst überrannt…
    Es ist eine bittere Lehre, dass wir einen Tyrannen aufgepäppelt haben.

    12
  • am 26.04.2022 um 15:15 Uhr
    Permalink

    Eine Politikerin wird in der Regel gewählt, um seine Mitbürger vor Schaden an Leib und Leben zu schützen. Seit mehr als 60 Tagen scheinen alle westlichen Politikerinnen dies vergessen zu haben, reden nur noch von Krieg und Waffenlieferungen Jeder Besucher in Moskau, sagt Putin was er zu tun hat. Dies funktioniert in der Regel auch bei Kindern nur in beschränktem Masse, nicht zu reden von Erwachsenen. Kein Einziger geht nach Moskau, um zu fragen, was wir denn tun müssten, um mit Russland zusammenkommen und Frieden zu schliessen. Davor schrecken alle zurück, denn sie kennen die Antwort seit fast einer Generation. und das wäre dann der Beweis, dass sie ihren Pflichten nicht nachgekommen sind.

    3
    • am 27.04.2022 um 10:40 Uhr
      Permalink

      Woher wissen Sie Herr Haller, denn, was da hinter verschlossenen Türen geredet wird?
      Das Problem ist doch eher, dass man um der guten Geschäfte willen viel zu nachsichtig mit Putin und seinen Helfern war. Manche lernen es ohnehin nie, wie die Beiträge hier nahelegen.

      Eine sehr prägnante Zusammenfassung von Putin’s verbrecherischem Handeln und seinen Absichten ist in der jüngsten Folge der «extra3» Satiresendung im deutschen Fernsehen zu finden. Leider gar nicht witzig…

      9
  • am 26.04.2022 um 19:08 Uhr
    Permalink

    Es ist angenehm zu lesen, dass es in dem ganzen Eskalationswahnsinn noch Menschen gibt, die noch besonnen mit der Situation umgehen, sowie es ebenso tröstlich ist, dass es noch Medien gibt, die diese Aussagen veröffentlichen.
    Für viele Menschen beginnt der Konflikt exakt am 24.02.22 mit dem Einmarsch russischer Truppen in die Ukraine.
    Dass es eine Vorgeschichte gibt, die Herr von Dohnanyi m.E. hervorragend und stimmig herausgearbeitet hat, wird heute von den meisten Menschen – zumindest in Deutschland – vollkommen ausgeblendet, ja fast ignoriert sowie von den Leitmedien konsequent unter den Tisch gekehrt.
    Anders in den USA. Dort findet mittlerweile eine intensive Diskussion über Interessen, Hintergründe und Verantwortlichkeiten bis hin in die Parlamente statt, doch seltsamerweise will man bei uns darüber auch nichts mehr wissen.
    Man könnte meinen, solch eine Einsicht würde die ganze Abhängigkeit Europas von den USA offenlegen und das darf ja nicht sein.

    3
    • am 27.04.2022 um 09:20 Uhr
      Permalink

      Schon in jungen Jahren habe ich im Radio die Kommentare von Klaus von Dohnanyi gehört. Sie waren schon damals wohltuend klar und deutlich. Schön, dass diese Stimme noch nicht verstummt ist und sich immer noch klar und deutlich meldet. Es tut gut, dass wir sie bei Info-Sperber lesen können.
      Seine Meinung zu denSanktionen habe ich noch nirgends so gelesen. Bin sehr dankbar für dieses Votum.
      Auch dass die Etikettierung der Putin-Versteher ein Quatsch ist, das tut gut zu lesen.
      Die Bücher von Andreas Kappeler wie z.B. «Ungleiche Brüder – Russen und Ukrainer» helfen die Geschichte dieser beiden Länder besser zu verstehen. Dieses Verständnis könnte uns einen andereren Umgang mit dem Krieg lehren.
      Einzig die im letzten Absatz erwähnte amerikanische Diskussions-Kultur ist mir fremd geblieben. Habe eher das Gefühl, dass wir in Europa die Diskussions-UN-Kultur aus Amerika immer mehr übernehmen.

      1
    • am 27.04.2022 um 12:15 Uhr
      Permalink

      Oh ja! Wir können wirklich dankbar sein, dass der US-Präsident Biden heißt und nicht Trump.
      Dass uns die USA nicht hängen lassen trotz unserer Jahrzehnte langen blinden Naivität gegenüber Russland. Sicher nicht ohne Eigennutz der USA, aber es wäre wiederum naiv, solches zu vermuten.

      8
  • am 26.04.2022 um 21:05 Uhr
    Permalink

    Danke für diese Transkribtion und Veröffentlichung!
    Ich kenne weder von Dohnanyis Buch noch frühere Statements, aber viele der hier zitierten Aussagen sprechen mir aus dem Herzen, ganz besonders zB. die zum Thema «Versteher». Interessant auch die Aussagen zu russischen Gaslieferungen – zeigen sie doch, dass jede Partei immer nur auf den eigenen kurzfristigen Vorteil schaut.
    Einzig bei der Frage der «militärischen Antwort» würde ich keinesfalls mitgehen – ich hoffe, er unterstützt hier nicht das 100.000.000.000 € Rüstungspaket. Aber hier schränkt sich ja von Dohnanyi gleich selbst mehrfach ein, indem er zugibt, wie schwer (aussichtslos?) militärische Abwehr heute sein mag und dass er Waffenlieferungen offenbar für unsinnig hält. Imho muss es im 21. Jhd andere Wege geben, mit solchen Situationen umzugehen! Alleine im Interesse des Überlebens.
    Die umgangssprachlichen Aussagen finde ich besonders wertvoll – sie bringen die Situation wirklich für jeden verständlich und klar auf den Punkt.

    3
  • am 27.04.2022 um 10:28 Uhr
    Permalink

    Die Ukraine wurde nicht in die NATO getrieben.

    6
  • am 27.04.2022 um 11:25 Uhr
    Permalink

    In der Außenpolitik zählt allein das Interesse von Staaten. Was gibt es zu gewinnen, was zu verlieren, von welcher Lösung lässt sich am meisten profitieren. Die US-amerikanische, türkische, israelische, chinesische Außenpolitik wird von diesen Prämissen geleitet. Die Außenpolitik der meisten EU-Staaten wird hingegen nicht von Eigeninteressen, sondern von einem an die USA angelehnten Opportunismus bestimmt, der sich nach deren sehr erfolgreicher Propaganda und Beeinflussung richtet. Es kann einfach nicht im Interesse kleiner und daher schwächerer Staaten wie Ö und der Schweiz liegen, sich alleinig von den Interessen der USA abhängig zu machen, ihre Wirtschaft und Energieversorgung und damit den sozialen Frieden zu gefährden. Was nützt einem der überlegene Moralismus, wenn Arbeitslosigkeit, Staatsschulden und Energiepreise explodieren, wenn man mitten im Zentrum eines möglichen russischen Gegenschlages liegt?

    1
    • am 28.04.2022 um 09:55 Uhr
      Permalink

      Auch diese Aussagen sind leider äußerst undifferenziert.
      Zum Beispiel haben die EU-Länder Deutschland und auch Österreich große Abhängigkeiten von Russland. Das sind selbst geschaffene Abhängigkeiten, man könnte sie auch Synergien oder Beziehungen nennen. Aber vor allem opportun.
      Nordstream 2 hat Deutschland für sich alleine durchgesetzt. Das es eine geopolitische Bedeutung hat, wurde von Merkel immer verneint, es wäre eine privatwirtschaftliche Entscheidung.
      Deutschland hat sich damit auch gegen die USA durchgesetzt, und muss nun feststellen, das die USA die bessere Einschätzung hatte.

      Auch sind seid über 30 Jahren Nato-Beitrittsbemühungen der Ukraine Deutschland und Frankreich, und zwischendurch auch die USA immer mal wieder gegen einen Ukraine-Beitritt gewesen.
      Weil alle Natopartner zusagen müssen, ist die Ukraine daher immer noch nicht in der Nato, ob die USA es nun wollen oder nicht.

      Bei aller gerechtfertigten US-Kritik: Alles Schlechte der USA unterzuschieben ist naiv.

      1
    • am 28.04.2022 um 21:29 Uhr
      Permalink

      La raison du plus fort esr toujours la meilleure. (La Fontaine)

      Selbst wenn das Argument jeder Rationalität entbehrt ?

      Was würden unsere Denker und Dichter zu so einer Aussage sagen ? «Da steh ich nun, ich armer Tor…»

      0
  • am 27.04.2022 um 11:35 Uhr
    Permalink

    Schreckliches Weltbild:

    Putin hatte ja im Dezember 2021 an die Amerikaner geschrieben: «Ich brauche es diesmal schriftlich. Ich möchte schriftlich von Ihnen wissen, wie wir mit der Ukraine in Zukunft umgehen wollen.» Daraufhin hat Präsident Biden gesagt: «Über diese Frage werden wir mit Ihnen gar nicht verhandeln.»

    Die Ukraine soll gefälligst alle Ambitionen begraben, selber über ihre Zukunft und Sicherheit bestimmen zu können. Stattdessen soll sie reiner Spielball sein, als Sicherheitspuffer den Kopf hinhalten. Ist halt Pech, wenn das eigene Land neben demjenigen des notorischen Brutalo-Rüpels liegt. Und wenn sich der US Präsi weigert, bei diesem «Spiel» mitzumachen, sei halt der verbrecherische Angriffskrieg «verständlich» (=Putin-Versteher).

    Wer ist hier der grösste Nato-Treiber? Fragt mal jetzt die Finnen und Schweden.

    Bei aller Toleranz für Differenzierungen und selbst als «gegen den Strom»-Beitrag: die Infosperber-Redaktion macht hier krass einseitige Propaganda.

    9
  • am 27.04.2022 um 19:41 Uhr
    Permalink

    Das Interview wurde leider schon mit der Aussage, das die USA die Ukraine in die Nato treiben wollte, unseriös. Das ist eine Vereinfachung eines über 30 Jahre laufenden nichtlinearen Dialogs auf Propaganda-Niveau.
    Wer des Englischen mächtig ist, möge einfach mal hier starten:
    https://en.wikipedia.org/wiki/Ukraine%E2%80%93NATO_relations?wprov=sfti1

    Ich verweise auch hier gerne noch mal auf das J. Fischer Interview in der TAZ.

    https://taz.de/Joschka-Fischer-ueber-den-Ukrainekrieg/!5846190/

    Auch wenn es einige unangenehme Wahrheiten beinhaltet, z.B. das die deutsche Freiheit mit französischen und amerikanischen Atomwaffen erkauft ist.

    3
  • am 28.04.2022 um 17:12 Uhr
    Permalink

    Mit dem Ausdruck «Putin-Versteher» kann ich wenig anfangen. Wohl aber mit den struktuellen Pazifisten, die abgehoben von jeglicher Realität und unverdrossen noch immer die Mär vom «Gutmenschentum» verbreiten und offenbar immer noch ganz fest daran glauben.
    In der DDR war die Losung: «Lieber rot als tot». Und im Vergleich zur damals aggressiven Sowjetunion und dem heutigen aggressiven Russland war die DDR ein Staat, der es mit dem Kommunismus ernst meinte.
    Die Sowjetunion hat sich nicht wegen der Gutmenschen dem Frieden zuliebe aufgelöst, nein, sie war pleite, einfach bankrott. Gorbatschow hatte das erkannt. Heute ist er in Russland verhasst.

    3
  • am 28.04.2022 um 21:42 Uhr
    Permalink

    Danke für die Veröffentlichung!
    Russland will um jeden Preis verhindern, dass amerikanische Soldaten an der russischen Grenze patroullieren.
    Europa und die USA haben ganz andere Interessen. Aber Europäer haben amerikanische Interessen zu ihren eigenen gemacht.
    Amerikas Strategie zur einzigen Weltmacht (Brzezinski) nützt nur amerikanischen Interessen. Die Europäer lassen sich seit Gründung der NATO dafür einspannen. Russische Interessen werden nicht berücksichtigt. Ihre sind weder die amerikanischen, noch die europäischen.

    2
    • am 29.04.2022 um 09:45 Uhr
      Permalink

      Es würde sehr helfen, wenn die Ukraine nicht immer nur zur passiven Pufferzone degradiert wird.
      Es geht zuerst einmal um ukrainische Interessen. Ein souveräner Staat, sogar eine ehemalige Atommacht, die ihre Atomwaffen an Russland übergeben hat, mit dem Versprechen von Russland und den USA, deren Grenzen und Souveränität zu akzeptieren und zu schützen!
      Und: US Interessen sind nicht automatisch Nato Interessen. Wie ich schon schrieb: Die Ukraine ist bisher nicht Nato-Mitglied weil ALLE Nato-Mitglieder zustimmen müssen. Das war nie der Fall. Selbst die Ukraine hatte zwischenzeitlich immer wieder ein ambivalentes Verhältnis zum Beitritt.

      Seit allerdings die Krim eingenommen wurde, und zuletzt mit Russlands Angriffskrieg stehen alle Zeichen auf Beitritt. Das hat sich Russland aber selbst zuzuschreiben.

      Und: Wenn Russland die Ukraine assimiliert, hat Russland seine Grenze direkt am Natostaat Polen.
      Das ist aber scheinbar nicht bedrohlich?

      5

Comments are closed.

Ihre Meinung

Lade Eingabefeld...